Streamingtipps

8 Kunstfilme, die sich im Mai lohnen

40.000 Schnappschüsse von Kunstkritiker-Legende Jerry Saltz, ein von Yael Bartana inszeniertes Polit-Drama, der neue Film von Christian Petzold und Dada-Metal: Das sind unsere Streamingtipps des Monats


Liebevolle Schnappschüsse von Jerry Saltz

Was der Kunstkritiker Jerry Saltz in seinem Diakarussell entdeckt – der Projektor steht auf einem Stapel Kunstkataloge – ist mal rührend, fast immer erstaunlich und manchmal regelrecht aufregend: Ohne zu wissen, was einmal daraus werden würde, fotografierte er seit den frühen 90ern in der New Yorker Kunstszene herum, eine unregulierte, experimentelle, aber schon sehr erlebnishungrige Zeit. Wir sehen schlechte Schnappschüsse von Jeff Koons und seiner Porno-Show "Made in Heaven" bei Leo Castelli, dem sichtlich unwohl war. Einen wie verrückt mit seinem durchdringenden Blick die Welt herausfordernden jungen Damien Hirst. Tracey Emin in einem Hotelbett unter ihrem Quilt "Everyone I Ever Slept with". Und Rob Pruitts legendäre mehrere Meter lange Line Koks auf dem Galeriefußboden, mit der er die Kunstwelt auf die Knie zwang. Saltz macht keine angeberische Ego-Show daraus, sondern sieht liebevoll analytisch darin immer den Nährboden für das, was die Kunstwelt heute ist.

40.000 Goddamn Slides: Critic Jerry Saltz’s ’90s Art World, New York Magazine, Youtube

Der Kunstkritiker Jerry Saltz
Foto: New York Magazine

"40,000 Goddamn Slides: Critic Jerry Saltz’s ’90s Art World", Filmstill, 2026

 

Träume von Irans Frauen

Teheran im Jahr 1953: Während die demokratische Regierung des Iran durch einen Militärputsch beseitigt wird, kämpfen vier Frauen um ihre eigene Unabhängigkeit. Dabei zeigt sich jedoch schnell, dass die gesellschaftlichen Rückschläge auch ihre Freiheitsträume zunichte machen. "Women Without Men" ist das Spielfilmdebüt der bildenden Künstlerin Shirin Neshat, die sich in ihren Fotografien und Videoinstallationen mit der Rolle der Frauen in muslimischen Gesellschaften auseinandersetzt. In dem Film aus dem Jahr 2009 verbindet sie die Nacherzählung der konkreten politischen Situation mit der fantastischen Bildwelt eines geheimnisvollen Gartens. In poetischen Szenen inszeniert Neshat die Träume der Frauen, die in einer von politischer Gewalt und patriarchalen Strukturen geprägten Gesellschaft leben. Obwohl es um einen historischen Staatsstreich geht, ist der Film damit hochaktuell.

"Women Without Men", Arte-Mediathek, bis 30. Juni

 

"Women Without Men", Filmstill, 2009
© Martin Gschlacht/Essential Film

"Women Without Men", Filmstill, 2009

 

Jedes Bild ein Geheimnis

Christian Petzolds Filme sind Paradebeispiele für einen magischen Realismus im Gegenwartskino. Seine Filmfiguren agieren wie in einer Traumwelt, in der eine Logik des Gefühls herrscht. Petzolds neuester Film trägt den Titel "Miroirs No. 3", und wie Maurice Ravel in seinem gleichnamigen Klavierstück arbeitet der Regisseur mit Wiederholungen, Variationen und tonalen Verschiebungen – und greift auf Motive und Erzählstrategien seiner früheren Filme zurück. So erinnert die Geschichte an "Gespenster", sein 20 Jahre zuvor erschienenes Drama. "Miroirs No. 3" handelt von der Klavierstudentin Laura (Paula Beer) aus Berlin, die nach einem Unfall auf dem Land ein Refugium findet. Von Betty (Barbara Auer) mütterlich umsorgt, fasst Laura wieder Lebensmut, aber sie stößt in der neuen Umgebung – einem Haus am Dorfrand und einer von Erinnerungen belasteten Familie (Auer, Matthias Brandt, Enno Trebs) – auch auf den Schmerz der anderen. Der Film ist ein Puzzle, dessen Teile elegant ineinanderfallen, ein Vexierspiel mit wechselnden Perspektiven. Kein Wort und auch kein Bild zu viel, aber jedes Bild birgt ein kleines Geheimnis.

"Miroirs No. 3", Mubi

 

"Miroirs No. 3", Filmstill, 2025
Foto: Mubi

"Miroirs No. 3", Filmstill, 2025

 

Der Tod als Bild

Das Turiner Grabtuch ist ein vier Meter langes und einen Meter breites Leinentuch, auf dem die Umrisse eines menschlichen Körpers zu erkennen sind. Für die einen ist es das Grabtuch Jesu von Nazareth, für die anderen eine Fälschung aus dem Mittelalter. Seit gut 300 Jahren wird es in einer eigens errichteten Grabtuchkapelle im Turiner Dom aufbewahrt. Befürworter seiner Echtheit sehen in ihm ein nicht von Menschenhand geschaffenes Bildnis, ein sogenanntes Acheiropoieton. Die Dokumentation "Das Grabtuch von Turin – Ein Cold Case" ist als kriminalistische Spurensuche angelegt: von der Grabeskirche in Jerusalem bis in die Unterwelt Istanbuls, wo das Grabtuch der Legende nach lange Zeit verborgen gewesen sein soll. Zu Wort kommen Chemiker, Naturwissenschaftler, Kunsthistoriker und Theologen. Auch wenn die Frage seiner Echtheit letztlich offenbleibt, fasziniert an diesem Streit vor allem die eigentümliche Verschränkung von Glaube, Wissenschaft und Kunst – ebenso wie die Leidenschaft, mit der sich diese Forschende dem Tuch widmen.

"Das Grabtuch von Turin – Ein Cold Case", ARD-Mediathek, bis 21. September

 

Auf dem Grabtuch von Turin sind viele Details zu erkennen, die intensiv erforscht werden
© Tellux Film GmbH Dresden/Metafilm GmbH/ORF/BR/Tellux Film GmbH Dresden/Metafilm GmBH

Auf dem Grabtuch von Turin sind viele Details zu erkennen, die intensiv erforscht werden

 

Dada-Metal auf Viertelton-Niveau

Die gepunkteten Wesen sprechen vor der Kamera keine uns bekannte Sprache, stattdessen geben sie nur Schnarren oder Knacklaute von sich. Ihre Kleidung ist schwarz-weiß gepunktet, eine Nase baumelt herum, die Haare der anderen Figur gleichen langen gelben Schnüren. Angine de Poitrine ("Brustenge") sehen aus, als hätten Bernhard Willhelm und Yayoi Kusama für eine Comic-Interpretation von Oskar-Schlemmer-Kostümen kooperiert. Optisch ist das Duo dadaistisch, aber musikalisch komplex und das nur mit einem Schlagzeug und einer doppelhalsigen Bassgitarre mit unzähligen Frets, also Bünden, die ins Vierteltonsegment führen – was erst mal kompliziert zu hören ist, genau wie die atemberaubenden Rhythmen. Jeder Song wird live geloopt, daher spielt man barfuß. Die Musik liegt zwischen Mathe-Metal und Bebop und ist dabei funky wie Bootsy Collins. Großes Talent, großer Humor. Der Auftritt beim Radiosender KEXP macht viel Lust auf ein Live-Erlebnis, leider ausverkauft.

Performance von Angine de Poitrine, Youtube

 

 

Zwei Minuten vor Mitternacht

Was wäre, wenn Frauen die Welt regieren würden? Diese Frage stellt die Künstlerin Yael Bartana in ihrem inszenierten Doku-Polit-Drama "Die Präsidentin – Two Minutes To Midnight": In einem fensterlosen "Peace Room" muss die rein weibliche Regierung eines fiktiven Landes Stellung zu einer akuten nuklearen Bedrohung beziehen. Ein Gremium aus Schauspielerinnen und realen Expertinnen für Verteidigung, Recht, Politik und Psychologie befindet sich in einem demokratischen "Friedensraum". Dieser spiegelt den toxisch männlichen "Kriegsraum" in Stanley Kubricks Satire "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" über den Kalten Krieg wider. Die Frauen müssen entscheiden, wie sie der brisanten Situation begegnen. Der Film basiert auf Aufnahmen der hybrid-experimentellen Live-Performance "What if Women Ruled the World?" in Aarhus und Berlin (2017 und 2018) und der Performance "Bury Our Weapons, Not Our Bodies!", die 2018 in Philadelphia stattfand.

"Die Präsidentin – Two Minutes to Midnight", ARD-Mediathek, bis 5. März 2027

 

Yael Bartana "Die Präsidentin – Two Minutes To Midnight", Filmstill, 2021
© rbb/Yael Bartana

Yael Bartana "Die Präsidentin – Two Minutes To Midnight", Filmstill, 2021

 

Archäologe der Zukunft

Aufmerksame Leser wissen: Pompeji kam in den Streamingtipps kürzlich schon einmal vor. Ja, das stimmt, dort unten scheint es gerade nicht nur geologisch, sondern auch kulturell zu brodeln. Ein weiteres Beispiel ist Gianfranco Rosis neuer Dokumentarfilm "Pompeji: Unter den Wolken", der derzeit bei Mubi zu sehen ist. Man könnte ihn als letzten Teil seiner konzeptuellen Trilogie über das alltägliche und spirituelle Leben in Italien begreifen: Der erste war "Das andere Rom" von 2013, darauf folgte "Seeufer" über die Migrationskrise auf Lampedusa. Nun richtet Rosi den Blick auf Neapel und die Gegend am Vesuv. In leuchtendem Schwarz-Weiß entsteht ein eindrucksvoll komponiertes Mosaik aus Szenen einer Region, die von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und der Erinnerung an die Katastrophe des Jahres 79 n. Chr. geprägt ist, als Pompeji unter Asche und Lava verschwand. Rosi zeigt nicht das sonnendurchflutete Süditalien, sondern eine Gegenwart unter Spannung – gezeichnet von Krieg, Gewalt, Zynismus und Klimakrise. Wie Peter Bradshaw im "Guardian" schreibt, legt Rosi seine Figuren frei, "als würde ein Archäologe der Zukunft sie ausgraben".

"Pompeji: Unter den Wolken", Mubi

 

"Pompeji: Unter den Wolken", Filmstill, 2025
Foto: © Gianfranco Rosi, Mubi

"Pompeji: Unter den Wolken", Filmstill, 2025

 

Beklemmend aktuell

Auch 50 Jahre nach seinem Tod ist das Interesse an der vielfach ausgestellten Kunst von Max Ernst ungebrochen. Auf Arte ist nun eine Dokumentation zu sehen, die sein Leben nachzeichnet – stellenweise durch illustrative Animationen sogar im wörtlichen Sinne. Im Zentrum steht die Zäsur nach dem Ersten Weltkrieg, in der sich Leben und Werk des Künstlers grundlegend wandelten: weg von einem Kunstverständnis, wie es sein Vater vertrat, das auf die möglichst getreue Abbildung der sichtbaren Wirklichkeit zielte, hin zu einer Bildsprache, die eine subjektive, innere Wirklichkeit in den Mittelpunkt rückt. Damit wurde Max Ernst zu einem der bedeutenden politischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Unter dem NS-Regime als "entarteter Künstler" diffamiert und verfolgt, reagierte er früh auf die autoritären Tendenzen seiner Zeit. Auch wenn Vorsicht dabei geboten ist, Parallelen zwischen Gegenwart und den 1930er-Jahren zu ziehen, zeigt die Dokumentation, inwiefern seine Werke wie "Der Hausengel" bis heute wirken: Die Figur des "Trampeltiers", das "alles, was ihm in den Weg kommt, zerstört und vernichtet", erscheint dabei erneut beklemmend aktuell.

"Max Ernst – Der Surrealist und das faschistische Trampeltier", Arte-Mediathek, bis 1. April 2030

 

Das Liebespaar Leonora Carrington und Max Ernst kurz vor seiner Internierung in Frankreich, 1939
Foto: ZDF/Landschaftsverband Rheinland

Das Liebespaar Leonora Carrington und Max Ernst kurz vor seiner Internierung in Frankreich, 1939