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10 Kunst-Filme, die sich im Januar lohnen

Kinder an der Kunsthochschule, Basquiats Vermächtnis und die Geschichte der "Camgirls": Das sind unsere Filmtipps des Monats


Kunst und Kinder an der Akademie in Hamburg

Katharina Pethkes Film über die Hamburger Kunsthochschule feierte auf der Berlinale 2024 Premiere. Er könne als Porträt von vier Frauen gelesen werden, die mit diesem Ort zu tun hatten, sagte die Dokumentarfilmerin im Monopol-Interview, "und ich bin eine von ihnen. Mir ist das Exemplarische dieser Anordnung wichtig, und sie fußt nun einmal auf einer biografischen Erfahrung. Ein Satz von John Baldessari hat mich geprägt: 'Great art is clear thinking about mixed feelings'". 

"Reproduktion" untersucht das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Karriere und Mutterschaft über drei Frauengenerationen. Der Film beleuchtet patriarchale Strukturen an der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK), wo Pethkes Mutter und Großmutter studierten, aber ihre Karrieren wegen der Kindererziehung abbrachen. Der Essayfilm, der den Goethe-Dokumentarfilmpreis auf der Duisburger Filmwoche erhielt, nutzt die Architektur der Hochschule – inklusive der angrenzenden Geburtsklinik – als Spiegel für Geschlechterdynamiken und zeigt, wie künstlerische Ambitionen durch gesellschaftliche Erwartungen an Mutterschaft behindert werden. Er beschreibt Herrschafts-, Klassen- und Geschlechterverhältnisse tableauartig und reflektiert Pethkes eigene Erfahrung als Professorin. Auch sie stieß nach der Schwangerschaft an "unsichtbare Grenzen".

"Reproduktion", 3-Sat-Mediathek, bis 15. Februar

"Reproduktion", Filmstill, 2024
Foto: Fünferfilm

"Reproduktion", Filmstill, 2024


Basquiat und kein Ende

Der US-Künstler Jean-Michel Basquiat wurde nur 27 Jahre alt, trotzdem ist sein Werk schier unerschöpflich und seine Ausstellungen sind nach wie vor Publikumsmagneten. Ende Januar eröffnet die Schau "Headstrong - Basquiat on Paper" im Louisiana Museum bei Kopenhagen, und zu diesem Anlass hat das Museum fünf zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler gefragt, was die New Yorker Street-Art-Legende für ihre eigene Arbeit bedeutet. 

In sechs Kapiteln erzählen Alvaro Barrington, Ouattara Watts, Julie Mehretu, Arthur Jafa und Dana Schutz von ihren Begegnungen mit Basquiat und seinen Bildern voller Energie, Wut, Humor und Experimentierlust. Die Interviewten sind sich einig, dass dieses Œuvre nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat. Im Gegenteil: Fast 40 Jahre nach seinem Tod scheint Basquiats Vermächtnis präsent wie nie.

"Jean-Michel Basquiat: Zeichnungen zwischen Leben und Tod", Louisiana Channel, auf Youtube

Alvaro Barrington, Ouattara Watts, Julie Mehretu, Arthur Jafa und Dana Schutz (von links) sprechen über Basquiat
Foto: Courtesy Louisiana Channel

Alvaro Barrington, Ouattara Watts, Julie Mehretu, Arthur Jafa und Dana Schutz (von links) sprechen über Basquiat


Die Mode-Neurose der Annie Leibovitz

"Fashion Neurosis" ist der Titel von Bella Freuds Video-Podcast über die Psychologie der Kleidung. Jede Folge beginnt mit der Frage "What are you wearing today – and why?". Von dort aus tastet sich Freud – Designerin, kluge Beobachterin der Popkultur und Urenkelin des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud – in Biografien hinein.

In der neuesten Episode liegt die Fotografin Annie Leibovitz auf der Couch. Statt Ikonenpose liefert sie Arbeitswirklichkeit: ein Uniform-Look aus grauen Hemden und Hosen, "damit ich nichts an mir spüre – wenn ich fotografiere, tanze ich fast". Vom "Rolling Stone" über "Vanity Fair" bis zu "Women" (1999/2025) erzählt Leibovitz von Bildern, die Teil unserer Kultur wurden – und davon, wie Modefotografie plötzlich Sinn ergab, als sie zum ersten Mal Couture-Shows sah: "Oh mein Gott, das ist Kunst!"

Freud lockt präzise Erinnerungen hervor: Bea Feitlers Lektionen der Redaktion ("Du musst dein eigenes Werk editieren"), Diane Keaton als stilistische Verbündete, die Rolling-Stones-Tour als Rausch und Warnung. "Jan Wenner sagte, ich solle nicht mit den Rolling Stones auf Tour gehen – zu viele kämen als Drogensüchtige zurück. Ich ging trotzdem. Und kam als Drogensüchtige zurück." Später habe sie gelernt, "einen Schritt zurückzutreten – man sieht klarer so".

Am Ende erzählt Leibovitz von ihrem letzten Shooting mit John Lennon und Yoko Ono, wenige Stunden vor Lennons Tod. Und von Susan Sontag, ihrer Partnerin und schärfsten Kritikerin: "Sie wollte, dass ich die beste Fotografin werde, die ich sein kann. Sie konnte gnadenlos sein. Aber sie hatte recht."

Podcast "Fashion Neurosis: Annie Leibovitz on Touring with The Rolling Stones, Insecurity, and John and Yoko", auf allen bekannten Plattformen – oder als Video-Podcast auf Youtube



Guter Vorsatz: Mehr lesen!

Wenn man es nüchtern betrachtet – eine selten gewordene Perspektive –, geht es bei Moral nicht nur um das imaginierte Gute im Kampf gegen das imaginierte Schlechte, sondern auch um eine Kommunikationsregel. Diese hat der Soziologe Niklas Luhmann 1989 so beschrieben: "Wer moralisiert, lässt sich auf ein Risiko ein und wird bei Widerstand sich leicht in der Lage finden, nach stärkeren Mitteln suchen zu müssen oder an Selbstachtung einzubüßen. Moral hat … eine Tendenz, Streit zu erzeugen oder aus Streit zu entstehen." So ähnlich funktionierte auch die Dynamik der Polarisierung in den letzten Jahren. Denn da wir eben nicht eins und gerade nicht alle gleich sind, fordert jede Seite lautstark, dass man sich ihr angleiche – wobei die Abstände gefühlt zugenommen haben.

Zum Glück gibt es andere Stimmen. Zu ihnen gehört seit Jahren die der Autorin Helene Hegemann, zuletzt mit ihrem Roman "Strikers" (tolles Cover: Jill Mulleady). Jetzt kann man sich die zweite Staffel von Hegemanns "Longreads" in der Mediathek der ARD anschauen, ein Format, in dem sie mit Personen aus Kultur und Politik über Lieblingsbücher spricht.

Die zeitgenössische Doku-Ästhetik ist bei Antje Stahls Regiedebüt perfekt getroffen. Die flirrende Kamera, die rauen Schauplätze – eine Feuertreppe im Wolfener Industriegebiet, ein fast kneipenartig dunstiges Volksbühnen-Foyer, die Stufen vor dem Bitterfelder Kulturpalast – erzeugen ein ständiges Gefühl des Hinter-den-Kulissen-Seins. Man sieht einen Koch beim Pürieren, der Kameramann hat auch gute Infos, die Maskenbildnerin muss nicht aus dem Bild springen.

Vor allem aber setzt die Reihe eine fast vergessene humanistische Fähigkeit in Szene: das Zuhören. Sie zeigt das aufmerksame, schweigende Gesicht als wichtiges Gegenstück zum weit verbreiteten talking head. Ob nun mit Heidi Reichinnek im Theater, River Roux in Wolfen, Lena Klenke in Bitterfeld oder Kelvyn Colt im Berliner Tacheles – besonders schön ist Hegemanns Stille, ihr gemurmeltes "aha, mhm". "Longreads" lässt einen davon träumen, dass die Buchkultur des Zuhörens und Nachdenkens wieder stärker wird. Tatsächlich: In der ARD-Mediathek gibt es kein böses Erwachen. Man kann ja auch die erste Staffel noch einmal schauen.

"Longreads" – Staffel 2, ARD-Mediathek, bis auf Weiteres

Helene Hegemann, Moderatorin von "Longreads"
Foto: Courtesy ARD

Helene Hegemann, Moderatorin von "Longreads"


Von wem ist Marcel Duchamps Pissoir wirklich?

1917 signierte ein gewisser "R.Mutt" ein handelsübliches Urinal und sandte es als Skulptur bei einer New Yorker Ausstellung ein. Es sollte ein Test sein, ob wirklich jedes Werk gezeigt werden würde, wie es die Organisatoren versprochen hatten. Inzwischen gilt diese industriell gefertigte Keramikschüssel als eines der wichtigsten Objekte der Moderne - als Verkörperung des Readymades, also der Idee, dass jeder Gegenstand Kunst sein kann, wenn er dazu erklärt wird. Als Urheber dieses avantgardistischen Stunts gilt heute der legendäre Konzeptpionier Marcel Duchamp, der bereits vor 1917 Alltagsobjekte als Skulpturen signierte. 

Doch es gibt immer wieder Diskussionen um diese Zuschreibung. Einige Experten - darunter die prominente US-Autorin Siri Hustvedt - glauben, dass vielmehr eine Frau Schöpferin des Werks ist: Die lange vergessene Dada-Künstlerin und Autorin Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven (1874-1927), die in Deutschland geboren wurde und in New York zu den Künstlerkreisen um Marcel Duchamp gehörte. Der Dokumentarfilm "Duchamp, die Baroness und das Urinal", der gerade bei Arte zu sehen ist, nimmt die Ermittlungen zur Frage der Autorenschaft auf. Und kleiner Spoiler: Auch den Regisseuren Justine Morvan und Kévin Noguès gelingt es nicht, wirklich neue Beweise für Loringhovens Pissoir-Involviertheit zu finden. Vieles bleibt Vermutung, viele Verbindungen zur Baroness lassen sich auch anders erklären als mit einer großen Verschwörung gegen eine Künstlerin. 

Befürworter und Gegner der Loringhoven-These halten sich in dem Film die Waage, der trotz fehlender Sensation sehenswert ist. Darin lernt man nämlich vor allem eine exaltierte, furchtlose Performancekünstlerin kennen, die so oder so mehr Aufmerksamkeit verdient hat: ob sie nun am Urinal beteiligt war oder nicht.

"Duchamp, die Baroness und das Urinal", Arte-Mediathek, bis 7. Oktober

Marcel Duchamp "Fountain", 1917
Foto: Alfred Stieglitz, CC via Wikimedia Commons

Marcel Duchamp "Fountain", 1917

 

Die Mädchen und die Kameras

Als die Studentin und Programmiererin Jennifer Ringley die Kamera 1996 in ihrem Schlafzimmer aufstellte, konnte sie nicht ahnen, wie viele Millionen Menschen sie erreichen würde. Über Jahre hinweg machte die Webcam alle zwei Minuten ein Bild und postete es auf ihrer Website JenniCam – Tag und Nacht. Ringley verstand das Projekt als "Performance, die ihr echtes Leben zeigt". Die Bilder fingen sie beim Grimassenschneiden, beim Pizzaessen auf dem Bett, beim Schlafen und in vielen anderen Alltagssituationen ein. Tausende schauten ihr täglich zu – heute ist sie unauffindbar.

Das frühe world wide web wird oft als utopischer Raum beschrieben, ohne Regeln und Hierarchien. Alles schien möglich. Die dreiteilige Arte-Dokumentation "Cam Gaze" forscht nach, wie die sogenannten "Camgirls" das Internet als künstlerische Ausdrucksfläche und Raum für authentische Verbindungen nutzten.

Die selbst programmierten Websites funktionierten alle ähnlich – eine Webcam lief 24/7 und schoss in einem festgelegten Takt ein Bild, das online gestellt wurde. Teilweise kuratierten die "Camgirls" die Ergebnisse vorher und erstellten so Inhalte, die an Selfies erinnerten und Alltäglichkeit inszenierten. Auf der Website LiveJournal konnten sie ab 1999 den Bildern lange tagebuchähnliche Texte zufügen und die Zuschauenden noch intensiver an ihren Gedanken und ihrem Leben teilhaben lassen. Doch die technische Pionierleistung hinter diesen Auftritten wurde öffentlich kaum thematisiert. Talkshows und Interviews kreisten um zwei Fragen: Zeigen sie sich nackt, und haben sie Sex vor der Kamera?

Und ja, einige "Camgirls" wie JenniCam oder AnaCam alias Ana Voog waren auch unbekleidet. Teilweise hatten sie das Ziel, Nacktheit zu normalisieren; andere Frauen nutzten die Webcam für Sexarbeit via Internet. Dabei war die Inszenierung vor der Kamera auch ein Weg, um Sexualität und die performative Qualität von Gender zu verstehen. Doch das vermeintlich utopische Internet unterlag schon damals Zensur. Zusätzlich zur öffentlichen Stigmatisierung und Hetze gegen creators, untersagten Finanzfirmen wie Visa, Mastercard und PayPal die Nutzung ihrer Dienste für erotische Inhalte. JenniCam – und mit ihr die "Camgirl"-Ära – ging 2003 offline. Also dann, als die Kommerzialisierung des digitalen Raums noch in den Kinderschuhen steckte.

"Cam Gaze", Arte-Mediathek, bis 29. Juli 2028

"Cam Gaze", Filmstill
Foto: ARTE France/ © UPIAN Productions

"Cam Gaze", Filmstill, 2025

 

Giftige Eifersucht in der Londoner Kunstwelt

Die Flut an Serien, in denen sich sehr reiche Menschen seltsam betragen, reißt nicht ab; auch wenn inzwischen klar sein sollte, was daran so unterhaltsam ist. In "The Girlfriend" (auf Deutsch: Das Gift der Seele – womit womöglich Eifersucht gemeint ist) geht es um eine ungesunde Mutter-Sohn-Beziehung. Dass die Matriarchin, eine Galeristin in London, es kaum verkraftet, dass sich ihr nahezu 30-jähriger Mediziner-Sohn ernsthaft verliebt hat, wird zum Psycho-Thriller. Eine gute Rolle für Robin Wright, die man noch aus "House of Cards" als Präsidentengattin Claire Underwood kennt und die auch Regie führte.

Niemand lächelt sein Gegenüber so doppelbödig zwischen Liebenswürdigkeit und Geringschätzung an wie sie. Im Grunde ist sie auch noch dieselbe Figur: kontrollierend, zielstrebig, alle um den Finger wickelnd. Der Wahn, mit der Freundin des Sohnes könne etwas nicht stimmen, treibt sie allerdings irgendwann an den Rand des psychischen Zusammenbruchs.

Das Armdrücken der beiden Frauen – die Widersacherin Cherry stammt selbstverständlich von einem Bauarbeiter und einer Metzgerin ab, bewegt sich aber geschickt in der Londoner Immobilienwelt – hat durch einen interessanten Regie-Einfall immer mehrere Dimensionen: Jede Episode wird zweimal gezeigt, aus der Perspektive der Mutter und der neuen Freundin des Sohns. So werden die Abweichungen in dem, was gesagt wurde und wie es ankam, auf beiden Seiten offenbar. Auch kleinste Handlungsweisen haben, unterschiedlich interpretiert, dramatische Auswirkungen.

Der verliebte Vorzeigesohn macht nicht viel falsch, entpuppt sich aber nach und nach als der verwöhnte, unselbständige Ignorant, für den man ihn vom ersten Moment an gehalten hatte - und sich dann von seiner Treuherzigkeit doch täuschen ließ. Es gibt in der Serie Showdowns auf Vernissagen, einen Shitstorm wegen missbräuchlichen Verhaltens gegenüber Galerie-Mitarbeitern, das Werben um Kunst-Neuzugänge und jede Menge scheußliche Malerei. Auch das kommt schließlich vor in der Welt der reichen Leute, die sich seltsam betragen.

"The Girlfriend - Das Gift der Seele", Prime Video

Cherry (Olivia Cooke) in "The Girlfriend", Filmstill, 2025
Foto: Christopher Raphael © Amazon Content Services LLC

Cherry (Olivia Cooke) in "The Girlfriend", Filmstill, 2025

 

Große kleine Kunst

Für alle Fans von kleinen Dingen ist der Arte-Dokumentarfilm "Think small, große kleine Kunst" über Miniaturkünstlerinnen und ihre winzigen Werke ein Muss. Vor allem, wenn es um Katharina Raab geht, die als @katharinahandmade ihre Kreationen auf Instagram teilt. Während sie eine Miniwelt in einen alten Koffer baut – sehr entspannend –, positioniert sie sich immer wieder gegen Hass, Ungerechtigkeit und Rechtsruck – äußerst wohltuend.

Ihr Blick auf das Leben und die Welt wurde laut Katharina Raab von Literatur inspiriert. Ganz besonders hat Michael Ende sie geprägt, in dessen Werken es um Wahrnehmung und Zeitempfinden geht; man denke nur an den Klassiker "Momo". Es entschleunigt ungemein, ihr dabei zuzusehen, wie sie sorgfältig und gemütlich einen Rennbesen für eine Hexe baut, oder ein schauriges Klavier, das anschließend seinen Platz in der Koffergruselvilla findet.

Die "Grauen Herren" aus "Momo" haben sich offenbar auch in das Werk des Künstlers Isaac Cordal verirrt. Seine Zement- oder Kunstharzfiguren zeigen Männer im Anzug, die in einer Pfütze den Klimawandel diskutieren, am Handy abhängen oder in einer Maske baumelnd das Leben genießen. Die kleinen Businessmänner platziert Cordal im Stadtraum oder in Dioramen, um einen ironischen Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen abzugeben.

Was bisher keinen Einzug in Katharina Raabs Haus gefunden hat, sind Bilder für die Wand. Die Miniaturmalereien aus der Sammlung von Bernd Pappe würden sich dafür hervorragend eignen – wäre das ganze nicht restauratorisch bedenklich. In Bern sammelt und bewahrt der Kunsthistoriker seit mehreren Jahrzehnten die kostbaren, oft aus sentimentalen Gründen angefertigten Bildnisse aus verschiedenen Epochen. 

Alle drei Protagonistinnen haben gemeinsam, dass sie es lieben, kleine Dinge zu erschaffen oder zu bearbeiten. Dagegen setzt Wolfgang Ganter auf Mini-Mitarbeiter, die für ihn wirbeln; mit Bakterien schafft er seine "infizierten Bilder". Zu Anfang seiner Karriere platzierte er schimmelige Reste aus WG-Kühlschränken auf alte Dias. Da die Mikroorganismen nicht nur Essensreste, sondern auch Fotogelatine futtern, entstanden neue abstrakte Werke. Nach ein, zwei Infektionen professionalisierte Ganter die Arbeit und setzt die Bakterien ein, um Aufnahmen berühmter Gemälde "neues Leben einzuhauchen".

"Think small, große kleine Kunst", Arte-Mediathek, bis 6. Dezember

Katharina Raab und ihre filigranen Fantasiewelten
Foto: ARTE France/SWR

Katharina Raab und ihre filigranen Fantasiewelten, Filmstill aus "Think small, große kleine Kunst", 2025


Küssen verboten

In der Klischee-Version von Paris spielen zwei Dinge eine zentrale Rolle: Küssen und Luxus-Shopping. Im dystopischen Kurzfilm "Two People Exchanging Saliva" vom Künstler Alexandre Singh und der Regisseurin Natalie Musteata sind diese beiden Tätigkeiten jedoch äußerst risikobehaftet. Das Austauschen von Speichel ist streng verboten (zum Schutz boomen Knoblauch-Kaugummis und rohe Zwiebeln als vollwertige Mahlzeit, Zahnbürsten werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt). Außerdem wird jeder Kaufakt statt mit Geld mit einer bestimmten Anzahl Ohrfeigen abgeschlossen (Concealer zum Abdecken der Spuren im Gesicht ist ebenfalls gefragt). 

In diesem seltsamen Setting begegnen sich die junge Verkäuferin Malaise und die wohlhabende Angine, die ihre Garderobe verändern und dafür einiges an Bestrafung in Kauf nehmen will. Schließlich kommt es im Kaufhaus zu einem "Vorfall", und Angine gelangt in den Besitz von extrem kompromittierenden Postkarten mit Kuss-Motiven. Daraufhin werden lang unterdrückte Gefühle freigesetzt, die schließlich zur Katastrophe führen müssen.

Der Film, der zu einem großen Teil in den nächtlich verwaisten Galeries Lafayette in Paris gedreht wurde, ist ein eigenwilliges Werk zwischen Absurdität und schwarz-weißer Eleganz. Vielleicht ist es eine Parabel auf die Sanktionierung von weiblichem Begehren, vielleicht aber auch eine visuelle Verführung, in der Waren und Körper durch Verbote und Strafen noch unwiderstehlicher werden. Die Rätselhaftigkeit macht "Two People Exchanging Saliva" umso interessanter, was auch der Oscar-Academy aufgefallen ist. Die Groteske steht auf der Shortlist für die kommende Verleihung im März, könnte also in der Kategorie Short Film nominiert werden.

"Two People Exchanging Saliva", The New Yorker Screening Room, bei Youtube

"Two People Exchanging Saliva", Filmstill, 2025
Foto: Courtesy The New Yorker

"Two People Exchanging Saliva", Filmstill, 2025

 

Tatort Kunst

Verbrechen an der Kunst oder die Kunst des Verbrechens? Von gefälschten Meisterwerken bis zu spektakulären Museumsdiebstählen begibt sich das neue Format "True Art Crime" bei 3-Sat auf die Spuren von Straftaten im Kunstmilieu. Da ist natürlich Wolfgang Beltracchi, der zusammen mit seiner Frau fast 30 Jahre lang Sammler und Kuratoren mit Fake-Gemälden an der Nase herumgeführt hat. Und, ebenfalls ein Klassiker: Edvard Munchs "Der Schrei", der mal mit Raffinesse und mal mit Brutalität gleich zweifach geklaut wurde. 

"True Art Crime" taucht in die düstere Welt der Kunstkriminalität ab und befragt Experten, die erklären, wie Werke gefälscht, gestohlen und illegal verkauft werden. Aber es kommen auch Täter zu Wort: Diebe, die beschreiben, dass es teilweise leichter sei, ein Museum auszurauben als einen gewöhnlichen Supermarkt. Dabei drängt sich der Eindruck auf: Der Kunstmarkt ist ein echtes Schlaraffenland für Gauner. Und vielleicht ist es leichter, ein Meisterwerk zu entwenden oder zu fälschen als selbst eins zu schaffen.

"True Art Crime", 3-Sat-Mediathek, bis Dezember 2030

Die Saliera des italienischen Goldschmieds Benvenuto Cellini
Foto: © ZDF

Die Saliera des italienischen Goldschmieds Benvenuto Cellini