Theater zum Abschalten
Das Berliner Theatertreffen ist eine jährlich stattfindende Festivalwoche, bei der zehn Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum an Berliner Theater eingeladen werden. Eine Jury wählt die Produktionen aus bis zu 600 eingereichten Vorschlägen aus. Das Format gibt es seit 1964, damals hieß es noch Berliner Theaterwettbewerb. Da die Tickets immer schnell ausverkauft sind, ist es umso schöner, dass man sich nun eine starke Auswahl von vier Inszenierungen jetzt bei 3sat anschauen kann:
Mit dabei ist "Fräulein Else" aus dem Volkstheater Wien nach Arthur Schnitzlers gleichnamiger Novelle von 1924. Außerdem zu sehen: Jette Steckels Inszenierung von Klaus Manns Roman "Mephisto" aus München. Für seine Höfgen-Darstellung bekam der Schauspieler Thomas Schmauser bereits zahlreiche Preise. In "Der Leopard" aus Zürich, nach dem Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, geht es um den Machtverlust einer sizilianischen Adelsfamilie im 19. Jahrhundert. Und zu guter Letzt gibt es "Wallenstein" von den Münchner Kammerspielen zu sehen. Inszeniert hat das siebenstündige Stück nach Friedrich Schiller der Regisseur Jan-Christoph Gockel. Vielleicht ganz gut, wenn man zwischendurch kurz Pause machen kann – merkt ja keiner.
"Starke Stücke", Theatertreffen 2026, 3sat-Mediathek, bis 30. April 2029
Thomas Schmauser als Hendrik Höfgen in "Mephisto" an den Münchner Kammerspielen
Meisterin der Moderne
"Die Männer haben die Welt nach ihren Bedürfnissen gestaltet. Wenn ich ein anderes Haus entwerfen könnte, dann könnte ich auch eine andere Welt entwerfen", sagt die irische Architektin und Designerin Eileen Gray (Natalie Radmall-Quirke) in dem Film "Eileen Gray und das Haus am Meer", der gerade in der Arte-Mediathek zu streamen ist. 1929 baut Gray an der Côte d’Azur ein Refugium. Ihr erstes Haus ist ein avantgardistisches Meisterwerk. Sie nennt es "E.1027", eine Kombination aus ihren eigenen Initialen und denen des Architekten Jean Badovici, mit dem sie das Haus gemeinsam plant.
Als Le Corbusier "E.1027" entdeckt, ist er fasziniert, vielleicht sogar besessen. Später überzieht er die Wände mit Wandmalereien und veröffentlicht Fotos davon. Gray nennt die Malereien Vandalismus und fordert, dass sie entfernt werden. Le Corbusier ignoriert ihren Wunsch. Stattdessen baut er sein Ferienhaus aus Holz, "Le Cabanon", direkt hinter Grays Haus – und bis heute dominiert vor allem sein Name die Erzählung über diesen Ort. In einer Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm erzählt "Eileen Gray und das Haus am Meer" von einer Frau, die anders bauen will, und von Männern, die die Kontrolle behalten wollen.
"Eileen Gray und das Haus am Meer", Arte-Mediathek, bis 16. Juni
Le Corbusier (Charles Morillon) bemalt eine Wand des Hauses "E. 1027"
Postmodernes Berlin
Vor Kurzem hat die Kuratorin und Architektin Çağla Ilk ihre Pläne als neue Intendantin für das Maxim Gorki Theater in Berlin vorgestellt. Und das war überraschend, denn Ilk, die vor zwei Jahren den deutschen Pavillon in Venedig kuratierte, krempelt das Theater insofern um, als sie die bildenden Künste auf die Bühne holt – mit Film, Performance und Konzeptkunst. Den Anfang der neuen Spielsaison macht die bekannte Filmregisseurin Ulrike Ottinger. Wer sich vorher schon einmal einen Eindruck verschaffen will, kann jetzt auf Mubi Ottingers "Berlin-Trilogie" streamen:
"Bildnis einer Trinkerin" (1979) ist ein stilisiert komponierter Spielfilm, der wie eine Sightseeing-Tour durch Berlin wirkt. Man erkundet die Stadt entlang einer besonderen Route: Die namenlose Reisende, die am Flughafen Tegel ankommt, möchte hier nur ungestört ihrer Passion, dem Trinken, nachgehen. "Freak Orlando" (1981) erzählt in fünf Episoden eine Weltgeschichte der Außenseiter – voller Irrtümer, Machthunger und Ängste. Und in "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse" (1984) geht es um die Macht der Medien: Frau Dr. Mabuse, Chefin eines Pressekonzerns, erschafft sich mit dem androgynen Dorian Gray einen Menschen, der vollkommen von ihr abhängig ist.
Ulrike Ottinger, "Berlin-Trilogie", Mubi
Ulrike Ottinger "Bildnis einer Trinkerin", Filmstill, 1979
Spirituelle Kraft trotz Grauen
"Ich glaube, man kann heutzutage keine Geschichte über den Holocaust mehr erzählen, ohne ihr eine universelle, zeitgenössische Relevanz zu verleihen", erklärte der Regisseur Hagai Levi kürzlich im US-Branchenmagazin "Deadline". Man müsse den Stoff in "einer neuen Sprache erzählen". Voilà: Der Sechsteiler "Etty" widmet sich der Erfahrungswelt der in Auschwitz ermordeten niederländischen Jüdin Etty Hillesum, deren Tagebuch aus den Jahren 1941 bis 1943 zu den bewegendsten Zeugnissen der Shoah gehört.
Eine wichtige Rolle in "Etty" spielt das anachronistische Szenenbild. Levi drehte im heutigen Amsterdam, sodass die Geschichte zeitlos wirkt. Während der NS-Besatzung leidet die schriftstellerisch ambitionierte Etty (Julia Windischbauer) unter Depressionen. Nach dem Suizid ihres Professors sucht sie Hilfe bei Julius Spier (Sebastian Koch), einem Schüler C. G. Jungs. Der Psychoanalytiker, ein aus Deutschland emigrierter Jude, verbindet Psychotherapie mit Handlesekunst. Spiers unkonventionelle Methoden, die Körpertherapie einschließen, faszinieren Etty – und eine intensive Liebesbeziehung entwickelt sich.
Die junge Frau beginnt, Tagebuch zu führen. Während Etty zu innerer Stärke findet, spitzt sich die Lage in Amsterdam zu. Judensterne müssen getragen werden, jüdische Menschen werden von der Universität verwiesen, es kommt zu Deportationen. "Etty" ist das tief bewegende Porträt einer Frau, die inmitten grauenhafter Ereignisse spirituelle Kraft entwickelt.
"Etty", Arte-Mediathek, bis 12. November
"Etty", Filmstill, 2025
Liebe, Krankheit und Kunst im geteilten Deutschland
Ausgehend von den Biografien zweier heute fast vergessener Künstler erzählt die neue Dokuserie "AIDS – in Zeiten der Liebe" die AIDS-Krise als deutsch-deutsche Geschichte. Im Mittelpunkt stehen Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki, deren Schicksal auf wahren Begebenheiten beruht. Das Paar war Teil der alternativen Künstlerszene Ost-Berlins in den frühen 1980er-Jahren: Zolchow arbeitete als Maler und Bühnenbildner, Nawrocki als Schauspieler. Wegen ihrer unangepassten Lebens- und Arbeitsweise gerieten beide immer wieder in Konflikt mit den DDR-Behörden. 1984 durften sie in die Bundesrepublik ausreisen. Dort fassten sie beruflich schnell Fuß – bis erst Heiko, später auch Dirk an AIDS erkrankte.
Für seine dreiteilige Serie montierte der Filmemacher und Autor Johannes Nichelmann Archivmaterial, Zeitzeugeninterviews und kurze Spielszenen. Zu Wort kommen unter anderem Sabine Zolchow, die ehemalige Ehefrau von Heiko Zolchow, Regisseur Frank Castorf, Szenenbildner Karl-Hermann Reith, Schauspieler Bernd Stegemann sowie der Regisseur und Autor Jean-Claude Kuner. Entstanden ist eine berührende Geschichte über Liebe, Krankheit und Kunst im geteilten Deutschland – und darüber, wie AIDS Menschen trennte, aber am Ende sogar zwei verfeindete Staatssysteme zur Zusammenarbeit zwang.
"AIDS – in Zeiten der Liebe", ZDF-Mediathek
"AIDS – In Zeiten der Liebe: 1. Frühlingserwachen", Filmstill, 2025
90er-Jahre-Ästhetik
Die Miniserie "Love Story" erzählt die Liebesgeschichte von John F. Kennedy Jr. und Carolyn Bessette – und gewinnt durch das Wissen um ihr späteres Schicksal zusätzlich an Emotionalität. Bessette arbeitete sich bei Calvin Klein nach oben, bis sie zur engen Vertrauten von Klein wurde und dort schließlich auch John Kennedy Jr. kennenlernte.
Besonders eindrücklich ist, wie die Serie den minimalistischen Stil von Bessette erneut zum Kult macht: weiße T-Shirts, perfekt sitzende Straight-Leg-Jeans, Slip-Dresses und schmale Sonnenbrillen – zurückhaltend, schlicht, aber elegant und gerade deshalb bis heute ikonisch. Trends wie "How to dress like Carolyn Bessette" zeigen, wie stark ihr Stil die Mode bis heute prägt. Von dieser 90er-Jahre-Atmosphäre lebt die Serie. Gedreht an Orten wie dem Calvin-Klein-Office oder dem New Yorker Loft von Kennedy Jr. wirkt jede Szene wie ein sorgfältig komponiertes Editorial.
"Love Story: John F. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette", Disney+
"Love Story: John F. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette", abgebildet: Paul Kelly als John F. Kennedy Jr., Sarah Pidgeon als Carolyn Bessette Kennedy
Kunstfilm, Mode und Experiment
"Miu Miu Women’s Tales" ist eine außergewöhnliche Sammlung von Kurzfilmen, die seit mehr als 15 Jahren regelmäßig erscheinen. Statt um eine klassischen Serie handelt es sich eher um eine Plattform, für die ausschließlich Regisseurinnen freie kreative Arbeiten umsetzen. Jede Episode steht für sich und entwickelt eine eigene visuelle und erzählerische Welt.
Im Zentrum steht nicht eine zusammenhängende Handlung, sondern die Vielfalt weiblicher Perspektiven im Kino. Die Filme bewegen sich zwischen Kunstfilm, Mode und experimentellem Erzählen. Dadurch entsteht ein breites Spektrum an Stilen, und gerade diese Offenheit macht das Projekt so besonders: Jedes "Tale" ist wie ein eigenes Kunstwerk. Wer Interesse an ungewöhnlichen Kurzfilmen abseits klassischer Erzählformen hat, wird hier fündig.
"Miu Miu Women’s Tales", Miu-Miu-Website oder Youtube
Ein Tag mit Peter Hujar
Der Fotograf begegnet einem derzeit an mehreren Orten: Sowohl der Berliner Gropius Bau als auch die Bundeskunsthalle in Bonn zeigen Ausstellungen zu Peter Hujar, und auf Mubi kann man jetzt das faszinierende Filmexperiment "Peter Hujar’s Day" von Ira Sachs streamen.
Am 17. Dezember 1974 interviewte die Schriftstellerin Linda Rosenkrantz Hujar – für ein Buchprojekt, das nie realisiert wurde. Die Tonbandaufnahme ging verloren, aber vor einigen Jahren tauchte ein Transkript der Aufzeichnung auf, das der Regisseur Ira Sachs 2025 verfilmt hat. Der Film wahrt das Vermächtnis eines Künstlers, der für die queere Bewegung von zentraler Bedeutung ist. Hujar, der für seine Schwarz-Weiß-Porträts aus dem New Yorker Underground, von LGBTQ-Ikonen und Drag-Performerinnen bekannt ist, hat die Verletzlichkeit und trotzige Schönheit einer ganzen Generation eingefangen. Bevor seine Arbeit postum die verdiente Anerkennung finden konnte, starb er 1987 an den Folgen von AIDS.
Der auf 16-mm-Kodakmaterial gedrehte Film funktioniert wie eine melancholisch eingefärbte Zeitkapsel. Die grobkörnigen Bilder erinnern an eine Zeit, in der nicht nur Hujar, sondern auch andere Größen der New Yorker Kunstszene ums Überleben kämpfen mussten: William S. Burroughs, Susan Sontag, Fran Lebowitz, Andy Warhol – das Who-is-Who der New Yorker Szene kommt in Hujars "Stream of Consciousness" vor.
"Peter Hujar’s Day", Mubi
"Peter Hujar’s Day", Filmstill, 2025
Milliardenteurer Kunstskandal
20 Jahre lang hat der Schweizer Kunsthändler Yves Bouvier für den russischen Oligarchen Dmitry Rybolowlew die teuersten Meisterwerke der Welt gekauft und eine der wichtigsten Sammlungen des 21. Jahrhunderts aufgebaut: 38 Gemälde im Wert von 2 Milliarden Dollar. Bouvier bewegte sich souverän durch die verborgene Welt von Freihäfen, Offshore-Firmen und privaten Kunstdeals – und beschaffte seinem Klienten bedeutende Kunstwerke von Rothko bis Leonardo da Vinci, bis er nicht länger verschleiern konnte, dass er bei diesen Transaktionen vermutlich fast die Hälfte des Geldes selbst eingesteckt hat.
Aus der anfangs guten Geschäftsbeziehung wurde so einer der spektakulärsten Kunstskandale der vergangenen Jahre und ein zehn Jahre andauernder Machtkampf um Milliarden. Der Streit wurde zu einem internationalen Justizkrimi von Monaco bis New York. Mit Interviews, Archivaufnahmen und eigenen Recherchen blickt die Dokureihe auf die Verbindungen zwischen Kunst, Finanzwelt und Eliten. Dabei offenbart sie ein weitgehend unsichtbares Wirtschaftssystem, in dem Kunstwerke als Werkzeuge der Macht gehandelt werden.
"Der Oligarch und der Kunsthändler", Arte-Mediathek, 9. Juni bis 18. August
"Der Oligarch und der Kunsthändler", Filmstill, 2026