Art Basel

"This is Competition"

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"Ich habe einfach keine Wand mehr frei", sagt eine amerikanische Sammlerin zu anderen – was man wohl als Koketterie werten dürfte. Denn wenn sie nichts kaufen möchte, warum stürmt sie dann mit all den anderen in den ersten Minuten der VIP-Preview der Art Basel den Stand von Larry Gagosian? Wahrscheinlich ist der Mega-Galerist noch Schuld daran, dass die Art Basel demnächst das Design ihrer Messestände ändern muss. Denn sein Schild am Rand der Koje (falls man diese Suite noch so nennen darf), auf dem unter dem Galerienamen alle Standorte angegeben sind, ist komplett vollgeschrieben, die nächste Filiale passt nicht mehr drauf.

Den teuersten Verkauf am Eröffnungstag meldete allerdings nicht Gagosian (die halten ihre Zahlen lieber unter Verschluss), sondern die Galerie White Cube, die "Nothing is a problem for me" (1992) von Damien Hirst für knapp unter 6 Millionen Dollar loswurde – erstaunlich, dass es immer noch Sammler gibt, die Hirsts Apotheke im Glassschrank nicht im Badezimmer hängen haben. Auch Jeff Koons scheint immer noch gut zu gehen, Zwirner setzte eines seiner Werke für 5 Millionen Dollar ab. Die Andrea Rosen Galerie verkaufte binnen der ersten beiden Stunden der VIP-Preview drei Viertel ihrer Koje aus, darunter Skulpturen der polnischen Avantgardistin Alina Szapocznikow (zwischen 350 000 und 380 000 Euro).

Hauser & Wirth konnte ein großformatiges Gemälde von Paul McCarthy für 950 000 Dollar weitergeben. Andreas Gurskys Fotografie "Tote Hosen II" von 2013 bei Sprueth Magers ging für 500 000 Dollar weg. Und natürlich wurden hier und dort auch Warhols verkauft  - der bei der Galerie Thaddaeus Ropac stammte allerdings von Joseph Beuys: Dessen Porträt Warhols im Warholschen Siebdruck-Stil kostete hier 600 000 Dollar.

Basel ist und bleibt eben die Mutter aller Messen, um das Geschäft müssen zumindest die großen Player sich hier keine Sorgen machen. Erstaunlich ist, wie sehr Europäer und Amerikaner immer noch das Bild prägen, trotz der starken Globalisierung des Kunsthandels. Die finanzkräftigsten Sammler sitzen längst nicht mehr in Europa, aber wahrscheinlich kaufen die Asiaten lieber in Hongkong, und Basel bleibt europäisch-weiß.

Einen Generationswechsel spürt man bei den Statements: Hier kommen die neuen Szene-Lieblinge wie Kraupa-Tuskany Zeidler (mit den bekannten zu flachen Skulpturen aufgeblasenen JPGs von Tieren von Katja Novitskova) oder Societé mit einer lustigen 3-D-Installation von Trisha Baga zum Zuge. Videos sieht man auf der Hauptmesse ansonsten kaum – das Geld muss reinkommen, und so finden sich sogar von Aktionskünstlern wie Rirkrit Tiravanija hier nur Werke, die man hübsch an die Wand hängen kann.

Für große Installationen und Filme ist der Unlimited-Sektor zuständig, und hier lohnt es sich auch für Kunstfans, die nicht shoppen wollen, viel Zeit zu verbringen. Gezeigt werden exzellente Filminstallation wie Harun Farockis "Parallele I-IV" über die Entwicklung des animierten Bildes, ("Grand Theft Auto" lässt grüßen) oder Laure Prouvosts exzentrische Videoinstallation "Wantee" über die Suche nach ihrem verschwundenen Großvater. Die Schau in der neu gebauten Messehalle von Herzog & De Meuron hat die Dimension einer Biennale, allerdings einer, die auf Riesenwerke steht.

Size matters ist das Motto von Giuseppe Penones 46 Meter langen Installation aus halbierten Baumstämmen ("Matrice di linfa" von 2008), Sterling Ruby füllt einen gigantischen Raum mit weichen Stoffskulpturen (was sagt eigentlich Cosima von Bonin dazu?), Thomas Houseago grüßt mit einem über fünf Meter hohen, sehr gruselig düsteren Bronzemann, und das Mobile von Julio le Parc aus durchschienenden roten Plexiglasquadraten, die zusammen eine Kugel mit fünf Metern Durchmessern formen, sieht aus wie aus einem 70er-Jahre-Setting aufgeblasen. Für solche Arbeiten braucht man schon eine recht große Eingangslobby – aber die entsprechenden Museen werden wahrscheinlich gerade irgendwo gebaut.

Die Sonderausstellung, die außerdem Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist  für die Messe kuratiert hatten, gab sich komplett antikommerziell: Bei "14 Rooms" versteckt sich hinter 14 verspiegelten Türen jeweils eine Performance. Darunter sind Klassiker von Bruce Nauman, Marina Abramović oder Joan Jonas, aber auch neue Produktionen: Bei Allora & Calzadilla spielen in einer Reihe fest untergehakte Tänzer Drehtür und drängen die Besucher im Raum herum, bei Roman Ondák darf man Objekte tauschen. Heftig begehrt waren die Termine bei Jordan Wolfsons  "Female Figure": Die mechanische Stripperin, die sich zu Songs von Lady Gaga und Paul Simon mit schabenden Metallgelenken an einer Stange windet, fungierte als eine Art Epilog zu der Schau.

Doch lieber als ultraaufwendig hergestellten Robotern begegnet man am Ende doch echten Menschen. Um der Messe die humane Dimension zurück zu geben, ist Tino Sehgals Arbeit "This is Competition" einfach ungeschlagen: Jeweils zwei Mitarbeiter konkurrierender Galerien, die seine Arbeiten vertreten, müssen gemeinsam vor das Publikum und Sehgals Arbeiten in Ausschnitten vorstellen. Sie sprechen jeweils ein Wort und setzen so mühsam ihre Sätze zusammen, und wenn es ans Singen geht, schlagen sie sich mehr oder weniger gut – aber die meisten spielen ihre Rolle sehr  charmant. Mit auswendig gelernten Texten – "Ah, fantastisch Sie zu sehen, ja, wir rufen zurück, ja, der Künstler hat demnächst eine großartige Einzelausstellung in xy!" – haben sie ja ihre Erfahrung.

Art Basel, bis 22. Juni




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