Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann Frankfurt am Main, Fürsorge für seine Bewohner zu institutionalisieren: Zum Armenamt kamen 1912 das Wohnungsamt und 1914 das Jugendamt hinzu, seit 1916 gab es Kinderschulspeisung. In den 1920er-Jahren hatte Frankfurt den Ruf, eine der modernsten Städte Deutschlands zu sein. 1925 startete ein soziales Stadtplanungsprogramm, das besonders durch visionären Wohnungsbau hervorstach: bezahlbarer Wohnraum mit beispielgebender Architektur, unter dem Motto "Leben in Luft, Licht und Raum", verfügbar für alle.
Das Siedlungsprojekt "Neues Frankfurt" mit etwa 15.000 erschwinglichen Wohnungen entstand unter Beteiligung namhafter Architekten wie Walter Gropius und war eines der größten Bauprogramme der Weimarer Republik. Finanziell möglich wurde es durch eine staatlich gesteuerte Umverteilungs-Maßnahme: Die deutschlandweite Einführung der Hauszinssteuer sollte nach dem Ersten Weltkrieg die soziale Ungleichheit zwischen Hausbesitzern und Menschen, die ihr Erspartes durch die Inflation verloren hatten, ausgleichen.
Die Mittel aus dieser Steuer flossen vor allem in den kommunalen, gemeinnützigen Wohnungsbau. Der Bodenpreis war in Frankfurt auch vor 100 Jahren schon hoch, günstige Wohnungen in Innenstadtlage waren nicht zu verwirklichen. Darum siedelte sich das "Neue Frankfurt" an den Rändern der Stadt an, auf enteigneten Flächen, die zuvor landwirtschaftlich genutzt worden waren.
Gesundheit als "kostbarstes Gut der Stadt"
Revolutionär war das Bauprogramm vor allem wegen seiner strukturellen Verbindung von Architektur und Fürsorge. Stadtplaner Ernst May hielt die Wichtigkeit des Wohls der Bürger verbindlich fest: "Die Erhaltung der menschlichen Gesundheit, als das kostbarste Gut der Stadt, hat aber alle Verwaltungsmaßnahmen zu beeinflussen."
Nach dem Ersten Weltkrieg litt die Bevölkerung an Tuberkulose, Zahnerkrankungen, bronchialen Infekten, Geschlechtskrankheiten, Säuglingssterblichkeit, Mangelernährung und Kriegsverletzungen. Vor allem die versehrten ehemaligen Soldaten sollten durch körperliche Ertüchtigung wieder genesen, Kinder sollten durch ein Aufwachsen in Licht, Luft und Sonne bessere gesundheitliche Voraussetzungen haben als die vorangegangene Generation.
So wurden Gesundheit und Hygiene auch in den neuen Bauprojekten mitgedacht. Architektonisch drückte sich das in großzügig geplanten Grünflächen, Balkonen und Dachterrassen aus, aber auch im Schnitt der Wohnungen selbst, in denen Licht jetzt Priorität hatte – und zwar trotz der kleinen und daher preisgünstigen Grundrisse.
"Gutes Wohnen" nur für die Mittelschicht
Dass diese Vorhaben des "guten Wohnens" für die Arbeiter in der Praxis oft nicht durchführbar waren, darüber schweigt die umfangreiche Doppelausstellung im MAK Frankfurt nicht. Trotz der Anstrengungen der Architekten und Architektinnen, die Baukosten durch neue Verfahren niedrig zu halten, konnte sich am Ende nur die Mittelschicht das Wohnen im "Neuen Frankfurt" leisten.
Für die Siedlung Römerstadt betrug die Monatsmiete für eine 48-Quadratmeter-Wohnung 52 Reichsmark, für ein Haus mit 130 Quadratmetern 160 Reichsmark monatlich. Bei Arbeiter-Einkommen zwischen 80 und 100 Reichsmark war man von dem Ziel, dass die Mieten 20 Prozent des Einkommens nicht übersteigen sollten, viel weiter entfernt als gewünscht.
Die Doppelausstellung im Frankfurter Museum Angewandte Kunst untersucht die Wohnung als wichtigen Gestaltungsort der Industrie-Moderne: Die "Frankfurter Küche" von Margarete Schütte-Lihotzky brachte die Grundfläche dieses Zimmers auf ein Minimum, ohne dabei viel Stauraum einzubüßen. Die erste Einbauküche ist geboren und geht tausendfach in Serie.
Die Entlastung findet auf technischer Ebene statt
Diese Design-Ikone hat zu Recht ihren Platz in internationalen Museumssammlungen. Zugleich wird aber auch klar: Anstatt damals an der Rollenaufteilung zu rühren, in der die berufstätige Frau zugleich auch die Hausfrau ist, wird die Küche durchrationalisiert. Die Entlastung findet auf technischer Ebene statt, doch ungewiss bleibt, wie sehr sie das Leben der Frauen wirklich verbessert hat. Diese und andere gegenwärtige Perspektiven mit einzubauen, ist der Verdienst der beiden Ausstellungen.
Sie sind so angelegt, dass ein Teil mit dem Titel "Was war das Neue Frankfurt?" die historischen Namen und Fakten zusammenbringt und architektonische und gestalterisch-planerische Aspekte untersucht. Vor dunklen Wänden sind auf Paneelen im Spotlight anschauliche Fragestellungen formuliert, die dann anhand der Exponate untersucht werden.
Der zweite Teil, "Yes, we care", widmet sich in einem lichten und hell gestalteten Parcours dem Thema des Sozialen in der Architektur. Wie sah gebaute Fürsorge aus, und wie konnten Probleme wie Armut, schlechte Gesundheit und Platznot architektonisch beantwortet werden? Das schlug sich zunächst vor allem darin nieder, was überhaupt gebaut wurde. Neben Wohnungen und Industriebauten entstanden auch Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten, Bibliotheken, Schwimmhallen und ein Altenheim. Die meisten Siedlungen sollten einen zentralen Gemeinschaftsbau erhalten, sogenannte Volkshäuser. Doch diese und andere am Gemeinwohl orientierte Elemente konnten aus Geldmangel oft nicht realisiert werden. Einige von denen, die verwirklicht wurden, sind immer noch in Benutzung.