Die Filmwelt schaut auf Berlin, wenn am Donnerstag die 26. Internationalen Filmfestspiele starten. Und wie in jeder Berlinale-Saison darf die Stadt auch in Festivalfilmen eine tragende Rolle spielen. Im Eröffnungsfilm der Exil-Afghanin Shahrbanoo Sadat "No Good Men" springen Berliner Locations – neben Drehorten in Hamburg, Hannover und Rostock – für Schauplätze in Kabul ein. Und auch İlker Çatak ("Das Lehrerzimmer") konnte seinen Wettbewerbsfilm "Gelbe Briefe" nicht in der Türkei drehen. "Berlin ist Ankara" erklärt eine Titeleinblendung über einem Panoramabild der deutschen Hauptstadt, dann nimmt die Story eines Künstlerpaars aus der türkischen Theaterszene, das aufgrund staatlicher Willkür seine Arbeit verliert, ihren Lauf. Warum Ankara wie Berlin aussieht, fragt man nach wenigen Filmminuten schon nicht mehr. Uns treibt eine ganz andere Frage um. In welchen Spielfilmen ist die Spreemetropole eigentlich ganz bei sich? Und: Wie könnte ein Ranking der besten Berlin-Filme der gesamten Filmgeschichte aussehen? Angesichts des Zeitraums, der bewegten Stadtgeschichte und der Fülle an Perspektiven und Stilen keine einfache Aufgabe. Hier sind die Top 26 aus 100 Jahren Berlin-Kino.
26. "Das Leben der Anderen", Florian Henckel von Donnersmarck, 2006
Ost-Berlin vor dem Mauerfall. Stasi-Hauptmann Wiesler belauscht vom Dachboden aus die verwanzte Wohnung eines Künstlerpaars. Im Verlauf der Abhöraktion entpuppt sich die Schauspielerin als heimliche Geliebte des DDR-Kulturministers, wird der Schriftsteller zum Dissidenten, während der zuvor systemtreue Wiesler seinen Auftrag sabotiert. Die Darsteller brillieren: Ulrich Mühe (vom Saulus zum Paulus), Sebastian Koch oder Martina Gedeck. Auf der Berlinale wurde das packende, aber bis heute umstrittene Drama nicht für den Wettbewerb nominiert. Viele Ex-DDR-Bürger fanden das richtig. "Der Film ist ein Gruselmärchen, das in einem sagenhaften Land spielt, vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde", schrieb Christoph Hein. Aber Hollywood war begeistert. Kurzum: An einem Oscar-Preisträger kommen wir nicht vorbei, auch wenn die Hauptstadt der DDR im graugrünbraunen Klischeesumpf steckenbleibt.
25. "Nie wieder schlafen", Pia Frankenberg, 1992
Von der Frontstadt des Kalten Krieges zur city that never sleeps: Drei Freundinnen auf Berlin-Besuch setzen sich im Spätsommer 1991 von einer blöden Spreedampfer-Hochzeitsfeier ab, um die frisch wiedervereinigte Stadt zu erkunden. Für ihren (bisher letzten) Spielfilm fuhr Pia Frankenberg mit Kamerafrau Judith Kaufmann auf dem Fahrrad durch Berlin, um anhand der Schauplätze die Geschichte zu entwickeln. Rita, Lilian und Roberta werden zu Flaneurinnen in einem witzigen, experimentierfreudigen Film. Lilian, mit Videokamera ausgestattet, ist auch bei der Umbettung des Alten Fritz in Potsdam dabei. Und sie befragt dort Passanten: "Wenn es den Großen Preußen nicht gegeben hätte, wären wir jetzt alle Schweden!", sagt einer.
24. "Sonnenallee", Leander Haussmann, 1999
Zurück in die DDR der frühen 1970er, ans kürzere Ende der Sonnenallee, das durch einem Grenzübergang vom Westen abgeschnitten war. Bei seinem Kinodebüt pfiff der Bochumer Theaterfürst Leander Haussmann auf Geschichtstreue – und schuf eine hinreißende Coming-of-Age-Nummernrevue. In locker gefügten Episoden wird die Story von Michael (Alexander Scheer), Mario (Alexander Beyer) und ihrer Clique erzählt. Man tanzt zu verbotener Westmusik, verliebt sich zum ersten Mal, muss sich für die NVA entscheiden oder aufs Studium verzichten und hadert überhaupt mit den Schikanen des DDR-Regimes. In Wien – auch mal eine Sektorenstadt – kam der Film so gut an, dass im 22. Gemeindebezirk eine Straße in Sonnenallee umbenannt wurde.
23. "Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?", Slatan Dudow, 1932
Wegen der niedrigen Wassertemperatur wurde eine bauchartige Bucht des Großen Müggelsees – und eine proletarische Kolonie dort – "Kuhle Wampe" genannt. Der gleichnamige Film, an dessen Drehbuch Bertolt Brecht mitschrieb, lässt aber auch an leere Bäuche (Kuhle gleich Mulde) denken; er ist ein bemerkenswertes Dokument der Weimarer Republik in der Spätphase, mäandert zwischen Spiel-, Dokumentar- und Propagandafilm und erzählt von Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot im Berlin ein knappes Jahr vor Hitlers Machtübernahme. Die Nazis verboten ihn zum zweiten Mal, nachdem die Berliner Filmprüfstelle ihn bereits kurz nach der Premiere im Mai 1932 einkassiert hatte. Nach zensurbedingten Änderungen konnte "Kuhle Wampe“ dann einige Monate wieder gezeigt werden. Immerhin mit der großartigen Schlussdiskussion in der S-Bahn, in dem sich junge Leute aus der Arbeiterschaft mit Wohlhabenden streiten. Ein Arbeiter bemerkt, dass die Reichen die Welt sicher nicht verändern werden, worauf einer der Bessergestellten rhetorisch fragt, wer denn stattdessen die Welt verändern könne. Antwort einer engagierten jungen Arbeiterin: "Die, denen sie nicht gefällt."
22. "Cabaret", Bob Fosse, 1972
Ungefähr zur selben Zeit tritt die US-Amerikanerin Sally Bowles, hinreißend gespielt von Liza Minnelli, im Kit Kat Club am Nollendorfplatz auf (fiktiv und nicht zu verwechseln mit dem späteren KitKatClub). In Bob Fosses grandioser Musical-Verfilmung "Cabaret" verliebt sich der britische Schriftsteller Brian in die Sängerin, die von einer soliden Theaterkarriere träumt. Und sich deswegen auch mit möglichst wohlhabenden Männern einlässt, darunter mit dem Adeligen Maximilian, dessen Reizen auch der bisexuelle Brian erliegt. Brutale SA-Horden und das Schicksal eines jüdischen Paars bewegen Brian dazu "Goodbye to Berlin" zu sagen – wie auch die autobiografische Romanvorlage von Christopher Isherwood heißt, der zum Brückenbauer zwischen Weimar-Berlin und der US-Gay-Liberation wurde.
21. "Goodbye Lenin", Wolfgang Becker, 2003
Christiane (Katrin Sass), Mutter zweier erwachsener Kinder, hat sich nach einem mehrwöchigen Psychiatrieaufenthalt zur überzeugten Sozialistin entwickelt. Am 40. Jahrestag der DDR fällt sie aufgrund eines Herzinfarkts ins Koma und verpasst so den Mauerfall und den Einzug des Kapitalismus in Ost-Berlin. Im Juni 1990 erwacht Christiane aus dem Koma. Der Realitätsschock, warnen die Ärzte, könnte tödlich für sie sein. In Wolfgang Beckers Kino-Hit "Goodbye Lenin" gaukelt Christianes Sohn Alex (Daniel Brühl) seiner bettlägerigen Mutter eine fortexistierende DDR vor: Mit Material der "Aktuellen Kamera" und neugedrehten Moderationen seines Kumpels Denis (Florian Lukas) konserviert Alex das DDR-Fernsehen, und verschwundene Ostgüter wie Spreewaldgurken werden in Handarbeit nachproduziert. Weil sich der rasante Wandel nicht ganz vor Christiane verbergen lässt, muss das Illusionsgebäude permanent angepasst werden. "Goodbye Lenin" ist ein liebevoller, milde-satirischer Abgesang – weniger auf die DDR als an diejenigen, die an sie glaubten.
20. "Sommer vorm Balkon", Andreas Dresen, 2004
"Solo Sunny" (Konrad Wolf, DEFA 1980) überspringen wir, weil Renate Krößners legendäre Schlagersängerin zwar in Prenzlauer Berg wohnt, aber für einen richtigen Hauptstadt-Film zuviel durch die DDR-Provinz tourt. Stattdessen steht einer der schönsten Andreas-Dresen-Filme in unserem Best-of-Berlin. Wie Sunny alias Ingrid sind übrigens auch die besten Freundinnen Katrin (Inka Friedrich) und Nike (Nadja Uhl) in "Sommer vorm Balkon" der Feder des großen Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase entsprungen, der unbedingt ins Ranking muss. Außerdem bleiben wir im Prenzlauer Berg: Vom Balkon, auf dem die Freundinnen ihre Sommerabende verbringen, blicken sie auf den Helmholtzplatz; die Kneipenszenen wurden im Bötzowkiez gedreht. Dresens Film ist nicht nur sommerlich, er kühlt mit Katrin Einsamkeitsgefühl und ihrem Disco-Absturz mit anschließendem Psychiatrieaufenthalt sogar deutlich ab. Und irgendwann wird Nikes Wohnhaus samt dem Balkon eingerüstet und die Mieter vertrieben. Klarer Fall von Gentrifizierung. Aber die Mädels halten zusammen.
19. "Berlin – Die Sinfonie der Großstadt", Walter Ruttmann, 1927
Walter Ruttmanns Experimentalfilm entstand in einer Zeit des Aufschwungs. Berlin war zur drittgrößten Stadt der Welt mit etwa vier Millionen Einwohnern gewachsen, die Rentenmark war stabil, US-Kredite flossen, die Kultur blühte. Die "Symphonie" beschreibt einen Tag in Berlin, zeigt die Stadt als lebendes Wesen vom Wachwerden über die von einer Mittagspause unterbrochene hektische Betriebsamkeit bis zur Entspannung und Abendruhe. Das kreisende Licht des damals frisch errichteten Berliner Funkturms setzt den Schlussakkord des Films, den Siegfried Kracauer nach der Uraufführung als "oberflächlich" und "sozial blind" kritisierte, der heute aber als avantgardistisches Meisterwerk anerkannt ist.
18. "Lola rennt", Tom Tykwer, 1998
Tom Tykwer, ein ausgesprochener Verehrer des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski, verlegte den Was-wäre-wenn-Stoff aus "Der Zufall vielleicht" (1981 gedreht, 1987 veröffentlicht) aus dem realsozialistischen Polen in das wiedervereinigte Berlin. Manni (Moritz Bleibtreu) arbeitet als Kurier für einen Hehler. Nachdem er eine Stofftüte mit 100.000 Mark in der U-Bahn liegen ließ, ruft Manni aus einer Telefonzelle seine Freundin Lola (Franka Potente) an, um sie um Hilfe zu bitten. Wenn Manni das Geld nicht abliefern kann, ist das Schlimmste zu befürchten, notfalls müsse er den Supermarkt gegenüber der Telefonzelle ausrauben. Und Lola rennt los, um ihren Vater, den Filialleiter einer Bank, um Hilfe zu bitten. Dreimal rennt sie, zweimal gibt der "Schmetterlingseffekt" der Rettungsstory eine unerwünschte Wendung. Charmant auch die Kollateralwirkungen für Nebenfiguren, die in knappen Fotosequenzen gezeigt werden. Lolas Berliner Laufstrecke ergibt übrigens topografisch keinen Sinn. Umso mehr gelang Tykwer eine popkulturelle Neudefinition Berlins als dynamische, geeinte Metropole.
17. "Die Legende von Paul und Paula", Heiner Carow, 1974
Noch eine Liebesgeschichte in Berlin – doch eine zweite oder dritte Chance bekommen Paul und Paula, die sich auf einer Kirmes in Friedrichshain kennenlernen, leider nicht. Die romantische Tragikomödie nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf zählt zu den erfolgreichsten Filmen der DDR. Nachdem Angelica Domröse und Winfried Glatzeder Anfang der 1980er in den Westen gegangen waren, wurden "Paul und Paula" aus dem DDR-Fernsehen verbannt, nach der Wende wurde er zum Kultfilm. Während des Drehs entstanden in der Singerstraße in Berlin-Friedrichshain – dem zentralen Schauplatz des Films – viele Plattenbauten. Somit ist "Die Legende von Paul und Paula" auch ein Dokument des Ost-Berliner Stadtumbaus, für den ganze Straßenzüge nach und nach weggesprengt wurden.
16. "Eins, zwei, drei", Billy Wilder, 1962
Billy Wilder wuchs in Krakau und Wien auf, 1927 zog er nach Berlin, 1933 wurde er als Jude ins Exil getrieben und machte ab den 1940ern in Hollywood eine glänzende Karriere mit Thrillern und Komödien. Nach seiner New-York-Elegie "Das Appartement" drehte er in Berlin "Eins, zwei, drei", der wohl nur aus einem Grund floppte: Während des Außendrehs wurde die Mauer gebaut. Und die an sich witzige Geschichte vor dem Hintergrund Ost-West-Konflikt sah plötzlich alt aus: MacNamara (James Cagney), Direktor der Berliner Coca-Cola-Filiale, will Leiter der Londoner Brause-Zentrale werden. Sein Traum könnte platzen, als sich Scarlett Hazeltine, Tochter seines Kommunisten hassenden Chefs in Atlanta, während ihres Berlin-Trips in den Jungkommunisten Otto Ludwig Piffl (Horst Buchholz) verliebt hat. Der ausgefuchste MacNamara sorgt dafür, dass Piffl im Osten verhaftet wird, sieht sich aber gezwungen, ihn loszueisen, als herauskommt, dass Scarlett von Otto schwanger ist. Da die Hazeltines ihrerseits nach Berlin jetten, muss der eigentlich linientreue Otto im Schnelltempo zum kapitalistischen Grafen zu Droste-Schattenburg umgemodelt werden. Wilders zynisches Nachkriegsberlin ist voller Karrieristinnen (herrlich: Liselotte Pulvers als Monroe-Parodie angelegte Chefsekretärin) und Wendehälse – von den zu lupenreinen Demokraten mutierten Ex-Nazis bis zu den sowjetischen Kommissaren, die die sich eins-zwei-drei mit Sex und Zaster bestechen lassen. Anfang der 1980er wurde die Komödie zum westdeutschen Programmkino-Hit.
15. "Berlin Alexanderplatz", Burhan Qurbani, 2020
Eine Verfilmung von Alfred Döblins berühmtem Roman muss vorkommen, und es mag unfair sein, die Adaptionen mit Heinrich George und (in Fassbinders Fernsehserie) Günter Lamprecht als Franz Biberkopf zu übergehen. Trotzdem entscheiden wir uns für die Verfilmung von Burhan Qurbani, der den Underdog, der ein "anständiges Leben" führen will und daran immer wieder scheitert, mit dem Schwarzen Schauspieler Welket Bungué besetzte und die Geschichte aus dem Berlin der späten 1920er in die heutige Metropole versetzt. Aus Francis, der bei der illegalen Überfahrt von Westafrika nach Europa seine Geliebte verliert, wird in Berlin Franz, der vom psychopathischen Reinhold (Albrecht Schuch) benutzt und manipuliert wird. Ganz schön kühn – Döblins Klassiker als Geschichte einer Migration und Identitätssuche im 21. Jahrhundert zu erzählen. Und es gelingt, trotz gewisser Reibungsverluste. Dass der Alexanderplatz heute das zeitgenössische Großstadtleben symbolisierte, wie es in der Romanvorlage der Fall ist, lässt sich aber schwerlich behaupten.
14. "Oh Boy", Jan-Ole Gerster, 2012
In schwarz-weißen, mit Jazzmusik unterlegten Großstadtbildern erzählt "Oh Boy" vom Flaneur Niko (Tom Schilling), der sich einen Tag und eine Nacht durch die Hauptstadt treiben lässt. In verschiedenen Episoden entwirft der Film das mal komische, mal finstere Porträt einer urbanen Gesellschaft, in der ein rauer Ton herrscht und eine Distanz- und Respektlosigkeit grassiert, die schnell in Gewalt umschlagen kann. Ein Film, der traumverloren zwischen Stimmungsbild und Satire, Tragik und Komik, Alltäglichem und Zuspitzungen balanciert – und sämtliche Vorzeige- und Hotspot-Kulissen Berlins klug ignoriert. Gerade deshalb: ein waschechter Berlin-Film.
13. "Berlin Calling", Hannes Stöhr, 2008
Techno ist das Leben von Martin Karow, bekannt als DJ Ickarus, und mithilfe von Drogen meint er, rund um die Uhr kreativ bleiben zu können – bis er durch eine Ecstasy-Pille aus der Bahn geworfen wird. Auf der Suche nach der richtigen Musik für seinen Filmstoff über einen DJ, der mit Plattenkoffern umherzieht und kein Superstar ist, stieß Hannes Stöhr auf den Liveact-Musiker Paul Kalkbrenner, der sich als talentierter Schauspieler erwies. "Berlin Calling" schillert zwischen Tragik und Komik. Martin erleidet eine drogeninduzierte Psychose, irrt durch Berlin, reißt sich die Kleider vom Leib, landet in einer Nervenklinik, wo er sich mit Unterstützung einer Ärztin (Corinna Harfouch) wieder aufrappelt. Reale Drehorte wie die Clubs Maria am Ostbahnhof und Bar 25 fangen die einzigartige 24/7-Afterhour-Kultur Berlins ein, die in der Covid-Pandemie geschwächt wurde, sich inzwischen aber neu sortiert.
12. "Coming Out", Heiner Carow, 1989
Sieben Jahre kämpfte Heiner Carow bei der DEFA um sein Projekt, das als einziger DDR-Film mit zentral homosexueller Thematik 1989 durchs Ziel ging – seine Uraufführung hatte er am 9. November des Jahres im Kino International, in jener Nacht, als der Grenzübergang an der Bornholmer Straße geöffnet wurde. "Uns Schwule haben sie beim Aufbau des Sozialismus vergessen", klagt ein Überlebender des KZ Sachsenhausen am Ende des Films, der primär von einem Junglehrer erzählt, der mit seiner sexuellen Orientierung hadert, sich aber schließlich zu seiner Homosexualität bekennt und der betonköpfigen Schulleitung damit die Stirn bietet. Die Wahl des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums in Pankow als Drehort war nicht ohne Pikanterie, da zeitgleich zum Dreh einige Schüler nach öffentlicher Kritik an den Militärparaden der NVA von dieser Schule verwiesen wurden. Einige Szenen wurden an tatsächlichen Schwulentreffpunkten in Ost-Berlin gedreht, am Märchenbrunnen im Friedrichshain, in der seit Januar 2000 nicht mehr existierenden Bar Zum Burgfrieden oder in der Schoppenstube, die im Juni 2013 geschlossen wurde.
11. "Fabian oder Der Gang vor die Hunde", Dominik Graf, 2021
"Irgendwie ist sie total heutig", charakterisierte Titeldarsteller Tom Schilling die von Erich Kästner stammende Geschichte im Interview, "Und diese Figuren wie Jakob Fabian, die so durch die Zeit taumeln und eher zuschauen und mit so einem Fatalismus und fast einem Ekel auf die überhitzte Gesellschaft schauen und auf das, was um sie herum passiert", die gebe es auch jetzt. Dominik Grafs Verfilmung legt auf zeitgeschichtliche Details keinen besonderen Wert, die Reise ins Jahr 1931 des Romans beginnt sogar in der Jetztzeit im historistischen U-Bahnhof Heidelberger Platz. Auf locker-spielerische Weise, mit Formaten und Perspektiven experimentierend erzählt Graf in "Fabian" die Geschichte eines zynischen Werbetexters, der mit seinem Freund Labude (Albrecht Schuch) durch das dekadente Berliner Nachtleben zieht, sich in eine Rechtsreferendarin mit Schauspiel-Ambitionen (als Cornelia: Saskia Rosendahl) verliebt und von ihr enttäuscht wird – und der sich schließlich von Berlin abwendet. Auch das: die Großstadtmüdigkeit, kommt uns "heutig" vor.
10. "Menschen am Sonntag", Robert Siodmak/Edgar G. Ulmer, 1930
Als herausragendes Beispiel der Neuen Sachlichkeit folgt der Stummfilm fünf jungen Leuten aus Berlin an einem Sommerwochenende. Billy Wilder schrieb mit am Drehbuch. Gedreht wurde mit Laiendarstellern. Ein Flirt am Bahnhof Zoo, ein Ausflug zum Wannsee, ein Picknick am Ufer, Liebelei und Eifersucht – und neben Spielszenen viele dokumentarische Einschübe. Am Hausvogteiplatz fängt die Kamera die stille Sonntagsstimmung ein. Ein einzelner Herr betrachtet das Denkmal des Großen Kurfürsten, Spaziergänger folgen einem Musikkorps im Gleichschritt. Die Berlin-Collage inspirierte den poetischen Realismus im Frankreich der 1930er und wirkte stilbildend für den italienischen Neorealismus. Dass auf den Sonntag der Montag folgt, mit Arbeiterkolonnen und Kindern auf dem Schulweg, spart der Film nicht aus. Trost verkündet der letzte Zwischentitel: "Vier Millionen warten auf den nächsten Sonntag".
9. "Die Mörder sind unter uns", Wolfgang Staudte, 1946
15 Jahre später sind Siodmak, Ulmer und Wilder in Hollywood. Und Berlin ist völlig zerstört. In Ateliers in Babelsberg und Berlin-Johannisthal sowie an zahlreichen Außenschauplätzen wie Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof), Kleine Andreasstraße in Friedrichshain oder Petri-Kirche dreht Wolfgang Staudte den ersten Trümmerfilm. Hildegard Knef spielt die KZ-Überlebende Susanne, Ernst Wilhelm Borchert den Kriegsheimkehrer Hans. Eine Liebesgeschichte bahnt sich an, verdunkelt durch eine Wiederbegegnung: Hans trifft zufällig auf seinen früheren Hauptmann Brückner, der ein Massaker in Polen verantwortet, aber nun als geachteter Geschäfts- und Biedermann aus Stahlhelmen Kochtöpfe produzieren lässt. Am Weihnachtsabend 1945 steigt in Hans die Erinnerung an den Massenmord wieder auf. Und er beschließt, den Mörder zu richten. Staudtes Film ist nicht nur ein eindrucksvolles Zeitdokument aus Berlin, sondern ein bedeutendes Drama um Schuld und kollektive Verantwortung.
8. "Der Himmel über Berlin", Wim Wenders, 1987
Es gibt zwei Deutschlands in den 1980ern, aber nur einen Himmel darüber. Der geteilte Himmel – um Christa Wolfs Romantitel aufzugreifen – ist in Wim Wenders berühmtem Berlin-Film der Himmel, den wir Menschen miteinander teilen. Nur die Gedanken sind frei – wie die beiden Engel Damiel (Bruno Ganz) und Cassiel (Otto Sander), für die Grenzen bedeutungslos sind. Sie wandeln überall, erfahren alles, lesen die Gedanken der Menschen, helfen und heilen, wo sie können. Umgekehrt können sich die Engel aber nicht bemerkbar machen. Als er sich in die traurige Trapezkünstlerin Marion (Solveig Dommartin) verliebt, reift der Wunsch in Damiel, seine Flügel abzustreifen und ein Mensch zu werden. Je nach Perspektive zeigt Wim Wenders Berlin in Farbe (Menschenwelt) oder in Schwarz-Weiß (Engelsperspektive). Wichtige Drehorte sind die Siegessäule (vorwiegend im Studio nachgebaut), der Potsdamer Platz als Niemandsland, die Staatsbibliothek oder der Anhalter Bahnhof. Berlin als gebrochene, geschundene, aber in ihrer Subkultur auch vitale Stadt wird zur eigentlichen Hauptfigur. Aus diesem Grund beeindruckt das in Los Angeles angesiedelte Remake "City of Angels" auch viel weniger als Wenders' poetisches Meisterwerk.
7. "Der schöne Tag", Thomas Arslan, 2001
Thomas Arslan wurde durch seine Berlin-Trilogie bekannt, die dem Leben junger türkischstämmiger "Gastarbeiter"-Kinder der zweiten und dritten Generation nachspürt. Für die lakonisch-unaufgeregte Erzählweise, die Arslan mit Filmemachern wie Angela Schanelec und Christian Petzold teilt, wurde der Begriff "Berliner Schule" geprägt. Klingt gut, obwohl wir immer noch nicht wissen, was das eigentlich sein soll. Arslans Trilogie besteht aus "Geschwister – Kardeşler" (1997), "Dealer" (1999) und "Der schöne Tag" (2001) um die 21-jährige Synchronsprecherin Deniz (Serpil Turhan), die sich an einem Tag von ihrem Freund Jan trennt, mit Diego in der U-Bahn anbandelt, aber feststellt, dass der auch nicht zu ihr passt. Eine tragfähige Lovestory ist das nicht, aber Arslan sind vor allem Deniz Wege durch Berlin wichtig – sie wohnt bezeichenderweise am Übergang zwischen Kreuzberg, Tiergarten und Mitte; es kann in alle Richtungen weitergehen. Die Wege prägen den Rhythmus des Films. "Der schöne Tag" ist ein Film der Passage, was man durchaus im Sinn einer musikalischen Idee auffassen kann. Keine Großstadtsymphonie, sondern eine Großstadtminiatur.
6. "Asphalt", Joe May, 1929
Zurück in die UFA-Ateliers in Neubabelsberg. Hier wurden die Berliner Straßenzüge Ende 1928 fast vollständig aus Holzkonstruktionen nachgebaut und von Studiolicht beleuchtet. "Asphalt" zählt zu den letzten Stummfilmen des Weimarer Kinos und gehört zum Genre der "Straßenfilme". Der Vorspann zeigt dokumentarisch, wie Asphalt hergestellt wird, "wie er gierig das offene Land verschlingt, um den Weg für den Stadtverkehr zu bahnen –: dieses donnernde Chaos, das […] durch die magischen Gesten des Polizisten gemeistert wird", schrieb Siegfried Kracauer in seinem berühmten Buch "Von Caligari zu Hitler". Der vielleicht beste Film des österreichischen Regisseurs und Produzenten Joe May, ein Sozialstück wie aus Zilles Kleine-Leute-'Milljöh', erzählt von dem jungen Polizisten Holk, der sich in eine Diebin verliebt (die er trotz eines Delikts laufen lässt), ihren Liebhaber aus Notwehr tötet und schließlich vom eigenen Vater – einem Hauptwachtmeister – festgenommen werden muss. Aber es geht gut aus, weil Else die Wahrheit gesteht: Hartes Berliner Pflaster – weiche Menschenherzen.
5. "Bildnis einer Trinkerin", Ulrike Ottinger, 1979
Würde man eine historische Berlin-Karte der 1970er als Topografie der Kneipen und besseren Abfüllstellen zeichnen wollen: Ulrike Ottingers experimentell-manieristischer Film wäre eine gute Recherchequelle. Eine elegante Dame von Welt (Tabea Blumenschein) fliegt nach Berlin, um sich zu Tode zu trinken. Sie trifft auf eine obdachlose, wesentlich ältere Trinkerin vom Bahnhof Zoo (Christine Lutze) und zieht mit ihr zusammen um die Häuser, wobei sich die Unterprivilegierte mit "Madame" Bett und Badewanne teilt und sich unterwürfig zeigt. Ein griechischer Chor aus den Frauenfiguren Gesunder Menschenverstand, Exakte Statistik und Soziale Frage kommentiert die Ereignisse, bei denen sich Traum und Wirklichkeit bald nicht mehr unterscheiden lassen. Ein Kultklassiker des queeren und experimentellen Kinos. Hoch die Tassen für Platz Nummer 5.
4. "Victoria", Sebastian Schipper, 2015
"Die Filmgötter müssen besoffen gewesen sein", kommentierte Sebastian Schipper, nachdem ihm und seinem Team am 27. April 2014 zwischen 4:30 und 7:00 Uhr etwas absolut Einmaliges gelungen war. Zwischen Kreuzberg und Berlin-Mitte verfolgte die Kamera Victoria-Darstellerin Laia Costa sowie eine Clique um Frederick Lau und Franz Rogowski in einer schicksalhaften Clubnacht, die in einen Bankraub mündet – in einer einzigen Einstellung, ohne sichtbare Pannen, ohne Schnitt! Das Himmelfahrtskommando, für das Kameramann Sturla Brandth Grøvlen völlig zu Recht einen Silbernen Berlinale-Bären gewann, wäre nicht so sensationell, wenn das Ergebnis nicht so mitreißend wäre. "Wäre ich beim lahmarschigsten Banküberfall aller Zeiten der Fahrer, würde ich mir trotzdem vor Aufregung in die Hose machen", bemerkte Schipper damals im Monopol-Interview. Aber Überfälle im Kino seien oft so langweilig: "Mein Film sollte anders sein, er sollte was von diesem Irrsinn einfangen". Der Coup gelang – und wurde beim Deutschen Filmpreis mit sechs Goldenen Lolas prämiert.
3. "M – Eine Stadt sucht einen Mörder", Fritz Lang, 1931
Den wahnsinnigen Kindermörder, der Berlin unsicher macht, stellt schließlich nicht die Polizei, sondern die Unterwelt. Schließlich bedroht der Psychopath die Geschäfte der "Ehrenwerten Gesellschaft". Es steckt viel "Dreigroschenoper" und Brechtscher V-Effekt in "M", dem besten Berlin-Kriminalfilm aller Zeiten. Beim makabren Schauprozess in einer Schnapsbrennerei hat Titeldarsteller Peter Lorre seine Sternstunde: "Immer, immer muß ich durch Straßen gehen, und immer spür ich, es ist einer hinter mir her. Das bin ich selber". Lorres im großen Monolog zunehmend schriller werdende Stimme geht durch Mark und Bein. Gustav Gründgens’ Obermafioso im Ledermantel erinnert mit seiner anschwellenden Rhetorik ("Dieser Mensch muss weg") an Joseph Goebbels, der zur Drehzeit Gauleiter der Berliner NSDAP war. Im März 1933 bot Goebbels Fritz Lang die Leitung der deutschen Filmproduktion an, woraufhin Lang ins Exil floh und in Hollywood weitermachte.
2. "Gespenster", Christian Petzold, 2005
Dem Berlin des beginnenden 21. Jahrhunderts entspricht vielleicht am besten der Schwebezustand, in den Christian Petzold seine Hauptfigur Nina (Julia Hummer) versetzt. In 24 Stunden erlebt die scheue Außenseiterin ein Wechselbad zwischen Verheißung und Enttäuschung. Eine fremde Französin (Marianne Basler), die seit Jahren ihre als Dreijährige in Berlin verschwundene Tochter sucht, meint in Nina ihre Marie zu erkennen. Und die junge Diebin Toni (Sabine Timoteo) macht Nina erst zur Komplizin und lotst die "beste Freundin" dann zu einem Casting, bei dem das Paar eine authentisch klingende Story zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit erzählt. Alle Figuren sind hier Gespenster, von unklarer Identität, gefangen im Früher oder nach einer unwahrscheinlichen Zukunft greifend. Und Berlin ist bei Petzold kaum wiederzuerkennen: ausgesprochen grün, anonym, frei von Lokalkolorit und Hotspots. Hans Fromms Kamera filmt konsequent an jeglichen Sehenswürdigkeiten vorbei. Berlin ist eine Geisterstadt. Und Christian Petzold erzählt seine fesselndste Gespenstergeschichte.
1. "Der letzte Mann", Friedrich Wilhelm Murnau, 1924
Ausgerechnet ein 100-jähriger Stummfilm als bester Berlin-Film aller Zeiten?! Ja, wir sind noch bei Trost. Und heben Murnaus Meisterwerk, das völlig ohne Zwischentitel auskommt, aufs Siegerpodest. Um vom Abstieg eines tattrigen Hotelportiers – Titeldarsteller Emil Jannings war gerade mal 40 Jahre alt – nur in Bildern zu erzählen, drehte Karl Freund mit "entfesselter Kamera", also einem Apparat, der Stimmungen und Seelenregungen in ungewohnter Beweglichkeit nachzeichnete. Dazu: schwindelerregende Traumsequenzen und staunenswerte Spezialeffekte. Diese Erzählkunst reißt noch heute mit. Glanzvoll inszeniert Murnau einen Abend im Atlantic Hotel (das es in Berlin real nie gab). Inmitten des Trubels markiert der alte Portier den starken Mann, weil seine Livree ihm quasi-militärische Macht verleiht. Unantastbar bleibt seine Ausstrahlung auch nach Feierabend, wenn er in prächtiger Uniform nach Hause ins Arbeiterviertel stolziert. Doch schon am nächsten Morgen wird er zum Toilettenwächter degradiert, ein sozialer Abstieg, er unerträglich scheint: Der nun "letzte Mann" in der Hackordnung muss Mantel und Mütze zurückhaben, um im Hinterhof den Schein wahren zu können. "Der letzte Mann" ist großes Kino, bis in die kleinsten Rollen hervorragend gespielt, dazu ein Weimar-Berliner Mikrokosmos zwischen Hautevolee und Mietskaserne, zwischen Kaviar und Kohlsuppe.