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10 Kunst-Filme, die sich im Februar lohnen

Avantgarde und Anarchie in der DDR, die außerirdische Klangkunst der Meredith Monk und ein Abstecher ins "Daliland": Das sind unsere Filmtipps des Monats


Salvador Dalí und die Surrealismus-Maschine

Was Salvador Dalí zuerst von seiner späteren Frau sieht: ihre Kehrseite. In einem Flashback des Films "Dalíland“ zurück in die späten 1920er steht Gala halbnackt an einem katalanischen Strand. Der noch junge Künstler und ewige Rückenfetischist erblickt sie durch ein Fenster, schlingt sich ein Tuch um die Stirn, steckt eine Rose hinein und schreitet zum Meer und zur Muse. Es ist wohl Liebe auf den ersten Blick. 

Die Surrealisten René Magritte und Luis Buñuel werden dann Zeugen einer missglückten Brautwerbung, denn Dalí wirft sich zwar vor der Schönen auf den Boden – allerdings aufgrund eines hysterischen Lachkrampfs. Gala ist dennoch angetan von dem seltsamen Fremden. Es ist der Anfang einer großen, sehr komplizierten Liebesgeschichte.

Bis auf ein paar Schlenker in die Vergangenheit konzentriert sich der Film auf eine späte Phase des Paars ab Mitte der 1970er-Jahre. John C. Walsh, der das Drehbuch zu "Dalíland“ schrieb, und die Regisseurin Mary Harron ("I Shot Andy Warhol“, "American Psycho") sind selbst ein Ehepaar. Vielleicht einer der Gründe, warum die Szenen einer Ehe zu den Höhepunkten des Films zählen. Außerdem sind Ben Kingsley und Barbara Sukowa in den Hauptrollen zu erleben. Kingsley, von kompakterer Statur als der im Alter hagere Künstler, wirkt als reifer Dalí erstaunlich glaubhaft. Ihm ebenbürtig ist Barbara Sukowa: herrisch und aufbrausend, aber nie ins Unsympathische wegdriftend.

Wir lernen die Dalís in einer Suite des St. Regis Hotel in Manhattan kennen, in ihrem angestammten Winterquartier in den 1970ern. Der Künstler hat seinen kreativen Zenit überschritten. Er malt und zeichnet nicht mehr so viel, sondern feiert lieber pompöse Feste, mit jungen Popstars wie Amanda Lear, Alice Cooper und dem Broadway-"Jesus Christ Superstar“ Jeff Fenholt, auf den Gala ein Auge geworfen hat. Parties? Aktionskunst, könnte man heute sagen. Dalí hat diesem Feld sicher den Weg bereitet.

"Dalíland", ARD-Mediathek, bis 8. Februar

"Daliland", Filmstill, 2023
Foto: SquareOne Entertainment

"Daliland", Filmstill, 2023


Die Rapper-Dompteurin aus der Kurpfalz

RZA, GZA, Method Man, Raekwon, Ghostface Killah, Inspectah Deck, U-God, Masta Killa, Ol' Dirty Bastard, genannt ODB, und später noch Cappadonna – das sind die zehn klangvollen Namen der Rapper des Wu-Tang Clan in Originalbesetzung. Einen nicht ganz so bekannten könnte man aber noch hinzufügen: und zwar den der Kurpfälzerin Eva Ries, genannt Evil-E.-Killerbee.

Als Managerin gelang es der Deutschen, die verschiedenen Künstler und deren Styles als Marke zu verkaufen und die Hip-Hop-Gruppe aus New York weltweit populär zu machen. Die gemeinsame Geschichte von Evil-E. und Wu-Tang begann 1993, als sie sich ein Demotape des Kollektivs anhörte. Glücklicherweise interessierte Ries weniger die Musik – sie hasste sie – als vielmehr die Vermarktung von Bands. Sie kam ursprünglich aus der Fotografie, lichtete bekannte Musiker wie Udo Lindenberg ab und rutschte durch diese Jobs mehr und mehr in die Musikindustrie. Während ihrer Tätigkeit für das Label Geffen Records vertrat sie ab 1991 Bands wie Nirvana und Sonic Youth.

Als Eva Ries das Zepter beim Wu-Tang Clan übernahm, hatte dieser gerade seine erste Single "Protect Ya Neck" veröffentlicht. Wie eine gute Marken-Managerin es so macht, arbeitete Ries sich in die Darstellung der Personas ein und regelte die Außendarstellung. Journalistinnen führte sie bevorzugt zur Heimat des Clans nach Staten Island, wo die Presse schon mal Schüsse inklusive anschließender Personenkontrolle miterleben konnte. Sogar das FBI ermittelte über Jahre gegen die Wu-Tang-Mitglieder, was Ries abgebrüht kommentiert: "Sie waren Gangster-Rapper, aber sie waren auch Gangster".

Spätestens bei der ersten Europatour 1993 merkte die Managerin, dass Wu-Tang mehr als Musik war, nämlich eine Bewegung, die "vermarktet werden muss". Es entstand die Bekleidungsfirma Wu Wear, bei der Unterhosen, Pullis und Mützen mit dem ikonischen W-Logo, genannt "Batman", vertrieben wurden. Wer bei der sehenswerten Dokumentation "Evil E.", die beim NDR zu finden ist, nostalgisch trauert, nie ein Wu-Tang-Konzert miterlebt zu haben, kann aufatmen. Denn es gibt den Clan noch, und er kommt am 3. März nach Berlin

"Evil-E. – Eva Ries und der Wu-Tang Clan", NDR-Mediathek, bis 2027

Musikmanagerin Eva Ries alias "Evil E."
Foto: Courtesy NDR

Musikmanagerin Eva Ries alias "Evil E."


Der Kunstdieb als Ästhet und Versager

James Blaine Mooney (Josh O’Connor) streift mit großen braunen Augen und charmanter Zurückhaltung durch die Räume des kleinen Museums in Framingham, Massachusetts. Wir befinden uns zu Beginn des Films "The Mastermind" in den USA der 1970er-Jahre und damit inmitten des Vietnamkriegs, landesweiter Protestbewegungen und einer zunehmend brüchig gewordenen bürgerlichen Welt. Und Mooney plant einen großen Coup.

Arthur Dove (1880–1946) gilt als Pionier der abstrakten Kunst in den USA. Konnte er sein unvorbereitetes Publikum zu Lebzeiten noch schockieren, lockten seine Bilder in den unruhigen 70ern niemand mehr hinter dem Ofen hervor – zumindest, wenn man Kelly Reichardts Spielfilm glauben mag. Traurig und vergessen, zwischen einem schnarchenden Museumswärter, nervösen Kids und müden Rentnern, hängen seine in Öl gemalten Formexplosionen an der Wand.

Erst der im Film gezeigte, allerdings rein fiktive Diebstahl bringt Doves Werke wieder in die Nachrichten und macht sie zum Gesprächsthema beim Abendessen. Zuvor hatte ironischerweise nur der Dieb Augen für sie. Schließlich ist der von Josh O’Connor mit zärtlichen Gesten gespielte James Blaine Mooney nicht nur Krimineller, sondern auch Kulturliebhaber. Seit seinem abgebrochenen Kunststudium arbeitet er als Tischler, erfolglos und in einer tristen bürgerlichen Existenz. Leidenschaft zeigt er erst bei der Betrachtung und beim Entwenden der Werke seines "Kollegen" Arthur Dove.

Von einem leise brodelnden Jazzsoundtrack begleitet, folgt die ruhige wie präzise Kamera Mooneys Blicken, begleitet ihn bei den Vorbereitungen für den Coup, beim absurd-amüsanten Diebstahl und bei der Suche nach einem geeigneten Lagerort für die Werke. Ein bisschen zu schnell verrät sich das "Mastermind" dann allerdings, und bringt damit sich und seine Familie in Gefahr.

Die US-Regisseurin Kelly Reichardt, die mit sorgfältig und langsam inszenierten Filmen bekannt wurde, beschäftigte sich schon öfter mit den Irrungen und Wirrungen der Kunstwelt. Mehr als die Werke selbst interessieren sie die Menschen dahinter, deren komplizierte Leidenschaften oft ins Chaos führen. "The Mastermind" ist ein unscheinbarer und doch durchtriebener Film. Um nichts Geringeres als das plötzliche Ende einer bürgerlichen Existenz geht es; und das vor dem Hintergrund einer politisch höchst instabilen Ära.

"The Mastermind", bei Mubi

"The Mastermind", Filmstill, 2025
Foto: Courtesy Mubi

"The Mastermind", Filmstill, 2025


Kunst und Widerstand mit Clara Mosch

Am besten geht alles gemeinsam. Eine Truppe von Künstlern mischte mit Pinseln, Performances und purem Trotz das sozialistische Einheitsgrau der DDR auf – stets mit Humor und Selbstironie. "Go Clara Go – Die Kunst des kreativen Widerstands" ist ein Dokumentarfilm über das legendäre Avantgardekollektiv Clara Mosch, das Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) zur Happening-Zone erklärte – und die Stasi ratlos zurückließ.

Pinsel statt Panzer, Kunst statt Kader: Dem offiziellen Programm des Sozialistischen Realismus zu folgen, kam für die fünf Mitglieder nicht infrage. Lieber führte Clara Mosch stumme Performances auf, malte Pleinairs am Meer, veranstaltete kollektive Kunstfeste und erklärte ihre Galerie kurzerhand zur Subversionszentrale. "Eine Privatgalerie eröffnen, das geht doch nicht!" – "Wieso denn nicht? Wir ham's doch gemacht!" So lässt sich die furchtlos-aktionistische Denkweise zusammenfassen: "Zwischen Dada, Dürer und Duchamp", nur mit mehr Farbe, mehr Punk und noch mehr kreativer Unvernunft.

Die Dokumentation beweist, dass Widerstand auch mit Humor zusammen geht. Oder wie es im Film heißt: "Da, wo es besonders wenig zu lachen gibt, muss man umso lauter lachen."

"Go Clara Go – Die Kunst des kreativen Widerstands", ARD-Mediathek, bis 28. März

"Go Clara Go", Filmstill, 2026
Foto: ©MDR Inselfilm und Lindenau-Museum

"Go Clara Go", Filmstill, 2026


Gefangen in der Welt der Reichsbürger

Mitte Juli 2025 kam die Dokumentation "Soldaten des Lichts" von Künstler Johannes Büttner und Regisseur Julian Vogel in die deutschen Kinos. "Ich verspreche, es ist der wichtigste Film dieses und der nächsten Jahre", schrieb damals unsere Kolumnistin Laura Ewert. Nun ist das aufwühlende Werk in der ZDF-Mediathek verfügbar.  

Die Kamera begleitet in unaufgeregten, nüchtern wirkenden Szenen einen Schwarzen, neurechten Vegan-Influencer bei seinem alltäglichen Geschäft und der Vernetzung mit anderen Protagonisten aus dem Bereich des Money-Coachings und der Reichsbürgerszene. Schon am Anfang, als die Hauptfigur offenbar dem Sohn einer schwer kranken Person am Telefon versichert, dass die Verschlimmerung des Zustands seiner Mutter ganz normal sei und sie nur weiter ihre "natürlichen" Nahrungsergänzungsmittel nehmen müsse, spüren die Zuschauer, dass hier etwas fundamental falsch läuft. 

Wer verstehen will, warum das Pochen auf Demokratie nicht gegen Verschwörungserzählungen ankommt, findet in diesem Film vielleicht keine Antworten, aber Hinweise darauf, wie alternative Welten funktionieren. Deren Bewohner liegen mit ihrer Fundamentalkritik des bestehenden Systems gar nicht unbedingt falsch, verlieren sich aber in autoritären und sektenartigen Strukturen, von denen dann vermeintlich "erleuchtete" Gurus profitieren. Viele der Protagonisten sind Medienprofis, die auf YouTube oder Telegram Millionen Menschen erreichen. Deshalb kann man sich fragen, ob das dokumentarische Format hier etwas Neues "ans Licht bringen kann", denn diese Menschen suchen ja die Öffentlichkeit. Besonders stark hallen deshalb die destruktiven persönlichen Beziehungen nach, bei denen es um Macht und Ausbeutung offenbar labiler Personen geht. Das macht den Film so eindringlich und unterscheidet ihn auch von journalistischen Enthüllungsformaten. Denn er ist erschreckend, aber nicht skandalisierend.

"Soldaten des Lichts", ZDF-Mediathek 

"Soldaten des Lichts", Filmstill, 2025
Foto: Wood Water Films

"Soldaten des Lichts", Filmstill, 2025


Amerikanischer Surrealismus trifft auf Bonnie und Clyde

In Melina Matsoukas besten Musikvideos kann es einem passieren, dass man die Pausentaste am Computer schneller als die Beats drückt, um die besten Details nicht zu verpassen. "S&M", eine gemeinsame Regiearbeit mit Rihanna, gehört in diese Kategorie. In den letzten Jahren entstanden die begehrten Clips der zweifachen Grammy-Gewinnerin dann nur noch für ihre Freundin Beyoncé, für die sie auch an der visuellen Umsetzung ihres Konzept-Albums "Lemonade" arbeitete. 

Susan Sontag prägte einst den Ausdruck vom "American Surrealism" für die Faszination ihrer Landsleute am Alltäglich-Abseitigen, jenem morbiden Highway, der von Diane Arbus geradewegs zu David Lynch führt. Auf dieser Straße spielt, angereichert mit Black Pride und dem allgegenwärtigen Rassismus in den USA, auch das Road Movie "Queen & Slim", Matsoukas erster Spielfilm, der bei Mubi verfügbar ist. Nur der Anfang dieser Retro-Orgie ist zeitgenössisch: Ein Tinder-Date bringt Daniel Kaluuya und Jodie Turner-Smith als Slim und Queen zusammen – oder doch wohl erst mal nicht: Seit den ersten Blicken herrscht Klarheit, dass da nichts läuft.

Dann aber stoppt ein rassistischer Cop die jungen Afroamerikaner, die Situation entgleist und Slim erschießt den Beamten in Notwehr. Die brutale Realität und die Gewalt der Staatsmacht gegen Schwarze Bürger brechen in den Film ein. Auf ihrer Flucht durch den Süden werden die beiden dann zu Medienberühmtheiten, und schließlich doch noch zu einem Paar auf Leben und Tod, das nicht nur Fernsehreporter an Bonnie und Clyde erinnert. 

Matsoukas gelingen Momente von ungewöhnlicher Schönheit. Da ist zum Beispiel die Liebesszene in einem kleinen Schwarzen Club in der Provinz, wo das Paar auf einer Wolke wortloser Sympathie der Community getragen wird. Die Regisseurin orientierte sich bei der Ausstattung an einem modernen Klassiker der sozialen Fotografie: Birmey Imes’ 1990 in einem Buch publizierter Serie "Juke Joints". 

Für das Paar, dessen Flucht Anklänge an die Geschichte der Sklaverei enthält, ist diese Kneipe ein entrückter Ort, eine geradezu mythische Höhle der Geborgenheit. Man wünscht sich, ihre Geschichte könnte auf dieser jenseitigen Note ausklingen, aber nur die Lust will Ewigkeit. Fatalistische Road-Movies wollen das apokalyptische Furioso.

"Queen & Slim", bei Mubi

"Queen&Slim", Filmstill, 2019
Foto: Universal

"Queen&Slim", Filmstill, 2019


Die magische Stimme der Meredith Monk

Über mangelnden Zuspruch von prominenten Kollegen kann sich Meredith Monk nicht beschweren. Gleich am Anfang des Dokumentarfilms "Monk in Pieces“ (deutscher Titel: "Die Welt in ihrer Stimme") schwärmen Minimal-Music-Pionier Philip Glass und der berühmte Choreograf Merce Cunningham von ihren nie dagewesenen Einfällen. Ex-Talking-Heads-Frontmann David Byrne erzählt von der Erkenntnis, die ihm Monk vermittelt habe: dass Texte in Liedern nur eine Ausdrucksmöglichkeit unter vielen seien. 

Eigentlich komme man ohne Worte aus, wenn man mit Melodie, Rhythmus und Klangfarbe umzugehen wisse, glaubt die aus einer jüdischen Musikerfamilie stammende, 83-jährige New Yorkerin, der im März der Große Kunstpreis Berlin verliehen wird. Wohl deshalb hat sie einen eigenen Gesangsstil entwickelt, der aus einfachen, sich stetig wiederholenden Tonfolgen besteht, mitunter aber auch zum akrobatischen Singsang wechseln kann, mit eingestreuten Babysprache-Elementen oder Tierlauten. Der avantgardistische Ansatz wirkt zunächst gewöhnungsbedürftig, entpuppt sich aber bald als Quelle nicht abreißender Assoziationsketten.

Dazu passt das fragmentarische Konzept des Porträts von David C. Roberts und Billy Shebar, die in ihrem Film gar nicht erst versuchen, einen erzählerischen Bogen zu schlagen. Die Zeitebenen springen hin und her, die eigenwillige Künstlerin kommt in allen Etappen ihres Schaffens ausgiebig zu Wort und kommentiert ihre Bühneninszenierungen und lautmalerischen Gesangsauftritte ausgehend vom experimentierfreudigen New York der 1970er- und 1980er-Jahre.

"Meredith Monk: Die Welt in ihrer Stimme", Arte-Mediathek, bis 2030

Filmszene aus "Monk in Pieces", 2025
Foto: © Real Fiction Filmverleih

Filmszene aus "Monk in Pieces", 2025


Die furchtlose Kunst der Nilbar Güreş

Die 1977 geborene Nilbar Güreş ist eine der wichtigsten Figuren der türkischen Kunstszene und zerlegt trotz Repressionen traditionelle Geschlechterrollen und Identitäten. Gerade widmet ihr das private Arter Museum in Istanbul eine überfällige Schau. Wer es nicht dorthin schafft, kann viele von Güreş' Videoarbeiten auch auf ihrer Website anschauen. Ausgangspunkt ist immer die eigene, weiblich gelesene Existenz. Ikonischen Status hat ihr 2006 entstandenes Werk "Undressing". In der sechsminütigen Videoperformance wickelt sie sich ein schleierartiges Textil nach dem anderen vom Kopf, murmelt bei jedem einen anderen Frauennamen, bis sie am Ende mit weißer Bluse und offenem Haar zu sehen ist.

Die Arbeit ist als Reaktion auf den antiislamischen Populismus im Gefolge von 9/11 entstanden und verhandelt die spätestens seit dieser Zeit aufgekommenen Identitätspolitiken. Die Figur der verschleierten Frau diente damals wie heute als Rechtfertigung rassistischer Politik. Wie kaum eine andere versucht Güreş darüber hinaus, die rigiden Grenzen der Heteronormativität zu unterlaufen.

Nilbar Güreş "Undressing", Website der Künstlerin

Nilbar Güreş "Undressing", Fiilmstill, 2006
Foto: Courtesy Nilbar Güreş

Nilbar Güreş "Undressing", Fiilmstill, 2006


Die letzten Jahre des David Bowie

Dass sein Leben endet, wusste David Bowie. Nur zwei Tage vor seinem Tod erschien sein Album "Blackstar". Darauf die Musik eines Rockstars, das Erbe eines kreativen Genies und der Versuch, unsterblich zu sein. Dem vorausgegangen waren Jahre des Zweifelns, des Haderns und Verwerfens. 

Auf diese letzten Monate vor dem Tod einer Legende blickt nun die Dokumentation "Bowie – der letzte Akt" bei Arte. Selbst ein kleines Kunstwerk, balanciert der Film zwischen Kosmonauten-Ästhetik der 1980er-Jahre und nostalgisch weich verpixelten Konzertaufnahmen und Festivals. Bowie selbst kommt natürlich zu Wort, ebenso wie inspirierend verschrobene Weggefährtinnen und -gefährten samt getönten Brillen und Bandanas, die die mittlerweile grauen Haare zusammenhalten. Eine Freundin beschreibt Bowies Dasein wie folgt: "Die einzige Konstante in seinem Leben war die Veränderung". 

Das Motiv des ständigen Wandels greift auch der Film immer wieder auf. Anschaulich zeigt er, wie sich Bowie äußerlich ständig neu erfand und zwischenzeitlich in die androgyne Kunstfigur Ziggy Stardust verwandelte. Vor allem aber wird deutlich, wie schnell er auch musikalisch zwischen Rock und Pop-Einflüssen und geradezu extraterrestrisch wirkender Experimentalmusik wechselte. 

Wie vielseitig sein Werk ist, zeigt vor allem das Publikum, das in den Konzertaufnahmen zu seiner Musik tanzt: Mal sind kiffende, halb oder ganz nackte Hippies zu sehen, die 1971 im Morgengrauen vom programmatischen Song "Changes" beim Glastonbury Festival geweckt werden und erstaunt aus ihren Zelten krabbeln. Dann wieder schütteln Rocker in einer vollen Konzerthalle ihre Haare zu den Klängen von Bowies Band "Tin Machine". In dieser Zeit bestand der Sänger darauf, gleichrangiges Mitglied des Bandkollektivs zu sein und wehrte sich vehement gegen seinen Sonderstatus als Popstar. 

Diese beharrliche Suche nach der richtigen Ausdrucksweise und die Flucht vor dem Weltruhm machen die Dokumentation zehn Jahre nach Bowies Tod so spannend. Der Film zeigt auf künstlerische und herrlich nostalgische Weise das Hadern, das Scheitern, das ständige Verändern, Verwerfen und Neuerfinden des David Bowie – und schließlich seinen musikalischen Griff nach den Sternen, der ihn unsterblich machte. 

"Bowie – der letzte Akt", Arte-Mediathek, bis 15. April

"Bowie - Der letzte Akt", Filmstill, 2026
Foto: -/dpa/WDR/ARTE/dpa

"Bowie - Der letzte Akt", Filmstill, 2026


Der schmale Grat zwischen Sammler und Messie

Der Designer Peter Engelhardt hat unter seinem Künstlernamen Peng mal ziemlich erfolgreich Produkte designt. Inzwischen sieht sich der Mitte-70-Jährige eher als Sammler und hat ein beeindruckendes Konvolut aus tausenden Alltagsobjekten, Möbelstücken und Kunstwerken aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren zusammengetragen. Das Problem: keiner hat Interesse daran, Engelhardts Schatz sachgemäß zu präsentieren und aufzuarbeiten. Einen Großteil der Dinge stapelt er in seiner Wohnung bei Bingen oder bei seiner über 90-jährigen Mutter, der Rest verfällt in einem völlig maroden Lager, in dem es durch die Decke regnet.

Im Porträtfilm "Der Sammler - Ein Designer sucht die Ewigkeit", der beim SWR verfügbar ist, wird ein essenzieller Widerspruch sichtbar: Der Protagonist sieht sich selbst noch immer als Kurator riesiger Werte, sein Umfeld scheint ihn jedoch zunehmend als Messie wahrzunehmen, der längst den Bezug zur Realität verloren hat. Der Film gibt beiden Perspektiven Raum und zeichnet das Bild einer schillernden Persönlichkeit, die nicht aufhören kann. Engelhardt ist cholerisch und zärtlich, stur und selbstironisch und kämpft gegen eine Welt, die ihn und seine Sammlung offenbar vergessen hat. Dabei entsteht ein anrührendes Porträt, das die Frage aufwirft, was wertvoll ist.

"Der Sammler – Ein Designer sucht die Ewigkeit", SWR-Mediathek, bis 13. November

Designer Peter Engelhardt in "Ein Designer sucht die Ewigkeit", SWR, 2025
Foto: SWR

Designer Peter Engelhardt in "Ein Designer sucht die Ewigkeit", Filmstill, 2025