50 Jahre "Rocky Horror Picture Show"

Die beste Form des schlechten Geschmacks

Vor 50 Jahren kam das Musical-Spektakel "Rocky Horror Picture Show" in die Kinos. Bis heute versetzt das frivole Drag-Kunstwerk Generationen von Fans in Ekstase. Und wirkt in der heutigen politischen Lage besonders aktuell

Vor Vampiren haben alle Angst, vor schrillen Dragqueens gruseln sich nur Konservative – gerade deshalb wirkt "The Rocky Horror Picture Show" heute aktueller denn je. Schon das Musical von Richard O’Brian polarisierte seit seiner Premiere 1973 in London, die Filmversion von Regisseur Jim Sharman setzte spektakelmäßig noch einen drauf. 

Seit dem Kinostart im Sommer 1975 hat der Rocky-Horror-Wahn jedenfalls kein bisschen nachgelassen. Ganz im Gegenteil: Das Münchner Museum Lichtspiele zeigt den Kultfilm seit 1977 mindestens einmal pro Woche – davon können andere Filmemacher nur träumen. Aber was macht den Streifen so unwiderstehlich? Sind es die wilden Partyszenen, die schrägen Kostüme, die vielen Ohrwurm-Hits à la "Time Warp", Rocky Horrors Adonis-Körper oder doch die vielen Kunst-Referenzen der modernen Frankenstein-Geschichte? Vielleicht muss man sich gar nicht entscheiden: die Mischung macht’s, genau wie die ständig nachwachsenden Fan-Generationen.

Jim Sharman entführt das Publikum auf eine turbulente Reise in die schrecklich-fabelhafte Gegenwelt des Wissenschaftlers Dr. Frank-N-Furter - heute würde man ihn wohl queer nennen - vom Planeten Transsexual. In seinem Spukschloss treffen die mit ihrem Auto gestrandeten Brad und Janet – ein stinknormales junges heterosexuelles Paar – auf tanzende Vampire, einen untoten Biker (gespielt vom Rocksänger Meat Loaf) und jede Menge nackte Haut.

Bodybuilder aus dem Reagenzglas

Dann posiert auch noch eine geschminkte Replik von Michelangelos ikonischem "David" in Franks Labor. Der Marmor-Bursche diente ihm offenbar als Inspiration für seine eigene Kreation: den goldblonden Muskelmann Rocky Horror. Mit seinem überirdischen Eightpack imponiert Rocky wahrscheinlich nicht nur der prüden Janet und den Zuschauerinnen. 

Leider hat der Bodybuilder aus dem Reagenzglas nicht besonders viel in der Birne, sonst würden ihm sicher noch mehr Leute erliegen. Beides – die perfekte Strandfigur und ein großes Hirn – wäre wohl selbst für einen so ambitionierten camp-Film wie "Rocky Horror Picture Show" etwas zu viel des Guten.

Was war nochmal camp? Der unter anderem von Susan Sontag beschriebene Stil ist übertrieben theatralisch, hochgradig artifiziell, ernsthaft unernst und eigentlich viel zu komplex, um einfach so definiert zu werden. Aber wer die gewollt trashige Ästhetik der "Rocky Horror Picture Show" feiert, steht wahrscheinlich auch auf die göttlich kitschigen Porzellan-Figuren von Jeff Koons, Lady Gagas abscheuliches Fleischkleid oder Jeremy Scotts verspielten Teddy-Sneaker. Mit solchen Phänomen durchbricht camp mühelos alle Grenzen des guten Geschmacks und stellt klassische Schönheitsideale auf den Kopf. Traditionelle Geschlechterrollen werden dabei ebenfalls ignoriert, was das Ganze auch politisch macht.

Auf die nächsten 50 Jahre!

Kurz gesagt tut camp alles, um das Leben auf der Erde weniger langweilig zu gestalten und "die Ernsthaftigkeit zu entthronen" – so fasst es Susan Sontag in ihren “Notes on Camp” (1964) zusammen. Viel genauer lässt sich der Forschungsgegenstand  kaum erklären, und das ist auch gut so. Im Zweifel kann man Leute, die sich rein gar nichts darunter vorstellen können, ja immer ins nächste Kino zur Mitternachts-Vorstellung schicken.

Denn Frank und die anderen Rocky-Horror-Charaktere verkörpern camp besser als jede "reale" Person – mit Ausnahme von David Bowie vielleicht. Der Glam-Rock-Star hätte prima in Sharmans zeitloses Anti-Meisterwerk gepasst, doch auch ohne Ziggy Stardust wurde ein Kult daraus. Fans singen spätestens ab der ersten Szene mit, werfen Reis und Konfetti. Alle anderen nehmen schleunigst Reißaus, sobald der Vorhang aufgeht. Auf die nächsten 50 Jahre himmlisch schlechten Geschmack!