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10 Kunst-Filme, die sich jetzt lohnen

Unsere Filme der Woche machen sensationelle archäologische Entdeckungen, starten eine Revolution in der Kunst und gehen mit Christo übers Wasser
 

Der Aufstand der Künstlerinnen

Ende der 1960er-Jahre lehnen sich Künstlerinnen gegen die männlich dominierte Kunstwelt auf. Denn zu dieser Zeit wurden sie kaum gesehen und kaum gehört. Ihre Kunst unterschied sich von allem, was in Kunsthochschulen gelehrt und von männlichen Künstlerkollegen gezeigt wurde. Mit Videoinstallationen, Performance Art und plakativen Arbeiten zum Feminismus der "zweiten Generation" finden 1968 viele wichtige Künstlerinnen aus den USA zusammen und demonstrieren für großflächige Repräsentation von Frauen in allen Bereichen der Kunst.

Die Filmemacherin und Künstlerin Lynn Hershman-Leeson stellte 2011 einen Film zusammen, der in gut 80 Minuten Originalaufnahmen und Interviews mit Protagonistinnen dieser Zeit zeigt. Rachel Rosenthal und Miriam Schapiro erzählen, wie viel Kraft es kostet, sich gegen ein System aufzulehnen, das nur für einen kleinen Teil der Menschen seit Jahrhunderten funktioniert, für diesen Teil aber ziemlich gut. Wie viel Mut es braucht, um alte Strukturen abzustreifen und mit künstlerischen Ausdrucksformen neue zu erschaffen.  

"Women Art Revolution" ist eine ergreifende und wuchtige Dokumentation. Ein Film über eine Revolution, die Kunst und Politik zusammenführte.

"Women Art Revolution - The Feminist Art Documentary", Youtube

 

Graben nach Veränderung

Basil Brown, ein so gut wie vergessener Amateurarchäologe, gräbt 1939 in Suffolk einen der bedeutendsten archäologischen Funde Englands aus. Sein Name wurde über 70 Jahre nicht im Zusammenhang mit dem Fund genannt.

Doch nun widmet sich ein Film bei Netflix dem ausdauernden Suchenden: "The Dig" ist ein wunderbar ruhiger Film, der neben dem Sensationsfund auch den Beginn des Aufbrechens von starren Geschlechterrollen beleuchtet. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Basil Brown (Ralph Fiennes) zum Landhaus der jungen Witwe Edith Pretty (Carey Mulligan) bestellt. Auf ihrem Grundstück befinden sich runde und ovale Hügelformierungen, die auf alte Wikingergräber schließen lassen. Brown ist jedoch anderer Meinung und datiert die Gräber ins 7. Jahrhundert.

Seine Vermutung bestätigt sich wenig später: Der Rumpf eines Schiffes wird ausgegraben und mit ihm Schätze von unvorstellbarem Wert. Im Schatten der Vorzeichen des Krieges lernen sich der Archäologe und seine Arbeitgeberin, die sich als willensstarke und loyale Persönlichkeit herausstellt, besser kennen. Beide kämpfen um die Wiederbelebung eines Stücks Geschichte - und jeder für sich den Kampf gegen die Vergänglichkeit.

"The Dig - Die Ausgrabung", Netflix

Carey Mulligan als Edith Pretty in "Die Ausgrabung" LARRY HORRICKS/NETFLIX © 2021
© Larry Horricks/Netflix

Carey Mulligan als Edith Pretty in "Die Ausgrabung" LARRY HORRICKS/NETFLIX © 2021

 

Die französische Kunsthistorikerin und Komikerin Hortense Belhôte steckt mit arte unter einer Decke!

Let's Talk About Sex. And Art. In den zehn Folgen der Mini-Serie "Bitte nicht anfassen!" von Arte beschreibt die Komikerin Hortense Belhôte die erotischen Botschaften in Kunstwerken der klassischen europäischen (männlichen) Malerei. In jeweils rund vier Minuten entschlüsselt sie die nicht immer sehr subtilen Metaphern von unter anderem Tizian, Vermeer und Michelangelo. Mit nachgestellten Szenen, die auf das erotische Geschehen in den Gemälden anspielen, lässt sie die Stimmung in die Gegenwart fließen.

Ob auf dem Fußballfeld, im Waschsalon oder beim Spaziergang über einen Friedhof: Belhôte klärt in alltäglichen Situationen und in kürzester Zeit mit Witz über die Darstellungen von sexuellen Anspielungen bei Alten Meistern auf. Überraschend ist, dass die Künstler nicht nur Frauen erotisiert dargestellt haben. Auch Männer, Götter, Tiere und andere Wesen werden hier unterhaltsam auf ihren Sex-Appeal geprüft.

"Bitte nicht anfassen!", Arte-Mediathek, bis 2024

Miniserie "Bitte nicht anfassen!" über Kunst und Erotik auf Arte
Foto: Kazak Productions / Arte

Miniserie "Bitte nicht anfassen!" über Kunst und Erotik auf Arte

 

Die Kunst der Berührung

Es ist gut möglich, dass Sie beim Anschauen dieser Dokumentation im Frühjahr 2021 erstmal zusammenzucken: So viele Menschen dicht gedrängt, hüpfend auf einem Konzert oder brüllend im Stadion. Die Pandemie hat das Umgebensein von Körpern und die Berührung außerhalb der engsten Kontaktpersonen als gefährlich markiert und lässt Szenen, die vor gut einem Jahr noch völlig normal waren, plötzlich unerhört erscheinen.

Dabei ist Berührung ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen und prägt auch die Kunst und Kultur seit Jahrtausenden. Der Film "Haut an Haut" geht dieser Geschichte nach und zeigt anhand von Beispielen aus Kunstgeschichte, Geschichtswissenschaft, Haptikforschung, Philosophie und Kommunikationswissenschaft, wie die Darstellung von Berührung auch eine gesellschaftliche Haltung ausdrückt und die Spannung zwischen Nähe und Distanz verhandelt. Genau die beschäftigt uns auch aktuell.  

"Haut an Haut", Arte-Mediathek, bis 28. Mai

"Haut an Haut", eine Kulturgeschichte der Berührung
Foto: Arte

"Haut an Haut", eine Kulturgeschichte der Berührung

 

Die Frauen eines Jahrzehnts

Die Arte-Dokumentation "Die Zwanziger - Das Jahrzehnt der Frauen" von 2020 beschäftigt sich mit Pionierinnen des frühen 20. Jahrhunderts, darunter auch viele Künstlerinnen: Hannah Höch, Georgia O’Keeffe, Wera Muchina, Tamara de Lempicka. Vier Frauen in vier Städten zwischen zwei Weltkriegen, die versuchen sich zu behaupten.

Hannah Höch entpuppt sich in Berlin als innovatives Genie im Dadaismus der Weimarer Republik. Sie wünscht sich für sich selbst nur "schrankenlose Freiheit", während Georgia O’Keefe in den USA zwar zur bekannten Künstlerin wird, jedoch die Sexualität in ihren Werke negiert, weil sie als Frau nicht ernst genommen wird. Gleichzeitig kreiert die russische Bildhauerin Wera Muchina mit ihrer Figurengruppe "Arbeiter und Kolchosbäuerin" ein Schlüsselwerk der bildhauerischen Monumentalkunst. Die polnische Malerin Tamara de Lempicka, die nach Lenins Tod ins Exil nach Paris flieht, wird heute als Ikone des Art Déco gefeiert.

An dem Leben und Schaffen dieser Künstlerinnen wird deutlich, dass die kulturell aufregende Ära zwischen den Weltkriegen Frauen nicht nur neue Möglichkeiten bot, sondern sie auch große persönliche Opfer auf dem Weg zu ökonomischer Unabhängigkeit und künstlerischer Selbstverwirklichung abverlangte.

Die Zwanziger - Das Jahrzehnt der Frauen, Arte-Mediathek, bis 21. Mai

Künstlerin Georgie O'Keeffe in "Die Zwanziger - Jahrzehnt der Frauen"
Foto: Arte

Künstlerin Georgie O'Keeffe in "Die Zwanziger - Jahrzehnt der Frauen"

 

Lars Eidinger ist Bertolt Brecht 

"Und der Haifisch, der hat Zähne. Und die trägt er im Gesicht" – das Lied, der darin besungene Mackie Messer und die ganze "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht sind weltberühmt. In "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" verschränkt Regisseur Joachim Lang kunstvoll zwei Ebenen miteinander. Lars Eidinger brilliert als Brecht, der kurz nach der umjubelten Uraufführung 1928 die "Dreigroschenoper" gemeinsam mit dem Komponisten Kurt Weill (Robert Stadlober) auch auf die Leinwand bringen will. Während sich Brecht mit einem interessierten Produzenten darüber streitet, wer bei der Filmproduktion das Sagen haben wird, laufen immer wieder zentrale Szenen des Stücks ab, zu dessen Verfilmung es dann doch nicht – oder eben erst 2018 – kam.

Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król oder Claudia Michelsen sind in Doppelrollen als Brechtschauspieler und "Dreigroschen"-Charaktere zu sehen. Die Film-im-Film-Szenen sind mitunter etwas Musical-haft bunt geraten. Dennoch bietet Langs "Mackie Messer" eine eindrucksvolle Einführung in das Theaterstück, seine Entstehungszeit und ein - "Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so" (Brecht) - gescheitertes Projekt.

"Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm", ARD-Mediathek, bis 27. März

Hannah Herzsprung im "Dreigroschenfilm"
Foto: Arte

Hannah Herzsprung im "Dreigroschenfilm"

 

Kiefer trifft von Schirach im Kunst-Paradies

Der Künstler Anselm Kiefer und der Autor und Jurist Ferdinand von Schirach haben einiges gemeinsam: eine Passion fürs Rauchen (der eine Zigarren, der andere Zigaretten), den immensen Erfolg ihrer Werke, die sich mit Schuld und Fragen der Moral beschäftigen, und eine Vorliebe für große malerische und literarische Gesten. 2017 schrieb Kiefer von Schirach einen Brief, in dem er seine Wertschätzung für den Schriftsteller ausdrückte. Dieser antwortete und fragte gleich, ob er nicht mit einem Kamerateam auf Kiefers riesigem Ateliergelände "La Ribaute" in Südfrankreich zu Besuch kommen könne. 

Von Schirach ist sichtlich beeindruckt von Kiefers Kunst-Abenteuerspielplatz - einer ehemaligen Seidenfabrik, auf deren Gelände Kiefer Tunnel gegraben und architektonische Skulpturen gebaut hat. Die beiden Männer verstehen sich prächtig und reden zwei Tage lang über Geschichte, Kunst und das Leben.

"Dialoge in Südfrankreich. Ferdinand von Schirach trifft Anselm Kiefer", ZDF-Mediathek, bis Februar 2025

Ferdinand von Schirach (links) und Anselm Kiefer in Südfrankreich
Foto: ZDF

Ferdinand von Schirach (links) und Anselm Kiefer in Südfrankreich


Als Christo übers Wasser ging

Woran glauben wir eigentlich noch? In einer durchrationalisierten Welt bleibt uns bloß die Kunst. Berühmtheiten wie Marina Abramovic oder Ai Weiwei werden, wenn nicht gerade geschmäht, zu Erlöserfiguren stilisiert. Auch der im vergangenen Jahr verstorbene Christo zählt, während die Politik vor allem Unheil zu stiften scheint, zu den mutmaßlichen Heilsbringern. Er selber sah das gewiss nicht so. Insofern steckt im Filmtitel "Christo: Walking on Water", soweit er auf das Matthäus-Evangelium anspielt, auch etwas Ironie.

Andererseits entspricht die Überschrift dem Inhalt. 16 Tage lang konnten Besucher des oberitalienischen Iseosees wie Jesus übers Wasser gehen. Andrey Paounovs Dokumentarfilm beschreibt die Genese der "Floating Piers"-Außeninstallation: ein System von schwimmenden Stegen ohne Geländer, drei Kilometer lang, gefügt aus 220.000 Kunststoffwürfeln und bespannt mit orangefarbenem Polyamidstoff ("dahliengelb"). Zwischen dem 18. Juni und dem 3. Juli 2016 verliefen die Piers vom Ufer des Iseosees zu der großen Insel Monte Isola und von dort zur kleinen Isola di San Paulo. Dramaturgisch geschickt enthüllt Paounov die verzweigte Gesamtanlage erst in den finalen Minuten. Christo steigt in einen Hubschrauber, um sein Werk aus großer Höhe zu betrachten.

Respekt vor dem Künstler und seinen Intentionen sieht man "Walking on Water" in jedem Filmbild an. Christo, der seit dem Tod seiner Ehefrau Jeanne-Claude 2009 die Großprojekte solo betrieb, erscheint im Film weder als Heiland noch Zauberer, sondern als Realisator eines hochkomplexen, von technischen, witterungsbedingten wie lokalpolitischen Hindernissen erschwerten Vorhabens.

Der Film wirkt durch klug austarierte Kontraste: Arbeit am Projekt und öffentlichkeitswirksame Auftritte. Konzentrierte Stille und unvermeidbarer Trubel. Rückschläge und Etappensiege. Doch bietet "Christo: Walking on Water" weit mehr als ein filmisches Surrogat des verpassten Kunsterlebnisses. Es zeigt die Mühen der Realisierung und  – Teamarbeit hin oder her – warum Künstler eigentlich doch Ausnahmemenschen sind. "Künstler sein ist kein Beruf", erklärt Christo am Filmbeginn einer Schülergruppe. "Es gibt keine festen Arbeitszeiten. Du bist keine Sekunde lang nicht Künstler."

"Christo - Walking On Water", auf Mubi

Besucher auf den "Floating Piers"
Foto: Wolfgang Volz

Besucher auf den "Floating Piers"


Der Horror der Fast Fashion

Die Modewelt trägt eine hübsche Maske, hinter der sich eine furchtbare Realität verbirgt. "Fast Fashion", die schnelllebige Massenproduktion von Kollektionen, die nach einigen Monaten schon wieder out sein müssen, steht für Beschleunigung der Branche und wirtschaftlichen Profit. Aber auch für modischen Mainstream, schlechte Umweltbilanzen und katastrophale Arbeitsbedingungen. Für die Arbeitskräfte bedeutet der Hunger der Modeindustrie nach immer neuen Kleidern Löhne unter dem Existenzminimum, Arbeitstage von 15 Stunden und gesundheitliche Risiken durch den ungeschützten Umgang mit Chemikalien. Dass es nicht nur bei schlimmen Arbeitsbedingungen bleibt, zeigt der verheerende Unfall in Bangladesch vor einigen Jahren.

Die Dokumentation "Die dunkle Welt der Billigmode" setzt sich mit den verheerenden Folgen des Shoppingwahns in der westlichen Welt. In der Corona-Pandemie mit ihren geschlossenen Läden hat sich einmal mehr die unnachhaltige Struktur der Fast Fashion gezeigt. Die Industrie versucht gern, den Kundinnen und Kunden zu suggerieren, dass sie nachhaltiger wird. Laut der Dokumentation von 2020 passiert jedoch genau das Gegenteil.

"Fast Fashion: Die dunkle Welt der Billigmode", Arte-Mediathek, bis 6. Juni

"Fast Fashion" (Filmstill)
Foto: Arte

"Fast Fashion" (Filmstill)


Schlangenritual mit Aby Warburg

Am 21. April 1923 hielt der Kunsthistoriker Aby Warburg in der psychiatrischen Anstalt Kreuzlingen einen später berühmt gewordenen Vortrag für das Personal und Mitpatienten über das Schlangenritual der nordamerikanischen Hopi. Bei Warburg war nach dem ersten Weltkrieg Schizophrenie diagnostiziert worden, der Vortrag war auch ein Versuch des einflussreichen Forschers, sich selbst zu vergewissern und seinem Tun einen Sinn zu verleihen.

Mit dem Schlangenritual versuchte Warburg, eine Brücke zu schlagen zwischen dem angebliche aufgeklärten Europa und dem angeblich mythologischen Wissen indigener Einwohner Nordarmerikas. Doch wie schauen wir heute auf diesen Versuch? Nach seiner großen Warburg-Ausstellung hat das Berliner Haus der Kulturen der Welt nun den Film "A Kind of World War" vom Kuratoren Anselm Franke und dem Medientheoretiker Erhard Schüttpelz, in dem die beiden den Vortrag vorstellen und in einer post-kolonialen Kontext betten.

"A Kind Of World War", HKW Online