Wider den ästhetischen Blick auf Krieg

Das Morden anderer betrachten

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Der ästhetische Blick verdrängt das politische Denken. Das musste man bereits fünf Tage nach dem 11. September feststellen. Damals im Jahr 2001 sagte der Komponist Karlheinz Stockhausen auf einer Pressekonferenz in Hamburg, der Terroranschlag auf das World Trade Center sei das größte Kunstwerk, was es je gegeben habe. Er war eifersüchtig auf die "Kunst" der Terroristen, "5000 Leute in die Auferstehung gejagt (zu haben) in einem Moment." Diese Form der ästhetischen Überhöhung wird nun von den Dschihadisten des Islamischen Staates vorangetrieben. Aber in den deutschen Medien vermisst man weitgehend eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Welt hinter und vor ihren Bildern.
 
In der letzten Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" wurde unter dem Titel "Hinsehen, wegsehen" der mediale Umgang mit der Propagandamaschine zwar endlich hinterfragt: Die Veröffentlichung des Videos bei "Fox News" etwa, das die Verbrennung eines jordanischen Piloten zeigt, wird als Tabubruch bezeichnet. Und von Journalisten "ein bewusstes Zurücktreten und Zweifeln an den sonst bewährten journalistischen Routinen" gefordert. Aber was diese im Einzelnen und jenseits der Verbreitung oder Verpixelung von Propagandafilmen generieren, sollte man trotzdem einmal klären.
 
Im Zentrum eines der jüngsten Artikel zum Thema, dem "Zeit"-Feuilleton-Aufmacher "Die Lust am Krass-Sein", steht der ästhetische Vergleich von Posen und Gängen und Klamotten und Accessoires des Hip-Hop und des IS, der nicht über sich selbst hinausgeht. Die Beschreibungen bleiben Beschreibungen bleiben Beschreibungen. Der Autor preist den Sexappeal des vom IS inszenierten Männlichkeitsbildes  – einen langhaarigen Dschihadisten etwa, der mit über die Schulter gehängtem Sturmgewehr auf einen Araberhengst reitet und als supercooles Hip-Hopper-Vorbild die "Lust am Krass-Sein" auslöse – ohne sich merkbar gedanklich davon zu distanzieren. Er versichert sich rhetorisch: "Pop ist Pop, und Krieg bleibt Krieg." Aber räumt dieser Feststellung nicht die Zeilen ein, die für ästhetische Vergleiche benutzt werden, die einen in die Irre führen, aus der man herausgeholt werden möchte.
 
Auf Facebook weist ein Leser zurecht auf die dem Pop ureigene Qualität hin: "Der Pop, von dem Du sprichst", so der Kommentar zum Text, "ist Allgemeingut, für jeden sichtbar und verfügbar." Er will ihn damit vom Hip-Hop unterscheiden, den der Autor als Vorbild für die IS-Propagandamaschine heranzieht. Das ist richtig, aber geht nicht weit genug: Nicht nur eine Unterscheidung zwischen Hip-Hop und Pop ist notwendig. Auch und vor allem eine Unterscheidung zwischen Pop, Hip-Hop und Propaganda.
 
Schon die Nationalsozialisten verstanden es, verschiedene bestehende Genres für ihre Politik einzusetzen: In der Kunst hielten sie es realistisch, im Fernsehen zeigten sie Heimatfilme und in der Stadt bauten sie neoklassizistische Gebäude. Trotzdem würde niemand über die Ruhe und Besinnlichkeit im monumentalen Haus sinnieren und dabei die politische Funktion dieser Idylle vergessen. Propaganda manipuliert. Im Unterschied zu den Nazis verdeckt die Propaganda des IS nur nicht die Gewalt, sie wird inszeniert. Im letzten Video, das bis heute auf der Internetseite des Nachrichtensenders "Fox News" steht, verbrennt ein Mann bei lebendigem Leib und alle können es sehen.
 
Warum werden Bilder von Araberhengsten und Typen mit Waffen, die Menschen ermorden, dann als sexy und cool bezeichnet? Was ist "krass" für eine ästhetische Kategorie? Was sehen wir auf den Bildern? Was sehen wir nicht? Was hören wir? Worüber sprechen die Mörder?

Nicht der ästhetisierende Blick, sondern der politische Menschenverstand ist für die Suche nach Antworten gefragt. Sonst bedeutet das Morden anderer betrachten, sich mit ihren Kleidungsstilen, Posen und Accessoires zu befassen. Sonst bleibt die Auseinandersetzung mit dem Krieg selbst: der reine Pop.
 
Eine Autorin schreibt in einer früheren Ausgabe der "FAS" über "das neue Schwarz - über die Mode der Finsternis" und lässt sich von einer Farbe und dem Körpergefühl, das ihr ein Kleidungsstück schenkt, zu fragwürdigen Schlussfolgerungen verleiten: "Extrem rechts, extrem links, Schuldige und Schuldlose, Islamisten, Stars, Jugendliche und Modedesigner – sie alle schätzen die Kraft der Kapuze", steht da. "Weil sie Schutz und Geborgenheit bietet, abschottet und Distanz einfordert, weil sie Zugehörigkeit vermittelt, und zwar bei gleichzeitigem Verschwinden. Der Kapuzenpulli ist die ultimative Höhle. Da muss die Welt draußen bleiben. Zutritt verboten."
 
So werden diverse politische Ideologien und Personengruppen, die in unterschiedlichen sozialen Realitäten leben, in einen Stil-Topf geschmissen: Der Star, der im Casual-Look aus seiner Villa in Los Angeles mit einem Porsche fährt, um zum privaten Yogakurs zu fahren, mit dem Islamisten, der unschuldigen Flüchtlingen in den Kopf schießt und Kindern Waffen in die Hand drückt. Nicht aus Kapuzenpullis – aus diesem Blickfeld muss die Welt draußen bleiben: Die ästhetische Gleichschaltung verbietet dem Denken einmal mehr den Zutritt.
 
Das Bild, so glaubt man bei der Lektüre, ersetzt die Welt und radiert ihre Unterschiede bis zur Unkenntlichkeit aus. Und tatsächlich: In einem Text, der unmittelbar nach dem Launch der ersten Aufnahmen aus dem Islamischen Staat, eines Videos auf der Internetseite des Vice-Magazins, in der "Welt" erschien, wird dem Bild ein geradezu ontologischer Status einräumt: Ausführlich werden "die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen" beschrieben, die sich vor der Kamera präsentieren. "Das Kind, das angibt, später einmal lieber Dschihadist als Selbstmordattentäter werden zu wollen, lächelt scheu-kokett", heißt es da unter dem Titel "Der Islamische Staat und die Ästhetik des Wahnsinns“."Der offizielle Pressesprecher ist ein netter Typ im grauen T-Shirt, den man mit seiner Ray-Ban-Wayfarer-Brille und dem Fusselbart für einen Hipster halten könnte." Außerdem: "Alle freuen sich, dass sie ausgepeitscht werden." Statt sich die Frage nach der Inszenierung und Auswahl der Bilder zu stellen, die Produktionsbedingungen zu beleuchten und den medialen Schachzug des Vice-Reporters an und für sich zu behandeln, werden die Bilder für ein Abbild der Wirklichkeit gehalten. Im weiteren Verlauf des Textes analysiert der Autor deshalb nicht die Bilder, die er sieht. Er will den Ausschnitt einer Welt nachvollziehen, die er nicht kennt. Wie aber soll das gehen?

"Die Aura des Pop fällt jäh in sich zusammen", heißt es am Ende des "Zeit"-Artikels, "wenn der Krieg als das Verbrechen vorgeführt wird, das er ist." So ist es. Deshalb ist es geboten, den eigenen ästhetisierenden Blick zu reflektieren, er könnte mehr verraten über die Motive, in den heiligen Krieg zu ziehen, als über das Bild, dem er sich ausliefert.

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