Kunst am Baum

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Seine Klientel sammelt Bilder, Enzo Enea lieber Bäume. Darunter viele, die er aus den Gärten seiner Kunden mit nach Zürich gebracht hat: einen persischen Eisenholzbaum oder jene skurril gewachsene Föhre, die über Generationen in einem Schweizer Privatgarten stand. Japanische Ahornbäume mit fein gezackten, roten Blättern besitzt der Landschaftsarchitekt mehrere. Aber nur einen 130-jährigen. Sie alle waren in jenen Gärten, mit deren Umgestaltung man Enea beauftragt hatte, zum Fällen freigegeben. Also hat er sie mitgenommen und aufwendig in seine Heimat transportiert.

Auf über 50 Bäume ist die ungewöhnliche Kollektion bislang gewachsen. Und wie jeder Sammler hat Enea sich gefragt, ob er sie öffentlich machen will. Sein Fazit ist ein neues Baummuseum in Rapperswil-Jona, unweit von Zürich auf dem Grundstück der Zisterzienserinnen-Abtei Mariazell-Wurmsbach. Das Kloster war begeistert, dass da nicht wieder einer kommt und Land pachten will, um das nächste Industriegebiet zu entwickeln. Sondern einen Park: auf 75 000 Quadratmetern, mit einer Orangerie und antiken Mauerresten aus einer Auktion von Sotheby’s für „Garden Statuary & Architectural Items“. Was für ein Naturbursche, könnte man denken, doch der Landschaftsarchitekt ist eher ein Vertreter des Jetsets als ein moderner Robin Wood. Sein Unternehmen gestaltet Gärten von Moskau bis Miami, und dass es sich Enea Garden Design nennt, ist programmatisch zu verstehen. Enzo Enea sieht die Landschaft mit den Augen des Designers, exakt nach dieser Maßgabe sind auch die Bäume ausgesucht. Kultivierte Gewächse, nach ästhetischen Kriterien gehegt.

Bäume, wie sie in Gemälden „wachsen“, nicht in der freien Natur. Und dort – also in der Kunst – gedeihen sie zurzeit ganz prächtig. Wer in den vergangenen Wochen zwischen Basel und Berlin unter- wegs war, dürfte über einige Künstler gestolpert sein, die Bäume zum Material ihrer Werke machen. Alicja Kwades „Parallelwelt (Ast/AntiAst) II“ besteht aus einem echten Ast und einem Gummiduplikat; ausgestellt war die Arbeit am Stand der Galerie Johann König auf der Art Basel. Ebenfalls auf der Messe gezeigt wurde Anthony James’ Skulptur „Birch“: eine verspiegelte Vitrine, in der sich Birkenäste zu einem ganzen Wald reflektieren. Der im Schwarzwald aufgewachsene Jan Imberi ließ für eine Ausstellung in der Galerie Laura Mars Grp. im Berliner Forst 40 Bäume schlagen und flößte sie anschließend bis in den Stadtteil Kreuzberg, wo er sie als Skulptur ausstellte. Erweitert wurde Imberis Schau in diesem Frühsommer mit Fotografi en von mit Kalk bemalten Kiefern. Und Thomas Grässlin hat das Projekt Echtwald AG gegründet: In den nächsten Jahren soll an mehreren europäischen Standorten Nutz- in Urwald verwandelt werden, Künstler wie Tobias Rehberger, Tue Greenfort oder Andreas Slominski steuern Hütten, Skulpturen oder Ausstellungshallen bei. In Enzo Eneas Baummuseum können sich Kunstfreunde derweil an den Fotografien des koreanischen Künstlers Bien-U Bae erfreuen: Die USArchitekten Oppenheim haben ein flaches Gebäude für Museumsshop, Bibliothek und Restaurant errichtet, das sich an einen mit Lava ausgekleideten Teich schmiegt. Dort hängt nun die mystische Waldaufnahme des Altmeisters und demonstriert, dass die Kunst am Baum auch ein Thema für Sammler ist.

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