25 Jahre verhüllter Reichstag

Gewaltig aufgeblasen und luftig zart

Vor 25 Jahren verpackten Christo und Jeanne-Claude den Berliner Reichstag. Unserem Autor ist vom Jahrhundert-Werk ein Stück silberner Stoff geblieben - und eine diffuse Erinnerung an ein Naturwunder in der Großstadt 

Das Stoffstück habe ich immerhin wiedergefunden. Vielleicht sollte man es einrahmen und an die Wand hängen, fünf mal fünf Zentimeter aluminiumbedampftes Polypropylengewebe, wie man bei Wikipedia nachlesen kann. Ich kann mich nicht erinnern, ob diese Musterstücke verkauft oder verschenkt wurden. Sorry, ich weiß nicht mehr viel von dem Tag, an dem wir mit dem ICE von Braunschweig zum verhüllten Reichstag nach Berlin fuhren und abends wieder zurück. Es war ein kurzer Trip, zu dem ich keine anrührenden Anekdoten oder sonstigen personal touch liefern kann. Fragt doch die anderen fünf Millionen.

Es muss der erste Samstag – 24. Juni – oder Sonntag gewesen sein, unmittelbar also nach der vollendeten Denkmalsverhüllung. Das ist 25 Jahre her. Man muss Nachsicht haben mit seinem Gedächtnis. Dieser weiß und silbrig schimmernde Eisberg ist natürlich, nun ja, eingebrannt. Wir fühlten uns angesichts des Faltenwurfs auch an einen gefrorenen Wasserfall erinnert. Ein Naturwunder in Berlin. Kürzlich habe ich ein Foto der Niagara-Fälle ohne Niagara-Fälle gesehen. Für drei Junitage im Jahr 1969 wurde der Katarakt zwecks geologischer Studien trockengelegt. Der feuchten Haut entkleidet, nur noch Knochen. Ein trauriges Bild, ein extremes Gegenbild zur Großskulptur von Christo und Jeanne-Claude, deren Reichstagshülle den Wallot-Bau für zwei Wochen, wie man immer etwas kitschig sagt: verzauberten. 

Zaubertricks sehen leicht aus, machen Spaß und den Künstlern viel Arbeit. Das Projekt von Christo und Jeanne-Claude hatte mehr als zwei Jahrzehnte Vorlauf. Allein technisch und logistisch war das Vorhaben anspruchsvoll – 90 Gewerbekletterer und 120 Montagearbeiter verhüllten das Gebäude mit 100.000 Quadratmetern dickem Spezialgewebe und schlangen 15,6 Kilometer blaues Polypropylenseil um den Block. Doch nahezu unmöglich schien es, die deutsche Politik vom Mammutprojekt zu überzeugen. Philipp Jenninger war 1987 schon der dritte Bundestagspräsident, der das Projekt offiziell ablehnte. Dann wurde Rita Süßmuth 1988 in das Amt gewählt und das Blatt wendete sich. Die neue Präsidentin erkannte die Chancen, ein anderes Deutschland an die silbrige Hülle zu projizieren: "Das war nicht das aggressive Deutschland. Es war eine Botschaft von Kunst und Kultur, die in die Welt ausstrahlte", sagt Süßmuth heute.

Die Reichstagslast der Deutschen

Die meisten ihrer CDU-Parteifreunde waren trotzdem dagegen. Im Februar 1994 gab der Bundestag nach einer heftigen Debatte seine Zustimmung. Wolfgang Schäuble und Angela Merkel wurden angesichts des fertig geschnürten Geschenks von Neinsagern zu Fans. Helmut Kohl blieb wie immer stur bei seiner Meinung, die aber nicht mit Kunstgeschmack, sondern mit Machtkalkül zusammenhing. Der Bundeskanzler wollte das Nein des Bundestages, weil es die Regierungsmehrheit widergespiegelt hätte. Die verlor er bei der Bundestagswahl 1998 an SPD und Grüne. In den längst wieder enthüllten Neorenaissance-Bau am Spreeufer hielt ein Kanzler namens Schröder Einzug. 2007 dann leider auch die AfD.

Das Sommermärchen anno '95 ist vorbei. Das von 2006 ebenfalls, als das Leder rollte und nicht das Polypropylen. Jetzt schaue ich mir die alten Bilder vom "Wrapped Reichstag" an. Und denke an ein altes, schweres Paket, eine Reichstagslast, die wir Deutschen seit dem Kaiserreich mit uns herumschleppen. Die nach dem Ende der Weimarer Republik noch mächtig an Gewicht zulegte. Auf merkwürdige Art war die Reichstagsverhüllung beides: Gewaltig aufgeblasen und zugleich luftig-zart wie Sommerunterwäsche. Mein Musterstück piekst allerdings, wenn ich mit meinen Fingern über die Kanten streiche.

Das Stoffstück von Christos verhülltem Reichstag aus dem Besitz von Monopol-Redakteur Jens Hinrichsen
Foto: Hinrichsen

Das Stoffstück von Christos verhülltem Reichstag aus dem Besitz von Monopol-Redakteur Jens Hinrichsen