Advertorial

3 besondere Highlights aus der Grisebach-Sommerauktion

Neo Rauch "Leitung" (1997), Öl auf Sperrholz, 55 x 43 cm, Schätzpreis: 80.000–120.000 Euro
Foto: Courtesy Grisebach GmbH / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Neo Rauch "Leitung" (1997), Öl auf Sperrholz, 55 x 43 cm, Schätzpreis: 80.000–120.000 Euro

Am 9. und 10. Juli finden die Sommerauktionen bei Grisebach in Berlin statt. Wir stellen drei hochkarätige Werke von Neo Rauch, Jan J. Schoonhoven und Rudolf Stingel vor


"Leitung" (1997) von Neo Rauch

In den vergangenen 25 Jahren hat der Maler Neo Rauch die Kunst in Deutschland geprägt wie wenige andere Künstler. Er gilt als Mitbegründer der Neuen Leipziger Schule, Rauchs Werke hängen in Museen weltweit, sind in den prominentesten Privatsammlungen vertreten. Als der Künstler 1997 das Gemälde "Leitung" malte, konnte von alledem noch nicht die Rede sein. Rauch stand am Anfang seiner Karriere, arbeitete als Assistent seines ehemaligen Lehrers Arno Rink an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und hatte in der vom Neo-Konzeptualismus dominierten deutschen Kunstszene allenfalls den Status eines Außenseiters inne.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Kunst, die er damals schuf. Nicht wenige erachten Rauchs Bildschöpfungen der 1990er-Jahre als seine stärkste, kraftvollste Phase. Das Gemälde "Leitung" ist in vielerlei Hinsicht exemplarisch für diese Epoche. Das fängt an mit einer vermeintlichen Nebensächlichkeit wie dem Bildträger: Rauch malt auf allem, was er kriegen kann, nicht nur auf Leinwänden, sondern eben auch, wenn es sein muss, auf Sperrholz.

Das Motiv des Bildes wiederum erscheint unauflösbar rätselhaft. Die Komposition verbindet realistische, fast comichaft stilisierte Elemente mit abstrakten, frei assoziierten Partien. Man sieht eine männliche Figur im Retro-Habit und Ausfallschritt, die eine Kabelrolle auf dem Rücken trägt.

Einerseits grenzt Rauch die inhaltlich verschiedenen Bildgegenstände durch die Anwendung unterschiedlicher künstlerischer Mittel (zum Beispiel Faktur oder reine Flächigkeit) gegeneinander ab. Andererseits verbindet er sie durch die angewandten kompositorischen Mittel (etwa in der Verzahnung der unterschiedlichen Raumwirkung der Farben) und stellt dadurch in eigener Schöpferkraft eine künstlerische Totalität her, in der Alles mit Allem nach seinem Befinden zusammenhängt. Insoweit ist dieses Werk ein maltechnisches Kabinettstück, welches einmal mehr belegt, dass gerade bei großer Kunst die handwerklichen Mittel wesentlicher Bestandteil des Bildinhaltes sind.

Am Boden liegt eine zweite Kabelrolle, man erkennt Büsche, Strommasten – einer davon mit einer Art Staffelei –, im Hintergrund ein Gebäude, und nichts ergibt auf den ersten Blick in irgendeiner Weise Sinn. Das ist die Freiheit, die der Maler seinem Publikum bietet: Auf der Suche nach Erklärungen darf jeder seine Gedanken mäandern lassen, wie er will und es vermag.

Ulrich Clewing

 

"R 71-24" (1971) von Jan J. Schoonhoven

Ist es das Spiel von Licht und Schatten, das Jan Schoonhovens Relief "R 71-24" so überaus lebendig erscheinen lässt? Vielleicht! Ganz sicher ist es, was es ist, und stellt auch nichts anderes dar, als das, was es ist: Eine Aneinanderreihung identischer Formen, Rechtecke, deren außen verlaufende Seiten einen Rahmen erzeugen. In der Horizontalen befinden sich fünf quer nebeneinanderliegende Rechteckstrukturen, in der Vertikalen erstrecken sich jeweils zehn Rechtecke. Das lange Seitenmaß einer Form entspricht dem halbierten kurzen Seitenmaß, sodass die parallel angeordneten Rechteckformen zusammen ein Quadrat bilden.

Schoonhoven, der beruflich als niederländischer Beamter bei der staatlichen Post PTT in Den Haag beschäftigt war und sich in jeder freien Minute seiner Leidenschaft, der Kunst, gewidmet hat, formte seine Reliefs aus Papiermaché.

Die notwendige Grundlage, auf der er die während des Herstellungsprozesses feuchten Formen montiert hat, ist eine Holzplatte, die eine größere quadratische Fläche bietet, als die zusammengefügten Rechtecke einnehmen. In dieser Arbeit kommt eine Besonderheit hinzu: Die innere Füllung der einzelnen Formen verläuft schräg von der linken, kurzen Seite des Rechtecks zur gegenüberliegenden Seite. Die Formen haben also keine gerade verlaufende Rückwand oder Innenseite.

Zuletzt hat Schoonhoven das gesamte Relief mit weißer Latexfarbe gefasst. Die monochrome Oberfläche zeigt dennoch die Zartheit ihrer darunter befindlichen Strukturen, wie beispielsweise das als Material hervortretende Papier, das an wenigen Stellen durch den Trocknungsprozess erkennbar ist. Der Lichteinfall verfeinert die Struktur, visualisiert einen Rhythmus aus dreieckig angedeuteten Licht- und Schattenbereichen in jeder einzelnen Form und verleiht der konkreten Reihung einen meditativen, poetischen, lebendigen Duktus stiller Schönheit.

Anne Ganteführer-Trier

Jan J. Schoonhoven "R 71-24" (1971), Relief aus Papiermaché mit Latexfarbe auf Holz, 33x33x4,5 cm, Schätzpreis: 80.000–100.000 Euro
Foto: Grisebach GmbH / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Jan J. Schoonhoven "R 71-24" (1971), Relief aus Papiermaché mit Latexfarbe auf Holz, 33x33x4,5 cm, Schätzpreis: 80.000–100.000 Euro


"Untitled" (2012) von Rudolf Stingel

Wie stets im Schaffen des in Meran geborenen, seit den 1980er-Jahren in New York lebenden Konzeptkünstlers handelt es sich auch bei "Untitled" um ein in seinen Elementen variables Ensemble, in dem Stingel in zahlreichen Anspielungen und Bezügen subtil aktuelle künstlerische Fragen wie jene nach individueller Autorenschaft, nach historischen und kulturellen Einflüssen anklingen lässt.

Der konzeptuelle Charakter der Installationen Rudolf Stingels bewirkt, dass einzelne Teile daraus den Status von eigenständigen Arbeiten annehmen können. Bei "Untitled" spielte ein vom Künstler speziell entworfener Teppich eine entscheidende Rolle. Nach der Ausstellung in London teilte Stingel diesen Teppich in vier Unikate, von denen unser Exemplar eines ist.

Die besondere Beschaffenheit dieses Stücks macht es zum Informationsträger in eigenem Recht: Die feinkörnige Textur gibt Hinweise darauf, dass eine die Kategorien Original und Kopie verschleiernde Technik angewendet wurde – der "Teppich" ist offensichtlich nach digitalen Fotovorlagen gewebt worden.

Auch das Muster weist ungewöhnliche Größenverhältnisse auf: Dies evoziert Assoziationen zu kulturellem Austausch und dessen immanenten Modifikationen von Nutzung und Sinnzusammenhängen – speziell wenn man bedenkt, dass diese Arbeit zuerst in einem historischen Altbau im Zentrum der ehemaligen Kolonialmacht England zu sehen war, dessen übergroße Fenster diese Details zusätzlich betonten.

Ulrich Clewing

Rudolf Stingel "Untitled" (2012), Teppich aus Polyamid. 451x381x1cm, Schätzpreis: 50.000–70.000 Euro
Foto: Rudolf Stingel, Courtesy Sadie Coles HQ, London

Rudolf Stingel "Untitled" (2012), Teppich aus Polyamid. 451x381x1cm, Schätzpreis: 50.000–70.000 Euro