Museum Folkwang Essen

Alles so schön grau hier

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Das neue nationale Selbstbewusstsein schlägt zu in Gestalt eines unheilvoll schwarzen Adlers, der auf dem Dach des „Deutschlandhauses“ gelandet ist. Bis 1999 residierten in diesem Berliner Gebäude die Landsmannschaften des Bundes der Vertriebenen. Später avancierte der spröde Kreuzberger Kasten zum möglichen Standort für das von Erika Steinbach initiierte „Dokumentationszentrum gegen Vertreibungen“. In der Essener Ausstellung „Der Westen war einsam“ kommt dieses Leuchtturmprojekt mit der Lizenz zum Daueraufreger jetzt im Stil einer materialreichen Collage aus Kinderhand daher. Nicht nur, dass sich hinter der Mimikry ein großformatiger Holzschnitt verbirgt. Es stammt auch von einem „jungen“ Künstler, der die dreißig längst überschritten hat.

Auf so viel Camouflage samt gesellschaftlichem Alarmbewusstsein ist kaum gefasst, wer Jan Brokof bislang als Archäologen des eigenen Gestern kannte. Wenn es um seine Kindheit und Jugend in einer Plattenbausiedlung in Schwedt an der Oder geht, scheut der 1977 geborene Absolvent der Hochschule für bildende Künste in Dresden keinerlei Strapazen. Monumentale in Schwarz-Weiß-Kontrasten gehaltene Holzschnitte von Fassaden und Straßenzügen, zwischen denen „der Himmel überall quadratisch ausgeschnitten“ war, gehören noch zu den leichteren Übungen.

Für die Holzschnittinstallation seines Jugendzimmers in Lebensgröße verwendete er 80 verschiedene Drucke und bis zu zwei Meter große Paneele. Das Ergebnis ist verblüffend, wähnt man sich doch als Eindringling in einem begehbaren Comic, zu dessen Helden Popstars wie Madonna, A-ha und Billy Idol gehören, die als Poster-Armada ein Eigenleben an den klaustrophobisch standardisierten Betonwänden führen.

Die im biografischen Ausschnitt wiedergefundene Nachwendezeit ist nicht zufällig gewählt. Mit der Wiedervereinigung und dem Auszug besser verdienender Bewohner begann der Abstieg des in der DDR privilegierten Neubaugebiets zum „Problemviertel“, das inzwischen ganz abgerissen wurde.

Blick auf gesamtdeutsche Gegenwart
Die Mehrzahl der erstmals die Gesamtheit seines Schaffens fokussierenden Arbeiten beschäftigt sich neben Holzschnitt auch in Bleistiftzeichnungen, Tuschen und Collagen mit dem Leben in einem industriellen Wohnkomplex. Während die Lust an farbintensiver Gestaltung der an Volkskunst erinnernden Republiksplitter zunimmt, weicht seit 2009 der beobachtende Ton zunehmend einem beunruhigten Blick auf die gesamtdeutsche Gegenwart. Nicht nur das „Deutschlandhaus“ verfügt über Spukqualitäten. In „Arbeit macht Arbeit“ wachen zyklopische Nachtkreaturen über ein isoliertes Computerspielmännlein. In „Ich reise (allein)“ ist es gleich eine ganze Schar von Monstern, Totenköpfen und Explosionen, die das Geschehen in einem Kinderzimmer kontrollieren. Kein Wunder, dass draußen das „Welttheater“ in einem düsteren Kriegsszenario versinkt und der „Weltretter“ auf strichdünnen Beinen vor Angst erstarrt.

Explizit politisch gibt sich auch die dreidimensionale Installation „Der Auflauf“. Mit fast makabrem Witz drängt sich eine Wutbürgermasse aus Spielzeugfiguren beider Systeme durch eine papierne Straßenschlucht. Das Demonstrieren scheint Selbstzweck, den unbeschriebenen Transparenten sind die Forderungen abhanden gekommen. Es ist eine seltsam bedrohte Welt, die Brokof hier mit preiswerter Baumarktgeste zeigt, und zusammen mit den kindlichen Albtraumszenerien ergibt sich eine Art Wirklichkeitsrauschen von ebenso bestechender Naivität wie bedrückender Ausweglosigkeit.

Bis 3. April 2011

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