Streaming-Tipps

11 Kunst-Filme, die Sie im Juni nicht verpassen sollten

Adam Driver und Golshifteh Farahani in "Paterson"
Foto: Amazon Studios

Adam Driver und Golshifteh Farahani in "Paterson"

Die Filme im Juni sind auf der Suche: Nach dem Licht, den richtigen Worten und dem perfekten Entertainment. Und sie fragen nach Lösungen in einer Zeit, in der Streaming die Präsenz ersetzt  



Henri Matisse und die Kraft des Lichts

Mit 60 Jahren brach der Maler Henri Matisse 1930 zu seiner letzten großen Reise auf. Sein Ziel war Polynesien, mit einem Stopp in New York. Während die Weltmetropole ihn mit ihrem von den gläsernen Türmen gebrochenen Licht faszinierte, fühlte er sich auf den pazifischen Inseln fremd und verloren. Trotzdem prägte dieser Aufenthalt die Kunst des Meisters bis zu seinem Tod im Jahr 1954. Diese Dokumentation zeigt den französischen Maler als Reisenden (innerlich und physisch), der von Licht und Farben besessen war. Aus heutiger Perspektive wirft die Inspiration, die Matisse unter anderem in den französischen Kolonien suchte, darüber hinaus auch Fragen zu Exotisierung und kultureller Aneignung an.  

"Matisse - Suche nach dem Licht", Arte-Mediathek, bis 29. Juli 

Henri Matisse in Polynesien 
Foto: Courtesy ARD

Henri Matisse in Polynesien 


Welche Bilder brennen sich in unsere Köpfe?

Wenn wir uns an das Jahr 2015 und die Ankunft von knapp einer Million Geflüchteten in Deutschland erinnern, sind diese Gedanken automatisch mit Bildern verbunden, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Ein Syrer macht ein Selfie mit der Kanzlerin, ein toter Junge liegt am Strand in der Türkei, ein verängstigtes Kind wird aus einem Bus getragen, vor dem ein fremdenfeindlicher Mob tobt, am Bahnhof stehen Menschen Spalier, die Neuankömmlinge mit Blumen, Applaus und Teddys begrüßen. Diese ARD-Dokumentation bietet - abgesehen von einigen arg pathetischen Musikschleifen - einen differenzierte Analyse von Bildern, die Politik gemacht haben. Sie zeigt Hilfsbereitschaft, die Sehnsucht nach Ankommen und den tiefsitzenden Rassismus in Deutschland. Sie fragt außerdem, wie es den Beteiligten heute geht, die wider Willen Teil der europäischen Bildgeschichte geworden sind. 

"Das tote Kind am Strand: Bilder der Flüchtlingskrise", ARD-Mediathek, bis Mai 2021

Selfie mit der Kanzlerin, an den Sommer 2015 erinnern wir uns auch durch Medienbilder
Foto: ARD

Selfie mit der Kanzlerin: An den Sommer 2015 erinnern wir uns auch durch Medienbilder


Filmfestivals im Wohnzimmer 

Weil glamouröse Filmfestivals mit internationalem Publikum durch die Corona-Pandemie gerade unmöglich sind, haben sich die Giganten der Branche zu einer Youtube-Filmorgie zusammengeschlossen. Auf der Plattform - die oft als Konkurrenz zum klassischen Kinobusiness gesehen wird - zeigen unter anderem das Sundance-, das Tribeca- und das Toronto-Film-Festival bis zum 8. Juni Highlights aus ihrem Programm, darunter Weltpremieren, Spielfilmklassiker, Animations- und Kurzfilme sowie Gesprächsrunden mit Weltstars wie Claire Denis oder Oscar-Gewinner Bong Joon Ho. Und schick machen muss man sich für den Teppich im Wohnzimmer auch nicht.

"We Are One", auf Youtube, bis 8. Juni     


Das Genie fährt Bus

Jim Jarmushs Film "Paterson" löste beim Kinostart 2016 gewissermaßen einen introvertierten Hype aus. Alle waren verrückt nach Adam Driver, der den schweigsamen, aber dichtenden Busfahrer Paterson spielt, der passenderweise in Paterson, New Jersey, lebt (das wiederum durch das gleichnamige Gedicht von William Carlos Williams berühmt wurde). Der Film, der den Protagonisten und seine Partnerin Laura eine Woche lang begleitet, ist selbst wie ein Stück Lyrik gebaut. Er lebt von Rhythmus, Wiederholung, die Tage fließen wie zart variierte Strophen dahin. Patersons eigene Gedichte werden immer wieder mit Bildern des örtlichen rauschenden Wasserfalls unterlegt, als stürzten die Worte ähnlich unaufhaltsam aus dem Dichter heraus.

Ein wenig ärgerlich ist die Darstellung der Figur Laura, die offensichtlich selbst künstlerische Ambitionen hegt, Gitarre lernen will und das Interieur ihres Hauses ausdauernd mit schwarz-weißen Mustern bemalt. Während Paterson - der seine Gedichte niemandem außer seiner Partnerin zeigt - als verkanntes Genie im Busfahrerkostüm porträtiert wird, wird Lauras Malerei als belächelnswertes Hobby dargestellt. Den Respekt vor Kreativität, welche Form sie auch immer annehmen mag, verteilt Jarmush sehr ungleichmäßig. 

"Paterson", Arte-Mediathek, bis 7. Juni 


Die Pest auf der Bühne 

Covid-19 ist nicht die Pest, aber dennoch scheinen sich die Menschen gerade jetzt an vergangene Pandemien erinnern zu wollen. Albert Camus' Roman "Die Pest" von 1947 ist vielerorts vergriffen. Da die Theater noch weitgehend geschlossen sind, hat Videokünstler und Regisseur Bert Zander den Roman der Stunde zusammen mit dem Theater Oberhausen und Bürgerinnen der Stadt als Miniserie aufbereitet. Die Schauspieler tauchen wie Geister als Videoprojektionen an verschiedenen Orten auf - so konnten die Dreharbeiten kontaktlos stattfinden und die Protagonisten treffen sich nur virtuell. Ein sehenswertes Experiment, das erstaunlich viele Parallelen zur Gegenwart in Camus' Text offenbart. 

"Die Pest", 3-Sat-Mediathek, bis 2. November    

"Die Pest", Episode 1
Foto: 3 Sat

"Die Pest", Episode 1


Die gar nicht so heile Welt der Astrid Lindgren 

Freche, selbstbewusste Kinder, denen etwas zugetraut wird: So erinnern sich wohl die meisten an die weltberühmten Geschichten der schwedischen Autorin Astrid Lindgren (1907-2002). Dazu kommt noch eine Idee von guter skandinavischer Landluft und einfachem, ehrlichem Hofleben á la Bullerbü. Die Biografie Lindgrens ist dagegen alles andere als idyllisch. Astrid wächst in einer streng religiösen Familie auf und muss ihre Faszination für Geschichten heimlich ausleben. Sie erkämpft sich schließlich einen Posten bei der Lokalzeitung. Als sie vom Verleger schwanger wird, wird sie nach Dänemark geschickt, wo sie ihren neugeborenen Sohn zurücklassen muss. Sie kämpft für ihr Kind und ihre Selbstständigkeit und wird auch aus Verzweiflung zur Erzählerin von Mutgeschichten. Pernille Fischer Christensen erzählt das Schicksal der jungen Frau erfreulich unpathetisch und in klaren schönen Bildern. Zum Glück ist "Astrid" keine Parabel für eine Emanzipation geworden, dafür ist ihre Geschichte zu komplex - und Lindgrens Literatur auch.

"Astrid", ZDF Mediathek, bis 19. Juni


Künstler, die auf Häuser blicken

Die Reihe "Kino Siemensstadt" zeigt seit dem 29. Mai in einem 13-wöchigen Online-Programm Filme zum Thema Architektur. Wie gelingt es der zeitgenössischen Kunst, Stadtgeschichte und Geschichten in bewegte Bilder zu übersetzen, und inwieweit kann sie den aktuellen Diskurs befördern? Die Reihe wurde am 29. Mai mit zwei Filmen von Anri Sala eröffnet. "Lange Trauer" aus dem Jahr 2005, gedreht im 18. Stock eines Wohnhauses im Märkischen Viertel Berlins, schafft eine filmische Sicht auf die modernistische Siedlungsarchitektur in Berlin-Siemensstadt, wo Scharaun seinen Sitz hat. Die Filme werden sechs Tage lang online zu sehen sein, bevor der Countdown für das nächste Programm läuft. Hinter dem Programm steht Olaf Stüber, eingeladen wurde er von Jaro Straub, Direktor des Projektraums Scharaun.

In einem wöchentlichen Zyklus bis Ende August folgen Filme von Filipa César, Ofir Feldman, Nina Fischer & Maroan el Sani, Dani Gal, Andy Graydon, Claire Hooper, Anja Kirschner & David Panos, Nina Könnemann, Knut Klassen & Carsten Krohn, Korpys/Loeffler, Sophie Nys, Mario Pfeifer, Amie Siegel, Shingo Yoshida und Tobias Zielony.

Ende August wird Scharaun eine Auswahl der bisher online gezeigten Arbeiten in einer "Realraum"-Installation präsentieren.

"Kino Siemensstadt", bis Ende August 


Guilty Pleasures - Elvis Presley auf Hawaii

Konzerte anschauen geht in der Corona-Pandemie nur digital, und die Ekstase in der Masse muss man sich vorstellen. Elvis Presley wollte schon 1973 die vereinende Kraft des Rundfunks nutzen und ließ sein Konzert am 14. Januar auf Hawaii per Satellit in 40 Länder übertragen. Elvis ist inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung ein solches Klischee geworden, dass man vergessen kann, was er eben auch war: ein hervorragender Entertainer, der sich in diesen Aufnahmen gerade auf der Kippe zwischen glamourösem Halbgott und Drogenwrack befand. Die Las-Vegas Glitzeroverall-Ästhetik inklusive hawaiianischen Blumenketten sieht heute außerdem erstaunlich und verführerisch camp aus. 

"Elvis Presley: Aloha From Hawaii", ZDF Mediathek, bis 30. Juni


Was vor "The Square" geschah

In der Kunstwelt erreichte der Regisseur Ruben Östlund mit seiner umstrittenen Kuratoren-Satire "The Square" Berühmt- und Berüchtigtheit. Die Making-Of-Dokumentation "Es war einmal ... The Square" ist noch bis zum 16. Juli bei Arte zu sehen. Nun wird auch sein Episodenfilm "Involuntary" von 2008 zum ersten Mal im deutschen Fernsehen gezeigt. Darin reagieren verschiedene Protagonisten auf unterschiedliche Weise auf den herannahenden schwedischen Sommer, der alle etwas kirre zu machen scheint. Zwei junge Mädchen wollen mit lasziven Outfits ihre Grenzen testen, ein Busfahrer will ein Geständnis seiner Fahrgäste für einen Schaden erzwingen. Ruben Östlund hat ein verlässliches Gespür für absurde Situationen, bei denen sich beim Zuschauer Beklemmung und Fremdscham aufstauen. Bei "Involuntary" arbeitet der Regisseur mit Laiendarstellern zusammen, die den Verhaltensstudien eine gewisse Authenzität verleihen. Für seine Verknüpfung von Fakt und Fiktion wurde Östlund jedoch auch schon kritisiert

"Involuntary", Arte-Mediathek, bis 16. Juni



Im Amazonas mit Yael Bartana 

Zwischen Kontemplation und Inferno, zwischen Dokumentation und großer Inszenierung bewegen sich die Filme der israelischen Künstlerin Yael Bartana. Im digitalen Videoraum der Berlinischen Galerie ist nun vom 3. bis 29. Juni ihre Arbeit "Pardes" von 2014 zu sehen. Darin nimmt ein Künstler im brasilianischen Amazonas an einer Ayahuasca-Zeremonie mit einer Schamanin teil. Ein Film über die Suche nach Ekstase und Spiritualität und den tieferem Sinn einer Existenz.  

Yael Bartana "Pardes (Orchard)", IBB Videoraum der Berlinischen Galerie, 3. bis 29. Juni 

 

John Bock als Westernheld 

Der Künstler John Bock entwickelt sich in seinen Filmen immer mehr zum Erzähler von Grusel-Epen. "Hells Bells" von 2017 ist ein Western mit diabolischer Heldin. Bibiana Beglau als ultracooler lonesome cowboy kommt mit einem tauben Kind in die Stadt, das die anderen Charaktere auf unheimliche Art manipuliert. Lars Eidinger ist auch dabei. Eine herrliche Verkehrung der sonstigen Western-Machtverhältnisse, opulente Kostüme und Requisite.

John Bock "Hells Bells", Sadie Coles Online , bis 4. Juni