Die surreale Welt der Leonora Carrington
Salvador Dalí und Joan Miró sind auch im Salon, als André Breton in Paris eine Lobrede von der Frau als Muse hält. Leonora Carrington schneidet dem Dichter und Begründer des Surrealismus das Wort ab. Es sei absurd, Frauen zu vergöttern, die einem gleichzeitig das Bettzeug waschen und Essen kochen. Die Szene spielt in einem großbürgerlichen Pariser Appartement im Jahr 1938. Es war nicht die Zeit, in der Männer Frauen besondere Leistungen als Künstlerinnen oder Schriftstellerinnen zutrauten.
Carrington war aber nicht nur eine – von heute aus betrachtet – zentrale Malerin des Surrealismus, sie schrieb auch Gedichte, Essays, Erzählungen und Theaterstücke, in denen das 1917 in England geborene und 2011 in Mexiko-Stadt verstorbene Multitalent Fantastik mit Humor verband. Sie war eben nicht nur "Muse des Surrealismus" oder die "Muse von Max Ernst", sondern eine unabhängige und eigenwillige Künstlerin. Womit die leidenschaftliche Liebes- und Künstlerbeziehung zwischen Carrington und Ernst in ihrer Bedeutung (für beide) nicht unterschätzt werden sollte.
Das von Thor Klein und Lena Vurmer verfasste und inszenierte Künstlerinnendrama "Leonora im Morgenlicht" beschäftigt sich mit diesem Paar vor allem im ersten Drittel. In kurzen, aber prägnanten Auftritten ist Alexander Scheer als Max Ernst zu sehen. Zum Ereignis wird "Leonora" aber durch das nuancierte Spiel der Titeldarstellerin Olivia Vinall, der man die energische und streitbare Künstlerin ebenso abnimmt wie die gebrochenen Momente: Carrington war nach dem Zweiten Weltkrieg schwer traumatisiert und wurde zeitweilig in einer psychiatrischen Klinik behandelt.
Der Film basiert auf dem Roman "Frau des Windes" der mexikanischen Schriftstellerin Elena Poniatowska und erzählt in Episoden aus dem Leben der Künstlerin. Es ist nicht verkehrt, sich vor dem Schauen in die Biografie Carringtons einzulesen, denn im Film spielen atmosphärische und introspektive Qualitäten eine wichtigere Rolle als die pseudo-kohärente Beschreibung eines Lebenswegs. Anders als herkömmliche Biopics leuchtet "Leonora" die Hauptfigur nicht grell und übertrieben psychologisierend aus. Der Film lässt ihr das Geheimnisvolle.
"Leonora im Morgenlicht", unter anderen bei AppleTV+ und Amazon Prime
"Leonora im Morgenlicht", Filmstill, 2025
Die Frau, die auf Andy Warhol schoss
Am 3. Juni 1968 betrat Valerie Solanas Andy Warhols Factory und schoss dreimal auf den Pop-Art-Künstler. Schon damals begann der Kampf um die Deutungshoheit dieser Tat. War Solanas, die mit ihrem "Scum Manifesto" alle Männer von der Erdoberfläche tilgen wollte, eine psychotische Geisteskranke, die einen Rachefeldzug gegen einen berühmten Künstler führte, weil der sie nicht genug beachtet hatte? Oder war sie eine radikale Vordenkerin, die mit gewalttätigen Methoden gegen die Unterdrückung von Frauen kämpfte?
Ein Dokumentarfilm der feministischen Autorin und Regisseurin Ovidie, der nun auf Arte zu sehen ist, versucht, der Person hinter der Projektionsfläche auf die Spur zu kommen. Anhand von Solanas' Schriften, Archivmaterial und Interviews mit Zeitzeuginnen entsteht das Bild einer Frau, die sich gegen eine vorbestimmte Existenz wehrte und dabei zu extremen Mitteln griff. Als Kind wurde sie von ihrem Vater missbraucht, mit 16 verkaufte sie ihr Baby an ein wohlhabendes kinderloses Ehepaar. Wie sie in ihren Erinnerungen schreibt, verstand sie schon damals, wie mächtig und gleichzeitig ausgeliefert Frauen sein konnten, wenn sie ihren Körper einsetzen.
Die Entscheidung, Andy Warhol zu erschießen, bei dem sie in einem Film mitgespielt hatte, war kein Affekt, sondern ein rational gefasster Plan. Der Factory-Gründer stehe für alles, was sie verachte, schrieb Solanas. Hier wandelt die Dokumentation auf einem schmalen Grat. Einerseits kann man den empathischen Blick auf Valerie Solanas nachvollziehen, und tatsächlich hat sie aus den Erfahrungen von Unterdrückung bahnbrechende Gedanken abgeleitet, die in der Gendertheorie noch heute relevant sind. Andererseits hat sie jedoch mittelbar einen Menschen getötet. Andy Warhol starb 1987 mit 58 Jahren an den Spätfolgen seiner Schussverletzungen.
"Ich habe auf Andy Warhol geschossen - Scum Manifesto", Arte-Mediathek, bis 30. April 2026
"Ich habe auf Andy Warhol geschossen - Scum Manifesto", Filmstill, 2024
Der große Spielfilm-Wurf einer Künstlerin
Wo sind die Hasenohren? Nachdem die Filmcrew aus New York im argentinischen Dörfchen San Cristóbal angekommen ist, macht sie sich auf die Suche nach einem seltsamen Mikro-Trend, der hier offenbar grassiert: Menschen sollen in Hasenkostümen zu den Klängen eines lokalen Musikers tanzen, so ist es jedenfalls im Internet zu sehen. Und die edgy Produktionsfirma Creative Lab, deren Aushängeschild die in die Jahre gekommene Jugendkultur-Ikone Edna ist (konsequent besetzt mit Chloë Sevigny), jagt sensationsversprechenden Inhalten auf der ganzen Welt hinterher, um sie für ein großes Publikum aufzubereiten. Wo also sind sie, die viralen Löffel?
Die als bildende Künstlerin bekannt gewordene Argentinierin Amalia Ulman erzählt mit ihrem zweiten Spielfilm "Magic Farm", der bei Mubi zu sehen ist, von allerhand Verwicklungen und Missverständnissen, die durch die Ankunft der Hipster in der südamerikanischen Peripherie ausgelöst werden. Es ist gleich ein doppelter Zusammenprall: einmal von globalem Norden und Süden, dann von Stadt und Land. Die gringos und die Dorfbewohner lernen sich schnell besser kennen. Moderatorin Edna, Produzent Jeff, Tonmann Justin und Kamerafrau Elena stellen nämlich bald fest, dass sie im falschen San Cristóbal, sogar im falschen Land sind. Eine dumme Verwechslung. Um ihren Beitrag zu retten, versuchen sie, mit den Menschen vor Ort eine Fake-Reportage zu erstellen.
Die verschiedenen Erwartungen ans Leben sorgen in "Magic Farm" für viele komische Momente, die Amalia Ulman und ihr Cast unangestrengt auf die Leinwand bringen. Nach "El Planeta" (ebenfalls bei Mubi zu sehen), der irgendwie in mumblecore und Seltsamkeit gefangen war, ist der Künstlerin mit ihrem zweiten Film ein großer Wurf gelungen. Allein, wie befreit und verspielt sie mit der Kamera umgeht. Mal steht sie im Kühlschrank, mal hängt sie an einem Straßenhund, mal an einem Skateboard. "Magic Farm" ist wirklich zauberhaft, und Amalia Ulman wird uns hoffentlich noch mit einigen Filmen erfreuen.
"Magic Farm", bei Mubi
Chloë Sevigny in einer Szene von "Magic Farm"
Sie liebten und sie malten sich
In rund einem Drittel von Pierre Bonnards 2000 Gemälden kommt seine Frau Marthe vor, in meist intimen Situationen: beim Ankleiden, Baden, Frisieren. Als der Künstler die gebürtige Maria Boursin 1925 heiratete, war sie schon 56 - und wirkte auf den Porträts immer noch wie das eigensinnige Mädchen von früher. Und dann gab es da noch Lucienne, die Ehefrau des Hausarztes. Auch sie wurde Pierres Geliebte. Aber Marthe wütete erst vor Eifersucht, nachdem sich seine Aufmerksamkeit auf die junge Kunststudentin Renée gerichtet hatte. Als Pierre Marthe doch noch heiratet, begeht Renée Selbstmord.
Was braucht man mehr für ein emotionales Künstlerdrama? Wobei der französische Regisseur Martin Provost in seinem Film "Die Bonnards - malen und lieben" nicht wirklich an den Beziehungswirrungen interessiert ist, sondern die Sicht von Marthe auf ihre eigene, zu kurz kommende Kreativität inszeniert. Dabei geht er mit den biografischen Fakten eher nachlässig um, denn die historische Marthe Bonnard nahm gezielt Malunterricht und brachte es sogar unter dem Pseudonym Marthe Solange zu einigen Ausstellungen in Paris.
Provost inszeniert sie in opulenten Bildern und prächtigen Kostümen, gleichberechtigt zu Pierre. Auf dem Land, wo das Paar erst in der Normandie und später an der Côte d’Azur in einer so anstrengenden wie innigen Symbiose lebt, herrscht ein Kommen und Gehen. Marthe verkriecht sich in dieser Idylle. Cécile de France spielt sie energiegeladen als hingebungsvolle Partnerin, die nackt durch den Garten rennt und Pierre dazu animiert, Naturerscheinungen in seine Kunst einfließen zu lassen, die in diversen Arbeitsszenen nicht zu kurz kommt. Spätestens mit dem Auftauchen der Rivalin Renée gerät aber die ohnehin fragile Beziehungsbalance aus dem Takt. Pierre wünscht sich ein Leben zu dritt, die Frauen lehnen ab.
Immerhin löst seine Bildungsreise nach Rom, in Begleitung der neuen Geliebten, wohl aus dramaturgischen Gründen einen Kreativitätsschub bei Marthe aus. Die historische Vorbildfigur hatte zu diesem Zeitpunkt längst gemalt. Sie arbeitet wie im Rausch, was aber nach Pierres Rückkehr und Heirat nichts an ihrem Status quo als unterschätze Künstlerin ändert.
"Die Bonnards - malen und lieben", bei Amazon Prime zum Leihen und Kaufen
"Die Bonnards - Malen und Lieben", Filmstill, 2025
Die Befreiung aus der Kommune von Otto Muehl
Es ist Sommer, ewiger Sommer. Die 14-jährige Jeanne (Jana McKinnon) balanciert einen Schmetterling auf den Fingern, sie und die anderen Kids baden im See, malen, spielen, reiten. Dazu: Performances und Kunsttherapie den lieben langen Tag. Doch schon der Filmtitel widerspricht: "Servus Papa, See You in Hell". Papa, das ist Otto (Clemens Schick), Oberguru einer Lebensgemeinschaft und Künstlerkolonie auf einer Insel, die in Wahrheit keine ist. Es braucht Zeit, Standfestigkeit und Mut, um das falsche Paradies als solches zu durchschauen.
Auch davon, von einer Befreiung, erzählt der Film, den Christopher Roth über Umfeld und Opfer des Missbrauchstäters, Aktionskünstlers und Kommunengründers Otto Muehl (1925-2013) drehte. Das Skript schrieben Roth und Jeanne Tremsal, die im Film ihre eigene Mutter spielt. Fesselnd erzählt der Film von Gemeinschaftsgefühl, Gruppenterror und dem Aufstand der Kinder; mit Julia Hummer, Aenne Schwarz, Dirk von Lowtzow, Hanns Zischler und Helene Hegemann ist das Drama bis in die Nebenrollen stark besetzt.
"Servus Papa, See You in Hell", HR-Mediathek, bis 21. Oktober 2026
"Servus Papa, See You In Hell", Filmstill, 2022
Auf der Jagd nach den Giacometti-Fälschern
Auch wenn es sich die Akteurinnen und Akteure in der Kunstwelt sicher anders wünschen: Ein breiteres Publikum interessiert sich vor allem dann für wertvolle Kulturgüter, wenn sie in Verbrechen verwickelt sind. Dies zeigt einmal mehr der Diebstahl der royalen Juwelen aus dem Louvre - Schätze, für die sich vorher offenbar niemand so wirklich begeistert hat. Zusammen mit dem Boom von True-Crime-Formaten führt das dazu, dass Kunstkrimis auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gefühlt mehr Raum einnehmen als klassische Kulturberichterstattung.
Neben neuen Folgen des Deutschlandfunk-Podcasts "Tatort Kunst" gehört dazu auch die frisch veröffentlichte dreiteilige Serie "Millionen-Fake: Jagd auf die Kunstfälscher" im WDR. Darin geht es um einen der spektakulärsten Betrugsfälle der vergangenen Jahrzehnte. 2009 kam das Stuttgarter Landeskriminalamt einem internationalen Geschäft mit Giacometti-Fälschungen auf die Spur. Die begehrte Ware, die als Skulpturen des Schweizer Jahrhundertbildhauers Alberto Giacometti ausgegeben war, wurde wie am Fließband vom holländischen "Künstler" Robert Driessen hergestellt und über den Kunsthändler Lothar Senke, "Graf von Waldstein", weiterverkauft. Der Schaden ging in die Millionen.
Die Doku-Serie, die mit allen beliebten Krimi-Mitteln arbeitet (nachgestellte Szenen, schummriges Licht, Pink-Panther-Gangstermusik) vollzieht mit den realen Protagonisten die Ermittlungen nach, die zur Aufdeckung des Fälscherrings führten. Durch Undercover-Beamte gelingt bei einer vermeintlichen Geldübergabe die Festnahme des "Grafen" und eines Komplizen - doch Fälscher Driessen entkommt zunächst nach Thailand, wo er ein Café betreibt und offenbar bereitwillig und ohne jegliches Unrechtsbewusstsein mit Medien über seine Rolle als Kunstwerkslieferant spricht. Später wird er auf einer Europareise doch noch gefasst und zu einer fünfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt.
Der Reiz des Formats besteht aus dem Clash der verschiedenen Protagonisten: Die Akribie der Ermittler aus Baden-Württemberg, speziell das Engagement einer jungen Staatsanwältin, trifft auf die Hybris der Fälscher, die sich ganz offenbar als Gentlemen-Gangster betrachten. Auch über die Gier des Kunstmarktes, der immer neue "Meisterwerke" verschlingt, ohne allzu genau nach der Herkunft zu fragen, lässt sich einiges erfahren. Dafür nehmen die Macher aber in Kauf, dass sowohl Robert Driessen in seinem thailändischen Ruhestandsparadies als auch der inzwischen wieder freigelassene "Graf von Waldstein" an ihren eigenen Narrativen spinnen und um das Mitgefühl des Publikums werben dürfen. Wie es der französische Skulpturen- und Giacometti-Experte Hubert Lacroix auf den Punkt bringt: "Die Leute sehen Fälscher als Mythos, dabei geht es um organisierte Kriminalität. Der wahre Mythos sind die Künstler."
"Millionen-Fake: Jagd auf die Kunstfälscher", WDR-Mediathek, bis 2030
Der Kunstfälscher Robert Driessen in "Millionen Fake", 2025
Raus aus dem Schatten der Geschichte
Schwarze Kunst wurde lange von den westlichen Institutionen ignoriert – erst in den 1970er-Jahren begann eine Veränderung. 1976 strömten die Menschen ins Los Angeles County Museum of Art, um sich die von David C. Driskell kuratierte Ausstellung "Two Centuries of Black American Art" anzuschauen - eine Schau, die erstmals in großem Stil die Leistungen Schwarzer Künstlerinnen und Künstler in den Mittelpunkt rückte.
Der Dokumentarfilm "Black Art: In the Absence of Light" nimmt die Ausstellungseröffnung als Ausgangspunkt für eine historische Reise bis in die Gegenwart. Dabei sprechen zahlreiche zeitgenössische Künstler darüber, wie Driskells Pionierarbeit ihren eigenen Weg beeinflusst hat. So beschreiben unter anderem Kerry James Marshall und Kara Walker, wie sie die Lücken der Kunstgeschichte füllen, neue Perspektiven schaffen und sich so dem Konzept des Mainstreams widersetzen. Auch Museen und Kuratoren müssen sich der kritischen Debatte stellen, denn der Film macht deutlich, wie mühsam der Weg in etablierte Kunsthäuser für Schwarze Künstlerinnen und Künstler war – und teilweise noch immer ist.
Während einige Ausstellungen stark kritisiert wurden, feierten andere Institutionen umso größeren Erfolg; wie das Studio Museum in Harlem, das bis heute als Möglichkeitsraum für Schwarze Künstler bekannt ist. Auch eine neue Generation von Kuratoren und Kunstschaffenden kämpft darum, hartnäckige Strukturen zu verändern und Orte zu schaffen, an denen Schwarze Kunst selbstverständlich präsent ist. "Black Art: In the Absence of Light" ist sowohl Hommage als auch kritische Analyse. Sie würdigt David C. Driskell als Visionär, zeigt aber zugleich, dass die Arbeit an einer wirklich inklusiven Kunstwelt noch längst nicht abgeschlossen ist.
Das hartnäckige Erbe der Leni Riefenstahl
Die deutsche Filmemacherin Leni Riefenstahl (1902-2003) avancierte mit ihrem NS-Parteitagsfilm "Triumph des Willens" zur Hofregisseurin von Adolf Hitler und arbeitete nach dem Ende der NS-Diktatur intensiv daran, sich als "unpolitische" Künstlerin darzustellen. Das dokumentarische Porträt "Riefenstahl" von Andres Veiel entwirft auf der Grundlage ihres umfangreichen Nachlasses ein vielschichtiges Puzzle ihrer Person - wobei es weniger darum geht, die Verstrickungen der Regisseurin ins NS-Regime neu zu beleuchten, als vielmehr dem Weiterwirken ihrer Filme in der Gegenwart auf die Spur zu kommen.
Im Kern geht es um einen pervertierten Schönheitsbegriff, der die Kehrseite des Edlen, Überlegenen und Siegreichen – nämlich das vermeintlich Unwerte, Kranke, Schwache und auch das Fremde – ausblendet. Von Riefenstahls Werk aus, das nicht zuletzt in ihrem "Olympia"-Film den Kult um perfekte Körper zelebrierte, lassen sich durchaus Parallelen zu Instagram-Filtern, Schönheitswahn und Bodyshaming ziehen. Leni Riefenstahl ist wahrscheinlich nicht unschuldig daran, dass die Trias des Wahren, Schönen und Guten gebrochen ist.
Nach 1945 war der Filmemacherin die wundersame Verwandlung in die "verfolgte Unschuld" gelungen. Ihr Kampf bestand fortan darin, der Öffentlichkeit Halb- und Unwahrheiten über ihre Nazi-Vergangenheit aufzutischen und Menschen, die hartnäckig nachhakten, mit Unterlassungsklagen mundtot zu machen. Sandra Maischberger, die Produzentin von "Riefenstahl", hat erzählt, wie sie sich im Jahr 2002 bei einem Interview von der "lieben Greisin" einwickeln und belügen ließ. Da aber "viele Fragen offenblieben", bemühte sich die Journalistin und Moderatorin um den Nachlass in den 700 Kisten, die an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz überstellt worden waren. Sie bot dieser eine aufwendige Inventur des Materials an, um im Gegenzug einen Dokumentarfilm produzieren zu können. 2018 stieg Andres Veiel als Regisseur in das Projekt ein. Seine langjährige, im Ergebnis überaus lohnende Auseinandersetzung mit der hochumstrittenen historischen Figur ist bis zum 22. Mai 2026 in der ARD-Mediathek abrufbar.
"Riefenstahl", ARD-Mediathek, bis 22. Mai 2026
"Riefenstahl", Filmstill, 2024
Wo sind diese ganzen Leben in der Kunst?
Dieser Film braucht keine Dialoge, Bildbeschreibungen genügen: "Wappenlöwe, der den Kopf einer knienden schwarzen Gefangenen zwischen den Pfoten hält", "Junge schwarze Dienerin, die eine Salbenkiste auf dem Kopf trägt", "Eine Sklavin trägt einen Krug und zwei tote Vögel". Dies sind die einzigen Worte des Films "Fragments For Venus", gesprochen aus dem Off. Dazu im Bild eine junge Schwarze Frau, die bedächtig durch die prunkvollen Räume eines Museums schreitet, von einem Gemälde zum nächsten.
Das letzte Abendmahl mit Jesus und seinen Jüngern. Feine Gesellschaften bei einem Festmahl, bekannte Bilder wie die große Odalisque, das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge. Sie alle sind weiß. Die weniger prominenten Figuren in einigen Bildern: Die Essens-Servierer, Vorhang-Aufhalter, Wein-Nachschenker und Schleppen-Träger – sie sind Schwarz.
Viel muss Regisseurin Alice Diop den Schnittbildern nicht hinzufügen. Ihre Kamera gleitet von einem Bild zum nächsten, zeigt still das Profil der jungen Museumsbesucherin vor den alten Gemälden, die Traurigkeit, das Suchen in ihren Augen. Die Protagonistin bleibt stumm und sagt doch so viel. Das Fehlen von Schwarzen Personen in all diesen Werken. Die Abwesenheit ist in Diops Kurzfilm deutlich zu spüren.
Im zweiten Teil kontrastiert die Filmemacherin die Ruhe des Museums mit lebendigen Momenten von den Straßen in Brooklyn. Dort wird eine andere Schwarze Frau zum Auge der Zuschauerschaft. Sie nimmt uns mit, wenn sie auf einer Parkbank sitzt, die Arme auf die Lehne legt und das pulsierende Treiben um sich herum beobachtet. Sie spaziert durch die Straßen, es ist Sommer. Es liegt jedes Mal ein bewunderndes Lächeln auf ihren Lippen, wenn ihr Blick eine Schwarze Frau streift. Etwa eine Polizistin, die zur Musik in ihren Kopfhörern tanzt und währenddessen den Verkehr lenkt, zwei Frauen, die durch das Fenster eines Friseursalons posieren, eine weitere Frau, die sich eine Zigarette anzündet und im Park anfängt zu rappen.
Wo sind all diese unterschiedlichen Menschen in der Kunst? Der Film spricht diese Frage nicht aus, sie stellt sich aber unausweichlich. Die Szenen in New York zeigen: Es gibt so viele Leben, die nicht auf den Leinwänden der großen Meister zu finden sind und doch so repräsentationswürdig wären. Die Message dieses behutsamen Kurzfilms ist deutlich, das Publikum muss sie aber selbst formulieren. Das verdeutlicht: Bilder sind aussagekräftig. Sie repräsentieren und gestalten die Realität.
"Fragments for Venus", bei Mubi
"Fragments for Venus", Filmstill
Joan Didion und die brüchige Mitte
Sie war eine der bedeutendsten literarischen Stimmen der vergangenen Jahrzehnte und wird bis heute für ihr politisches und journalistisches Wirken gefeiert. Denn auch, wenn Joan Didion (1934-2021) für ihre präzise, knappe Sprache und ihre unbestechliche Beobachtungsgabe bekannt wurde, war sie vor allem eins: ein Mensch.
Griffin Dunne, Didions Neffe, nutzt die persönliche Nähe, um eine intime und zugleich respektvolle filmische Annäherung zu schaffen, die das Werk und Leben der Autorin in den Mittelpunkt stellt. Die Dokumentation beleuchtet dabei auch ihre überraschend schnörkellose Arbeitsweise. Didion schrieb mit einer Klarheit, die zugleich analytisch und zutiefst poetisch ist. Ihre Texte – vom New Journalism der 1960er-Jahre über politische Reportagen bis hin zu autobiografischen Auseinandersetzungen – spiegeln den Wandel der US-amerikanischen Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg. Joan Didion beschrieb ihre Umgebung nicht nur, sondern sezierte sie. Sie beobachtete Stimmungen, Gesten, subtile Verschiebungen und machte daraus präzise literarische Momentaufnahmen. Ihre Reportagen über kalifornische Gegenkultur, die Bürgerrechtsbewegung oder außenpolitische Konflikte zeigen eine Autorin, die sich nie mit einfachen Antworten zufriedengab - und Schreiben als Mittel zur Erfassung der Unsicherheit und Zerrissenheit ihrer Zeit verstand.
Auch ihr eigenes Leben war von Brüchen geprägt. Didions erschütternde Memoiren "The Year of Magical Thinking" und "Blue Nights" entstanden aus dem Schmerz über den Tod ihres Ehemanns und ihrer Tochter, wobei die Ehrlichkeit, mit der sie ihren Verlust schildert, nur schwer auszuhalten ist. Diese Tragödien haben nicht nur ihre Literatur, sondern ihr ganzes Wesen geprägt. Dennoch wirkt Didion im Film weder sentimental noch abgeklärt – vielmehr offenbart sich eine fragile Stärke, die zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Die vertraulichen Gespräche und das umfangreiche Archivmaterial ergeben ein vielschichtiges Bild: nicht nur das Porträt einer außergewöhnlichen Schriftstellerin, sondern auch eine Reflexion über Erinnerung, Verlust und die Macht des Schreibens.
"Joan Didion: Die Mitte wird nicht halten", bei Netflix
Joan Didion, John Gregory Dunne, Quintana Roo Dunne, 1968
Visuelle Trips mit M.C. Escher
M.C. Eschers psychedelische Bilder passen so gut zum Kiffen wie Chips und Coca-Cola, in ihnen ist die Welt so flüssig wie auf einem LSD-Trip. Es ist daher kaum verwunderlich, dass der niederländische Grafiker in den 60er-Jahren regelmäßig Briefe von Hippies in London oder San Francisco erhält, die "dem wunderbar verrückten Meister" und "der vollkommenen Quelle des Wahnsinns" huldigen möchten. Allerdings stoßen sie auf wenig Gegenliebe. "Ich verstehe einfach nicht, warum die heutige außer Kontrolle geratene Jugend meine Arbeit so schätzt, aber nach einer Weile wird es anstrengend", notiert Escher in seinem Tagebuch.
Zeichnungen von Treppen, die gleichzeitig hinauf- und hinabführen; Metamorphosen von Fischen zu Vögeln zu abstrakten Ornamenten; Bäche, die bergauf fließen – mit optischen Täuschungen und unmöglichen Figuren wurde der 1898 in Leeuwaarden geborene Maurits Cornelis Escher zum gefeierten Popstar. Wie er selbst auf sein Schaffen blickte, zeigt die Dokumentation "M.C. Escher - Reise in die Unendlichkeit", die ihn anhand von Tagebucheinträgen, Briefen und Vorträgen zu Wort kommen lässt (Erzähler in der deutschen Synchronisation: Matthias Brandt).
Regisseur Robin Lutz bettet Eschers Biografie in die Zeitgeschichte ein, den erstarkenden Nationalsozialismus und Antisemitismus, den Krieg, die Hungersnöte in den Niederlanden. Ausführlich kommen auch Eschers Kinder zu Wort. Immer wieder aber durchbricht er das Dokumentarische mit liebevollen Spielereien, erweckt er Eschers berühmteste Werke mittels Animationen zum Leben.
Der Künstler selbst begeisterte sich für diese Art des Films, für die Übergänge vom Einzelbild zum Bewegtbild, vom Zweidimensionalen zum Dreidimensionalen. Sein Interesse sei dabei nie ästhetischer, sondern stets mathematischer Natur gewesen, betonte er. "Vernünftige Menschen dürfen das gerne für belanglos halten."
"M.C. Escher - Reise in die Unendlichkeit", Arte-Mediathek, bis 14. Mai 2026
Der Maler M.C. Escher