Von Elke Buhr, Sebastian Frenzel und Silke Hohmann
Chiara Camoni bei SpazioA
Ein fantastisches Wesen mit langem Schlangenschwanz ringelt sich in der Koje der italienischen Galerie SpazioA. Es ist die 2024 entstandene Skulptur "Sister (Serpentessa)" von Chiara Camoni. Die Künstlerin, die in diesem Jahr auch den italienischen Pavillon auf der Biennale von Venedig bespielt, arbeitet nicht nur mit Keramik, sondern auch mit Muscheln, Pflanzenteilen und anderen gefundenen Materialien. Die zauberhafte Präsentation ist Teil der im vergangenen Jahr eingerichteten Sektion "Premiere" für kürzlich produzierte Werke in kuratierten Ausstellungen, die insgesamt sehr gelungen ist.
SpazioA, Halle 2.1, Stand P7
Chiara Camoni "Sister (Serpentessa)", 2024
Yalda Afsah bei Molitor
Die deutsch-iranische Künstlerin und Filmemacherin Yalda Afsah schaut in ihren Filmen auf ritualisierte Zusammenkünfte unterschiedlicher kultureller Ursprünge. Ihr Film "Jarramplas" zeigte eine Tradition aus der spanischen Extremadura. Ihr neueres Werk "Pan" begleitete spiritistische Rituale. Und jetzt zeigt sie eine ganz neue Arbeit bei Molitor auf der Art Basel in der Sektion "Statements": In Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan, gibt es die Neujahrstradition des "Bombardierens des Han-Dan". Während des Laternenfests wird ein nur um Kopf und Nacken geschützter, ansonsten mit bloßem Oberkörper durch die Menge getragener Han-Dan – eine Figur zwischen Gottheit und Gangster – mit brennenden Feuerwerkskörpern beworfen.
Yalda Afsahs Bilder sind langsam und konzentriert. Sie zeigen eher Details, als dass sie das Ganze auf einen Höhepunkt hin orchestrieren. Wie jede Folklore ist der Hergang dieses Ereignisses symbolisch, getragen von mündlichen kulturellen Übereinkünften und nicht durch Zweckmäßigkeit zu erklären. Doch in den Gesichtern der Prozessierenden sieht man, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handelt. Nebenbei kann man sich dabei aktuellen Fragen zu Männlichkeit und Männerbildern stellen. Der tätowierte Han-Dan-Darsteller wird, als es losgeht, etliche Male getroffen, sein Körper bekommt unzählige kleine Wunden. Den Han-Dan zu bewerfen, bringe Glück und Geld, sagt die Tradition.
Molitor, Art-Basel-"Statements", Halle 2.1, Stand M3
Yalda Afsah "Heat", 2026, Filmstill
"Zero 10"
Eine Sondersektion für digitale Kunst auf der Art Basel? Rennt die Messe da einem Trend hinterher und versucht, die Kryptocrowd anzulocken? Ja und nein. Zero 10, kuratiert von Eli Scheinman in Zusammenarbeit mit dem Künstler Trevor Paglen, zeigt durchaus Kunst, die mit Blockchains und dem Thema NFTs arbeitet, erweitert aber die Perspektive auf Kunst an der Schnittstelle zu Technologie und bringt einige Namen, die auch gegenüber in der Hauptmesse schon mal gefallen sind. Hier findet man große Installationen von Rafael Lozano-Hemmer und Hito Steyerl sowie ein riesiges Bild von Andreas Gursky – ist ja auch digital bearbeitet! Außerdem serviert das Basler Haus der Elektronischen Künste als einzige Non-Profit-Institution auf der Messe den historischen Hintergrund.
"Zero 10", Event Hall
Nicht nur NFTs und Blockchains: Zero 10, die neue Sondersektion der Art Basel, weitet den Blick auf digitale Kunst
Vytautas Kumža bei Copperfield
Die traditionsreiche Satellitenmesse Liste Basel hat ein neues Layout. Durch die architektonisch clevere Neugruppierung ist die mit mehr als 100 Teilnehmenden sehr große Zahl der jungen Galerien, die sich hier für einen Platz auf der Art Basel bewerben, übersichtlich angelegt. Künstlerisch ist ein großes Interesse an technischen Materialien und industriellen Oberflächen zu beobachten, wobei die Technologie selbst fast nie im Zentrum steht. Die Galerie Kin aus Brüssel zeigt neue Skulpturen und Fotografien des polnischen Konzept- und Fotokünstlers Andrzej Steinbach, die Galerie Koshbakht aus Köln hat in einer schwarzen Koje die metallischen Kühlschranktüren, die der in Delhi geborene Prateek Vijaan bearbeitet hat, eindrucksvoll installiert. Eine richtig neue Bilderfahrung ist zwar selten dabei, wobei das ja ohnehin etwas überaus Seltenes ist.
Aber die bei Copperfield aus London installierten, merkwürdigen Kombinationen aus chromglänzenden Apparaturen, anmontiert an hochästhetische Studiofotografien von Vytautas Kumža, der 1992 in Litauen geboren wurde und in Amsterdam lebt, sind still und aufwühlend zugleich. Champagnergläser an Drähten, eine Fahrradklingel auf einem dunklen Stillleben, ein Fahrradständer, der aus einer Fotografie ins Leere ragt, bekommen zwischen Surrealismus und Moderne-Fetisch eine überraschende, psychologische Tiefe.
Copperfield, Liste Basel, Halle 1.1, Stand 56
Vytautas Kumźa bei Copperfield, Liste Basel, 2026
Basel Social Club
Durch die Garageneinfahrt spaziert man hinein und begegnet gleich einer riesigen goldenen Ratte – und kann sich den Schrecken im Meditationsbus von Marina Abramović gleich wieder wegtherapieren. Der Basel Social Club, entstanden aus einer Initiative von Galerien sowie Künstlerinnen und Künstlern, hat sich diesmal in einem riesigen Bürokomplex direkt am Bahnhof SBB eingenistet und bietet Installationen, Performances, Drinks und Partys in zahlreichen Büros, Archiven, Serverräumen, Kellern oder Cafeterias. "Office" ist das Thema, "Shouldn’t You Be Working?" steht drohend an der Wand, und es macht einen Riesenspaß, sich treiben zu lassen. 160 Galerien sind dabei, 150 Performances geplant – und anders als bei der Art Basel im schicken Messezentrum fühlt sich Kunst gucken hier wirklich gar nicht nach Arbeit an.
Basel Social Club, Erdbeergraben 1
Esben Weile "Kjær, Lions!", 2026, Installationsansicht, Basel Social Club, 2026
Cao Feis Bällebad
Schuhe aus, tief Luft holen und hinein. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, die vergessen hat, wie sich ein Sprung ins Bällebad anfühlt: gut! In der Ausstellung von Cao Fei im Kunstmuseum Basel Gegenwart kann man buchstäblich in eine andere Welt eintauchen. Sie hat das gesamte Haus in eine Stadt verwandelt, mit Skaterampen, Kino, Büro und Spielplatz. Darin begegnen wir ihren nachdenklichen, analytischen, originellen und vitalen Filmen und Installationen aus mehreren Dekaden. Diese Ausstellung bringt das Werk der frühen Gaming-Expertin auf ein neues Level.
Cao Fei "Testimonies to the Near Future", Kunstmuseum Basel Gegenwart, bis 11. Oktober
Chefredakteurin Elke Buhr genießt das Bällebad in Cao Feis Ausstellung im Kunstmuseum Basel Gegenwart
"Parcours"
Teilen ist eine gute Sache, aber der diesjährige Art-Basel-"Parcours" ist gerade als individuelles, privates Kunsterlebnis so toll. Seit drei Jahren legt die Kuratorin Stefanie Hessler entlang der Einkaufszeile Clarastraße in Basel eine fantastische Schnitzeljagd aus künstlerischen Interventionen, die an vollkommen unerwartete Orte führen. Oder einen schon im Vorbeifahren überraschen, wie die fransigen Tentakel eines schwarzen Wesens, die im Wind auf der Rheinbrücke flattern. Ein ähnliches Gebilde in Weiß rankt sich in einem Hinterhof einer alten Destille um die kupfernen Apparaturen. Es sind Werke der Künstlerin Haegue Yang, die außerdem im Schaufenster des Kaufhauses Manor ihre charakteristischen Jalousien-Skulpturen zeigt.
Der "Parcours" führt in Läden, Leerstände, stille Kellerbars oder das Tagungszimmer eines alteingesessenen Hotels, wo man dank Drohnenaufnahmen tief in einen Wachturm aus dem 10. Jahrhundert blicken kann, der an der heutigen Grenze zwischen Frankreich und Spanien steht und damals die muslimische von der christlichen Welt trennte. Claudia Pagès Rabal hat sich mit jener Grenze und dem Mittelmeer beschäftigt. So sehr der "Parcours" uns Basel hinter den Kulissen zeigt, so sehr führt er auch an entfernte Orte, von denen wir sonst nie erfahren würden. In einem 500 Jahre alten Kellergewölbe ist eine Teppich-Skulptur von Nasan Tur platziert, in die Symbole aus der türkischen Kultur eingebrannt sind. In einer leerstehenden mehrgeschossigen Wohnung hat die Brasilianerin Cinthia Marcelle auf jeder Etage am selben Platz ein Regal mit Münzen und einem Trinkglas platziert.
Jede Begegnung und jeder Ort ist unerwartet – nachdem man in einem Geschäftshaus die Treppe hochgegangen und in ein tristes Office getreten ist, kann man dort für lange Zeit in einen poetischen, verspielten Film von Rinus Van de Velde abtauchen, in dem ein Schauspieler mit der Maske des Künstlers durch eine geheimnisvolle Welt aus analogen Modellbautricks wandelt. Die Kunst ist das Portal zu einer anderen Welt, die uns das Drumherum vergessen lässt, diese Feststellung ist hier ganz greifbar. Wir haben zwar Zugang zu allen denkbaren Bildwelten in Form von Smartphones in unseren Taschen und können in jedes mögliche Szenario abtauchen, doch die Unmittelbarkeit einer Kunstinstallation in einer kühlen dunklen Tiefgarage – und sei sie KI-generiert wie die von Miao Ying – ist besser. Es wäre verführerisch, diesen Moment zu fotografieren und in den Bilderkreislauf einzuspeisen. Aber es fühlt sich auch sehr gut an, ihn einfach nicht zu teilen.
Art-Basel-"Parcours", verschiedene Orte entlang der Clarastraße
Haegue Yang "A Matter of Fact (from Dan) – Ultraviolet Eye Mask", A Matter of Fact (from Dan) – Ultraviolet Mustache, beide 2024; Incubation and Exhaustion (2018); Manor; Installationsansicht; Art-Basel-"Parcours"; 2026
Art-Basel-"Exclusive"
"Sorry, ich habe heute leider kein Bild für dich!" "Exclusive" ist eine neue Initiative der Art Basel, die den alten Zauber der Entdeckungen und Überraschungen zurück auf die Messe bringen will. Galeristen sind dabei angehalten, einzelne Werke bis zum Beginn der Messe zurückzuhalten und nicht, wie mittlerweile üblich, schon vorab per Mailing und Preview-PDF zu verbreiten. Mehr als 200 der rund 230 Teilnehmer des Hauptfeldes machen gleich beim Debüt mit. Einige künstlerische Positionen wie jene von Dan Lie erweisen sich für das Format besonders geeignet: weil sich in Lies Werk alles um die Idee der Verwandlung, um das Vergehen und Entstehen dreht. Und weil dabei Materialien zur Verwendung kommen, die nur physisch vor Ort erfahren werden können. Erde, verwelkende Pflanzen und Blumen, Stoffe, Bienenwachskerzen, Weihrauch oder organische Stoffe, die nicht nur gesehen, sondern auch gerochen und gespürt werden wollen. Am Stand von Barbara Wien zeigt Lie jetzt einen "Melancholy Altar" sowie einen Bürosessel, der mit einem mit Kurkuma gefärbten Stoff überzogen ist. Letzterer ist sogar erst in Basel entstanden, und er verwandelt die Messekoje in einen surrealen Ort der Metamorphose. Sitzen kann auf diesem Arbeitsmöbel niemand mehr, alles andere ist möglich.
Barbara Wien, Halle 2.1, Stand S25
Dan Lie "Pointless", 2026 bei Galerie Barbara Wien
Helen Frankenthaler im Kunstmuseum Basel
Helen Frankenthaler, ihr Partner, der Kunstkritiker Clement Greenberg, und die Mäzenin Peggy Guggenheim machen mit ihrem Cabrio Halt am Comer See: Das Foto aus dem Jahr 1954 zählt zu den kleinen Schmuckstücken dieser Ausstellung. Zu den großen zählen die fantastischen Malereien Frankenthalers, die zwar zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Nachkriegszeit zählt, deren Werk aber dennoch gerade in Europa selten zu sehen ist. Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel ist die bislang größte Werkschau der abstrakten Expressionistin in Europa und ihre erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz. Über 50 Werke aus sechs Jahrzehnten der Amerikanerin werden gezeigt, darunter wunderbare Schlüsselwerke ihrer Soak-Stain-Technik, bei der Frankenthaler stark verdünnte Ölfarbe auf die am Boden liegende Leinwand goss: ein Verfahren, das den nachkommenden Colour-Field-Painters den Weg weisen sollte. Inhaltlicher Schwerpunkt der Schau sind die malerischen Hommagen Frankenthalers an die Kunstgeschichte – von japanischem Holzschnitt bis zu christlicher Ikonenmalerei, von Rembrandt bis zu Mondrian abstrahierte sie Meisterwerke auf ihre Essenz.
"Helen Frankenthaler", Kunstmuseum Basel, Neubau, bis 23. August
Helen Frankenthaler in ihrem Studio auf der East 83rd Street, New York, 1974. Im Hintergrund ihr Werk "April Mood", 1974
Julian Charrière, Thomas Bangalter und Rampa
Ein Industriefahrstuhl führt in eine pechschwarze, gigantische Halle, in deren Zentrum ein geheimnisvoller, von oben beleuchteter Glasquader steht. Die berühmte Ouvertüre aus Stanley Kubricks "2001" schießt einem in den Kopf, nur dass sich hier statt des schwarzen Monolithen in prähistorischer Savanne eine Installation von Julian Charrière und Thomas Bangalter erhebt wie das letzte Kunstwerk – das letzte Lebenszeichen der Menschheit.
Im Inneren ihres Glasquaders hängen Lautsprecher und ein Tonbandgerät. Tiefe Bässe und Wortfetzen erfüllen den Raum. Die Kollaboration von Charrière und dem Ex-Daft-Punk-Mitgründer Bangalter ist das geheimnisumwittertste Projekt dieser Art Basel, und schon die Pressepreview zieht einem die Schuhe aus. Für ihre "Warehouse Artefacts" haben Charrière und Bangalter die Bassdrum und Hi-Hats eines Housetracks um das Vierhundertfache in die Länge gestreckt. Doch im Laufe der Installation wird der Track sehr langsam beschleunigt und erreicht nach etwa einer halben Stunde jenen extrem aufgeladenen Moment, zu dem Raver seit Urzeiten die Arme in die Luft strecken und grenzenlose Euphorie ausbricht.
Dazwischengemixt ist die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" aus dem Jahr 1948, vorgetragen von der Menschenrechtsaktivistin und ehemaligen First Lady Eleanor Roosevelt. Die Resolution der Vereinten Nationen markierte einst einen ähnlichen Glücksmoment – was heute mehr denn je in Vergessenheit geraten scheint. So umhüllt der Glaskubus der Installation das Tonbandgerät einerseits schützend wie Panzerglas, ist andererseits aber auch so massiv, dass Roosevelts Stimme kaum nach außen dringt. Untermalt wird das alles von einer göttlichen Lichtchoreographie, in deren Strahlen alle Menschen zu Engeln werden. Ist das Ganze Kunst oder Musik, ein Rave oder Politik? So viel ist klar: Samstagnacht wird die Installation offiziell eröffnet; DJ Rampa legt auf, 3500 Menschen passen in die Halle.
Thomas Bangalter, Julian Charrière, Rampa "Warehouse Artefacts", Halle 1.1
Für ihre "Warehouse Artefacts" haben Julian Charrière und Thomas Bangalter die Bassdrum und Hi-Hats eines Housetracks um das Vierhundertfache in die Länge gestreckt