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David Irelands Künstlerhaus in San Francisco

Lebendiges Readymade

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Der Künstler David Ireland wollte keine Werke mehr schaffen – und baute stattdessen sein Haus in San Francisco zum Gesamtkunstwerk um. Das lebendige Readymade kann heute besichtigt werden

Im Laufe des Jahres 1975 fasste David Ireland den Beschluss, keine Kunst mehr zu machen, sondern Künstler zu sein. Ireland hatte kurz zuvor seinen Master am San Francisco Art Institute absolviert, sich in New York ein Studio besorgt. Doch während der Arbeit an ersten Entwürfen wurde ihm klar, dass "die Suche nach neuer Kunst so aberwitzig ist wie die Suche nach El Dorado. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Materie kann weder geschaffen noch zerstört werden."

Das klingt heute vielleicht esoterischer als damals. Der Club of Rome verkündete 1972, was die Hippies ohnehin wussten: Wachstum hat Grenzen. Happening- und Konzeptkünstler schassten den Kunstfetisch, Joseph Beuys entwarf die soziale Skulptur. David Ireland ging zurück nach San Francisco und erwarb ein verfallenes viktorianisches Haus in der Capp Street im Mission District. Nicht als Atelier, sondern um daraus ein Gesamtkunstwerk zu machen, ein lebendiges Readymade.

Statt das Haus zu renovieren, veredelte Ireland die Spuren der Vergangenheit. Die tiefen Risse in Wänden, Decken und Böden überzog er mit einer dicken Lackschicht und tauchte das Haus so in einen bernsteinfarbenen Glanz. Er fand 18 alte Besen und arrangierte sie mitten im Raum zu einer frei schwingenden Skulptur. Gummibänder, die ein Vorbesitzer – ein Schweizer Akkordeonbauer – zurückgelassen hatte, sammelte er in einem Glas und komponierte einen Gummiband-Soundtrack dazu. Drähte wurden zu Wandzeichnungen, Staub zum Exponat. Alles, was in 500 Capp Street einst geschehen war oder fortan geschehen sollte, wurde Kunst.

Melancholische, poetische, spielerische Eingriffe: Als eine Fensterscheibe zerbrach, beschrieb Ireland den Ausblick auf einer Tonbandaufnahme, bevor er das Fenster für immer mit einer Kupferplatte bedeckte – wissend, dass sich das Stadtpanorama ändern würde. Beim Heruntertragen eines Safes rammte er versehentlich die Wand und markierte die Delle mit einer Silberplakette. Von der Wohnzimmerdecke hing ein Kronleuchter aus zwei Gasbrennern, die sich mit explosiver Sprengkraft im Kreis drehten.  

1978 öffnete 500 Capp Street für Besucher, doch die Arbeit an dem ­offenen Kunstwerk ging weiter. Immer wieder hielt Ireland auch Feste und Essen ab, verstand er sie doch als Situationen von ästhetischem Wert. "Kunst entsteht durch den Prozess des Lebens", sagte er einmal in einem Interview. "Alles ist bereits da, du zapfst es einfach nur an." Jahrzehnte später schöpfen Künstler der Relational Aesthetics wie Rirkrit Tiravanija, Jorge Pardo oder Philippe Parreno aus dieser Quelle.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 2009 musste David Ireland in ein Pflegeheim ziehen, 500 Capp Street drohte in Eigentumswohnungen aufgesplittert zu werden. Glücklicherweise erwarb die Kunstmäzenin Carlie Wilmans das Haus, die es seither in enger Abstimmung mit Freunden des Künstlers und Kennern seines Werks, wie der Sammlerin Ann Hatch und dem Direktor der Yale University Art Gallery, Jock Reynolds, instand gesetzt hat.

Seit Januar 2016 führen lokale Künstler Besucher durch das Haus, dessen Räume Wilmans und die 500 Capp Street Foundation immer wieder leicht verändern und mit Wechselausstellungen bestücken, so wie der Hausherr es hielt. "Wir wollen keine Glasglocke darüberstülpen", sagt Wilmans. Zur Eröffnung gab es ein großes Fest, über den Köpfen der Besucher brausten die Gasbrenner des Kronleuchters.

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