Interview mit Dinos Chapman

"Der Soundtrack zu unseren Arbeiten“

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Dinos Chapman, vergangenes Jahr haben Sie Ihr Debüt-Album „Luftbobler“ veröffentlicht. Warum jetzt Musikbusiness?
Ich mache schon seit Jahren Musik, allerdings privat, für mich. Ich hatte eigentlich gar nicht vor, ein Album zu veröffentlichen. Ein Freund von mir, Sean Bidder vom Label „The Vinyl Factory“, wollte dann mal hören, was ich so mache. Und ich hatte den Punkt erreicht, an dem ich etwas mit der Musik anstellen musste, wenn ich nicht weiter so ziellos herumdümpeln wollte. Den Musikbusiness zu entern, war anfangs gar nicht mein Ziel. Ich habe mich da eher hinein meditiert.

Und warum elektronische Musik?
Also erstmal fand ich es gut, nicht irgendein Instrument spielen zu müssen. Im elektronischen Bereich ist man ja eher Komponist als Instrumentalist. Man kann experimentieren und braucht auch keine Musiker, die man dazu kriegen muss, das zu spielen, was man will. Das ist einfach perfekt für jemanden, der nicht in einer Band sein will!

Wie komponieren Sie?
Eigentlich gibt es keine Methode. Ich habe nie schon einen bestimmen Track oder Sound im Ohr, sondern fange mit irgendetwas ganz Einfachem an und komme dann irgendwann bei etwas an, das ziemlich komplex sein kann. Es ist ein bisschen wie Zeichnen: Du beginnst irgendwo und hörst irgendwo auf, dazwischen entwickelt sich etwas. Ich arbeite auch immer an vielen Dingen gleichzeitig und konzentriere mich erst richtig auf eine Sache, wenn sie schon fortgeschritten ist.

Was heißt eigentlich „Luftbobler“?
Luftblasen. Das ist der Name eines norwegischen Schokoladenriegels. Ich habe einen gegessen und mochte das Wort. Also habe ich es benutzt. Das bedeutet aber nichts.

Die anderen Titel bedeuten also auch nichts? Oder wie ist das bei dem Stück „I’m this idiot“?
Der Titel bezieht sich auf eines meiner Tattoos. Ich habe nach einem wirklich dummen Tattoo gesucht und es gefunden. Da ist eine Hand zu sehen, die auf mich zeigt, und darüber steht „I’m this idiot“. Eigentlich sollte es „I’m with this idiot“ heißen, aber mein Bruder fand „I’m this idiot“ lustiger, also habe ich das genommen.

Ihre Musik lief vergangenes Jahr auch bei einer Chanel-Modenschau. Fanden Sie die Kombination seltsam?
Ich mochte das gerade, weil es irgendwie seltsam war. Es war der Trevor-Jackson-Remix von dem Track „Luftbobler“. Musik für eine Modenschau zu machen ist toll, da werden ein paar Regeln von außen beigemischt, die Models müssen ja dazu laufen können. Ich komponiere gerade etwas für eine Modeschau des britischen Labels Belstaff. Das wird dann nur ein einziges Mal gespielt. Das ist doch lustig.

Für Ihre Musik kreieren Sie auch Videoarbeiten. Wie entstehen diese?
Ich gehe da ganz bewusst sehr amateurhaft vor. Ich arbeite mit iMovie, dem vielleicht simpelsten Programm für so etwas. Genau das mag ich an den Visuals: Sie sind nicht technisch perfekt gemacht. Die Aufnahmen sind teilweise schon vor 15 Jahren entstanden, ich habe hunderte Stunden an Material zuhause. Nur der Hase, der durch einen Garten rennt, kam neu dazu ...

Sind Sie das selbst in dem Hasenkostüm?
Na klar!

Warum ein Hase?
Einfach so. Ich wollte die Visuals nicht auf den Sound zurechtschneidern. Was da vor sich geht, ist das, was jeder für sich da hinein liest. Ich gebe nur bestimmte Szenarien vor, die Lücken muss jeder mit seiner eigenen Fantasie füllen. Die Filme sind also recht unspezifisch. Etwas düster vielleicht, aber was sie darüber hinaus bedeuten, darüber bin ich mir genauso wenig im Klaren wie alle anderen. Es sind eben keine Popvideos. Nur Schichten von Möglichkeiten.

Das ist bei den Werken, die Sie mit Ihrem Bruder Jake Chapman schaffen, ähnlich. Desto länger man sich mit Ihrer Musik und den Visuals auseinandersetzt, desto deutlicher werden die Gemeinsamkeiten.
Absolut. Jake meinte, meine Musik sei so etwas wie der Soundtrack zu unseren Arbeiten. Das ist natürlich auch nicht wirklich erstaunlich: Jake und ich machen das, was wir machen, weil wir so sind wie wir sind. Ich habe mir auch gar nicht vorgenommen, die Musik in eine andere Richtung zu bringen. Tagsüber bin ich im Studio und mache bildende Kunst, abends zu Hause dann Musik. Irgendwie muss das ja zusammenhängen.

In einem Interview haben Sie gesagt, Musikmachen helfe Ihnen dabei, Schlaf zu vermeiden. Schlafen Sie nicht gerne?
Nicht viel jedenfalls. Das ist vergeudete Zeit. Allmählich lerne ich, etwas mehr zu schlafen. Aber es gibt doch wirklich immer etwas Interessanteres zu tun! Außerdem kann ich mich nie an meine Träume erinnern. Wenn mir Leute von ihren Träumen erzählen, ärgere ich mich richtig.

Komisch, Ihre Musik und die Visuals haben eine traumartige Ästhetik.
Vielleicht sind das ja meine Träume! Die Träume, von denen mir Leute erzählen, haben immer so einen lächerlichen surrealistischen Touch. Vielleicht kopiere ich das?

Vor ein paar Monaten haben Sie auf einer EP den Track „LUV2H8“ veröffentlicht, der ist tanzbarer als die experimentellen Stücke von „Luftbobler“. Wie kam das?

Das ist etwas, das ich erst für mich entdeckt habe. Als ich mit dem ersten Album raus ging und die Tracks live spielte, merkte ich, dass die Leute versuchen, zu diesen ambientartigen Stücken zu tanzen. Ein bestimmter Grad an Tanzbarkeit war da anscheinend schon angelegt. Ich dachte, wenn ich live spiele, sollte ich das berücksichtigen. So kam das. Sich zu Hause eine Platte anzuhören ist ja auch etwas anderes, als zu einem Konzert zu gehen. „Luftbobler“ kann man sich wunderbar zu Hause anhören.

Könnten Sie sich auch vorstellen, als DJ in Clubs zu spielen?
Ich weiß es nicht. Vor einem Jahr hätte ich mir ja noch nicht mal vorstellen können, ein Interview über meine Musik zu geben.

Sind Sie in Berlin schon mal durch die Clubs gezogen?
Nein. Irgendwie mache ich immer alles andersherum. Wenn alle anderen schon völlig fertig vom Clubben sind, fange ich überhaupt erst damit an.

Dinos Chapman wird seine Performance "Luftbobler" am Freitag, 31. Januar, um 21 Uhr im Rahmen der Transmediale im Auditorium des Hauses der Kulturen der Welt präsentieren




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