Die Tocotronic Chroniken

Erschlaffung und Euphorie

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Die Tocotronic Chroniken enthüllen die Geheimnisse unserer Lieblingsband

Lange hatte man sie für eine Rockband gehalten. Eine sehr ungewöhnliche natürlich, ohne Machoposen und Stadiongestik. Bis Dirk von Lowtzow, angetan mit einer Hundemaske, während einer Performance mit dem Titel "Kapitulation" seine Gitarre in einer seltsamen Schiffskonstruktion der Kölner Künstlerin Cosima von Bonin zupfte. Da wurde klar: Falls Tocotronic Teil einer Jugendbewegung sind, dann ist es die der Kunst-Bohemiens.

So lassen sich also auch die "Tocotronic Chroniken", die die Poptheoretiker Jens Balzer und Martin Hossbach 20 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Albums "Digital ist besser" veröffentlichen, wie ein Künstlerbuch lesen. Martin Hossbach hat gemeinsam mit dem Bassisten Jan Müller das Bandarchiv durchforstet und die schönsten Erinnerungsstücke zutage gefördert, von der frühen Demokassette mit kindlich-runder Beschriftung über erste Flyer und Kritiken bis hin zu Artwork und Porträts. Vom Vitamalz-T-Shirt unter der Adidas-Jacke über den hanseatischen Strickpullover mit Karomuster bis zur Bundfaltenhose der Dandyphase entfaltet sich die Stilgeschichte der langsam dem Milchgesichtalter entwachsenden Protagonisten, alles zu üppigen Collagen montiert, die die Nostalgie jedes 90er-Jahre-Kindes kitzeln, ohne ihr übermäßig zu verfallen.

Die Texte von Balzer, je einer zu jedem Album, verraten Details aus dem Leben der Tocos, die man schon immer mal wissen wollte – so hat Dirk von Lowtzow wirklich nie in seinem Leben ein Fahrrad bestiegen! Doch vor allem gelingt es ihm, den Weltgeist analytisch dingfest zu machen, der dem Nachwende-Deutschland diese postpolitischen, programmatisch erschlafften und trotz schlechter Haltung immer aufrecht kämpfenden Champions des Zweifels geschickt hat. Sogar ihre Frisuren erklärt er uns. Was will man mehr?

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