Die erste Pizza der Kunstgeschichte
Kaum zu glauben: Ein ganzes Drittel Pompejis, der verschütteten Stadt, ist bis heute unerforscht. Das würde einem Ort, unter dem Erdöl lagert, wohl nicht passieren. In der Arte-Mediathek gibt es jetzt eine dreiteilige Doku über ein neues Grabungsprojekt: Das italienische Archäologenteam hat bereits einen ganzen Häuserblock freigelegt und unter anderem eine Bäckerei sowie ein Wandgemälde entdeckt, das eine Art Pizza zeigt – womöglich das erste Pizza-Bild der Kunstgeschichte. Großartig sind auch die Fachleute, die hier zu Wort kommen und die man bislang kaum auf dem Schirm hatte: etwa ein Experte für römische Backöfen oder eine Spezialistin für antike Kulinarik.
"Pompeji, Geschichte einer Katastrophe", Arte-Mediathek, bis 6. Mai
"Pompeji, Geschichte einer Katastrophe", Filmstill, 2024
Wir haben das Feuer selbst entfacht
Die italienische Künstlerin SAGG Napoli beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit neapolitanischer Identität und ihren sozialen Bedingungen: Klasse, Gender und mentale Gesundheit. Im Rahmen eines Digital Fellowships am Parco Archeologico di Pompei realisierte sie zuletzt die Videoarbeit "O fuóco e ò nuósto e l’appicciammo nuje" – auf Neapolitanisch: "Das Feuer ist unseres – und wir haben es selbst entfacht". Der Film zieht eindrückliche Parallelen zwischen Feuerwerk und Vulkanausbruch. In der vom Vesuv bedrohten Stadt Neapel wird das Silvesterfeuerwerk mit Lust am Spektakel zelebriert. Das eine Phänomen ist festlich, das andere katastrophisch; das eine menschengemacht, das andere unkontrollierbar. Zusammen legen sie den paradoxen Zustand der Stadt frei – als würde sich Neapel an Silvester die Eruption selbst inszenieren. Noch bis zum 16. Mai ist der Film in ihrer Ausstellung "Core" in der Galerie Champ Lacombe in London zu sehen.
SAGG Napoli, "O fuóco e ò nuósto e l’appicciammo nuje", Pompeii-Commitment-Mediathek
SAGG Napoli, "O fuóco e ò nuósto e l’appicciammo nuje", Filmstill, 2025
Eine Stadt zwischen Kunst und Vulkanen
Caravaggio und Banksy, zerfallene Barockkirchen und spektakuläre Bahnhofsarchitektur von Zaha Hadid, dazu Müll, Ratten und die Camorra: Neapel ist eine Stadt der Extreme. Im Schatten von Vesuv und der Vulkanlandschaft der Campi Flegrei brodelt es hier nicht nur geologisch. Weil das kulturelle Leben oft eher von Privaten und Initiativen als von staatlichen Institutionen getragen wird, porträtiert die Doku Mitglieder von "La Paranza" im Viertel Sanità, den Rapper Geolier und die prägende Galeristin Lia Rumma. Sie zeigte schon 1971 Joseph Kosuth und holte später Cindy Sherman und Andreas Gursky nach Italien. So erzählt die Doku eindrücklich, wie Kunst in Neapel trotz aller Hürden dazu beiträgt, die Stadt am Leben zu halten.
"Neapel. Stadt der Künste", ARD-Mediathek, bis 8. Februar 2027
"Neapel. Stadt der Künste", Filmstill, 2023
Mit Weichkäse am Kreuz
Pier Paolo Pasolinis Kurzfilm "La ricotta" (1963) ist ein Film im Film: Ausgerechnet Orson Welles spielt einen Regisseur, der die Leidensgeschichte Christi inszeniert. Im Mittelpunkt steht Stracci, ein Bettler aus der römischen Vorstadt, der neben Jesus gekreuzigt werden soll. Während um ihn herum der Filmbetrieb rotiert und katholische Ikonografie in Szene gesetzt wird, hat er vor allem Hunger. Dass die Befriedigung dieses elementaren Bedürfnisses schließlich tödlich endet – mit Ricotta am Kreuz –, ist bei Pasolini keine bloße Groteske, sondern eine bittere Zuspitzung von Armut, Klassenverhältnissen und der Frage, wo das Heilige in der Moderne noch seinen Platz hat. Auch kunsthistorisch ist "La ricotta" spannend: Pasolini inszeniert die Passion als farbiges Tableau vivant. Die Kompositionen erinnern an Kreuzabnahmen von Jacopo da Pontormo und Rosso Fiorentino, Werke des italienischen Manierismus. In Italien wurde der Film damals wegen "Beleidigung der Staatsreligion" zum Skandal und brachte Pasolini einen weiteren seiner zahlreichen Prozesse ein.
La ricotta, Youtube
Malen als Denkform
Man kann die Farben beinahe riechen. Richter matscht, kratzt, scharrt. Ansonsten ist es still. Nur seine Stimme ist zu hören: "Ich finde die Bilder schlecht, die ich begreifen kann." Für ihn ist Malerei eine andere Form des Denkens. Corinna Belz nähert sich dieser Haltung in ihrer Arte-Dokumentation mit großer Genauigkeit. Richter spricht nicht nur über Malerei, sondern auch über seine Kindheit und die Flucht nach Westdeutschland. Marian Goodman und Kasper König erzählen von ihrer Beziehung zu ihm und seinem Werk. Der Malprozess, die Farben der Kölner Vorstadt, das Blitzlicht der Presse bei einer Ausstellungseröffnung und die Miniaturbilder internationaler Ausstellungshäuser sprechen die Sinne an. Aber auch hier sind es am Ende vor allem die Gemälde selbst, die den Film tragen.
"Gerhard Richter Painting", Arte-Mediathek, bis 12. Dezember
"Gerhard Richter. Painting", Filmstill, 2011
Karrierestart mit 90 Jahren
Isabella Ducrot hat spät angefangen. 1931 in Neapel geboren, arbeitete sie nach ihrem Umzug nach Rom zunächst bei IBM, bewegte sich in den intellektuellen Kreisen der Stadt und reiste später mit ihrem Mann Vittorio Ducrot um die Welt. Sie sammelte Stoffe, schrieb, beobachtete. "Ich war Hausfrau", sagt sie im Studio-Porträt des Louisiana Channel. "Jetzt bin ich nur noch Künstlerin." Dabei grinst sie breit – und sofort ist klar, wie sehr sie in dieser Arbeit aufgeht. Erst mit Mitte 50 begann die Autodidaktin, für ihre Stoffe, Papiere und gesammelten Eindrücke einen eigenen künstlerischen Ausdruck zu finden; mit über 90 wurde sie einem größeren Publikum bekannt. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Ducrot in einem Atelier im weitläufigen Palazzo Doria Pamphilj in Rom. Die Dokumentation zeigt sie dort ganz in ihrem Element – als Künstlerin, die auch im hohen Alter mit ungebrochener Neugier arbeitet.
"Isabella Ducrot. Near to Happiness", Louisiana Channel
"Isabella Ducrot. Near to Happiness", Filmstill, 2026
Mode und was darunterliegt
Im Youtube-Format "Fashion Neurosis" von Bella Freud, Modedesignerin und Urenkel des Begründers der Psychoanalyse, wird Mode zur Therapiesprache. Die Gäste liegen auf der Couch, die Kamera bleibt nah an ihren Gesichtern. Erst geht es um das Outfit, dann um das, was darunterliegt: Körper, Begehren, Scham, Familie, Selbstentwurf. In der aktuellen Folge sind Hannah Rose Dalton und Steven Raj Bhaskaran zu Gast, besser bekannt als das Kunstduo Fecal Matter, das seit 2014 mit Prothesen und posthumanen Looks zum Internetphänomen wurde. 2025 debütierten sie mit ihrem Label Matières Fécales in Paris. Kennengelernt haben sich die beiden im Modestudium in Montréal, verbunden von Beginn an durch ihre Ablehnung normativer Schönheitsideale. In der Folge sprechen Dalton und Bhaskaran über frühe Modeexperimente, ihre Beziehung, Erfahrungen mit Ausgrenzung und Selfcare. Gerade weil ihr Auftreten sonst so stark inszeniert ist, ist es spannend, hier die verletzliche Seite ihrer Praxis zu erleben.
"Fecal Matter on Lady Gaga, Shaving Eyebrows, and Falling in Love", Fashion Neurosis, Youtube
Matières Fécales – Hannah Rose Dalton (links) und Steven Raj Bhaskaran
Vom Reflexionsmedium zur Kunstform
Schreiben steht als Teil künstlerischer Praxis und an Kunsthochschulen hoch im Kurs. Mit Symposium und Ausstellung "In Zukunft schreiben" widmete sich die Hochschule für bildende Künste Hamburg dem Thema. In fünf Panels diskutierten Autor:innen, Künstler:innen und Verleger:innen über Texte im Kunstkontext. Besonders spannend ist das Gespräch mit Enis Maci, Cemile Sahin, Sasha Marianna Salzmann und Senthuran Varatharajah, weil es fragt, welchen Ort das Schreiben an Kunsthochschulen haben kann – und wann aus einem Reflexionsmedium eine eigenständige künstlerische Form wird.
"Panel: Künstlerisches Schreiben", HfBK-Mediathek
V.l.n.r.: Senthuran Varatharajah, Sasha Marianna Salzmann, Mathias Zeiske, Cemile Sahin, Enis Maci
Alles auf einer Ebene
Chantal Akermans fast vierstündiger Film "Jeanne Dielman", den sie 1975 mit nur 25 Jahren drehte, ist ein Film der Wiederholungen: Kartoffeln aufsetzen, Tisch decken, einkaufen, putzen. Die Protagonistin, eine alleinlebende Mutter mit 16-jährigem Sohn, erledigt jeden Tag alles in derselben Reihenfolge. Die präzise konstruierten Einstellungen geben der starren Ordnung ihres Alltags eine Form: Die Kante des Tischs verläuft parallel zum Waschbecken, dahinter die Kacheln, Milch- und Thermosflasche setzen die Vertikale. Akermans Kino kennt keine Hierarchien: "Alles ist auf derselben Ebene", sagte sie einmal. "Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Fleisch und dem Geist." Hausarbeit, Körper, Zeit und Begehren erscheinen hier gleich ernst, gleich materiell, gleich wirklich. Gerade darin zeigt sich, was ihr Kino so außergewöhnlich macht: die Ästhetik des Alltags, das Gespür für Dauer jenseits der üblichen Spielfilm-Dramaturgie und ein radikaler feministischer Blick, der Frauen nicht zum Objekt macht, sondern ihre Erfahrung ins Zentrum rückt.
Chantal Akerman, "Jeanne Dielman", Mubi
"Jeanne Dielman", Filmstill, 1975
Die Erfinderin der Formen
Erst mit über 40 Jahren fand Akerman zur Videoinstallation und weitete ihre filmische Praxis in den Ausstellungsraum aus. Kathy Halbreich, damals Direktorin des Walker Art Center in Minneapolis, ermutigte die belgische Künstlerin zu diesem Schritt und führte sie später zur Documenta 11 und in die Galerie Marian Goodman. 2012 ehrte das MuHKA in Antwerpen sie mit einer großen Retrospektive. Wer mehr über Leben und Werk Akermans erfahren will, findet auf Youtube eine sehenswerte Arte-Dokumentation. Und wer danach noch tiefer einsteigen möchte, findet hier auch einen Vortrag zu "Jeanne Dielman", in dem die Kunstwissenschaftlerin Eva Kuhn den Film philosophisch deutet.
"Chantal Akerman Always On The Road", Arte über Youtube