Ein künstlerisches Verbrechen
Ein Mensch, der mit der Schwerkraft verhandelt: Das Bild von Philippe Petit auf dem Drahtseil zwischen den Twin Towers erinnert – okay, ziemlich entfernt – an Bas Jan Aders "Fall"-Performances aus den 1970er-Jahren. Mit einem entscheidenden Unterschied: Petit fiel nicht. James Marshs Dokumentarfilm "Man on Wire – Der Drahtseilakt" erzählt von Petits illegalem Hochseillauf zwischen den Türmen des World Trade Centers am 7. August 1974. Sechseinhalb Jahre hatte der französische Akrobat die Aktion vorbereitet, Baupläne studiert, das Gebäude ausgekundschaftet und gefälschte Papiere organisiert. Der Filmtitel stammt aus dem Polizeibericht, der nach seiner Festnahme angefertigt wurde. Marsh inszeniert die Vorbereitung wie einen Heist-Film. Archivaufnahmen, Fotografien und Interviews mit den Beteiligten rekonstruieren, wie Petit und seine Helfer das Seil heimlich zwischen den Türmen spannten. Vom eigentlichen Lauf existieren nämlich nur Fotos. 2020 zeigte Petit auf der Riga-Biennale Fotografien und Dokumente aus seinem persönlichen Archiv. Spätestens dort wurde deutlich, dass der Drahtseilakt mehr war als die spektakuläre Aufführung eines Hochseilartisten: eine poetische Aneignung zweier Machtsymbole der Moderne und der Versuch, für 45 Minuten eine andere Möglichkeit zu erfinden, sich durch die Stadt zu bewegen.
"Man on Wire – Der Drahtseilakt", Youtube und Amazon Prime
Variationen über das Gebären
Pressen, einatmen, ausatmen. Die Serie "Push" erzählt vom Alltag dreier Hebammen – im Krankenhaus und jenseits des Kreißsaals. Am Anfang braucht es etwas Geduld: Wie so oft bei deutschen Produktionen ist der Cringefaktor stellenweise recht hoch, Dialoge wirken bemüht, Szenen konstruiert. Doch spätestens ab der zweiten Folge entwickelt die Geschichte um Nalan, Anna und Greta einen Sog. Schön ist, dass "Push" Geburten nicht verklärt, sondern ziemlich realitätsnah zeigt. Gleichzeitig erzählt die Serie von den fordernden Bedingungen, unter denen Hebammen arbeiten: von Schichtdienst, Erschöpfung, Personalmangel und der Verantwortung, innerhalb weniger Sekunden weitreichende Entscheidungen treffen zu müssen. Diese können Leben retten, Familien traumatisieren oder später vor Gericht verhandelt werden. Die berufliche Überlastung reicht weit in das Privatleben der drei Frauen hinein – in ihre Beziehungen, Familien und eigenen Kinderwünsche. Zugleich zeigt "Push" ganz selbstverständlich die Bandbreite möglicher Formen des Gebärens: nach künstlicher Befruchtung, als lesbisches Paar, per auf den Tag genau geplantem Kaiserschnitt, als anonyme Geburt, Hausgeburt oder medizinischer Notfall. Auch unerfüllter Kinderwunsch, traumatische Geburtserfahrungen und die Frage, wo Gewalt im Kreißsaal beginnt, werden nicht ausgespart.
"Push", 2 Staffeln, ZDF-Mediathek
Die drei Hebammen bei der Arbeit: Nalan Arzouni (Mariam Hage), Anna Koch (Anna Schudt), und Greta Malinger (Lydia Amasko) in "Push"
Faszinierendes Fabelwesen
1885 malte Arnold Böcklin ein Einhorn. Beim Anblick von "Das Schweigen des Waldes" soll ein Besucher in seinem Atelier mal bemerkt haben, dass ein Einhorn doch ganz anders aussehe. Böcklin konterte: "So, haben Sie schon mal eines gesehen?" Es ist eben seltsam mit diesem Fabelwesen. Wir alle haben eine ziemlich genaue Vorstellung davon, obwohl niemand je eines gesehen hat. Im Mittelalter galt seine Existenz kaum als zweifelhaft. Schließlich wurde das Einhorn in der Bibel erwähnt, und in Kirchen waren seine vermeintlichen Hörner zu bestaunen – lange, weiße, spiralförmige Gebilde, die sich erst im 17. Jahrhundert als Stoßzähne von Narwalen entpuppten. Der wissenschaftlichen Entzauberung hat das Einhorn trotzdem mühelos widerstanden. Die Arte-Dokumentation verfolgt die Geschichte dieses erstaunlich langlebigen Mythos zurück bis ins zweite Jahrtausend vor Christus und besucht unter anderem die Einhorn-Ausstellung, die bis Februar dieses Jahres im Museum Barberini in Potsdam zu sehen war. Deren Kurator Michael Philipp, zugleich wissenschaftlicher Berater des Films, geht den entscheidenden Fragen nach: Warum dient das Einhorn seit Jahrtausenden als Projektionsfläche? Und wie kann ein Tier, das nie existierte, eine so reale Sehnsucht auslösen?
"Das Einhorn. Kulturgeschichte einer Sehnsucht", Arte-Mediathek, bis 15. September
Das Bild "White Unicorn" (circa 2015) der niederländischen Fotografin Marie Cècile Thijs entstand im Rahmen einer Fotoserie über Pferde. Es reflektiert die lange bestehende Vorstellung vom Einhorn als real existierendes Wesen.
Das Leben als Performance
Ist das Performance oder echt, Kunst oder Leben? Regisseurin Joanna Hogg lässt diese Frage in ihrem Drama "Exhibition" (2014) bewusst offen. D ist Performancekünstlerin und fällt schon mal in Ohnmacht, um einen langweiligen Pärchenabend zu beenden. Tatsächlich kommen die beiden Hauptdarsteller auch im echten Leben aus der Kunst. Der Bildhauer und Objektkünstler Liam Gillick, der im Film nur H heißt, verwandelte den deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale 2009 in eine nicht funktionale Küche mit einer sprechenden Katze. Viv Albertine, die D spielt, war Gitarristin der Punkband The Slits. Die Handlung des Films ist ebenso reduziert wie seine Dialoge. D und H leben in einem architektonisch markanten Haus im wohlhabenden Westen Londons. Nach fast zwei Dekaden beschließt das Paar, das Haus zu verkaufen. Einen konkreten Anlass gibt es nicht, nur dieses diffuse Verlangen nach Veränderung. Das Gebäude wird in den präzise komponierten Aufnahmen zur Bühne für die beiden irgendwie gefühllos wirkenden Protagonisten. Dabei verzichtet die Kamera fast vollständig auf Nahaufnahmen ihrer Gesichter. Gerade durch diese merkwürdige Distanz in kühlen Farben wirft "Exhibition" intime Fragen über die Routinen, Abhängigkeiten und Eigenheiten langjähriger Beziehungen auf. Offen bleibt, ob der Film vor allem eine Beziehungsstudie ist oder das Porträt einer Generation, deren hohe Ansprüche an Kunst und Leben nur noch als sorgfältige ästhetische Inszenierung sichtbar werden.
"Exhibition", Mubi
"Exhibition", Filmstill, 2013
Im Angesicht des Kunstbetriebs
"The African Desperate" ist der Debütfilm der Künstlerin Martine Syms, die während des letzten Berliner Gallery Weekends im Window der Galerie Sprüth Magers eine temporäre Boutique eingerichtet hat. In ihrem Film spielt die Künstlerin Diamond Stingily die Kunststudentin Palace Bryant. Gleich in der ersten Szene muss Palace ihre Masterarbeit vor vier Fakultätsmitgliedern verteidigen. Die Prüfenden begegnen ihr, einer der wenigen Schwarzen Studentinnen an der überwiegend weißen Hochschule, mit Misstrauen und Herablassung. "Es gibt viele Künstlerinnen in deinem Alter und mit deinem ethnischen Hintergrund, die Ähnliches machen wie du. Wie willst du dich von ihnen unterscheiden?", fragt eine von ihnen. Auch Palaces vermeintlich progressive Mitstudierenden erweisen sich im Umgang mit ihr als erstaunlich weltfremd. Der Film begleitet die 24 Stunden nach Bryants Prüfung: Abschiede, Drogen und eine ausufernde Abschlussfeier. Voller Anspielungen auf den Kunsthochschulbetrieb und seine Theorieversessenheit fängt Syms die Erschöpfung und Ungewissheit dieses Übergangs ein – den Moment, in dem das Studium endet, ohne dass bereits klar wäre, was danach kommt. Im Stil eines Independentfilms mit trockenen Dialogen gedreht, ist "The African Desperate" zugleich Coming-of-Age-Film und Satire auf einen Kunstbetrieb, der sich zwar progressiv gibt, seine eigenen Machtverhältnisse aber nur ungern hinterfragt.
"The African Desperate", Mubi
"The African Desperate", Filmstill, 2022
Painting and pain
Für die 19-jährige Jojo, gespielt von Maja Bons, geht mit dem Kunststudium ein Traum in Erfüllung. Doch ihr Professor Copley (Jean-Marc Barr) entpuppt sich als unberechenbarer Patriarch, unter den Studierenden herrscht Konkurrenzdruck, und die Grenzüberschreitungen des Skandalprofessors Roeg (Andreas Lust) verschärfen das ohnehin toxische Klima an der Hochschule. Ihr Kinodebüt "Die Akademie" drehte Regisseurin Camilla Guttner an der Kunsthochschule München, an der sie selbst bis 2007 bei Sean Scully studierte. Eigene Erfahrungen verarbeitete sie so zu einem Film, der zwischen Satire, Drama, Mystery und Coming-of-Age changiert. Das von Guttner selbst geschriebene Drehbuch erzählt von künstlerischem Ehrgeiz, Abhängigkeiten und Machtmissbrauch – und von der Frage, wie viel Schmerz Kunst tatsächlich braucht. Der italienische Kameraveteran Luca Bigazzi übersetzt das beklemmende Hochschulmilieu in atmosphärische Bilder. Im Zentrum der überzeugenden Besetzung steht Maja Bons, die Jojo zwischen Energie, Ehrgeiz und Zerbrechlichkeit spielt. "Maybe painting does come from pain", sagt sie einmal. "Die Akademie" zeigt, was passiert, wenn eine Institution diese Idee zum Prinzip erhebt.
"Die Akademie", Arte-Mediathek, bis 7. Oktober
Professor Roeg (Andreas Lust) lässt eine seiner Studentinnen, Siri (Luise Aschenbrenner), den Boden bemalen – bis zur Tür des Klassenraums, die er hinter ihr zuwirft und sie ermahnt, nie wieder zu seiner Klasse zu kommen.
Robert Rauschenberg
Einen Monat und je nach Überlieferung 15, vielleicht sogar 40 Radiergummis soll Robert Rauschenberg gebraucht haben, um eine Zeichnung von Willem de Kooning auszuradieren. Übrig blieb ein beinahe weißes Blatt – und eines der berühmtesten Werke der amerikanischen Nachkriegskunst. Die NDR-Dokumentation zeichnet Rauschenbergs Karriere von den frühen Experimenten am Black Mountain College über die weißen Bilder und Combines bis zu den späten Großformaten nach. Kuratorinnen und Kuratoren, Weggefährten und sein Sohn Christopher Rauschenberg ordnen sein Werk ein, Archivaufnahmen lassen den Künstler selbst zu Wort kommen. Rauschenberg übernahm die Experimentierfreude des abstrakten Expressionismus, wandte sich aber gegen dessen Pathos und Geniekult. Er choreografierte, entwarf Bühnenbilder, arbeitete an Performances und integrierte Zeitungsbilder, Schrott, Sonnenschirme oder Autoreifen in seine Kunst. "Es ging darum, die Welt zu verstehen", sagt sein Sohn im Film.
"Robert Rauschenberg – Alles ist Kunst", ARD-Mediathek, bis 19. September
Robert Rauschenberg (1925–2008) dachte jenseits künstlerischer Schubladen.
Haare in der Kunst
Von Sandro Botticelli gibt es ein Porträt aus dem späten 15. Jahrhundert mit einer absoluten Traumfrisur, die bei genauerem Hinsehen ziemlich unecht wirkt: Ein voller Zopf fällt über den Rücken, einzelne Strähnen sind aufgebauscht und zu Schnecken gelegt, zwei weitere Zöpfe rahmen das Dekolleté der Frau. Angeblich verbirgt sich in der aufwendigen Haarpracht sogar eine heimliche Botschaft – Botticelli soll in sein Modell verliebt gewesen sein. Ob das stimmt, weiß niemand. Fest steht: In der Geschichte der Malerei erzählen Haare von Begehren und Status, von Politik, Identität und gesellschaftlichen Normen. Albrecht Dürer, Sandro Botticelli und Leonardo da Vinci inszenierten sie als Zeichen göttlicher Schöpfung und irdischer Verführung. Frida Kahlo und Marina Abramović hingegen machten sie zum Ausdruck von Weiblichkeit, Wut und existenzieller Selbstbefragung. Die Dokumentation verfolgt diese Bildgeschichte bis in die Gegenwart. Die ivorische Künstlerin Laetitia Ky formt aus ihrem eigenen Haar skulpturale feministische Statements, während der Haarkünstler Charlie Le Mindu in Paris Haute Couture aus Menschenhaar präsentiert. So entsteht ein Streifzug durch die Kunstgeschichte, der zeigt, wie viel Bedeutung in etwas stecken kann, das uns täglich aus dem Kopf wächst.
"Hairy Tales – Das Haar in der Kunst", Arte-Mediathek, bis 21. September
Auch in der Bildhauerei spielen Haare und die Komplexität ihrer Form und Textur eine wichtige Rolle.
Die lange übersehene Pionierin
Noch vor Wassily Kandinsky und Piet Mondrian schuf Hilma af Klint (1862–1944) abstrakte Werke. Doch die Öffentlichkeit erfuhr zunächst nichts davon, denn die Schwedin verfügte, dass ihre Bilder erst 20 Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden sollten. So blieben die revolutionären Gemälde bis ins Jahr 1986 weitgehend verborgen. Ihre spektakuläre Wiederentdeckung – unter anderem durch die viel beachtete Retrospektive 2018 im New Yorker Guggenheim Museum – stellt das lange Zeit männlich dominierte Narrativ der Moderne grundlegend infrage. Seit dem Frühjahr 2026 ist im Centre Pompidou und im RMN-Grand Palais die erste französische Retrospektive zu Hilma af Klint zu sehen – noch bis zum 30. August. Die Dokumentation von Manuelle Blanc beleuchtet das Leben und Schaffen einer Künstlerin, die, um den Titel der Biografie von Julia Voss aufzugreifen, "die Menschheit in Staunen versetzen" wollte. Postum ist ihr das zweifellos gelungen.
"Das Doppelleben von Hilma af Klint. Pionierin der abstrakten Kunst", Arte-Mediathek, bis 30. August
Hilma af Klint "Cygnes, Nr. 3", 1915