Kunst-Werke werden 30

Berlin war niemals schöner

Vor 30 Jahren startete die abenteuerliche Verwandlung einer ehemaligen Margarinefabrik zu einem der profiliertesten Ausstellungshäuser Berlins: Ein Rückblick auf die Entstehung des KW Institute for Contemporary Art

Wann kommt endlich die große Netflix-Serie über die Pioniere des Nachwende-Ost-Berlins? KW-Mitbegründer Klaus Biesenbach würde eine zentrale Rolle darin spielen müssen. Der heutige künstlerische Leiter des Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles kann jede Menge Anekdoten aus dieser jetzt schon so fernen und unwirklichen Zeit erzählen: von Kohleöfen, Ruinen, Hausbesetzungen, Wanddurchbrüchen – und sogar von Pistolen.

Der im Bergischen Land geborene Biesenbach kam im Winter 1989 in das von der Weltgeschichte durchgerüttelte Berlin und zog in die verfallene und von Leerstand geprägte Spandauer Vorstadt im Bezirk Mitte. Der Medizinstudent eröffnete gemeinsam mit Freunden Ausstellungsräume in der Krausnickstraße, später zeigten sie Kunst in einer ehemaligen Likörfabrik in der Auguststraße. Zudem betrieb der damals 23-Jährige eine Künstler-Bar in seiner Wohnung. "Viele Erdgeschosswohnungen standen leer. Manche Leute tauschten einfach Türschlösser aus und bezogen die Wohnungen, andere brachen die Wände zu den Nachbarwohnungen auf und besetzten die mit. Wir beharrten allerdings immer auf Mietverträgen und Versicherungen.“

Klaus Biesenbach arbeitete als inoffizieller Praktikant beim Kulturamt Mitte, dort gab es ein Telefon und weitere Kontakte, zu zwei Mitarbeiterinnen der Wohnungsbaugesellschaft etwa. Gisela Schlegel und Jutta Weitz brachten 1991 eine ehemalige Margarinefabrik in der Auguststraße 69 als Kulturzentrum ins Spiel, ganz in der Nähe der ehemaligen Likörfabrik. "Ich ging hin, schaute mir aber nur das denkmalgeschützte Vorderhaus an. Es war eine ziemliche Ruine, weshalb es wohl noch nicht besetzt war. Also ging ich zurück zur Wohnungsbaugesellschaft und sagte, dass man da nichts machen könne."

Doch Frau Schlegel und Frau Weitz schickten ihn zurück, denn sie meinten die Fabrik über den Hinterhof, nicht das Vorderhaus. "Wir gingen noch einmal hin und fanden es ein wenig beängstigend, weil dieser Gebäudekomplex so groß war." Die baufällige Margarinefabrik wurde dann das Zuhause der Kunst-Werke.

Kein Telefon, keine Heizung

Es gab kein Anfangskapital, keine Stiftung, sondern nur eine Gruppe von talentierten Leuten in ihren 20ern: Philipp von Döring, der Kommunikation an der Hochschule der Künste studierte, der Architekt Clemens Homburger, der Jurastudent Alfonso Rutigliano, die Schweizer Schauspielerin Alexandra Binswanger und andere. "Die meisten wohnten allerdings noch in West-Berlin und studierten weiter, während ich sofort begann, das als Vollzeitrealität zu begreifen", sagt Biesenbach.

Und in dieser Vollzeitrealität gab es allerhand zu klären. Wer waren die Alteigentümer des Gebäudes? Wie sollte man eine so große Fabrik heizen? Man trieb 60 Tonnen Kohle auf, eine Spende, die nur noch abgeholt werden musste – aber wie? Das Kulturamt Mitte half, Anträge zu stellen, für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Geld für Reparaturen. "Wir lernten in kleinen Schritten, wie man sich in Ost-Berlin und im Kulturbetrieb zurechtfindet. Das erste Jahr hatten wir kein Telefon und keine Heizung. Alexandra und ich saßen auf Korbstühlen im Hof unter dem alten Walnussbaum, der da immer noch steht, und warteten auf das Eintreffen von Leuten, denen wir unser Projekt vorstellen konnten, mit denen wir verhandeln wollten, Bürgermeister Walter Momper etwa oder Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer. Da wir kein Telefon hatten, gab es ständig Unsicherheiten. Aber es hatte eben auch eine größere Verbindlichkeit, wenn man sich dann traf. Wir besaßen schon den Ruf, dass wir Leute einluden und so lange nicht mehr aus dem Hof ließen, bis sie Unterstützung versprachen."

Von Yoko Ono bis Nan Goldin – alle machten mit

Das Ost-Berliner Performance-Kollektiv Allerleirauh und der Leipziger "Autoperforationskünstler" Rainer Görß bezogen die ersten Ateliers in dem Gebäude. Im Herbst 1991 stellte die von Judy Lybke betriebene Galerie Eigen + Art aus Leipzig ihre Künstler aus. Das war die offizielle Eröffnung der Auguststraße 69.

Über eine der darauffolgenden Ausstellungen schrieb die Kritikerin Sabine Vogel, dass sie "einfach hingerotzt" sei, was Klaus Biesenbach damals ziemlich verletzte, wie er erzählt, schließlich habe es doch eine solche Anstrengung erfordert, all das zu realisieren. "Ich schlug deshalb vor, einen Round Table mit allen Kritikern und Kuratoren einzurichten. Wir sprachen einmal in der Woche in der Cafeteria darüber, was es bedeutet, Kritiker und Kurator zu sein. Das hat das Gebäude aufgeladen mit einem Netzwerk von unabhängigen Kuratoren: Peter Funken, Thomas Wulffen, Barbara Straka, Kathrin Becker, Bojana Pejić und viele interessante Denker mehr." 

Daraus entstand 1992 die Idee zur Ausstellung "37 Räume", der entscheidende Moment in der Entwicklung der KW. Entlang der Auguststraße bespielten 37 Kuratoren 37 Räume mit Hunderten Künstlern und Kunstwerken. Allein Gabriele Horn und Beatrice Stammer, Kuratorinnen an der damaligen Staatlichen Kunsthalle und an der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin, luden über 200 Künstlerinnen ein, darunter Yoko Ono. Biesenbach selbst kuratierte eine Ausstellung mit Gundula Schulze Eldowy und Nan Goldin im dritten Stock der KW. Es seien 35 000 Besucher in einer Woche gekommen, erzählt der Kurator, viele direkt von der Documenta 9, auch internationale Presse.

"Die Anwohner, die nicht wussten, wann dieser Rummel endlich wieder aufhören werde, waren irgendwann sehr verärgert. Sie standen eines Tages an meiner Tür und wollten reden. Es lief sogar eine Person mit einer Pistole auf der Straße rum, der die Leute nicht mehr vor seiner Haustür haben wollte." 

Im Herbst wird gefeiert

Er konnte die Erfolgsgeschichte der KW nicht aufhalten. Mitte der 90er-Jahre wurde das Haus mit Stiftungsgeldern saniert, das vom Künstler Dan Graham entworfene Café Bravo auf den Innenhof gebaut und das Quergebäude mit einer weitläufigen Ausstellungshalle erweitert. In den KW-Studios wohnten Leute wie Susan Sontag, Fischerspooner oder Doug Aitken. Wer auch immer in der Stadt war, kam zum Dinner, in die Pogo-Bar. Junge Chefkuratoren und -kuratorinnen wie Anselm Franke oder Susanne Pfeffer drückten dem Haus ihre Stempel auf. 1998 fand die erste Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst statt, die seit 2003 von der Kulturstiftung des Bundes finanziert wird und deren Träger und Veranstaltungsort bis heute der Kunst-Werke Berlin e. V. ist.

Jetzt feiert das Haus sein 30-jähriges Bestehen und wird mittlerweile von Krist Gruijthuijsen geleitet. Der 1980 geborene niederländische Kurator und Kunstkritiker folgte Gabriele Horn, die heute Direktorin der Berlin Biennale ist. "Man sollte im Kopf behalten, was die Institution war, um herauszufinden, was die Institution sein könnte, ohne ständig auf die bestimmte Art der Energie zu referieren, die einmal da war", sagte Gruijthuijsen einmal im Monopol-Interview. "Wir müssen uns stattdessen fragen, welche Art von Energie wir für die Zukunft brauchbar machen können." 

In den letzten Monaten ist das Haus allerdings coronabedingt geschlossen gewesen, die Ausstellungen von Amelie von Wulffen und José Leonilson werden am 17. März öffnen. Eigentlich wollten die KW im Sommer das Jubiläum feiern, aber das Fest ist nun sicherheitshalber auf den Herbst verschoben, denn wer weiß, welche Ässe die Pandemie noch im Ärmel hat. Aber vielleicht ist diese etwas ruhigere Phase auch nicht die schlechteste Zeit, um zurückzuschauen und sich nach vorne zu träumen.