Chefin des Modelabels Allude

Was macht die Kunst, Andrea Karg?

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Frau Karg, mögen Sie eigentlich Ziegen?
Ich halte keine Ziegen als Haustiere (lacht). Ohne die Kaschmirziege gäbe es natürlich Allude nicht …

… das Luxuslabel, das Sie seit 1990 aufgebaut haben. Am 3. Oktober ist Allude zum zweiten Mal bei den Prêt-à-Porter-Schauen in Paris dabei, als einziges Kaschmir-Label und als eine der wenigen deutschen Marken. Ihr Material galt ja lange Zeit als ein bisschen spießig.
Genau das war vor 20 Jahren meine Chance. Ohne irgendwelche Marktumfragen gemacht zu haben, war ich davon überzeugt, dass man Kaschmir aus der konservativen Ecke herausholen kann. Es musste moderner werden – und sexy. Da ich sowas nirgendwo gefunden habe, musste ich es halt selber machen, als Seiteneinsteigerin. Nach meinem abgeschlossenen Jurastudium habe ich mich dazu entschlossen, den kreativen Weg einzuschlagen und Allude gegründet.
 
Inzwischen gibt es nicht nur Kleider oder Röcke von Allude, sondern auch Tank-Tops und Mini-Panties.
Der kreative Prozess geht immer weiter. Wie bei einem Maler, der ein Bild fertiggestellt hat und gleich wieder ein neues anfängt, lassen sich natürlich auch Modedesigner von der Umwelt und von anderen Menschen inspirieren. Jetzt fertigen wir Turnschuhe mit Kaschmir. Statt Oberleder verwenden wir Baumwollkaschmir.
 
Mir ist aufgefallen, dass Sie die Männer vernachlässigen.
Stimmt eigentlich nicht, wir führen seit acht Jahren auch eine Männerkollektion. Die macht aber nur zehn Prozent aus. Männermode, das ist leider ein ganz schwieriger Markt. Männer wollen immer modisch angezogen sein, aber was man ihnen gibt, ist ihnen oft zu gewagt. Als Unternehmerin muss ich das hinnehmen. Letztlich ist nun mal entscheidend, was an der Ladentheke passiert. Man kann nicht nur von verrückten Sachen leben.
 
Ich habe gelesen, dass Sie sich brennend für sowas Verrücktes wie Kunst interessieren.
Ich finde Kunst überhaupt nicht verrückt. Für mich ist das überaus geistreich und facettenreich. Mit einer kleinen Gruppe war ich kürzlich auf der Documenta. Sie wissen ja, wie weitläufig die Ausstellung in diesem Jahr war. Abends waren wir körperlich fix und fertig, aber in den Köpfen brannte ein Feuerwerk. Ich empfinde es als großes Privileg, mich mit solchen Dingen auseinandersetzen zu können und finde es großartig, sich von Künstlern quasi an die Hand nehmen und an unbekannte Orte führen zu lassen. Diese Erweiterung des persönlichen Blickfelds ist ein unglaubliches Geschenk.
 
Welche Werke fanden Sie auf der Documenta besonders interessant?
Zum Beispiel den „Klangtest“  von Susan Philipsz, der rund um jene Gleise installiert war, von denen aus 1941 und 1942 Juden nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert wurden. Wie sich Fragmente der Kammermusik von Pavel Haas – in Auschwitz ermordet – mit normalen Geräuschen vor Ort überlagerten, das hat mich tief beeindruckt. Ebenso, in den Karlsauen, das Video von Omer Fast um die Rückkehr eines Soldaten aus Afghanistan in sein Elternhaus. Man braucht Zeit, um zu kapieren, dass die Eltern den Sohn durch mehrere Callboys ersetzen. Bizarr!
 
Aber doch nicht der Stoff, aus dem Mode gemacht wird, oder?

Solche Werke sind bereichernd, nicht in dem Sinne, dass sie direkt in eine Kollektion einfließen. Ich bin dennoch überzeugt davon, dass diese Grenzüberschreitungen – die auch den Betrachter beflügeln – neue Dinge anschieben. Wie es für mich bei Louise Bourgeois war: Ich bin überhaupt kein Blumentyp, aber ihre gemalten Blumen fand ich immer wahnsinnig schön. Durch so etwas bekommt man einen anderen Blick für bestimmte Dinge, ohne dass man die Motive jetzt eins zu eins auf Kleider drucken würde. Von Bourgeois, aber auch von den Bildern von Marlene Dumas können Modemacher lernen, ihre Sachen nicht zu gefällig zu gestalten.
 

Sammeln Sie Kunst?

Erstmal: Ich verstehe mich nicht als Sammlerin im landläufigen Sinn. Das wäre zu hoch gegriffen, der ganze Kunst-Hype geht mir eher auf die Nerven. Kunstmessen drehen sich um wahnsinnige Summen, um Selbstdarstellung und Statussymbole. All das ist vollkomen in Ordnung, aber mir liegt das nicht. Das Sammeln sollte nicht im Vordergrund stehen, sondern die Auseinandersetzung mit den Werken.
 
Ihr Firmensitz ist in München. Dort leben Sie, stammen aber Düsseldorf. Da wundert es nicht, dass Sie Arbeiten von Thomas Ruff besitzen.
Ein Foto der Serie „Substrat“ haben wir überm Bett hängen. Was mir am Werk von Thomas Ruff so imponiert: Es gibt immer wieder Brüche, immer wieder setzt Ruff neu an, macht erst Porträts, dann Fotos vom Sternenhimmel, Aufnahmen mit einem Nachtsichtgerät oder die „Nudes“. Wenn Ruff jemals skandalöse Arbeiten geschaffen hat, dann sind es diese verfremdeten Pornobilder.
 
Wie weit darf Kunst für Sie eigentlich gehen?
Da möchte ich eigentlich keine Grenze definieren. Aber Kunst sollte niemandem schaden, finde ich. Wo die körperliche oder seelische Unversehrtheit in Gefahr ist, wird es sicher grenzwertig.

Welche Künstlerin, welchen Künstler würden Sie gerne einmal treffen?
Ich würde mich gerne mit der Bulgarin Sevda Chkoutova unterhalten, von der ich kürzlich Bleistiftzeichnungen gekauft habe. Ich bewundere ihre handwerkliche Raffinesse. Oder mit der schottischen Künstlerin Georgia Russell. Mit dem Skalpell verwandelt sie Bücher in filigrane Gewächse, die mich an Meeresalgen erinnern. Mit Jonathan Meese war ich mal Mittagessen. So ein sympathischer Mann! Wer seine ausufernde, teilweise beklemmende Kunst kennt, glaubt doch nicht, dass man sich mit ihm ganz normal über den FC Bayern unterhalten kann. Geht aber wunderbar!

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