Julian Charrière in Lausanne

Erinnerung an die Zukunft

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Julian Charrière knallt die Zeit an die Museumswand. Zurück bleiben die Scherben von 24 Sanduhren und ihr fossiler Inhalt aus ebenso vielen geologischen Perioden, vereint im Jetzt. "The Key to the Present Lies in the Future“ (2014) heißt das subtile Werk, mit dem die Ausstellung "Future Fossil Spaces" im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne beginnt. Durch das Heute das Gestern zu ergründen ist die Maxime der Geologie. In der Zukunft ansetzen – das kann nur die Kunst.

Schon als Kind zog es den 1987 in Morges geborenen Künstler, der heute in Berlin lebt, immer wieder zu den versteinerten Tieren- und Pflanzen im zoologischen Museum, nun eröffnet der Schweizer als Träger des Manor-Kunstpreises 2014 des Kantons Waadt im selben historischen Gebäude seine erste große institutionelle Einzelausstellung. Welch schöner Zufall für einen Künstler, der die Ausgrabung zum poetischen Akt macht und der sich in seinen Fotografien, Performances, Installationen und Videoarbeiten in einer diachronischen Dimension bewegt.

Vergangenes Jahr verbrachte der Schüler von Olafur Eliasson auf einer Expedition in Island acht Stunden damit, einen Eisberg mit einem Gasbrenner zu malträtieren. In Lausanne findet man die Fotografien dieses Kommentars zur Klimakatastrophe. Für die neue Schau hat der Bedeutungssucher außerdem jenen Ort in Kasachstan besucht, an dem sich "die Wissenschaft die Finger verbrannte": das radioaktiv verseuchte ehemalige Nuklearwaffentestgelände Semipalatinsk, gefangen in einer Endzeitstimmung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Charrière hat es in dem stumm sinnierenden Video "Somewhere" (2014) festgehalten.

Das Thema Raum und Zeit ist als Sediment der Kunstgeschichte oft umgegraben worden, aber so clever wie von Charrière wurde es lange nicht mehr materialisiert. In seiner Arbeit "Tropisme" (2014) jedoch scheint die Zeit stillzustehen. Der Künstler hat in einer Vitrine einige Pflanzen bei minus 20 Grad mit einer Eisschicht überzogen. Doch es weht ein feiner Windhauch, die ersten vereisten Bruchstücke sind bereits heruntergefallen. Als wären sie eine Erinnerung an die Zukunft.

Julian Charrière: "Future Fossil Spaces", Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne, bis 11. Januar

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