Brian O’Doherty in Berlin

Duchamps Herz

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Ende der 50er-Jahre zog der junge Ire Brian O’Doherty, der in Harvard Medizin studierte, nach New York, arbeitete als Kritiker für die "New York Times" und traf Künstler wie Eva Hesse, Dan Graham, Sol LeWitt und – Marcel Duchamp. O’Doherty machte selbst Kunst und hörte Sätze, die ihn nicht mehr losließen: „Wenn man ein Kunstwerk an die Wand hängt“, behauptete Duchamp, „stirbt es. Das Museum ist ein Friedhof mit lauter toten Werken.“

Brian O’Doherty (hier im Monopol-Interview), der zwischen 1972 und 2008 als fiktive Künstlerpersönlichkeit Patrick Ireland agierte, eröffnet jetzt seine erste Einzelausstellung in Deutschland, in der Berliner Galerie Thomas Fischer. Am Mittwochabend bereicherte der Autor zahlreicher Aufsätze und Bücher (am bekanntesten: „Inside the White Cube“, auf Deutsch "In der weißen Zelle") ein kleines Publikum im Senatssaal der Berliner Humboldt Universität mit einer Geschichte.

In einem Museum hängen tote Kunstwerke? Brian O’Doherty war anderer Meinung und suchte nach einem Beweis. Er lud Duchamp zu sich nach Hause ein. Sie speisten und lachten, dann folgte Duchamp O’Doherty ins Schlafzimmer, zog die Schuhe und das Hemd aus und legte sich aufs Bett. Auf der Künstlerbrust platzierte O‘Doherty ein Messgerät und zeichnete Duchamps Herzwellen auf. Wenige Wochen später traf O’Dohertys Frau – die Kunsthistorikerin Barbara Novak – Duchamp auf der Straße. „Schlägt es noch?“, soll er sie gefragt haben. „Ja“, habe sie geantwortet . Fast fünfzig Jahre später ließe sich ergänzen: „Es schlägt – bis heute.“

Am Ende eines langen schmalen Korridors in der Galerie Thomas Fischer hängt ein blaugrauer Kasten an der Wand, und in dessen dunklem Zentrum sieht man es: das Herz von Marcel Duchamp, streng genommen, seinen Herzschlag, den Brian O’Doherty an jenem Abend in einem Kardiogramm festhielt und es mit Hilfe einer präparierten Glühbirne in einem kleinen Kasten wiederbelebte.

In der Humboldt Universität sagte O’Doherty, das Herz-Porträt sei grausam. Als Duchamp die Lichtwellen, die von links nach rechts, von unten nach oben flackern, zum ersten Mal in dem Kasten sah, habe er geschwiegen, da er erkannt haben musste: Er würde sterben. Sein Herz aber weiterschlagen an der Wand eines Museums oder einer Berliner Galerie.

O’Doherty ist Jahrgang 1928. Er spricht mit der Stimme eines Großvaters, seine Sprache klingt nach Wissenschaft und Poesie, Intellekt und Gefühl. PQRST-Wellen, haben Sie schon einmal davon gehört? Das sind die Wellen, die man auf einem EKG sieht. Nach der P- folgt eine kurze Q-Welle, dann schießt sie hoch zum R, stürzt hinab zum S – und wandert hinaus zum T. In der Galerie lässt sich diese Kurve sehen. In der Humboldt Universität konnte man sie aus fast jeder Brust hören. Bumbum bumbum bumbum.

Galerie Thomas Fischer, Berlin, 14. April bis 2. Juni, Eröffnung: Freitag, 13. April 2012, 18–21 Uhr

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