Von Elke Buhr, Silke Hohmann und Sebastian Frenzel
John Singer Sargent im Musée d'Orsay
Selbst seine größten Fans bezeichnen John Singer Sargent als guilty pleasure: Weil der Amerikaner, der fast sein ganzes Leben in Europa verbrachte, einerseits natürlich ein technisch brillanter Gesellschaftsmaler war, seine Porträts andererseits aber derart vor Glamour und Brillanz strotzen, dass darunter für Psychologie und Tiefengang wenig Raum bleibt.
Sargent (1856 – 1925) ist der große Weichzeichner des späten 19. Jahrhunderts. Seine Porträts der internationalen Haute Volée, die ihn zu Lebzeiten zu einem der berühmtesten und wohlhabendsten Künstlern aufstiegen ließen, machen ihn zu einer Art Vorläufer der Society-Fotografin Annie Leibovitz, gleichzeitig aber auch zum legitimen Erben eines Diego Velázquez. Wer sich von Mode, Silhouetten und dem Spiel der Farben und des Lichts auf Stoffen und Haut faszinieren lässt, wird Stunden vor den rund 90 Gemälden in seiner Ausstellung im Musée d’Orsay verbringen. Es ist die erste Sargent-Monografie in Frankreich, und auch in Deutschland sind seine Werke äußerst selten zu sehen – also ab ins Musée d'Orsay!
John Singer Sargent "Dazzling Paris", Musée d'Orsay, Paris, bis 11. Januar 2026
John Singer Sargent "Madame X (Madame Pierre Gautreau), 1884
Art Basel Public Program in der Stadt
Das Public Program der Art Basel ist das Schaufenster für das breite Publikum – mit zahlreichen Kunstwerken, die kostenlos und teilweise im öffentlichen Raum zu sehen sind. Nicht zu verfehlen ist der quietschgrüne aufblasbare Frosch von Alex Da Corte, der den Place Vendôme besetzt. Auch die "Usagi Greeting" von Leiko Ikemura, die direkt zwischen Grand und Petit Palais steht, grüßt aus dem Tierreich herüber – wenn auch deutlich würdevoller: Es ist eine Synthese aus Häsin und Frau. Die Kinder lieben es, sich in dem weiten Rock der über vier Meter hohen Bronzeskulptur zu verstecken. Und auch die Sammler mögen die ikonische Figur, die wie eine Schutzgöttin über die Art Basel Paris wacht: Sie war bereits am ersten Messetag verkauft.
Leiko Ikemura, präsentiert von der Lisson Gallery, Avenue Winston Churchill, Paris, alle Orte des Art Basel Public Program finden Sie hier
Karma International auf der Art Basel
Die Galerie Karma International mit Sitz in Zürich, die viele weibliche Positionen im Portfolio hat, beweist immer ein gutes Händchen für ihre Messestände. Diesmal hängt dort eine schöne abstrakte Leinwand von Vivian Suter, dazu ein flashiges Ensemble aus einem abstrakten Gemälde und einer Bank von Ida Ekblad. Besonders bezaubernd ist der Kontrast zweier grober Bronzeskulpturen von Hans Josephsohn mit einem puscheligen bunten Fellbild von Sylvie Fleury.
Karma International, Art Basel, Paris, Booth 1.L20, bis 26. Oktober
Xiyadie bei der Blindspot Gallery auf der Art Basel
Der 1963 geborene Xiyadie wuchs in einer Bauernfamilie in der ländlichen Provinz Shaanxi in China auf und kam als Autodidakt zur Kunst. Seine visuelle Sensibilität stammt zu einem nicht geringen Teil von den Pflanzen im Garten seiner Großeltern; bei seiner Mutter lernte er die traditionelle chinesische Scherenschnitt-Technik.
Er nutzte dieses alte Handwerk, um seinen homoerotischen Fantasien Ausdruck zu verleihen, die er ansonsten weitgehend unterdrücken musste. Xiyadie heiratete, bekam zwei Kinder, ging dann 2005 als Wanderarbeiter nach Peking und fand dort in der subkulturellen Gay-Szene ein neues Zuhause. In seinen farbintensiven Scherenschnitten seit den 1990er-Jahren, die die Blindspot Gallery als Solopräsentation im Nachwuchssektor "Emergence" auf der Art Basel Paris zeigt, entwirft er utopische Gegenwelten und verarbeitet zugleich seine Erlebnisse: den Schmerz, von seiner Familien und seinen Kindern getrennt zu sein; die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, als Mönch eine höhere Daseinssphäre zu erreichen und dem Nicht-Ablassen-Können von den weltlichen Leidenschaften.
Blindspot Gallery, Art Basel, Paris, Sektor "Emergence", Booth 1.M28, bis 26. Oktober
Kai Althoff bei Tramps
Ein schäbiger Altbau im zweiten Arrondissement, die Fenster des einstigen Ladengeschäfts sind mit dicken Schaumstoffplatten verklebt, nur ein schmaler Vorhang gewährt Einblick. Nieselregen fällt, der Wind stürmt, und doch harren vor diesem wohl unglamourösesten Ausstellungsort der Pariser Kunstwoche Fans und Eingeweihte auf Einlass, die es auf Instagram oder von Freunden gehört haben: Kai Althoff, begnadeter Maler und bewunderte Großdiva des Betriebs, soll hier eine Ausstellung haben.
Seit seiner Soloschau im MoMA scheint sich Althoff, der malen kann wie Picasso (wenn er will), aber andererseits Geniekult und Rampenlicht scheut wie der Teufel das Weihwasser, immer weiter an kleine, erlesene Orte in der Peripherie zurückzuziehen. Im letzten Jahr konnten ein paar happy few seine Werke in einem alten Stadthaus in Genua erhaschen; später stellte Althoff dann in dem verwunschenen Kunst- und Naturparadies La Sirena auf Filicudi aus, einer der winzigen Inseln vor der Nordküste Siziliens.
Jene Schau ist jetzt nach Paris weitergewandert, in eine Dependance von Tramps, dem Ausstellungsraum von Peter Doig (noch so ein begnadeter, flüchtiger Maler). Als sich die Tür endlich öffnet, ist der kaum kinderzimmergroße Raum dahinter schneller voll als man bonjour sagen kann. An den Wänden drei delikate Malereien (eine verträumte Bettenlandschaft, surreale Figuren) und zwei Zeichnungen von Althoff, die in ihrer Akribie an Agnes Martin erinnern. Dazwischen Raumteiler, an denen Fotografien von Althoffs letzten Ausstellungen und ein paar Porträts hängen. Ein intimer Raum, der sich der Sichtbarkeit entzieht; auf dessen Atmosphäre man sich einlassen muss wie ein Gast, der einen Kreis engster Vertrauter betritt.
Die Fotos stammen von Althoffs Künstlerfreund Yair Oelbaum; der gestickte Vorhang ist vom US-amerikanischen Textilkünstler Travis Meinolf, und in einer Ecke liegen zwei skulpturale Eternit-Möbel des Schweizer Designers Willy Guhl aus den 1950ern. Da sind ein Pflanzgefäß und eine Hundehütte, und wer sich ganz tief zu deren Eingang runterbeugt, entdeckt darin noch mehr versteckte Kunst. Man kann das alles für prätentiös halten. Aber anders ist Althoff nicht zu haben.
Kai Althoff, Tramps, 33 Rue d'Alexendrie, 2. Arrondissment, Paris, bis 7. Dezember, Öffnungszeiten Dienstag bis Samstag, 11 bis 19 Uhr
Sophie Kovel bei Petrine auf der Art Basel
US-amerikanische Sammlerinnen lieben europäische Adels-Insignien. Die US-Cerealien-Magnatin Marjorie Merriweather Post spezialisierte sich auf historisches Sèvres-Porzellan von Louis XV. und Juwelen wie die Ohrringe von Marie Antoinette. Die großformatigen Fotografien von Sophie Kovel, Jahrgang 1996, zeigen unverwandt jene Objekte und dokumentieren die Verflechtungen von Philanthropie, Diplomatie und Klassenvorstellungen.
Ihr Video "Uncovering/Extracting" (2025) besteht aus Archivmaterial vom Merriweather-Anwesen, unterlegt mit einem Gedicht über die Geschichte prekärer Arbeit und Ausbeutung. Die in New York und Paris arbeitende Künstlerin zeigt, wie die Geschichte von Revolution, Sammeln und Konsum die Gegenwart weiterhin prägt: Es war Marjorie Merriweather, die das heute durch Donald Trump weltbekannte Anwesen Mar-a-Lago für sich als Sommerresidenz bauen ließ.
Petrine, Art Basel, Paris, Booth 1.M26, bis 26. Oktober
David Zwirner auf der Art Basel
Dies ist kein irgendwie zusammengestelltes Best-of einer Megagalerie, sondern eine perfekte Präsentation von Werken mit Museumsqualität. Licht, Hängung, Auswahl: alles makellos. Schlüsselwerke wie "Orchid" von Luc Tuymans kennt man vom Cover eines seiner Kataloge, drei kleinformatige Gemälde von Joni Mitchell balancieren Gerhard Richter aus.
Eine Hängeskulptur von Ruth Asawa ist so ineinander verschachtelt wie die sonnengelben Quadrate von Josef Albers, und der großformatige, grandiose Kippenberger von 1984 liefert die punchline zur Gesamtlage des Kunstmarktes: "Nieder mit der Inflation". Den sales reports zufolge war das meiste gleich verkauft, teilweise siebenstellig.
David Zwirner, Art Basel, Paris, Booth 0.B22, bis 26. Oktober
Galeria Stereo bei der Paris Internationale
Die Messe Paris Internationale hat sich in diesem Jahr in ein im Umbau befindliches Haus direkt an den Champs-Élysées eingemietet und versammelt zwischen den rohen Betonwänden viel frische Kunst. Hier mag man es selten dekorativ und gefällig. Stattdessen ist das surreal Seltsame, Sperrige beliebt. So wie bei der Galeria Stereo aus Warschau: Wojciech Bąkowskis Assemblagen auf mit Kohle bemalter Pappe strahlen eine ähnliche melancholische Unheimlichkeit aus wie die rauen, amorphen Skulpturen aus Kunststoff, Beton und Kupfer von Gizela Mickiewicz – sehr ungewöhnlich und eigenständig.
Paris Internationale, 22 Avenue des Champs-Élysées, bis 26. Oktober
Hoffman Donahue auf der Art Basel
Hannah Hoffman und Bridget Donahue arbeiteten schon bei Gavin Brown zusammen, bis sie in den 2010er-Jahren in New York und Los Angeles eigene Galerien gründeten. Jetzt haben sie fusioniert und sind mit ihrem überwiegend weiblichen Programm erstmals auf der Art Basel – als leuchtendes Vorbild, wie man auf den sich wandelnden Kunstmarkt reagieren kann: Kräfte bündeln, Bedürfnisse neuer Sammlerinnen und Sammler antizipieren. Und den erweiterten Aktionsradius ihrer Künstlerinnen auf Modehäuser, Musik oder Film als künstlerische Praxis anerkennen und fördern.
Der Stand mit Acryl-Kohle-Bildern von Kate Mosher Hall, Glasskulpturen von Sula Bermúdez-Silverman und skulpturalen Sesseln von Jessi Reaves ist entsprechend lässig.
Hoffman Donahue, Art Basel Paris, Booth 1.H13, bis 26. Oktober