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9 Kunstfilme, die sich im September lohnen

Von der Dorfdisco ins Museum, von queerer Kunst bis Kriegsfotografie: Das sind unsere Filmtipps des Monats


Eine Reise ins Herz queerer Kunst

Manchmal treiben die kleinen Filme die buntesten Blüten. So wie bei Lucio Castros "Drunken Noodles", der 2025 beim Festival in Cannes beeindruckender und ideenreicher war als die Flaggschiffe des Wettbewerbs.

Im Zentrum der "beschwipsten Nudeln" steht Kunststudent Adnan (Laith Khalifeh), der über den Sommer als Praktikant in einer New Yorker Galerie aushilft. Unter dem provokanten Titel "I Want Your Skull" sind dort Stickereien eines älteren Künstlers ausgestellt. Zu sehen sind bunte, groteske, in jedem Fall pornografische Bilderreigen. Adnan ist äußerst angetan von der Kunst des Provokateurs, mit dem er in der Vergangenheit selbst eine Affäre hatte. So angetan, dass der junge Mann bald auch andere Menschen in den Bann der pikanten Arbeiten zieht, womit eine spielerische Auseinandersetzung mit queerer Kunst beginnt.

Er wollte einen zärtlichen Film über Kunst machen, sagt Regisseur Lucio Castro. Seit über 20 Jahren lebt der Argentinier selbst in New York. Das in seinem Film behandelte Werk des Künstlers Sal Salandra hatte er 2021 kennengelernt. Sofort faszinierte ihn, dass dessen Werke, anders als traditionelle Handarbeiten, gerade keine idyllischen Landschaften oder mit Wolle spielende Kätzchen zeigen. Erst wollte Castro eine Dokumentation drehen, stellte dann jedoch fest, dass damit nicht ausgedrückt werden kann, was ihn an Salandra so fesselt.

Castros dritter Spielfilm "Drunken Noodles" zeigt diese Faszination nun umso eindrücklicher, ja, auf fast obsessive Weise. Schon früh sehen wir, wie Protagonist Adnan zusammen mit seinem Date, dem Kurierfahrer Yariel (Joél Isaac), und dessen Freunden die Szenarien des Textilkünstlers nachstellt: als bewegungslose Standbilder in seinem nüchtern eingerichteten Apartment. Pornografisch ist an diesen Performances nichts. Vielmehr wirken die stillen Männerkörper im kühlen Abendlicht entrückt und statuenhaft. Noch ätherischer ist die erste Begegnung der Hauptfigur mit dem Künstler selbst (Ezriel Kornel). Nach dem Sex zeigt dieser Adnan seine Lieblingsstelle im Wald, fordert den jungen Mann auf, einfach nur zu lauschen.

Erst ist Adnan von der endlosen Meditationsübung sichtlich gelangweilt. Dann jedoch passiert das Unglaubliche. Der Faun, den Adnan zuvor auf den Bildern gesehen hatte, steigt aus einem Gebüsch und streift durch den plötzlich neonleuchtenden Wald. Adnan ist begeistert. Jedoch mahnt die Salandra-Figur, dass er den schönen Faun nicht berühren dürfe. Wie die Standbilder wird auch diese Erotik zur Kunst, zum sinnlichen Stillstand und dabei umso hinreißender.

"Drunken Noodles", Salzgeber Streaming

"Drunken Noodles", Filmstill, 2025
Foto: Edition Salzgeber

"Drunken Noodles", Filmstill, 2025


Zu Hause bei einer Jahrhundertfrau

Die Malerin Jacqueline Gourevitch ist kein Star der Kunstwelt. Zwar befinden sich Werke von ihr in der Sammlung des Museum of the City of New York, des Art Institute of Chicago oder des National Academy Museum, den meisten Menschen dürften ihr Name und ihre Lebensgeschichte jedoch unbekannt sein. Dass sich das schnellstens ändern sollte, zeigt ein Kurzfilm des Regisseurs Joshua Charow, der die heute 92-Jährige in ihrem Loft in Tribeca, New York, besucht. 

Gourevitch lebt dort seit 1978 und hat die Wohnung in ein Künstlerinnen-Refugium verwandelt. Im Interview erzählt die gebürtige Französin, wie sie mit ihren Eltern 1940 vor den Nazis in die USA floh. Ihre Großeltern starben im Konzentrationslager. Trotzdem insistiert sie, dass sie "ein sehr gutes Leben" hatte, voller Kunst und Literatur und Inspiration. Sie spricht von ihrer Liebe zum offenen Himmel und zu ihrem verstorbenen Mann, mit dem sie stets Wand an Wand gearbeitet hat. Jacqueline Gourevitch steht auch für ein Ideal der Belesenheit und der klassischen Bildung in einer New Yorker Kulturwelt, die es so nicht mehr gibt.

Die Künstlerin bezeichnet sich selbst als hungry looker - und hungrig nach mehr solcher berührender Begegnungen kann man auch als Zuschauerin von Joshua Charows Porträts werden. Zum Glück bietet sein YouTube-Kanal noch mehr Kunstfutter. So kann man dort ein exzentrisches Künstlerpaar kennenlernen, das auf einer historischen Fähre im New Yorker Hafen lebt, oder einen Ex-Tänzer, der heute die Spitzenschuhe des New York Ballet liebevoll von Hand bemalt. 

"Inside a 92-Year-Old Painter's NYC Loft", auf Youtube

Malerin Jacqueline Gourevitch
Foto: Screenshot via Youtube

Malerin Jacqueline Gourevitch

 

Mode, Freundschaft und Krieg

Für die vierteilige ARD-Serie "Offline" begleitete der Fotograf und Regisseur Mehran Djojan von 2019 bis 2022 drei befreundete Models, die aus der Ukraine und Russland nach Deutschland gekommen sind. Die Träume von der eigenen Karriere werden jedoch durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine brutal infrage gestellt.

Via Instagram lernte Djojan die Models Tanya, Valeriia und Daniel kennen, als sie gerade nach Berlin gezogen waren. "Wir haben voneinander profitiert", erzählt Djojan, dessen Stimme immer wieder aus dem Off zu hören ist. Typisch für das Business: Er bekommt die Modelle für seine Fotos, sie haben dafür neue Bilder für ihre Mappen. Es entsteht eine Freundschaft, die Nähe zwischen Regisseur und den drei Protagonisten ist spürbar. Sie werden in ihren Wohnungen gezeigt, wie sie sich für Shootings selbst schminken, weil sie sich keine Visagistinnen leisten können, und nach Terminen beim Bürgeramt, wenn das Visum wieder mal auszulaufen droht.

Unüblich für dokumentarische Filme sprechen Tanya, Valeriia und Daniel immer wieder direkt in die Kamera. Sie erzählen von ihren Träumen, Erfolgen, Beziehungen. Mit Anfang 20 haben sie ihre Heimatstädte und Familien hinter sich gelassen. Einen Teil des Geldes, das sie durch ihre Jobs in Deutschland verdienen, schicken sie ihren Eltern, hoffen auf ein besseres Leben.

Alle drei werden in dieser Coming-of-Age-Serie nicht nur im Kontext der Modewelt gezeigt, sondern auch mit persönlichen Projekten: von Schauspieljobs über Punkbands bis zu ihren Liebesbeziehungen. Der Kriegsausbruch stellt die Frage nach Nationalität für Tanya, Valeriia und Daniel neu in den Vordergrund. Kurz vor dem Beginn des großangelegten Einmarschs der russischen Armee sind sie noch einmal in Kiew. Im Rückblick schmerzen die unbeschwerten Bilder.

Vom Krieg bleibt auch ihre Arbeit nicht unberührt. Vor allem Tanya, die aus Russland stammt, versucht durch Performances ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Zu sehen ist sie bei einem Auftritt, als sie ihren Körper mit Herzen bemalt und sich nackt singend vor ihr Publikum stellt. Unterbrochen werden die Aufnahmen von Jobsuchen, Partys und Fotoshootings, von Handyvideos der Eltern, die sich bei ihren Kindern aus Bunkern melden.

Was bleibt, ist das Gefühl, dass die einzige Sicherheit für die Drei im Wandel liegt. Die Zerrissenheit zwischen Ankommen, Weitergehen und Hoffen ist immer spürbar. Mit den Worten "Let me just be" endet die vierteilige Reihe, für die Regisseur Mehran Djojan beim bundesweiten Ideenwettbewerb ARD Kultur Creators ausgezeichnet wurde.

"Offline: Zwischen Fashion, Instagram und Krieg", ARD-Kultur

"Offline: Zwischen Fashion, Instagram und Krieg", zu sehen bei ARD Kultur
Foto: ARD Kultur

"Offline: Zwischen Fashion, Instagram und Krieg", zu sehen bei ARD Kultur

 

Das Schöne und das Schräge

Was ist außergewöhnlich? Was ist normal? Ist Exzentrik eine Form des Widerstandes? Und ist die vermeintliche Normalität vielleicht sogar das Schrägste, was es gibt? Der 50-minütige Dokumentarfilm "Exzentrisch – Die Kunst der Andersartigkeit" begibt sich auf Spurensuche nach all dem, was ex, also außerhalb, des Zentrums liegt. Viele Künstlerinnen und Künstler kommen zu Wort, wechseln sich dabei mit Kunstkritikerinnen und Museumsleitern ab. Ein buntes, wirklich buntes Spektrum der Außergewöhnlichkeit. 

Nicola Graef zeigt in ihrem Film mit interessiertem und gleichzeitig sensiblem Blick historische Referenzen und Werke, sowie zeitgenössische Positionen, die bewusst die Vernunft und Logik infrage stellen. 

So wie das Künstlerpaar Eva und Adele (Eva ist 2025 gestorben) als perfekt gestylte "Hermaphrodit-Zwillinge" aus der Zukunft: Sie lächeln in den gezeigten Bildern einfach über ihre "Nonkonformität" hinweg. Der Filmemacher und Performancekünstler John Bock stellt sein Werk "Koffervortrag" mit dem Titel "Appoximation-Rezipientenbedürfnis-Chroma-Uhr-Ultra-Material-Minimax" vor, bei dem nicht nur der Titel verwirrt. Andy Warhol, Van Gogh, Salvador Dalí oder François Boucher beweisen, dass dieses "zu Grelle", "zu Fremde", "zu Grenzüberschreitende" nach einem Moment der gesellschaftlichen Ablehnung zu einem neuen Ästhetikverständnis führen kann. 

Es ist jedoch nicht unbedingt empfehlenswert, nebenher Popcorn zu essen, da die blutigen Performances der Wiener Aktionisten ebenfalls Teil des Films sind, genau wie Szenen von Schönheitsoperationen. Hier wird auch das Publikum aus der Komfortzone gelockt.

"Exzentrisch – Die Kunst der Andersartigkeit", Arte-Mediathek, bis 13. April 2028

Das Performancepaar Eva (gestorben 2025) und Adele im Film "Exzentrisch - Die Kunst der Andersartzigkeit" bei Arte
Foto: Courtesy Arte

Das Performancepaar Eva (gestorben 2025) und Adele im Film "Exzentrisch - Die Kunst der Andersartzigkeit" bei Arte


Wo der Bär steppt und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

Natürlich kann man auch den Film über das New Yorker Studio 54 anschauen, der gerade bei Arte läuft. Über den legendären Discotempel, in dem man Andy Warhol und Grace Jones auf der Tanzfläche antreffen konnte. Oder man entscheidet sich für Cord und Meike, die im niedersächsischen Cloppenburg in einer Dorfdisco zueinander gefunden haben – und wahrscheinlich ist das die originellere Wahl. 

Der warmherzige Film "Saturday Night Fever auf dem Land" widmet sich dem Phänomen des Feierns jenseits der großen Party-Metropolen. Denn getanzt wird immer und überall. Und für Jugendliche in der Provinz ist die Dorfdisco oft Zufluchtsort, Experimentiererlaubnis und eine Schule fürs Leben. Hier wurde und wird getrunken, geknutscht und gestritten, und in Form von Musik, Mode (und auch Drogen) eröffnen die Tanzschuppen den Zugang zur großen weiten Welt – wenn auch oft mit ein paar Jahren Verspätung. 

Der Film zeigt historische Aufnahmen aus verschiedenen deutschen und französischen Dorfdiscos und verbindet persönliche Erinnerungen mit einem gesellschaftlichen Panorama. Auch die Schauspielerin Anne Ratte-Polle, der Musiker Nikko Weidemann und der Rapper Finch erzählen von ihrer Jugend auf dem Land und der Freiheit, die sie im dortigen Nachtleben fanden. Ergänzt wird der Blick durch den Fotografen François Prost, der für eine Bilderserie Dorfdiscos bei Tag abgelichtet hat. Er hält damit auch ein Phänomen fest, das vom Aussterben bedroht ist. Denn das Ausgehverhalten ändert sich, und das Tanzen gehört am Wochenende nicht mehr unbedingt zum Standardplan. Was verloren geht, wenn die Dorfdiscos schließen und es keine "John Travoltas aus Herne" mehr gibt, macht diese Hommage eindrücklich deutlich.

"Dorfdisco - Saturday Night Fever auf dem Land", Arte-Mediathek, bis 2. Oktober

In den 80er-Jahren der Hit in jeder Dorfdisco: die Lasershow
Foto: Courtesy ZDF

In den 80er-Jahren der Hit in jeder Dorfdisco: die Lasershow


Das Vermächtnis der Kriegsfotografin Anja Niedringhaus

"Eine tote Fotografin nützt niemandem etwas", sagt Anja Niedringhaus in einem Interview am Telefon, bei dem es um Risiko und Vorsicht in ihrem Beruf geht. Wenig später ist die deutsche Kriegsreporterin tot, gestorben 2014 bei einem Anschlag auf ihr Fahrzeug in Afghanistan. Nachdem bereits ein Biopic das dramatische Leben der Fotografin nachgezeichnet hat, ist nun ein neuer Dokumentarfilm über Niedringhaus in der ARD-Mediathek zu sehen. Darin werden nicht nur die letzten Minuten ihres Lebens minutiös rekonstruiert (unter anderem erzählt ihre Kollegin Kathy Gannon, die neben ihr im Auto saß und das Attentat schwer verletzt überlebte), sondern vor allem die Haltung der Fotografin zu ihrer Tätigkeit. Sie hasse arrangierte Bilder, erzählt Anja Niedringhaus, und man müsse die Menschen lieben, um ihr Leid in den Krisenregionen dieser Welt zu zeigen.

Die 1965 geborene Journalistin war unter anderem Mitarbeiterin der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). 2005 wurde sie für ihre Arbeit mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Ihre Reportagefotografien, die sie immer wieder in Kriegsgebiete führte, wurden auch in Kunstinstitutionen gezeigt, unter anderem im C/O Berlin, in den Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum, in der Art Collection Deutsche Börse in Frankfurt und im Kasseler Kunstverein. Der Film zeigt jedoch auch, was vorher geschah. Ihre Mutter und ihre beiden Schwestern erzählen von ihrer Kindheit im beschaulichen Höxter und ihrer Karriere als Agenturfotografin, in der sie oft auf Vorurteile traf und sich als Frau beweisen musste. Krieg war Männerdomäne, genauso wie die Dokumentation der Kämpfe mit der Kamera.

Anja Niedringhaus erscheint in diesem Porträt als warmherzige Person, die sich nicht einschüchtern ließ und immer nach Momenten der Empathie suchte. Ehemalige Weggefährten sprechen mit Hochachtung von ihr und ihrem Blick für die Szenen jenseits der offensichtlichen Schauplätze. Kriegsberichterstattung dürfe nicht nur "Bang-Bang-Fotografie" sein, sagt einer ihrer Ex-Kollegen, nicht nur Soldaten mit Gewehren. Es gehe immer darum, das Menschliche zu sehen.

"Anja Niedringhaus - Die Fotografin und der Krieg", ARD-Mediathek, bis 6. Januar 2027

Die Kriegsreporterin Anja Niedringshaus: Porträt einer Fotografin mit Canon-Kamera, lächelnd, auf Platz mit Säulen.
Foto: picture alliance/dpa/SWR - Das Erste

Die Kriegsreporterin Anja Niedringshaus


Die fast wahren Geschichten der Jordan Strafer

Jordan Strafer ist Künstlerin, ihre Eltern waren Strafverteidiger. Und bei genauerem Hinsehen haben diese beiden Berufsfelder eine ganze Menge gemeinsam. Denn in beiden Sparten geht es um Inszenierung, besonders in den USA, wo große Gerichtsprozesse an Seifenopern erinnern und Elemente von Performance enthalten. Strafer interessiert sich für die Kategorien Wahrheit und Gerechtigkeit und ihre Erscheinungsformen in den Medien: Talkshow-Moderatoren spielen sich als Richter auf, überall wird gestanden und verurteilt, bis Fakt und Fiktion nicht mehr zu trennen sind.

Auch in ihren Videoinstallationen lässt Jordan Strafer die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit verschwimmen, indem sie reale Szenarien von Schauspielern nachstellen lässt, bis sie zu überzeichneten Karikaturen werden. Oder waren die originalen Fernsehbilder auch schon eine Karikatur ihrer selbst? In dem Filmporträt "Jordan Strafer's True Stories" der Kreativagentur Art 21 erzählt die Künstlerin von ihrem Drang, Projektionsflächen zu schaffen, die von den Sehnsüchten des Publikums erzählen. In Strafers Arbeit liegen Komik und Trauma nah beieinander – ganz wie im echten Leben.

"Jordan Strafer’s True Stories", Art 21 online

Jordan Strafer "Loophole", 2023, Videostill
Foto: Courtesy die Künstlerin

Jordan Strafer "Loophole", 2023, Videostill


Wohnen Künstler künstlerischer?

Bei manchen Häusern wünscht man sich, dass sie sprechen könnten. Vor allem, wenn berühmte und/oder interessante Menschen in ihnen gelebt haben. Wohnen Künstler künstlerischer? Spielen sich in den eigenen vier Wänden Dramen und glamouröse Szenen ab? Oder brauchen auch exzentrische Menschen einen Raum, in dem sie ganz normal sein dürfen?

Indirekt beschäftigt sich auch der Film "Exhibition" von Joanna Hogg aus dem Jahr 2013 mit dieser Frage. Vordergründig geht es um ein Künstlerpaar (gespielt von den echten Künstlern Liam Gillick und Viv Albertine), das in ihrem gemeinsamen Leben und Arbeiten eine Balance zwischen Distanz und Nähe sucht. Aber die Hauptfigur ist eigentlich ihr Haus, ein kühler, modernistischer Designer-Bungalow in London, der die Bewegungen und Abläufe der Menschen beeinflusst. Immer wieder spurtet jemand die zentrale Wendeltreppe hoch oder runter, verdunkelt die riesige Fensterfront mit teuren Vorhang-Mechanismen oder verliert sich in den wenig gemütlichen Katakomben des Gebäudes. "Es ist kein Zuhause", sagt einmal eine Nachbarin über den schicken Architektenentwurf, den sie für seelenlos hält. Die Besitzer sind davon offenbar so getroffen, dass sie sich mit einem gespielten Ohnmachtsanfall aus dem gemeinsamen Abendessen manövrieren.

Das Paar hat sich schweren Herzens entschieden, das Haus zu verkaufen, sodass ihr Alltag in ihrem Heim nun etwas Wehmütiges bekommt und selbst eine Performance wird. "Exhibition" ist ein ruhiges Kammerspiel, in dem es mehr um emotional aufgeladene Bilder als um Handlung geht. Trotzdem zieht dieses geheimnisvolle Paar, zu dem man keinerlei Vorgeschichte erfährt, die Zuschauerin in seinen Bann. Und wenn man die Frage vom Anfang beantworten will: Künstlerwohnen enthält alles gleichzeitig: Drama, Intimität, Irritationen und Langeweile.

"Exhibition", bei Mubi

"Exhibition", Fulmstill, 2026
Foto: Courtesy Mubi

"Exhibition", Filmstill, 2026


Konzert zwischen Alten Meistern

Paris Paloma hat ein Faible für wütende Frauen, düstere Geschichten und alte Kunst. Mit "Labour", ihrer Abrechnung mit patriarchalen Erwartungen, wurde die britische Musikerin zum TikTok-Star. Jetzt darf die selbsternannte "Kunstgeschichts-Nerdin" für das Arte-Konzertformat "Sounds Like Art" durchs Museum voor Schone Kunsten in Gent ziehen.

Dort spielt sie mit Chor und Streichern zwischen Alten Meistern und spricht über das, was ihre Musik ohnehin antreibt: Feminismus, toxische Männlichkeit und die manosphere. Bei Hieronymus Bosch findet sie die passenden Höllenbilder dazu, bei Camille Claudel, Mela Muter und Elisa de Gamond weibliches Kunstschaffen, das lange im Schatten von Männern stand.

"Kunst war mein ganzes Leben lang meine engste Begleiterin", sagt Paloma über ihre Arbeit. Sie sei ihre Art, die Welt zu verstehen – und das merkt man ihren Songs an. Mythologie, Gothic und Kunstgeschichte sind darin keine hübschen Referenzen, sondern Material für Geschichten über Liebe, Macht und Geschlechterrollen. Ihr neues Album "The Fatal Flaw" beschreibt sie selbst als so stark von Kunstgeschichte geprägt, dass es sich für sie wie "große Wandteppiche und wunderschöne, schwere Gemälde" anfühlt.

"Paris Paloma - Sounds Like Art", Arte-Mediathek, ab 9. September

Person in weißem Korsettkleid gestikuliert vor großem Historiengemälde im Museum.
Foto: Valerie De Backer

Paris Paloma im Museum voor Schone Kunsten in Gent