Schule des Sehens
David Hockney lebt ja nun leider, wie Monopol-Redakteur Jens Hinrichsen in seinem Nachruf schreibt, "irgendwo über dem Regenbogen". Der britische Maler ist am 11. Juni im Alter von 88 Jahren in London verstorben. Sein Leben lang wollte Hockney die Welt so intensiv wie möglich sehen. Wie ihm das mit seinen Bildern gelang, kann man jetzt noch einmal in einer Arte-Doku nachvollziehen. Zeitgenossen, Freunde und Kuratoren kommen darin zu Wort, erzählen Anekdoten und ordnen das Werk eines Malers ein, für den erst der Raum und später die Zeit zu zentralen Kategorien wurden. Der Film erinnert auch daran, dass Hockney einer der wenigen Künstler war, die sich in den 1960er-Jahren öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannten. In Kalifornien, fern von einem England, in dem Homosexualität noch unter Strafe stand, begann er mit der "Pool"-Serie, dem ersten zusammenhängenden Zyklus seines Werks: nackte Männer, fast wie Pin-ups arrangiert, ausgestellt und begehrt – und doch durch die geometrischen Formen und den Rahmen des Bildes geschützt. Besonders eindrücklich wird Hockneys Nachdenken über Sehen, Perspektive, Raum und Zeit in den Grand-Canyon-Bildern und den späteren Yorkshire-Landschaften. Filmemacher Bruno Wollheim sagt dazu: "Es fühlt sich an, als wäre die Landschaft dafür gemacht, um in einem Hockney-Gemälde vorzukommen." Hockney ist nicht mehr da, aber seine Bilder bleiben – und mit ihnen ein anderer Blick auf Landschaft, Farbe und Licht. Eine berührende Dokumentation über Hockneys Malerei als Schule des Sehens.
"David Hockney, der Maler des Pop", Arte-Mediathek, bis 11. September
"David Hockney, der Maler des Pop", Filmstill, 2016
Kunst aus dem Untergrund
Gerade hat im Berliner Gropius Bau die sehenswerte Retrospektive "Dabei sein und nicht schweigen" der mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichneten Künstlerin Gabriele Stötzer eröffnet. Wer sich weiter mit ihrer Arbeit und dem Umfeld der oppositionellen Kunstszene in der DDR beschäftigen möchte, sollte Pamela Meyer-Arndts Doku "Rebellinnen – Fotografie. Underground. DDR" sehen. Sie zeichnet nicht nur Leben und Arbeiten von Gabriele Stötzer nach, sondern auch die von Tina Bara und Cornelia Schleime. Die drei Künstlerinnen waren in den 1970er- und 1980er-Jahren in Ost-Berlin, Dresden und Erfurt im Untergrund aktiv. In ihren Arbeiten rückten sie oft den eigenen Körper in den Mittelpunkt – als Schauplatz von politischem Widerstand und feministischer Selbstbehauptung, allerdings nicht ohne Humor und extrem viel Erfindungsgeist. Besonders eindrücklich zeigt der Film, mit welchen Mitteln der Staat versuchte, die Künstlerinnen zu kontrollieren und zu zermürben oder aus dem Land zu drängen. Stötzer blieb schließlich als Einzige der drei in der DDR – um, wie sie sagt, dort weiterzukämpfen. Als sie Anfang der 1990er-Jahre ihre Stasi-Akte las, erfuhr sie, wer aus ihrem Umfeld sie verraten hatte. Die Folgen dieses Verrats reichen in der Doku weit über die DDR hinaus: Es geht nicht nur um Überwachung und Repression, sondern auch um Freundschaft, Misstrauen, künstlerische Radikalität und die Frage, was Widerstand kostet.
"Rebellinnen. Fotografie. Underground DDR", Amazon Prime
"Rebellinnen", Filmstill, 2022
Revolution in Nahaufnahme
Ken Burns, ein renommierter Chronist der amerikanischen Geschichte und Kultur, hat Dokumentarfilme über die Familie Roosevelt, über Nationalparks und Countrymusik, den Vietnamkrieg oder die Rolle der USA im Holocaust gedreht. Die Serie "Die amerikanische Revolution" ist sein ambitioniertestes Projekt: In sechs Teilen und rund zwölf Stunden blicken Burns und sein Team auf das, was sich zwischen den 1750er- und den 1780er-Jahren in den 13 britischen Kolonien an der Atlantikküste ereignete. Die Miniserie erzählt aus der Perspektive einzelner Menschen. Prominente Sprecherinnen und Sprecher leihen Soldaten, Frauen und Kindern ihre Stimmen. Es sind Menschen, die in die brutalen Kriegswirren hineingezogen wurden: versklavte Menschen und Angehörige indigener Gemeinschaften, Patrioten und Loyalisten. Der Unabhängigkeitskrieg bezieht die halbe Welt mit ein, französische Militärkommandeure, hessische Söldner, spanische Schmuggler, Rancher, indigene Pfadfinder und karibische Zuckerproduzenten. Großes Plus des in seiner Detailfülle fordernden Sechsteilers ist die visuelle Umsetzung. Historische Porträts und Schlachtengemälde wechseln sich mit nachgestellten Aufnahmen ab, mit stimmungsvollen Schnittbildern von Stiefeln in knietiefem Matsch, historischen Dokumenten und eindrucksvoll gefilmten Landschaften. Detaillierte Grafiken auf historischen Karten machen Truppenbewegungen durch Dörfer und Wälder, über Hügel, Flüsse und Meere sichtbar.
"Die amerikanische Revolution", Arte-Mediathek, bis 21. Februar 2027
Die Kapitulation des britischen Generals Lord Cornwallis nach der Schlacht von Yorktown (1781) läutete das Ende des Krieges und den Sieg der Amerikaner ein
Zeit für einen Rewatch
Sung Tieu ist heute vor allem als Künstlerin bekannt. Sie lebt in Berlin, stellt international aus und hat in Venedig gerade die Fassade des deutschen Pavillons in einen Plattenbau verwandelt. Ihre öffentliche Karriere begann allerdings in einer ganz anderen Sphäre: im Vorabendprogramm der ARD. Vor fast 20 Jahren spielte Tieu eine Nebenrolle in "Türkisch für Anfänger". Die Serie aus den Nullerjahren wird gerade, ähnlich wie Hüfthosen und Klapphandys, wiederentdeckt. Erzählt wird der trubelige Alltag einer deutsch-türkischen Patchworkfamilie, die unfreiwillig zusammenwächst. Doris Schneider, die Mutter der Geschwister Lena und Nils, verliebt sich in den Kommissar Metin Öztürk. Auch er bringt zwei Kinder mit: Cem und Yağmur. Als die Familien Schneider und Öztürk zusammenziehen, prallen sehr unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung, Religion, Sexualität und Erwachsenwerden aufeinander. Tieu spielt Ching, eine Mitschülerin von Lena. Auf den ersten Blick ist sie eine Nebenfigur – als Rivalin, die sich in dieselben Jungs verliebt wie Lena, wird sie aber zu einem wichtigen Gegenpol. Wie Monopol-Redakteurin Alicja Schindler kürzlich beschrieben hat, ist Ching für die Künstlerin heute nicht nur ein abgeschlossenes Kapitel ihrer Biografie. Die Figur hat vielmehr Eingang in Tieus künstlerische Arbeit gefunden und war seit 2019 in drei Ausstellungen präsent. Ausrede genug also für einen Rewatch.
"Türkisch für Anfänger", ARD-Plus-Mediathek
"Türkisch für Anfänger", Filmstill, 2006
Queere Dramatik
Caravaggio war ein Meister des Tenebrismo – dramatisch verschärfter Hell-Dunkel-Kontraste – und sein Leben geprägt von Extremen. Mit seinem Film "Caravaggio" von 1986 übersetzt Derek Jarman diese Dramatik nicht in einen klassischen Historienfilm, sondern in ein queeres, radikal stilisiertes Biopic. Es setzt am Sterbebett des Malers in Porto Ercole ein und entfaltet von dort aus ein episodisches Mosaik. Gedreht wurde "Caravaggio" als Low-Budget-Produktion in einer leeren Lagerhalle in den Londoner Docklands. Jarman überführt Caravaggios extreme Lichtregie in künstliche, fast bühnenhafte Tableaus und macht Details des 20. Jahrhunderts zum Teil der Szenerie – elektrische Lichter, Zigaretten, Motorrad, Schreibmaschine. Besonders spannend ist der Film auch als queere Relektüre Caravaggios. Jarman spiegelt die Repressionen gegen Homosexualität im Rom des frühen 17. Jahrhunderts am politischen Klima Großbritanniens in der Thatcher-Ära, als der Film gedreht wurde. Und dann ist da noch Tilda Swinton, die hier ohne klassische Schauspielausbildung ihr Filmdebüt gibt. Ein Klassiker über Malerei, Körper, Macht und Begehren.
"Caravaggio", Mubi
"Caravaggio", Filmstill, 1986
Einblicke ins Schaffen
Es ist doch jedes Jahr dasselbe. Das Gallery Weekend rückt näher und man nimmt sich vor, so viel wie möglich zu sehen, dann ist es da und man schafft nur die Hälfte. Zum Glück kann man sich die Galerieausstellungen ja auch immer noch nach dem Wochenende in Ruhe anschauen. Bei den prominent besetzten Talks, die parallel in der Neuen Nationalgalerie stattfinden, ist das schwieriger – denkt man – bis man die Videos in der Mediathek auf der Website des Gallery Weekend entdeckt. Dort gibt es Gespräche mit den Künstlerinnen Pae White, Ketuta Alexi-Meskhishvili und Göksu Kunak über ihre Arbeit sowie eine Runde über die Zukunft der Kunstwelt, unter anderem mit Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Gespräche eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Gegenwartskunst: Bei Pae White geht es um Materialität, Handwerk und die Frage, wann ein Werk abgeschlossen ist; bei Ketuta Alexi-Meskhishvili um Fotografie ohne Kamera; bei Göksu Kunak um Performance und die Bildsprachen von Bodybuilding, Soap Opera und Ritualen. Der Talk zur Zukunft der Kunstwelt öffnet die Perspektive schließlich auf die größeren Strukturen: Institutionen, Markt, Finanzierung und künstliche Intelligenz.
Gallery Weekend Art Talks, Gallery Weekend Berlin Journal
Die Gewalt der Tatsachen
Im September eröffnet in der Albertina in Wien die Bacon-Picasso-Ausstellung "What It Feels Like to Be Human". Und nein, es ist natürlich keineswegs zu früh, jetzt schon mit der Vorbereitung zu beginnen. Über Pablo Picasso sagte Francis Bacon einmal, er zeige "the fact itself – without the will to express it", und zwar im Interview mit dem englischen Kunstkritiker David Sylvester. Dessen Unterhaltungen mit Bacon sind Kult. Man kann sie in Buchform lesen, aber die Videofassung hat ihre eigenen Vorteile: Die Gemälde werden direkt eingeblendet, und Sylvesters sonore Stimme hat etwas sehr Beruhigendes. Und die Art, wie Bacon über Malerei spricht, ist so oder so einzigartig. Er findet simple Worte für etwas, von dem man eigentlich meint, dass es sich überhaupt nicht beschreiben lässt.
"Francis Bacon and the Brutality of Fact", Youtube
Amerikas kaputte Traumfabrik
Paul McCarthy gehört zu den Künstlern, die man entweder faszinierend oder unerträglich findet – oder beides zugleich. Seit den 1970er-Jahren erschafft er in seinen Performances, Filme und Installationen eine Welt aus autoritären Clowns, entgleisten Familien, Disney-Figuren und patriarchalen Albträumen. In der dreiteiligen Miniserie "Becoming Paul McCarthy" blickt der inzwischen 80-jährige Künstler auf die Entstehung dieses Kosmos zurück. Er erzählt von seinen Anfängen in der experimentellen Kunstszene von Los Angeles, davon, wie Video für ihn wichtiger wurde als Film, warum er seinen eigenen Körper als Skulptur verstand und weshalb seine Arbeiten so oft von Gewalt, Exzess und Kontrollverlust handeln. Besonders spannend wird es, wenn McCarthy die politischen Dimensionen seines Werks offenlegt. Hollywood-Western, Ronald Reagan, Donald Duck und Donald Trump erscheinen dabei als Symptome einer amerikanischen Mythologie, die er seit Jahrzehnten zerlegt. Die Gespräche sind angenehm unakademisch, voller überraschender Anekdoten und bieten Einblicke in die Denkweise eines Künstlers, dessen Werk sonst oft wie ein undurchdringlicher Albtraum erscheint.
"Becoming Paul McCarthy“, Louisiana Channel
"Becoming Paul McCarthy", Filmstill, 2020
Allein hinterm Bildschirm
Die 1993 geborene spanische Künstlerin, Forscherin und Filmemacherin Gala Hernández López arbeitet mit Film, Video und Performance. Ihr 40-minütiger Essayfilm "The Mechanics of Fluids" entstand aus einer Recherche über Einsamkeit im digitalen Kapitalismus. Ursprünglich wollte Hernández López über Dating-Apps und "vernetzte Einsamkeit" arbeiten. Als sie jedoch auf den Abschiedsbrief eines Reddit-Nutzers namens Anathematic Anarchist stieß, verschob sich ihr Fokus auf die Incel-Community – eine Online-Subkultur heterosexueller Männer, in der sich Selbstmitleid, Frauenfeindlichkeit und Gewaltfantasien gegenseitig verstärken können. Aus diesem Material entwickelt die Künstlerin einen präzise analysierenden und zugleich empathischen Essay über patriarchale Strukturen, digitale Vereinzelung und Begehren im Zeitalter der Algorithmen. Ästhetisch bildet der Film mit seiner driftenden Struktur das Erleben des Internets nach: das Springen zwischen Plattformen, Videos, Benachrichtigungen, GIFs und Bildwelten. Dabei untersucht "The Mechanics of Fluids" nicht nur, wie virtuelle Communities Gefühle von Isolation, Frustration und Männlichkeit produzieren. Der Film macht auch spürbar, dass in der Einsamkeit der Incels eine Erfahrung anklingt, die vielen aus der eigenen digitalen Kommunikation vertraut ist: die paradoxe Gleichzeitigkeit von Nähe und Leere in der permanenten Vernetzung.
"The Mechanics of Fluids", Mubi
"The Mechanics of Fluids", Filmstill, 2022