Neuanfang in Paris
"Alice in Paris" klingt erstmal nach Wunderland und Netflix-Serie. Doch der gleichnamige Dokumentarfilm von Mikhail Barynin zeigt die französische Hauptstadt nicht als glamouröse Kulisse voller Frankreich-Klischees, sondern als Ort eines ambivalenten Neuanfangs.
Eigentlich lief es für die junge russische Künstlerin Alisa Safina gerade ziemlich gut; mit ihren expressiven Porträts in kräftigen Linien nahm sie sogar an einem großen TV-Wettbewerb für Maler teil. Doch als Wladimir Putin am 24. Februar 2022 den Angriffskrieg auf die ganze Ukraine beginnt, verlässt Alisa sofort ihr Heimatland und landet in Paris. Die Zuschauer begegnen ihr im Prozess des Ankommens in der neuen Umgebung. Sie arbeitet für eine schwer kranke Ex-Galeristin, beklagt die hohen Preise für eine einfache Leinwand und kann endlich offen ihre Liebe zu einer Frau ausleben.
Äußerlich scheint es Alisa recht gut getroffen zu haben. Sie arbeitet in prächtigen Räumen und startet ein kleines Business mit selbst designten Kimonos. Aber aus ihren Worten, die den Film als Erzählerstimme begleiten, spricht auch immer wieder Verunsicherung und die Frage, wo sie hingehört. "Alice in Paris" ist nicht nur ein einfühlsames Porträt einer Künstlerin, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die exilrussische Gemeinschaft in Frankreich. Hier mischt sich die historische Faszination für Paris als Stadt der Künstler mit der Notwendigkeit, nach dem Verlust der Heimat irgendwo wieder Wurzeln zu schlagen.
"Alice in Paris", 3-Sat-Mediathek, bis 15. Februar 2027
"Alice in Paris", Filmstill, 2026
Die Befreiung aus der Kommune von Otto Muehl
Es ist Sommer, ewiger Sommer. Die 14-jährige Jeanne (Jana McKinnon) balanciert einen Schmetterling auf den Fingern, sie und die anderen Kids baden im See, malen, spielen, reiten. Dazu: Performances und Kunsttherapie den lieben langen Tag. Doch schon der Filmtitel widerspricht: "Servus Papa, See You in Hell". Papa, das ist Otto (Clemens Schick), Oberguru einer Lebensgemeinschaft und Künstlerkolonie auf einer Insel, die in Wahrheit keine ist. Es braucht Zeit, Standfestigkeit und Mut, um das falsche Paradies als solches zu durchschauen.
Auch davon, von einer Befreiung, erzählt der Film, den Christopher Roth über Umfeld und Opfer des Missbrauchstäters, Aktionskünstlers und Kommunengründers Otto Muehl (1925-2013) drehte. Das Skript schrieben Roth und Jeanne Tremsal, die im Film ihre eigene Mutter spielt. Fesselnd erzählt der Film von Gemeinschaftsgefühl, Gruppenterror und dem Aufstand der Kinder; mit Julia Hummer, Aenne Schwarz, Dirk von Lowtzow, Hanns Zischler und Helene Hegemann ist das Drama bis in die Nebenrollen stark besetzt.
Der Film, der in der ARD-Mediathek zu sehen ist, bekommt gerade wieder eine besondere Brisanz. Im Wiener Aktionismus Museum in Wien ist seit Mitte September eine Soloausstellung von Otto Muehl zu sehen, in der die Verbrechen des Künstlers nur am Rande thematisiert werden. Wer den Fokus vom Täter auf die Opferperspektive verschieben will, ist bei "Servus Papa, See You in Hell" richtig.
"Servus Papa, See You in Hell", HR-Mediathek, bis 21. Oktober 2026
"Servus Papa, See You In Hell", Filmstill, 2022
Mit Pulp auf Zeitreise
Vielleicht liegt es daran, dass die Band Pulp nie wirklich für Jugendkultur stand. Die Musiker um Frontmann Jarvis Cocker waren schon immer etwas verschrobener und konzeptueller als ihre Britpop-Kollegen und versprühten statt Pub- eher Kunsthochschul-Vibes. Künstler wissen, dass es langweilig ist, sich zu wiederholen, und dass verschiedene Lebensabschnitte verschiedene Inszenierungen verlangen. Und so ist auch die jüngste Pulp-Tour mehr als Nostalgie. Natürlich werden auch Klassiker wie "Disco 2000" und "Common People" gespielt, aber die Hits sind in eine opulente Bühnenrevue eingebettet, bei der Jarvis Cocker sein ganzes Repertoire von Selbstironie über Nonchalance bis Ekstase ausspielt.
Wer die Konzerte verpasst hat (oder immer noch in Erinnerungen schwelgt), dem sei der neue Film "Pulp: Bereit für eine Zugabe?" bei Mubi empfohlen. Neben den Live-Qualitäten der Band zeigen die Aufnahmen auch das Gefühl der Band fürs Visuelle. Regisseur Garth Jennings ist ganz offensichtlich Pulp-Fan und reichert das Bühnen-Material mit Archivfunden und liebevollen künstlerischen Animationen an. So hat man am Ende dieser Zugabe nicht nur ein hervorragendes Live-Set gesehen, sondern auch noch einmal den Werdegang der Band erlebt. Schon als Teenager hatte Jarvis Cocker eine Art "Masterplan" für seinen Welterfolg entworfen. Im Rückblick stellt er jedoch fest, dass er froh ist, dass das echte Leben dann doch davon abgewichen ist.
"Pulp: Bereit für eine Zugabe?", bei Mubi
"Pulp: Bereit für eine Zugabe", Filmstill, 2026
Die ersten Spuren der Documenta 16
Die Documenta Sixteen, die offiziell im Juni 2027 eröffnet wird, hat schon begonnen. Haben Sie gar nicht mitbekommen? Nicht verwunderlich, denn die Kasseler Weltkunstschau hat sich angeschlichen. Der Weg bis zur physischen Ausstellung führt über mehrere Sitzungen der New Art School Modality (NASM), die von der Documenta-Co-Kuratorin Romi Crawford verantwortet wird und die neue Formen des Lehrens, Lernens und Kunstschaffens ausprobieren soll. Eine Ausgabe hat bereits stattgefunden, für die zweite Runde kann man sich gerade bewerben.
Im Nachgang der Kurse sollen sogenannte Spuren von Teilnehmenden gesammelt werden, die zu einer Art Archiv der Documenta-Planung werden. Nun kann man die ersten dieser Beiträge auf der Website der D16 entdecken. Der Künstler Hunter Whitaker-Morrow hat aus Ansichten seines Computerbildschirms eine atmosphärische Filmcollage gebaut, außerdem stellt sich das interkulturelle Kasseler Grafikstudio Misprints in Riso vor.
"New Art School Modality: Traces", Documenta Sixteen
Hunter Whitaker-Morrow "Finding a way, somehow course", Filmstill, 2026
Die radikalsten Brüder der Straßenkunst
"Ich kann euch nicht das romantische Klischee liefern, auf das ihr vielleicht hofft. Ich bin nicht der Junge mit der schwierigen Jugend, der ohne Eltern in irgendeinem Plattenbau groß geworden ist." So heißt es im biografischen Theaterstück über Rocco und seine Brüder – eines der spannendsten Berliner Künstlerkollektive, das seit Jahren seine Spuren in der Stadt hinterlässt (hier im Monopol-Interview). In der Welt der Graffiti und der illegalen Kunst sind sie längst eine etablierte Größe. Typisch für sie, dass ihre Aufführung nicht in einem offiziellen Theater spielte, sondern geheim in einem unterirdischen U-Bahn-Schacht.
Die 40-minütige Dokumentarfilm "Rocco und seine Brüder – Radikale Aktionskunst aus Berlin" von Lukas Ratius und Philipp Majer zeigt nun auch einem breiten Publikum das facettenreiche Werk der Gruppe. Dafür findet die erste Interviewszene auf einem Minigolfplatz statt. Der vermummte Mann stellt sich vor, er sei Rocco, seine Brüder schlagen gerade ein paar Bälle.
Von der Springer-Presse seien sie bereits als Schock-Aktivisten bezeichnet worden, erzählt er. Der Minigolfkurs als Kulisse repräsentiert mit einem Augenzwinkern ihren Abenteuerspielplatz Berlin. Dort toben sie sich aus und riskieren viel. Sie laufen durch U-Bahntunnel, besprühen Züge und schenken der Hauptstadt viele künstlerische Interventionen, die sie allerdings nie genehmigt hat.
Eines ihrer gelungensten Werke: Das Zimmer im U-Bahn-Schacht. Mit Sessel, Bett, Fernseher und Tapete richteten sie einen scheinbar gemütlichen Wohnort ein. Das Tapezieren und Möbelschleppen geschah unbemerkt, die Meister der heimlichen Arbeit finden immer Wege, an den Sicherheitsvorkehrungen vorbeizukommen. Die Installation ist ein politisches Werk, verweist sie doch auf die steigenden Mietpreise, die Gentrifizierung, Obdachlosigkeit und den Wandel der Städte.
"Der öffentliche Raum ist eigentlich der nicht-öffentlichste Raum, den es überhaupt gibt. Der unterliegt so vielen Normen und Dogmen und Gesetzen, dass eine Mitgestaltung so gut wie unmöglich ist, beziehungsweise sie ist ganz einfach nicht gestattet", so Rocco. Er und sein Kollektiv bearbeiten diese Räume trotzdem.
"Rocco und seine Brüder - Radikale Aktionskunst aus Berlin", ZDF-Mediathek, bis auf Weiteres
"Rocco und seine Brüder - Radikale Aktionskunst aus Berlin", Filmstill, 2025
Erwachsen werden auf dem Bildschirm
"Gute Bilder bekommen keine Likes, Brüste bekommen Likes." Als eins der Mädchen aus Lauren Greenfields Serie "Social Studies" das irgendwann feststellt, ist sie noch ein Kind, das viel allein ist. Ihren YouTube-Kanal startete sie mit sieben, er war ihr soziales Umfeld. Und schon die Mütter der ziemlich durchschnittlichen Jugendlichen, um die es in dieser Serie geht, posteten ihre Kinder auf Facebook, weil das den größten digitalen Applaus garantiert. Aus demselben Grund präsentieren sich ihre Töchter auf TikTok nur noch extrem sexualisiert.
Lauren Greenfield bat für ihre Doku-Serie, die als Ausstellung gerade auch bei Fotografiska in Berlin zu sehen ist, eine Gruppe von US-amerikanischen Schülerinnen und Schülern um uneingeschränkten Zugang zu allen Social-Media-Aktivitäten. Das Material ist multidimensionales Leben, Leiden, Desaster in Echtzeit. Inhaltlich wie filmisch ist das genial - allein das Footage einer Party gerät erschreckend lückenlos. Als zum Schluss der dealende Obdachlose verprügelt wird, von dem der Junge mit der Überdosis die Drogen hatte und der vor dem Notruf erst bewusstlos woanders hingetragen werden muss, damit die Party weitergehen kann, wird dieser einvernehmliche Racheakt von der Kamera eines Tesla aufgenommen. Gutes TikTok-Material, natürlich. "Lustig und nicht lustig zugleich", resümiert der 16-jährige Veranstalter.
Lauren Greenfield hat die erste Generation dokumentiert, die von Anfang an mit Social Media aufgewachsen ist. Was die Anerkennungsmaschinerie mit ihnen macht, ist manchmal herzzerreißend. Eins der Mädchen sagt am Ende der ersten Folge unter Tränen: "I tried so hard to be white for the Algorithm."
"Social Studies", Disney+
Lauren Greenfield "Girls on Phones, Devon, 13, Zoe, 14, and Ruby, 14, Santa Monica, 2020"
Jay-Z und kein Ende
In der Ära des Streamings scheint sich die Auffassung durchzusetzen, dass man von interessanten Menschen gar nicht genug bekommen kann. Obwohl das Medienangebot immer umfangreicher wird (und die einzelnen Menschen nicht mehr Lebenszeit haben), gibt es viele Formate, die Gespräche mit Prominenten ins schier Unendliche ausdehnen. Ein Beispiel ist der "Zeit"-Podcast "Alles gesagt?", der schon mal acht Stunden dauern kann.
Nun reiht sich auch der US-Rapper Shawn Corey Carter alias Jay-Z in die Riege der Endlos-Plauderer ein. Im Gespräch mit dem legendären Hip-Hop-Produzenten Rick Rubin, der unter anderem am Welthit "99 Problems" mitgewirkt hat, breitet der gebürtige New Yorker in acht Serien-Episoden sein Leben aus. Ästhetisch ist "Jay-Z in ∞" das Gegenteil von Hip-Hop-Klischees. Statt Bling-Bling, teuren Autos und powackelnden Damen bietet das Format eleganten Minimalismus. Jay-Z und Rick Rubin werden in Schwarz-Weiß in prächtigen, leeren Räumen gezeigt (gefilmt wurde im Palais Brongniart in Paris). Als Requisiten gibt es lediglich zwei Stühle und eine Soundanlage, mit der die beiden Protagonisten Jay-Z-Songs anhören.
Die Interviews, in denen es lose um den Weg des Rappers vom Crack-Dealer aus Brooklyn zum Herrscher über ein Musik- und Modeimperium geht, folgen keiner gescripteten Dramaturgie. Die Worte gleichen eher einer Improvisation, die von Thema zu Thema mäandert. Das ist nicht immer zwingend, und manches Spezialwissen zu einzelnen Tracks ist wohl eher etwas für Jay-Z-Nerds. Aber obwohl es metaphorisch gesprochen keine eingängigen Hooks oder Beats gibt, lohnt sich ein Ausflug ins Carterversum. Es ist selten, dass Hip-Hop als Kunstform und Lebensentwurf so ernst genommen wird. Und notfalls kann man ja immer noch vorspulen.
"Jay-Z in ∞", bei Mubi
"Jay-Z in ∞", Filmstill, 2026
Triegel vs. Cranach
Michael Triegel schaut gerne Horrorfilme: "Da weiß ich wenigstens, wovor ich mich fürchte." Im Dokumentarfilm "Triegel trifft Cranach" bezeichnet sich der Leipziger Maler als "eher ängstlicher Mensch". Aber gemessen an seiner Verehrung von Raffael, Michelangelo, Pontormo oder Dürer hat der Gegenwartskünstler doch Mut bewiesen, als er den Auftrag annahm, den fehlenden Mittelteil des Marienaltars im Naumburger Dom neu zu malen.
Die erhaltenen Seitenflügel stammen von keinem Geringeren als Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553), an dessen Malkunst sich der Leipziger nun messen lassen muss. Fünf Jahre lang hat der Regisseur Paul Smaczny den Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig bei der Neuschöpfung im Atelier in der Baumwollspinnerei, bei Terminen im Naumburger Dom und auf Reisen nach Italien begleitet. "Triegel trifft Cranach" ist das Porträt eines Künstlers, der unbeirrt an der "altmeisterlichen" Figuration festhält – und gute Gründe dafür vorbringt.
Obwohl sich der Künstler an Cranachs Stil anlehnen muss, werden die Gestalten der "Sacra Conversazione" auf der Vorderseite von heute lebenden Personen verkörpert. Für das Jesuskind stand ein wirklicher Säugling Modell, Maria trägt die Züge von Triegels 16-jähriger Tochter Elisabeth, die heilige Anna gleicht seiner Ehefrau Christine Salzmann bis aufs fein geformte Haar.
Es macht einfach Freude, Triegel beim Malen zuzusehen, doch ganz glatt läuft das Projekt dann doch nicht. Regisseur Smaczny zeigt die feierliche Einweihung des komplettierten Altars im Westchor vom 3. Juli 2022. Doch der Stolz ist getrübt, denn im Juni hat das zuständige Unesco-Fachgremium ICOMOS Bedenken gegen den Cranach-Triegel-Altar im Naumburger Dom erhoben. Er habe "beträchtliche Auswirkung auf die wesentlichen Merkmale des Welterbes Naumburger Dom", heißt es, er beeinträchtige die Sichtachsen auf die berühmten Stifterfiguren.
Seither wurde der Altar in Naumburg abgebaut, wieder aufgebaut und wieder entfernt, um ab Sommer 2025 "für zwei Jahre Zuflucht im Vatikan" (im Campo Santo Teutonico) zu finden, worüber eine Texteinblendung informiert. Die Landeskirche in Sachsen-Anhalt und Thüringen riskiert mit einem erneuten Aufbau, dass die Unesco den Welterbestatus des Naumburger Doms aberkennt. Michael Triegel hofft das Beste für "sein" Werk. Er scheint die Unbill in Sachen Cranach-Altar allerdings mit Fassung zu tragen.
"Triegel trifft Cranach", zum Leihen oder Kaufen bei Youtube oder Amazon Prime
"Triegel trifft Cranach - Malen im Widerstreit der Zeiten", Filmstill, 2026
José González im Moderna Museet
Der schwedische Singer-Songwriter José González gibt sich auf seinem jüngsten Album "Against the Dying of the Light" ganz schicksalsergeben: Es mache das tägliche Leben einfacher, wenn man so tue, als wäre alles okay, wenn man sich in Akzeptanz übe, auch mal eine mögliche Kampfarena links liegen lasse und sich eingestehe, dass man nicht alles wissen, ändern, beeinflussen kann.
Diese Einstellung mag politisch fatal sein, aber als Rezeptionshaltung für einen Museumsbesuch gar nicht so verkehrt: Zu schneller Widerstand und Einspruch stehen dem Genuss und Verständnis von Kunst doch oft im Weg. Deshalb passt es ganz gut, dass der Sender Arte in seiner Konzertreihe "Sounds Like Art" den 48-Jährigen durch das Moderna Museet in Stockholm schickt, wo er vor Kunstwerken etwa von Maya Deren, Karol Radziszewski, Jockum Nordström oder Wolfgang Paalen seine Gedanken zu den Arbeiten und seine Songs vorträgt.
Dabei gibt es oft interessante Parallelen: Wie der Deutsch-Schwede Carsten Höller hat José González vor seiner künstlerischen Karriere eine naturwissenschaftliche Ausbildung absolviert. Der Musiker spricht außerdem über seine familiären Wurzeln, das Leben seiner Eltern im politischen Exil und seine hoffnungsvolle Vision für die Zukunft.
José González - Sounds Like Art, Arte-Mediathek, bis 22. Mai 2027
Maria Magdalena als zeitlose Frau
Mit der Ausstellung "Maria Magdalena" widmet sich das Städel Museum in Frankfurt am Main gerade einer der vielschichtigsten Frauenfiguren der Kunstgeschichte. Zwischen Sünderin, Heiliger und Vertrauter Christi wurde sie über Jahrhunderte unterschiedlich interpretiert – und oft sah ein männlich geprägter Blick sie als erotische Sünderin. Gerade darum ist sie für die zeitgenössische Kunst eine so ergiebige Figur, wie nun auch ein Dokumentarfilm auf Arte zeigt, in dem unter anderem Städel-Kurator Bastian Eclercy zu Wort kommt: Kunstwerke von Kiki Smith oder Marlene Dumas befragen Themen wie Identität, Geschlechterrollen, Sexualität, aber auch Widerstand, körperliche Unabhängigkeit und spirituelle Stärke. So verschränkt das Motiv der Maria Magdalena das historische Bilderbe mit zeitgenössischen Diskursen.
Die Fotografien von David LaChapelle übertragen die biblischen Szenen in Pop und Modefotografie, verkörpert durch Kim Kardashian. Ähnlich nutzt Lady Gaga in ihrem Musikvideo "Judas" die Figur der Maria Magdalena, um die moralische Ambivalenz sichtbar zu machen – die der Betrachter, nicht die von Maria Magdalena.
Bei der jungen spanischen Malerin Nieves González wird die historische Nacktheit abgeschafft, ihre Figur trägt moderne Kleidung. Sowohl die Ausstellung als auch der Arte-Film schärfen den kunsthistorischen Blick auf eine zeitlose Frau.
"Maria Magdalena: Die (nackte) Heilige", Arte-Mediathek, bis 2031
Marlene Dumas "Naomi Cambell [sic] as Maria Magdalena", 1996, zu sehen im Städel Museum in Frankfurt am Main
Welches ist denn nun das "Schwarze Quadrat"?
"Das 'Schwarze Quadrat' ist einerseits auf den ersten Blick unzugänglich, andererseits ist es ein Bild mit revolutionärer Sprengkraft", sagte Regisseur Peter Meister 2021 im Monopol-Interview über das bekannteste Werk des Malers Kasimir Malewitsch. Das monochrome abstrakte Bild, das gleichzeitig einzigartig und ziemlich leicht zu kopieren ist, spielt auch die Hauptrolle in Meisters Debütfilm, der nun bei Arte verfügbar ist und in dem unter anderem Schauspielerin Sandra Hüller als Killerin auftaucht.
Auf einem Kreuzfahrtschiff wird der echte Malewitsch zuerst geklaut und dann von dem gerissenen, aber als Künstler eher erfolglosen Vincent Kowalski gleich zweimal gefälscht. Spätestens seit Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" hat sich die Luxusjacht, auf der alle gesellschaftlichen Konflikte auf engstem Raum ausgetragen werden, endgültig als Lieblingsort der Satire etabliert.
Auch "Das Schwarze Quadrat" nutzt die erzwungene Nähe auf See, um ein unterhaltsames Verwirrspiel um die multiplen Malewitschs zu entfalten. Nebenbei stellt der Film auch die Frage, was Kunst eigentlich wert ist.
"Das Schwarze Quadrat", Arte-Mediathek, bis 20. Oktober
"Das Schwarze Quadrat", Filmstill, 2021