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3 Highlights aus den Grisebach-Winterauktionen 2022

Am 1. und 2. Dezember finden die Winterauktionen bei Grisebach in Berlin statt. Wir stellen hochkarätige Werke von Rosemarie Trockel, Martha Jungwirth und Lynn Chadwick vor

 

Rosemarie Trockel

Ohne Titel“,1990
Wolle auf Leinwand. 160
×300 cm

EUR 300.000 – 400.000
Auktion Zeitgenössische Kunst am 2. Dezember, 18 Uhr


Rosemarie Trockels Werk umfasst ein breites Spektrum an Gattungen und Medien. Es erstreckt sich über Skulptur und Zeichnung zu Collage, Fotografie, Video und Installation und lässt sich dabei kaum nach herkömmlichen Kriterien charakterisieren. Sie verwendet vielfältige Materialien, nicht zuletzt Wolle mit all ihren gesellschaftlich aufgeladenen Bedeutungen. In den 1980er-Jahren entwickelte sie daraus den Werkkomplex der Woll- oder Strickbilder, mit dem sie international bekannt wurde. Das hier präsentierte monochrom blaue Strickbild von 1990 gehört zu diesen Wollbildern. Anders als in Werken, für die sie nach eigenen Entwürfen maschinelle Strickstoffe herstellen ließ, die dann auf Keilrahmen aufgezogen und als Bilder präsentiert wurden, greift sie hier auf vorgefundene Meterware zurück. Als große, einheitliche Fläche ist der Stoff über den Keilrahmen gespannt, die horizontale Laufrichtung der Maschen betont das Querformat. Das intensive Blau, das auch
mit Himmel oder Wasser assoziierbar ist, suggeriert eine große Tiefe und scheint die Möglichkeit zu eröffnen, in den abstrakten Bildraum einzutauchen.

In den früheren Werken füllten v. a. allgemein verständliche Piktogramme oder Signets wie z. B. das Wollsiegel, der Playboy-Bunny, Swastika oder Hammer und Sichel die Bildfläche als fortlaufendes Muster oder singuläres Emblem. Außerdem entstanden Werke mit dekorativen Mustern, der Welt der Haushaltstextilien oder Bekleidungsindustrie entlehnt, oder Schriftbilder mit Slogans und Zitaten – in Computertypografie oder einer Handschrift nachempfundenen Schreibschrift. Sie unterstreichen die klischeehaften Konnotationen geschlechtsspezifischer Arbeit in Gesellschaft und Kunst. In den Werken mit kommerziellen Logos, politischen Symbolen oder Schriftzügen werden die Verweise auf die zeitgenössische gesellschaftliche Realität, deutsche Geschichte oder kunsthistorische Bezüge besonders deutlich. Aber auch die monochromen Arbeiten aus gefundener Strickware lassen sich auf die abstrakte Malerei des 20. Jahrhunderts und Werke männlicher Künstlerkollegen beziehen. Seit Mitte der 2000er-Jahre findet dieser Ansatz seine Fortsetzung in den monumentalen, monochromen, jedoch handgestrickten Wollbildern.

Trockel wird nicht müde, die klischeehaften Konnotationen geschlechtsspezifischer Arbeit in Gesellschaft und Kunst auf subtile oder auch humorvolle Weise aufzuzeigen und zu betonen. Ihre Werke sind Ausdruck einer subversiven, stets scharfsinnigen Auseinandersetzung mit den feministischen Diskursen seit den 1970er-Jahren, mit kunst- und institutionskritischen Debatten, mit der Abwertung der weiblich konnotierten handwerklichen Arbeit in einer zunehmend technisierten Gesellschaft und mit einer männlich dominierten Kunstgeschichte des letzten Jahrhunderts. Dabei bleibt sie stets undogmatisch und frei in ihrer künstlerischen Ausdrucksweise. Roberta Smith beschrieb Rosemarie Trockel treffend als "eine subversive Anti-Malerin und eine engagierte, nicht-ideologische Feministin".

Rosemarie Trockels erste Ausstellungen fanden 1983 in den Galerien Monika Sprüth Köln und Philomene Magers Bonn statt. Ihre jüngsten musealen Einzelausstellungen waren im Moderna Museet Malmö (2018/19), in der Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli in Turin (2016), im Kunsthaus Bregenz (2015) sowie als Wanderausstellung im Museo National Centro de Arte Reina Sofía, Madrid, im New Museum New York und in der Serpentine Gallery, London (2012/2013) zu sehen. Ihre große Retrospektive "Post-Menopause" fand 2005 im Museum Ludwig Köln und im Maxxi in Rom statt. 1999 vertrat sie als erste Künstlerin Deutschland auf der Biennale von Venedig, 1997 und 2012 nahm sie an der documenta in Kassel teil. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, beispielsweise 2004 den Wolfgang-Hahn-Preis der Gesellschaft der Freunde für Moderne Kunst am Museum Ludwig in Köln oder 2011 den Kaiserring der Stadt Goslar.

Dr. Friederike Schuler


Lynn Chadwick

„Sitting Figures“. 1979/80
Bronze mit schwarzer Patina, zweiteilig. 188 
× 88 × 125 cm; 182 × 100 × 131 cm.
Schätzpreis EUR 800.000 – 1.200.000

Auktion Ausgewählte Werke am 1. Dezember, 18 Uhr

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Martha Jungwirth

Portrait“, 1991
Aquarell auf Papier. 206
×115 cm. EUR 50.000 – 70.000Auktion
Zeitgenössische Kunst am 2. Dezember, 18 Uhr


Aus dem Wirbel der Striche und Punkte treten nach und nach die Andeutungen menschlicher Züge hervor, ein Bein, Augen, Nase, Mund. Ein Körper bildet sich heraus, der in seiner fragmentarischen Gestalt trotzdem diffus bleibt. Körper sind das Zentrum von Martha Jungwirths Arbeit: einerseits als immer wiederkehrendes Bildmotiv, andererseits als maßgebliches Werkzeug ihrer künstlerischen Praxis. In expressiven Bewegungen lässt die Künstlerin ihre Motive geradezu auf das Papier explodieren: „Mein ganzer Körper, meine Empfindungen fließen in diese Gesten und in die Malerei ein.“

Trotz der Zartheit von Material und Technik besitzt das Portrait eine außerordentliche visuelle Wucht, der emotionsgeladene und dynamische Malprozess überträgt sich intuitiv. Gleichzeitig scheinen die expressiven malerischen Gesten in Rot und Schwarz im leeren, unendlichen Raum zu schweben. Trotz der Andeutung menschlicher Züge bleibt die Darstellung ohne Kontext, gleichermaßen gegenständlich wie abstrakt. Jungwirth selbst bezeichnet ihre Arbeiten als „intelligente Flecken“. Sie entstehen ohne kompositorisches Kalkül irgendwo zwischen Zufall und Absicht. Die vorliegende Arbeit – eines der für Jungwirth charakteristischen, großformatigen Aquarelle – ist ein eindrucksvolles Beispiel ihres unbeirrbaren Wegs durch Abstraktion und Figuration.

Obwohl die Künstlerin eine einzigartige Position in der österreichischen Gegenwartskunst einnimmt, wurde sie lange übersehen. Jungwirth, eine Zeitgenossin der Wiener Aktionisten um Hermann Nitsch, war Gründungsmitglied der Wiener Künstlergruppe „Wirklichkeiten“, mit deren Mitgliedern sie bis Anfang der 1970er-Jahre ausstellte, und 1977 Teil der documenta 6. In den folgenden Jahrzehnten beschritt sie dennoch weitestgehend fern vom Kunstmarkt und zeitgenössischen Tendenzen ihren ganz eigenen Weg. So entwickelte sie einen unverwechselbaren Stil, der gegenständlich und abstrakt, intuitiv und geplant, kraftvoll und zart zugleich ist.

Diese selbstbewusste Beharrlichkeit zahlt sich schließlich aus: 2014 zeigte die Kunsthalle Krems eine erste große Retrospektive, die Albertina widmete ihr 2018 eine Einzelausstellung, 2021 wurde ihr der Große Österreichische Staatspreis verliehen, und in der Kunsthalle Düsseldorf ist gerade ihre erste umfangreiche Werkschau in Deutschland zu sehen. Jungwirth selbst nennt den späten Erfolg ganz unverblümt einen „Triumph über die Ignoranz“. Eine beeindruckende Künstlerin hat endlich das große Publikum gefunden.

Felicitas von Woedtke
 

Martha Jungwirth "Portrait", 1991, Installationsansicht
Foto: Noshe, VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Martha Jungwirth "Portrait", 1991, Installationsansicht