61. Kunstbiennale

10 Highlights, die Sie in Venedig nicht verpassen sollten

Ein Imkerhaus, eine Kirche voller Überwachungskameras und die neue Fondazione Dries Van Noten: Das sind unsere Top Ten der Biennale – von der Hauptausstellung über die Pavillons bis zum Rahmenprogramm

Von Elke Buhr, Sebastian Frenzel, Jens Hinrichsen und Silke Hohmann

 

Sandra Knecht in der Hauptausstellung im Arsenale

Sandra Knecht "Bee House" [Beehive from Entlebuch], 2025
© La Biennale di Venezia, Foto: Luca Zambelli Bais

Und so sieht es von Innen aus: Das restaurierte Imkerhaus von Sandra Knecht, in dem man dem ganzen Trubel für eine Weile entgehen kann (Sandra Knecht "Bee House" [Beehive from Entlebuch], 2025)

"Willst Du Fleiss & Ordnung sehen, musst Du zu den Bienen gehen", steht auf der Rückseite ins Holz gebrannt. Die Hütte, die Sandra Knecht in einem der Sale d’Armi aufgebaut hat, bietet einen Ruheraum in der Ausstellung. Das restaurierte Imkerhaus wurde erst von Wespen und später von einem Siebenschläfer bewohnt. 1968 in Bern geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen, arbeitete Knecht über 20 Jahre als Sozialpädagogin, war Küchenchefin bei McDonald’s, studierte Theaterregie in Ulm und später Kunst in Zürich. Ihr Hof, den Knecht mit ihrer Partnerin in der Nordwestschweiz betreibt, dient der Künstlerin als lebendiges Studio. Ihr Kernthema ist Heimat – eine fluide Sache, die alles Lebendige in Knechts Umgebung umfasst. Neben der Hütte ist ein Bronzeabguss ihres Lieblingsbirnbaums ausgestellt, außerdem die Fotoreihe "Tschinn", in der Knecht selbst zu sehen ist. Sie nimmt dort die Rollen von Berggeistern aus Schweizer Volkssagen ein. Packend. jh


Isabel Nolan im irischen Pavillon (Arsenale)

Wirklich gemütlich sieht das nicht aus: Isabel Nolans "Dreamshook" im irischen Pavillon auf der 61. Biennale in Venedig, 2026
© La Biennale di Venezia, Foto: Luca Zambelli Bais

Wirklich gemütlich sieht das nicht aus: Isabel Nolans "Dreamshook" im irischen Pavillon auf der 61. Biennale in Venedig, 2026

Im irischen Pavillon breitet sich eine Skulptur aus, die an ein Schlafzimmer denken lässt. Auf einem hölzernen "Bett" liegt eine Art Käfig. "Dreamshook" heißen das Werk und die Ausstellung der Dubliner Künstlerin Isabel Nolan. "Traumerschüttert" sind wir, wenn wir wach werden, aber noch halb im REM-Schlaf gefangen. Im Guten oder im Schlechten prägt das Unterbewusstsein, bestimmen unkontrollierbare Fantasien die Weltwahrnehmung und das Handeln. Nolan ist fasziniert vom Spätmittelalter, in dem sich der Humanismus herausbildete. Um diese Epoche – in der sich unsere Zeit spiegelt – kreist die ganze Installation mit Zeichnungen, mehreren Stahlskulpturen und großen figurativen Tapisserien, die von Gemälden Giottos und Sassettas inspiriert sind. Zentralfigur der Schau ist der venezianische Drucker und Verleger Aldo Manuzio (1449–1515), der erstmals Bücher im Taschenformat produzierte und so die Lesekultur förderte. Nolans ungemein inspirierende Schau kreist um Aufklärung und Vernunft und um die Macht des Träumens. Doch "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" (wie in Goyas berühmter Radierung). Wir leben in ambivalenten Zeiten. Isabel Nolan: "Was es bedeutet, menschlich oder gar human zu sein, wird auf die Probe gestellt." jh


Chiara Camoni im italienischen Pavillon (Arsenale)

Ihre Skulpturen leuchten im Halbdunkel auf wie ruhige Königinnen: Chiara Camoni "Con te, con tutto", italienischer Pavillon, Biennale, Venedig, 2026
© La Biennale di Venezia, Foto: Marco Zorzanello

Ihre Skulpturen leuchten im Halbdunkel auf wie ruhige Königinnen: Chiara Camoni "Con te, con tutto" im italienischen Pavillon, Biennale, Venedig, 2026

Ganz hinten im Arsenale hat Gastgeber Italien zwei zusammenhängende große Hallen – und Chiara Camoni bespielt sie mit Intelligenz und Eleganz. Die erste Halle ist von ihren Skulpturen bevölkert, die im Halbdunkel aufleuchten wie ruhige Königinnen. Man wandert hindurch und verlangsamt automatisch den Schritt, bestaunt die gleichzeitig archaisch und sehr zeitgenössisch wirkenden Figuren aus Keramik, überwuchert mit Plastikresten und anderen gefundenen Materialien. Im zweiten Raum erweitert sich die Schau "Con te, con tutto" zu einem Dialog: Hier hat Camoni einen Kosmos aus Werken anderer Künstlerinnen und Künstler hinzugefügt, von Marisa Merz bis Fausto Melotti, aber auch eine antike Amphore. Der Dialog wird hier auch lebendig, mit Tänzerinnen, Performern – und manchmal auch DJs. eb

 

"Geographies of Distance: Remembering Home" im indischen Pavillon (Arsenale)

Sumakshi Singh "Permanent Address", 2026
Foto: Joe Habben

Sumakshi Singh "Permanent Address", 2026: Durch die Spitzenstrukturen in den Maßen des abgerissenen Hauses der Familie der Künstlerin wandert man hindurch wie durch Schleier der Erinnerung

Der indische Pavillon im Arsenale wird sicherlich einer der Publikumslieblinge der Biennale, denn er sieht einfach großartig aus. Das Thema ist die Suche nach Heimat in einer Zeit, in der viele diese verlassen müssen. Die Antwort darauf sind mehrere Installationen, die trotz ihrer eindrucksvollen Größe nicht monumental, sondern wunderbar transparent und leicht wirken. Asim Waqif hat eine haushohe Konstruktion aus Bambus gebaut, einem Material, das in Indien als Baugerüst benutzt wird – gleichzeitig flexibel und stabil. Sumakshi Singh hat transparente Spitzenstrukturen in den Ausmaßen des abgerissenen Hauses ihrer Familie installiert, durch die man hindurchwandert wie durch Schleier der Erinnerung. Und Ranjani Shettar lässt eine effektvolle Installation von der Decke hängen, wie ein riesiges Ornament aus fremdartigen Blumen. Es ist ein melancholischer Pavillon, der sich der rasanten Modernisierung des Landes mit zarten Mitteln entgegenstemmt – ein Trost für die Sinne. eb

 

Akinbode Akinbiyi in der Hauptausstellung im Arsenale

Im Arsenale ruhig auch einmal nach oben schauen – dort hängen die Fotografien von Akinbiyi Akinbode von der Decke
© La Biennale di Venezia, Foto: Marco Zorzanello

Im Arsenale ruhig auch einmal nach oben schauen – dort hängen Akinbode Akinbiyis Fotografien von der Decke

Ja, es ist viel los in der Hauptausstellung im Arsenale, und man weiß oft nicht, wohin man zuerst schauen soll. Deshalb hier die Erinnerung: ruhig auch einmal nach oben blicken! Dort hängen irgendwann die großartigen Fotografien Akinbode Akinbiyis von der Decke, großformatig auf quadratischen Tableaus präsentiert, die auf beiden Seiten mit den eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern des mittlerweile 80-jährigen Fotografen bespielt sind – Straßenszenen von seinen Reisen durch afrikanische Metropolen in harten Kontrasten. Eine Street-Fotografie, deren Beiläufigkeit von höchster Raffinesse ist. eb

 

"Helter Skelter" in der Fondazione Prada

Fast so opulent wie der Palazzo der Fondazione Prada am Canale Grande:  "Helter Skelter: Arthur Jafa and Richard Prince", Fondazione Prada, Venedig, 2026
© Fondazione Prada, Foto: Andrea Rossetti

Fast so opulent wie der Palazzo der Fondazione Prada am Canale Grande: "Helter Skelter: Arthur Jafa and Richard Prince", Fondazione Prada, Venedig, 2026

Die beiden US-Künstler Arthur Jafa und der zehn Jahre ältere Richard Prince kannten sich nicht persönlich, bevor die Kuratorin Nancy Spector sie für diese Ausstellung miteinander bekannt machte. "Helter Skelter" zeigt aber, wie viel sich ihre Kunst gegenseitig zu sagen hat. Monster-Truck-Reifen, Motorräder, Mickey Mouse, Stars und apokalyptische Sonnenuntergänge finden sich in den Werken beider Künstler. "Sie beide sind Bilder-Aasfresser", sagt die ehemalige Guggenheim-Kuratorin. Fündig werden sie in den Social-Media-Sümpfen, den Print-Archiven, in Hollywood. Die Schau ist opulent und cool und sehr amerikanisch, ausgeführt auf gewohnt hohem Prada-Niveau. sh

 

"Official. Unofficial. Belarus" in der Kirche San Giovanni Evangelista

Ist zwar in einer Kirche, aber Vergebung gibt es hier keine: "Official. Unofficial. Belarus." ist als Collateral Event Teil des Rahmenprogramms. Ausstellungsansicht, La Chiesa di San Giovanni Evangelista, La Biennale di Venezia, 2026
© Belarus Free Theatre. Photo: Dasha Trofimova

Ist zwar in einer Kirche, aber Vergebung gibt es hier keine: Belarus Free Theatre "Official. Unofficial. Belarus.", Ausstellungsansicht, La Chiesa di San Giovanni Evangelista, La Biennale di Venezia, 2026

In einer Kirche hängt ein riesiges "Surveillance Crucifix", eine Skulptur aus analogen Überwachungskameras und umfunktionierten Eisenbahnschienen. Weiter hinten stehen Beichtstühle, "Confessional of the System", allerdings wird man in ihnen biometrisch erfasst und Vergebung gibt es keine. Das Kollektiv "Belarus Free Theater" zeigt, dass Kontrolle am wirksamsten wird, wenn Überwachung nicht mehr als Ausnahme wahrgenommen wird, sondern als allgegenwärtige Normalität. "Official. Unofficial. Belarus." ist natürlich ohne jegliche staatliche Beteiligung entstanden, und deshalb kein "offizieller" Länderbeitrag, sondern ein Collateral Event aus dem Rahmenprogramm. Aber er erinnert uns umso dringlicher daran, dass man Künstler nicht ausschließen sollte, wenn man eigentlich Staaten bestrafen will. Seit 1994 sind Künstlerinnen und Künstler in Belarus, die sich kritisch mit Macht auseinandersetzen, gezwungen, im Exil, im Verborgenen oder unter Androhung von Haftstrafen zu arbeiten. Hier teilen sie die Erfahrung des totalitären Terrors. sh

 

"The Only True Protest Is Beauty" in der Fondazione Dries van Noten

Bei all den Skandalen eine willkommene Abwechslung: "The Only True Protest Is Beauty", Ausstellungsansicht, Fondazione Dries van Noten, Venedig, 2026
Foto: Matteo de Mayda

Bei all den Skandalen eine willkommene Abwechslung: "The Only True Protest Is Beauty", Ausstellungsansicht, Fondazione Dries van Noten, Venedig, 2026

Schon als Modedesigner war Dries van Noten der Inbegriff für zeitlose Eleganz mit künstlerischem Anspruch – und genau dieser Geist durchweht auch seine neu gegründete venezianische Stiftung. 2025 erwarb der Belgier den Palazzo Pisani Moretta und verwandelte das Juwel am Canal Grande in ein Zentrum für alle Spielarten der Kreativität, solange sie nur exquisit sind und dabei niemals laut. Schon der begrünte Innenhof des Rokokobaus gleicht einer Oase. Im Inneren des Palazzos trifft Kunst auf Design, Mode auf Handwerk, Avantgarde auf Geschichte: Wandgemälde des Barockmeisters Giambattista Tiepolo harmonieren mit den Fotografien von Steven Shearer; die opulenten, architektonischen Silhouetten der Kleider von Christian Lacroix und Comme des Garçons schweben wie Memento-mori-Geister durch die Prunksäle, gläserne Kelche, Karaffen und Muranoleuchter aus dem historischen Palazzo-Inventar treffen auf die Glasskulpturen der jungen Japanerin Ritsue Mishima, die Federskulpturen der Britin Kate MccGwire oder ein KI-betriebenes "Chessboard of Dreams" von Joseph Arzoumanov. "The Only True Protest Is Beauty", lautet der Titel der Eröffnungsschau. Man möchte es fast glauben. sf

 

Cauleen Smith in der Hauptausstellung im Arsenale

Ganz getreu Koyo Kouohs kuratorischer Idee lässt es sich hier gut entspannen: Cauleen Smiths "Wanda Coleman Songbook", 2024
© La Biennale di Venezia, Foto: Marco Zorzanello

Ganz getreu Koyo Kouohs kuratorischer Idee lässt es sich hier gut entspannen: Cauleen Smiths "Wanda Coleman Songbook", 2024

Runterkommen, sich einstimmen auf die leisen Töne – das hatte Kuratorin Koyo Kouoh als Motto ihrer Hauptausstellung ausgegeben. Sehr gut gelingt das im Arsenale, und besonders eindrücklich in einer Videoinstallation der US-Künstlerin Cauleen Smith. Ihr "Wanda Coleman Songbook" ist eine Hommage auf die Poetin Wanda Coleman, deren Gedichte Schrecken und Schönheit, Mythos und Realität ihrer Heimatstadt Los Angeles beschwören. Umgeben von vier großen Screens taucht man zwischen Bildern von Lowrider-Autos, Blumenständen, Sonnenuntergängen, Schnapsläden oder den Hollywood Hills in den Spirit der Westküsten-Metropole ein; man sitzt dabei auf Sofas oder weichen Teppichen wie in einem Aufnahmestudio und lauscht den wunderbaren Musikstücken, die Smith bei sieben Komponisten in Auftrag gab, um Colemans Gedichte musikalisch zu untermalen. sf

 

Rose Salane in der Hauptausstellung im Arsenale

Aus der Vogelperspektive den Hoffnungen und Ängsten der Menschen in der Bronx lauschen – das kann man in Rose Salanes Film "Mercurial New York", zu sehen in der Hauptausstellung im Arsenale auf der Biennale in Venedig 2026.
© La Biennale di Venezia, Foto: Marco Zorzanello

Aus der Vogelperspektive den Hoffnungen und Ängsten der Menschen in der Bronx lauschen – das kann man in Rose Salanes Film "Mercurial New York", zu sehen in der Hauptausstellung im Arsenale auf der Biennale in Venedig 2026

Durch ihren Fokus auf indigene Strickkunst, Götter und Natur bedient diese Biennale eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Authentizität – dieses Vorurteil widerlegt Koyo Kouohs Schau ein ums andere Mal. Rose Salanes Werke im Arsenal etwa sind ein subtile Feier der Urbanität und des städtischen Zusammenlebens in aller Widersprüchlichkeit und Vielfalt. Für ihre Installation "Panorama 94" erwarb sie Ringe aus dem Fundbüro der New Yorker Verkehrsbetriebe und gab sie dann einem Juwelier, einem Pfandhaus, einer Wahrsagerin und einem mikrobiologischen Labor zur Begutachtung. Deren schriftliche Einschätzungen sind unter den einzelnen Ringen aufgelistet und ergeben in ihrer Gesamtheit das poetische Porträt einer Metropole. In einer zweiten Arbeit, dem Film "Mercurial New York", schweift die Kamera über Wohnblocks, Straßen und Plätze der Bronx hinweg und fokussiert dabei Protagonisten, deren Erzählungen nahtlos ineinander übergehen: Ein Junge berichtet von einer ICE-Razzia, ein Mann erzählt, wie er nach der Geburt seines Kindes vom Heroin wegkam, zwei Mädchen unterhalten sich über ihr Lieblingsessen, eine ältere Dame erzählt am Handy von ihrer Krebsdiagnose. In seiner Montageform und der Vogelperspektive reflektiert der Film seine Künstlichkeit – und lässt uns wie eine durch die Straßen schwebende Taube dem Politischen und dem Nebensächlichen, den Hoffnungen und Ängsten der Menschen lauschen. sf