Berlinale: Anka und Wilhelm Sasnal über ihren Film "Huba"

"In der Filmwelt sind wir verlorene Kinder im Nebel"

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Was ist der Ursprung von „Huba“?


Wilhelm Sasnal: Es begann mit unseren Erfahrungen mit unserer zweiten Tochter, die damals, 2010, gerade zur Welt gekommen war. Sie war ein sehr anstrengendes Baby, sie wachte ständig nachts auf und ist sehr aktiv. Vor allem Anka hatte so viel mit ihr zu tun, dass kaum Zeit für etwas anderes war. Das andere Motiv war der Ort, aus dem wir kommen, Tarnów, eine Stadt mit 120.000 Einwohnern in der Nähe von Krakau. Wir sind beide in einer Gegend aufgewachsen, die von einer großen Fabrik dominiert wurde.

Anka Sasnal: Wir wollten einerseits über das Muttersein erzählen und zugleich die Lebensrealität in dieser wirtschaftlich heruntergekommenen Gegend darstellen. Der Film hat vier Charaktere: die Mutter und das Baby, der alte Mann und die Fabrik als ein lebender Organismus.

Wilhelm Sansal:
Der alte Mann ist eine Art Alter Ego meines Großvaters, der 40 Jahre in dieser Fabrik gearbeitet hat. Es gibt eine Legende in unserer Familie, dass er keinen einzigen Tag fehlte, so ergeben war er seiner Arbeit gegenüber. Er war ein wirklicher Fabrikmensch und sein Drama war, dass er nach der Pensionierung nichts mit sich anzufangen wusste.

Wie haben Sie diese Geschichten verbunden?

Anka Sasnal: Es gibt zwei Worte, die essentiell sind: „Parasit“ und „verschlingen“. Das Baby frisst die Mutter auf und die Krankheit den Mann.

Wilhelm Sasnal:
Die Frau mit dem Baby tritt in sein Leben wie ein Außerirdischer und die drei wirken fast wie die Heilige Familie. Wobei wir das Baby nicht als Jesus, sondern als Teufel sehen. Es saugt jedem das Blut aus, wenn auch unbewusst.

Verstehen Sie das auch als Kommentar auf den Einfluss der katholischen Kirche in Polen?

Anka Sasnal: Es geht eher darum, was in Polen Mutterschaft bedeutet. Eine Mutter hat sich völlig für ihr Kind aufzuopfern.

Wilhelm Sasnal: Unbewusst spielt aber unsere Abscheu der katholischen Kirche eine Rolle. Wie die Kirche versucht, das Leben der Menschen in Polen zu lenken, macht uns wütend. Und wir wollten etwas dagegen machen. Aber der Film, der die Kirche wirklich angreift, muss noch gedreht werden.

Ihre Filme haben meist eine sehr dystopische Weltsicht. Was interessiert Sie daran?

Wilhelm Sasnal: Ich würde nicht sagen, dass wir pessimistisch sind, aber die dunkle Seite ist immer attraktiver. Deswegen interessiert uns der Verfall mehr. Und wir haben so die Schnauze voll vom Mainstreamkino, das nur noch unterhalten will. Dabei ist Film ein tolles Werkzeug, um etwas auszudrücken, aber er wird oft zur bloßen Unterhaltung missbraucht.

Anka Sasnal: Wir suchen eine Balance zwischen den abstrakten Bildern und der Realität, die wir darstellen wollen. Uns sind die Bilder und die Atmosphäre wichtiger als der Plot. Unser Denken über Film kommt aus der Literatur, aber nicht wegen der Handlung, sondern eher der Poesie und der Struktur. Wir experimentieren beim Dreh viel.

Sie leben und arbeiten zusammen. Wie trennen Sie Beruf und Privatleben?

Wilhelm Sasnal: Manchmal bringt man berufliche Probleme und Spannungen mit ins Private. Unser 13-jähriger Sohn hat wirklich genug davon, dass wir dauernd von der Arbeit reden.

Wilhelm, Sie werden als Maler in den großen Museen der Welt ausgestellt. Ihre gemeinsamen Filme laufen auf Filmfestivals. Gibt es eine Erwartungshaltung von außen, sich als Künstler zu positionieren?

Wilhelm Sasnal: Das ist doch genau der Reichtum. Wir denken nicht viel darüber nach. Aber die Filmwelt ist wirkliche eine Terra Incognita für uns, wir sind da wie verlorene Kinder im Nebel. Wir müssen da noch viel lernen, aber ich glaube, es geht viel mehr um Spekulationen und Marketing als in der Kunstszene, die dagegen viel intimer, privater und vorhersehbar ist. Beim Film geht es viel mehr um Geld.

Wie haben Sie „Huba“ finanziert?

Wilhelm Sasnal: Wir arbeiten mit einer Galerie in London zusammen und teilen uns die Kosten. Wir stecken eigenes Geld hinein. Aber er war nicht teuer.

Was passiert mit dem Film nach der Berlinale?

Wilhelm Sasnal: Wir wissen es noch nicht. Aber ich sehe sie als Filme und will sie eher im Kino oder auf einem Festival zeigen als in einem Museum oder einer Galerie.

Der Film "Huba | Parasite" läuft auf der Berlinale an folgenden Terminen: Mittwoch, 12. Februar, um 19.30 Uhr im CinemaxX 4; Donnerstag, 13. Februar, um 20 Uhr im Colosseum 1; Freitag, 14. Februar, um 19.30 Uhr im Delphi Filmpalast und Samstag, 15. Februar, um 12.30 Uhr im Kino Arsenal 1. Ein Trailer ist hier zu sehen

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