Mounira Al Solh und der Tanz auf den Ruinen
Das Bonnefanten Museum in Maastricht zeigt gerade eine große Soloschau der Künstlerin und Documenta-14-Teilnehmerin Mounira Al Solh. Passend dazu ist auf der Website der Film "Dancing On The Ruins" von Bibi Fadlalla verfügbar, der die Malerin und Bildhauerin begleitet. Zu sehen ist die Protagonistin, die während des libanesischen Bürgerkriegs in Beirut aufwuchs, unter anderem bei der Erfüllung eines Herzenswunsches: Ganz allein steht sie im geschlossenen Museo Reina Sofía in Madrid vor Picassos Anti-Kriegs-Gemälde "Guernica". Das weltberühmte Bild hat für viele Libanesen eine große Bedeutung, und auch Mounira Al Solh fühlt eine körperliche Verbindung. Sie beginnt, vor dem Werk zu performen, die Posen der dargestellten Figuren einzunehmen.
Dieses Vorgehen passt zu ihrer multimedialen Praxis, die von der Malerei ausgeht, aber auch immer mit Rhythmus und Performance zu tun hat. Der Film begleitet die Künstlerin in ihr Studio in der Nähe von Arnhem, wo viele der Arbeiten für die Bonnefanten-Schau entstanden sind. Außerdem folgt das Publikum Al Solh nach Venedig, wo sie 2024 den libanesischen Pavillon bei der Biennale bespielte und eine alternative Geschichte der mythischen Figur Europa erzählte. Während ihr Heimatland im November des vergangenen Jahres von Israel bombardiert wird, fragt die Künstlerin auch nach Formen der Gemeinschaft und Solidarität, die die gewaltvolle Geschichte der Region und der Menschheit allgemein durchbrechen können.
"Mounira Al Solh, Dancing on The Ruins", Bonnefanten Museum online
Mounira Al Solh
Sexismus im Kino
Hinter dem Glamour verbirgt sich das Elend. Mehr als 170 Szenen aus der Kino-Geschichte zeigt Nina Menkes in ihrem Dokumentarfilm "Brainwashed: Sex-Camera-Power". Es steckt viel Sexismus im überwiegenden Teil dieser Clips, selbst wenn auf der Storyebene das Gegenteil behauptet wird. Menkes rückt der Historie der Bilder mit Filmanalyse zu Leibe. Sie weist nach, dass nicht nur in Klassikern von Alfred Hitchcock oder Orson Welles, sondern bis in die heutige Zeit und in gefeierten und preisgekrönten Filmen der männliche Blick vorherrscht, während Frauen zu entrückten bis hilflosen Objekten degradiert werden. Was eigentlich auf der Hand liegt: Regie führen nach wie vor meistens die Männer
Ist einmal eine Frau in diesem Metier erfolgreich, finden sich in den Credits ansonsten nur Männernamen, wie bei "The Hurt Locker", für den Kathrin Bigelow 2010 als erste Frau der Filmgeschichte den Oscar für die beste Regie gewann. Ansonsten beteiligt: Ein Drehbuchautor, zwei Komponisten, zwei Cutter, ein Kameramann. Zudem fällt es auch Filmemacherinnen schwer, die formalen Standards zu durchbrechen, die Rollenmuster festschreiben. Schließlich schwimmen auch die kritischsten Betrachterinnen im Mainstream der Kinobilder, was Laura Mulvey, seit den 1970ern Vordenkerin einer feministisch orientierten Filmwissenschaft, in "Brainwashed" auf den Punkt bringt. In den 1960ern sei sie oft ins Kino gegangen, erzählt Mulvey. "Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ein Teil meiner Lust, die Filme anzuschauen, darin bestand, dass ich sie wie ein männlicher Zuschauer ansah."
Nina Menkes entwirft ein gleichschenkliges Dreieck: Bildsprache des Kinos – Diskriminierung am Arbeitsplatz – Missbrauch / Übergriff. Das Ästhetische stützt und befördert die gesellschaftlichen Zustände. Der erste Schritt aus der Machtspirale ist die Analyse. "Brainwashed" beruht auf Nina Menkes’ Vortrag "Sex and Power: The Visual Language of Cinema". Dort wie im Film macht sie anhand der Beispiele aus den 1940ern bis in die heutige Zeit deutlich, wie Licht, visuelle Effekte, Einstellungswinkel und Kadrierungen Frauen vermeintlich glamourös in Szene setzen, in Wirklichkeit jedoch als hilflos darstellen.
Männer werden meist als Ganzfigur gezeigt, bestimmten aktiv die Handlung, auf der anderen Seite werden weibliche Körper fragmentiert. In Zeitlupe gleitet die Kamera über Frauenkörper und verwandelt sie in Sexobjekte. Dass eine Frau sich zunächst gegen die Zudringlichkeiten des Mannes wehrt, um seinem Drängen schließlich doch – mit Lustgewinn – nachgibt, kommt leider nicht nur in "Gone with the Wind" vor, sondern bis in die jüngere Filmgeschichte.
Ein krasses Missverhältnis zwischen vordergründiger Aussage und filmischer Darstellung weist Menkes im #MeToo-Drama "Bombshell – Das Ende des Schweigens" (2019) nach. Der Film erzählt von sexueller Ausbeutung bei Fox News. Eine Szene, in der Produzent Roger Ailes (John Lithgow) die junge Aspirantin Kayla Pospisil (Margot Robbie) anweist, ihr Kleid hochzuheben, übernimmt die Perspektive des übergriffigen Mannes und sexualisiert die Frauenfigur auf entwürdigende Art. Es sind aber vor allem die subtilen Beispiele eines audiovisuellen Gender-Gap im Film, die zeigen, dass wir der Darstellungsweise in Filmen (und nicht nur der Handlung) mehr Beachtung schenken sollten.
"Brainwashed: Sexismus im Kino", Arte-Mediathek, bis 4. Januar 2026
Szene aus "Brainwashed: Sexismus im Kino"
Die Welt mit anderen Augen sehen
Mark Cousins hat es schon immer geliebt, sich die Welt genau anzuschauen. Und auch sein Beruf als Filmemacher beruht zu einem großen Teil auf dem Sehsinn. Doch dann werden die Augen des Iren immer schlechter, und er muss sich einer durchaus riskanten Operation unterziehen. Diese Zäsur wird zum Ausgangspunkt von Cousins visuellem Essay "The Story of Looking" - einer bezaubernden Collage von Bildern aus Kunst, Natur, Alltag und Medizin.
Wie wir die Welt sehen, hat eine Geschichte, die mit Wissenschaft genauso viel zu tun hat wie mit Kindheitserinnerungen, Kreativität und der rasanten Medienentwicklung des vergangenen Jahrhunderts. Cousins bringt eine persönliche Geschichte mit einer wuchtigen universellen Erzählung zusammen - und befragt ganz nebenbei auch sein Medium, den Film.
"The Story of Looking", Salzgeber Streaming zum Kaufen und Leihen
Filmemacher Mark Cousins in "The Story of Looking", 2021
Die Kunst der Täuschung
Von einem Bild getäuscht zu werden, ist in Zeiten von KI, Avataren und Deepfakes keine Seltenheit mehr. Werke, die in den Bann ziehen, will auch der Glaskünstler Thomas Medicus erschaffen. Im Arte-Dokumentarfilm "Illusion. Trugbilder der Kunst" führt er durch die Riege seiner Vorgänger und Vorbilder. So wird schon in der antiken griechischen Legende von Zeuxis und Parrhasius derjenige als größter Künstler gekürt, der eine Täuschung des Auges am besten auf die Leinwand bringt.
Zeuxis malte so realistische Trauben, dass die Vögel daran knabbern wollten. Sein Kontrahent gewann jedoch das Rennen, als Zeuxis entnervt den Vorhang von Parrhasius' Bild reißen wollte - und erst dann bemerkte, dass dieser mit dem Pinsel geschaffen war. Wenn nach diesem Kriterium entschieden würde, wer die Kunstgeschichte dominiert, wäre der Gewinner wohl in der Zeit des Barock zu finden, in dem nicht nur Scheinkuppeln en vogue waren, sondern auch möglichst naturnahe Gemälde.
Der Film besichtigt mit dem Künstler Medicus jedoch auch Kunstwerke, die einem beim Thema Trugbilder wohl kaum in den Sinn gekommen wären: nämlich welche von Da Vinci, Caspar David Friedrich, Elmgreen & Dragset, Cinta Vidal und Lars Eidinger. Immer im Vordergrund steht die Frage nach der Motivation der Künstlerinnen und Künstler. War es in der Renaissance noch die Darstellung von Prunk und Heiligkeit in sakralen Räumen, so spricht Thomas Medicus dem holländischen Künstler Samuel van Hoogstraten auch eine gewisse Freude an der Täuschung zu.
Womöglich gefiel ihm die Wirkmacht, die seine Werke auf die Betrachtenden hatten. Van Hoogstraten, der schon mit Öl auf Leinwand viel Freude daran hatte, die Betrachtenden hinters Licht zu führen, wäre sicherlich von den Möglichkeiten der Virtual Reality begeistert gewesen. Was dabei im Gehirn passiert, untersucht die Universität Münster: "Eine einzige Perspektive lässt uns nur eine Wahrheit erkennen", postuliert die Forscherin Ala Alsaleh. Da kann es nur helfen, dass Künstlerinnen und Künstler zu allen Zeiten Momente der Täuschung erzeugten.
"Illusion. Trugbilder der Kunst", Arte-Mediathek, bis 7. November
"Illusion. Trugbilder der Kunst", Filmstill, 2025
Anne Imhofs Hommage an New York
Die dreistündige Performance "Doom" war eine "Liebeserklärung an New York", wie Anne Imhof im Vorfeld der großen Veranstaltung sagte, die mehrere Tage lang in einer Halle in Manhattan stattfand. Ein zehnminütiger, dichter Kurzfilm erzählt jetzt den Weg zu ihrer Formulierung.
Herzstück war zum einen das Shakespeare-Drama "Romeo und Julia", das Anne Imhof in umgekehrter Chronologie erzählte: Es beginnt mit dem tragischen Tod des Liebespaares und endet mit dem ersten Kuss. "Doom", sagt Anne Imhof, sei für sie das Gegenstück zu "Hope". In der vielschichtigen Aufführung stecken beide Aspekte: Die Hoffnung, dass die Verletzlichkeit der Jugend zu etwas Optimistischem führen kann. Und das Unheimliche, das in der Erkenntnis steckt, dass wir nicht aussuchen können, wen wir lieben, ohne verurteilt, verletzt oder verfolgt zu werden.
In "Doom" kann jede und jeder Romeo oder Julia sein. Die Künstlerin berichtet davon, wie ihre Erfahrungen mit der vorangegangenen Ausstellung "Wish You Were Gay" im Kunsthaus Bregenz die New Yorker Performance prägten: Unbekannte hatten das Ausstellungsplakat mit Messern zerschnitten. Es war ihre bislang persönlichste Ausstellung, in der sie ihr Coming-out und die Schwierigkeiten, damit öffentlich zu werden, anschneidet.
"Remember I love you, I don’t give a fuck about them", singt eine ihrer vielen Performerinnen in "Doom". Die Kamera ist bei den Proben dabei, wenn Anne Imhof die Tänzer – von Ballerinas bis zu Profi-Skatern – anleitet. Die kurzen filmischen Sequenzen aus den tatsächlichen Aufführungen geben jenen konzentrierten Überblick, den die Besuchenden nie erreichen konnten, weil sich vieles gleichzeitig abspielte: klassisches Ballett und Livekonzerte von Hip-Hop und Punkbands, Großchoreografien und Intimität. Immer in Anwesenheit des Publikums aufgeführt. Als Neuinterpretation des Shakespeare'schen Bühnenbegriffs und der ewigen Geschichte der Schmerzen der Jugend.
Ihrer Wunde, sagt Anne Imhof, hat sie die Form eines Diamanten gegeben und etwas Wertvolles daraus gemacht. Auch, wenn der Schliff nicht einfach war und die Kanten scharf.
"Anne Imhof: Doom", Art 21
Anne Imhof "Doom", New York, 2025
Zwei Weltstars ihrer Kunst unter sich
Wim Wenders' 3D-Dokumentarfilm "Anselm" hat einen äußerst charmanten Anfang. Aus der Vogel- (heute sagt man: Drohnen-)Perspektive blickt man in eine riesige Atelierhalle, in der gut und gerne zwei Ikea-Läden Platz hätten. Anselm Kiefer produziert und lagert hier Kunst in gewaltigen Dimensionen. Lässig schubst der Künstler fast im Vorbeigehen ein auf Rollen montiertes Werk an seinen zugewiesenen Platz und setzt sich dann auf ein klappriges Fahrrad. Die Kamera begleitet ihn nun fahrend und auf Augenhöhe, sicher einen halben Kilometer entlang an endlosen Regalreihen mit Werken von teils monumentaler Größe. Dann hält der Künstler punktgenau, um zielsicher ein kleines Foto aus einer Kiste zu nehmen.
Wenn später ganze private Fotoalben des Künstlers durchgeblättert werden, schließlich mit digitaler Hilfe der Künstler als Seiltänzer zwischen Trümmerdeutschland und Engelshimmel balanciert, ist schnell klar: Wenders und Kiefer, beide Jahrgang 45, haben etwas gemeinsam: Die Abenteuerspielplätze ihrer Kindheit waren die Ruinen eines Krieges, den andere zu verantworten hatten. Deren Schweigen wiederum schuf ein Vakuum, das geradezu einlud, sich eigene Gedanken über ein Element der deutschen Kunst zu machen, das brach lag, wenn es nicht gar mit einem Tabu belegt war: das Pathos.
Zu den Wenigen, die Kiefer sofort verstanden, zählte Joseph Beuys, dem er eine Bewerbung schrieb. In einer Spielszene sieht man Daniel Kiefer, der seinem Vater verblüffend ähnelt, einen VW-Käfer mit prallvollem Dachgepäckträger gen Düsseldorf kutschieren. Kiefer als Kind wird in anderen Szenen von Anton Wenders gespielt.
Die kurzen Spielszenen eröffnen eine Ebene der Naivität, die man angesichts der philosophischen Aufladungen des Werkes nicht unbedingt erwartet – aber durchaus anrührend finden kann. Anselm Kiefer selbst kommentiert seine Kunst mit einnehmend gebrochener Stimme, rezitiert Paul Celan und erzählt von einem glücklosen Versuch, Martin Heidegger ein Wort zu seinem Wirken in der NS-Zeit abzuringen.
Historische Fernsehberichte, im 3D-Raum abgespielt auf alten Röhrenapparaten, erinnern an die Zeit, als sich vor allem die deutsche Kulturkritik mit Kiefers Interesse an nationalen Mythen schwertat. Heute ist kaum noch vorstellbar, wie gnadenlos sein Beitrag auf der Venedig-Biennale 1980 verrissen wurde.
Heute zählt Kiefer wie selbstverständlich zum deutschen Kulturgut, genau wie Regisseur Wim Wenders. Letzterer ist gerade 80 geworden, und zu diesem Anlass ist "Anselm" zusammen mit anderen seiner Filme nun bei Arte verfügbar. Zu sehen gibt es außerdem den "Himmel über Berlin", die Tanz-Hommage "Pina" oder das Road-Movie "Paris, Texas". Bei 3-Sat ist bis zum 10. September Wenders' Porträt "Das Salz der Erde" des kürzlich verstorbenen Fotografen Sebastião Salgado zu finden.
"Anselm - Das Rauschen der Zeit", Arte-Mediathek, bis 18. September
"Anselm - Das Rauschen der Zeit", Filmstill, 2023
Der Glamour und der Abgrund einer Epoche
Es ist inzwischen fast 20 Jahre her, dass "Mad Men" erstmals im US-Fernsehen lief. Wie gut die Serie rund um eine fiktive New Yorker Werbeagentur der 1960er-Jahre gealtert ist, kann man nun in der Arte-Mediathek überprüfen. Dort sind bis zum Frühjahr 2026 alle acht Staffeln des Formats verfügbar - man muss sich also nicht viel anderes vornehmen.
Die Handlung kreist während dieser vielen Stunden um den Aufstieg und Fall von Donald Draper (Jon Hamm), einem ad man mit dunklen Geheimnissen und einer Vorliebe für Frauen, Alkohol und Zigaretten (damit ist er im Figurenensemble keineswegs allein). Sein Schicksal und das seiner Agentur verknüpft sich mit den realen Ereignissen der Sixties und zeichnet so auch ein Sittenbild der USA in einer Zeit der politischen Umbrüche.
Schaut man die Serie im Spätsommer 2025, fällt es mitunter schwer, den Sexismus der Serie auszuhalten (Nina Menkes, siehe Tipp zwei, hätte viel zu analysieren). Macht ist im "Mad Men"-Universum weiß und männlich, es gibt anfangs kaum Situationen, in der Figuren unterschiedlichen Geschlechts aufeinander treffen und die nicht damit enden, dass die Frau dem Mann ergeben in die Arme sinkt. Auch rassistische, homophobe und antisemitische Einstellungen ziehen sich durch die Dialoge der Protagonisten, was jedoch dem gesellschaftlichen Klima der Nachkriegs-Ära entsprechen dürfte. Mit der Zeit verkomplizieren sich die Verhältnisse, und es wird deutlich, dass das vermeintlich glamouröse Leben der Männer auf Zynismus und emotionaler Verkümmerung basiert. Dieses period piece zeigt, auf welchen gewaltvollen Strukturen das US-Wirtschaftswunder basiert, das alle zu Konsumenten macht. Und dass die Männer die Veränderung, die sich anbahnt, nicht sehen wollen.
Die wahre Verführung von "Mad Men" ist aber visueller Natur. Die detailverliebte Ausstattung, die Mode, das Mid-Century-Design, die Musik und die handgezeichneten Werbe-Plakate sind die eigentlichen Hauptdarsteller der Serie. Sie führen das, was die Figuren in ihrem Arbeitsleben anstreben, auch am Publikum vor: den "American Dream" durch unwiderstehliche Bilder zu verkaufen. Auch wer etwas über die Gestaltung von Räumen der Kreativität lernen will, ist bei "Mad Men" richtig. Die Kunst an den Wänden ist dabei ein Seismograf für soziale Vorlieben und Veränderungen. So ist das ganze Team der Firma Sterling Cooper in Aufruhr, als im Büro eines Chefs plötzlich ein Mark Rothko in Rot-Tönen hängt.
Mad Men, Arte-Mediathek, bis 30. März 2026
Figurenensemble der vierten Staffel von "Mad Men"
Was geschah im Berliner Club Reaktor?
Einmal im Berliner Berghain zu feiern, ist für viele Techno-Tänzer weltweit ein Lebenstraum, für den sie viel Geld und viele Flugmeilen aufwenden. Vor einigen Jahren bezahlte eine US-amerikanische Touristin ihre Sehnsucht nach dem Rausch jedoch mit dem Leben. Nachdem sie zwei Ecstasy-Pillen genommen hatte, versagten ihre Organe. Sie kollabierte und starb wenig später im Krankenhaus. Der "Spiegel"-Journalist Alexander Osang lernte zufällig ihre Angehörigen kennen und schrieb ihre Geschichte für den "Spiegel" auf. Darin wurde auch die Frage aufgeworfen, ob das Berghain-Team schnell genug reagierte und ob die junge Frau vielleicht hätte gerettet werden können, wenn sie früher in eine Klinik gekommen wäre. Ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung wurde eingeleitet, aber wenig später wieder eingestellt.
Lose basierend auf diesen Ereignissen hat Osang das Drehbuch zur Serie "The Next Level" von Regisseurin Pia Strietmann geschrieben, die in der ARD lief und ab dem 4. September bei ARD plus verfügbar ist. Darin ist es die junge Lokalreporterin Rosa, die zufällig über Josh stolpert, den verzweifelten Witwer von Zofia. Die New Yorkerin ist während ihrer Hochzeitsreise im legendären Berliner Club Reaktor gestorben - der deutliche Berghain-Ähnlichkeit aufweist. Rosa wittert sofort eine Geschichte. War es ein Unfall, eine Überdosis, vielleicht sogar ein Verbrechen? Was zuerst wie ein Kriminalfall wirkt, entwickelt sich in den sechs Folgen zu einem Berliner Panorama im kunstigen Party- und Investorenmilieu.
Rosa ist in dieser Konstellation die wissbegierige Außenseiterin, die für ihre Arbeit bei der "Berliner Allgemeinen" lebt und vor unkonventionellen Methoden offenbar nicht zurückschreckt. So klaut sie dem geheimnisvollen Ostberliner Mäzen und Immobilien-Tycoon Bodo Brenner schonmal ein Gemälde, um ihn zu einem Treffen zu zwingen. Überhaupt entwickelt sich Brenner zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Überall hat der Besitzer des Reaktors seine Finger im Spiel, was die Geschichte zuweilen etwas bemüht und konstruiert wirken lässt. Doch das Setting eines sich wandelnden Berlins zwischen DDR-Erbe, Wende-Idealen und kapitalistischem Ausverkauf fängt die Serie gekonnt ein. Auch einige Gastauftritte realer Nachtleben- und Kulturgrößen lassen sich von Eingeweihten entdecken. Nur Nachwuchsjournalistinnen, die sich jetzt sofort bei einer Berliner Zeitung bewerben wollen, sei gesagt: Der Job einer Lokalreporterin ist leider meist sehr viel unspektakulärer und prekärer als es die dauerrauchende und spionierende Rosa Glauben machen will.
"The Next Level", ab 4. September bei ARD plus
Eine schrecklich künstlerische Familie
Zeitweilig rückt Alberto Giacometti, der berühmteste Spross der Familie, erwartungsgemäß in den Vordergrund des Films. Schließlich zählt der Schöpfer extrem existenzialistisch-langgestreckter Figuren zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Aber die Regisseurin Susanna Fanzun widmet sich in ihrem Dokumentarfilm "Die Giacomettis" eingehend auch den anderen Familienmitgliedern. Giovanni Giacometti, der Vater, war Maler, seine Frau Annetta bekam vier Kinder: Alberto, Diego, Ottilia und Bruno, die sich alle mehr oder weniger der Kunst widmeten.
Das Bergell, ein enges Alpental in der Südschweiz, liegt für drei Wintermonate im Schatten. Der liebe Gott, so geht die Legende, bedauerte die Talbewohner so sehr, dass er ihnen die reich talentierten Giacomettis schenkte, als Lichtblick und Wiedergutmachung sozusagen. In Wahrheit wäre Patriarch Giovanni (1868-1933) beinahe an der Enge und Lichtarmut des Tals zerbrochen. Mit seinem Freund Cuno Amiet ging er für ein paar Jahre nach Paris und lebte einige Zeit in Italien, wo er sich mehr schlecht als recht als Maler durchschlug.
Giacometti hungerte und wurde krank, sah sich gezwungen, ins Bergell zurückzukehren. Er überwand seine Krise, lernte die karge Schönheit seines engen Tals zu schätzen und gründete mit Annetta eine Familie. Seine gewachsene Begeisterung für die heimatliche Umgebung wusste Giovanni Giacometti auf seine Kinder zu übertragen. Weder Alberto noch Diego, Ottilia und Bruno haben mit der Heimat gehadert, wie es bei ihrem Vater noch der Fall war.
Susanna Fanzun wuchs im Nachbartal Engadin auf. Die Filmemacherin schildert, wie sie schon als Kind die Märchenbuch-Illustrationen von Giovanni Giacometti liebte. Bereits 2002 hatte Fanzun eine Kurzdokumentation über Alberto gedreht. Einige Interviews daraus sind in den aktuellen Film eingeflossen. Seitdem sind einige Gesprächspartner, die bei den Giacomettis ein und aus gegangen sind, verstorben, darunter eine Nachbarin und die Haushälterin der Familie, die erzählt, dass sie zwar das Essen vorbereiten durfte, die gestrenge Annetta sie aber nie an den Herd ließ.
Der Film spart auch Albertos Vergewaltigungsfantasie nicht aus, die er in Texten preisgab: Als Jugendlicher habe er geträumt, er dringe in ein abgelegenes Schloss ein, ermorde zwei männliche Bewohner und vergewaltige und töte zwei Frauen, die dort lebten. In bester Laune sei er aufgewacht. Fanzun zitiert die Passage, deutet Abgründe an, ohne sie weiter zu vertiefen. Oberflächlichkeit sollte man der Filmemacherin, die sich hier dem Beziehungsgeflecht einer ganzen Familie widmet, aber nicht vorwerfen.
"Die Giacomettis" lebt nicht zuletzt von den zahlreichen Briefen, aus denen zitiert wird, welche die tiefe Verbundenheit der Verwandten zueinander immer wieder unterstreichen. Allerdings wirken die – häufig aus der Drohnenperspektive gedrehten – Filmbilder des Bergell oft viel zu schön, um wahr zu sein.
"Die Giacomettis - eine außergewöhnliche Künstlerfamilie", ZDF Kultur
Familienfoto aus "Die Giacomettis"