"Kunst & Textil"-Ausstellung in Wolfsburg

Guter Stoff

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Wenn eine Ausstellung mit dem Titel „Kunst & Textil“ mit Öl auf Leinwand beginnt, nämlich Gustav Klimts „Bildnis Marie Henneberg“, und mit einer Computersimulation (Peter Kogler) endet, liegt der Verdacht des Etikettenschwindels nahe. Aber wer diesen großartigen Parcours im Kunstmuseum Wolfsburg hinter sich gebracht hat, ist aufs angenehmste durchgeschüttelt und so grundsätzlich verunsichert, dass solche Materialfeinheiten wirklich das geringste Problem darstellen.

Textil ist das Thema der Stunde. Ausstellungen in München, Paris und Mönchengladbach widmen sich in diesem Herbst Stoffen, Teppichen, Tapisserien (und auch die Oktober-Ausgabe von Monopol mit einem großen Artikel), wobei die Wolfsburger Schau die umfangreichste und thematisch weitreichendste sein dürfte. In elf Kapiteln wird der Stoff als „Material und Idee von der Moderne bis heute“ betrachtet, und das heißt: Es gibt Werke, die aus Textilien gemacht sind, Werke, die Textilien zeigen, und solche, in denen man das Thema strukturell verortet. 

Den Auftakt bilden der Jugendstil und die Verflechtungen zwischen Kunst und Kunsthandwerk um 1900 mit Werken von Henri Matisse, Pierre Bonnard oder Édouard Vuillard und Stoffen von Henry van de Velde oder William Morris, dem Begründer der britischen Arts-and-crafts-Bewegung. In diesem kabinettartig eingerichteten Teil hängen die Gemälde auf gemusterten Tapeten wie in einem bürgerlichen Salon (Bonnard malte seine Bilder direkt auf geblümte Tapeten), die Stoffe aber auf museumstypisch weißen Gipswänden: Was ist „freie“, was „angewandte“ Kunst, was Wand, was Bild, was Dekoration?

Dahinter steckt mehr als ein kuratorischer Trick. Die mit über 200 Arbeiten, darunter zahlreiche großartige Leihgaben, bestückte Schau erklärt auch die „Geburt der Abstraktion aus dem Geiste des Textilen“, stellt Bauhäuslern wie Paul Klee oder Anni Albers einen peruanischen Poncho oder eine chinesische Tempelfahne gegenüber, konfrontiert Gerhard Richters „Vorhang“ mit dem von Mies van der Rohe und Lilly Reich 1927 in Berlin konzipierten „Café Samt und Seide“.

Dem Einfluss nordafrikanischer Teppiche auf die Moderne, auf Abstrakten Expressionismus, Farbfeldmalerei oder Minimal Art, geht zurzeit auch die Textil-Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne nach – in Wolfsburg wird besonders deutlich, dass es dabei nicht allein darum geht, ein neues kunsthistorisches Kapitel aufzuschlagen. Die Erschütterungen reichen bis in die Gegenwart.

Man läuft durch diese Räume mal wie durch ein flauschiges Kabinett, dann wie durch ein kühlen White Cube, dann wieder wie durch eine ethnologische Sammlung. Man stellt sich vor, dass, sagen wir: ein Japaner durch ein westliches Kunstmuseum möglicherweise so streift wie ein Europäer durch ein Volkskundemuseum, und schaut selbst plötzlich mit Forscher-Blick auf Altbekanntes wie ein Stoffbild von Blinky Palermo oder Sigmar Polke.

Mitunter abwegige Konstellation und Brüche machen Universelles sichtbar (was ja nicht heißt, dass alle Unterschiede nivelliert würden), der Kanon weißer-männlicher Hochkultur wird verlassen oder von innen heraus gesprengt. So treten mit dem potent-essentialistischen Jackson Pollock und dem tuntig-konzeptuellen Popkultur-Verwerter Mike Kelley zwei Künstler in einen Dialog, von denen man dachte, dass sie einander nichts zu sagen hätten. Aber letzterer nähert sich mit seinem Teppich nicht nur formal einem Pollock-Dripping, sondern es wird auch klar, dass das Textile, das Weben und Nähen, eben nicht immer eine „weibliche“, friedliche, strukturierte Tätigkeit sein muss: Stoff ist auch Anti-Form, eine Naht auch eine Wunde.

Dass in dieser Schau, die sonst so viele Grenzen einreißt, weibliche Künstlerinnen (Gahda Amer, Louise Bourgeois, Mona Hatoum, Rosemarie Trockel) unter dem Label „Spiderwoman“ subsumiert werden, ist ärgerlich, aber als historische Aufarbeitung (das Thema wurde jahrzehntelang als „Frauenkram“ abgetan) vertretbar. Zumal auch gezeigt wird, wie es anders geht: Etwa, wenn Alighiero e Boettis im Afghanistan der 70er-Jahre gestickte Weltkarte, ein aus einem pakistanischen Flüchtlingslager stammender „Kriegsteppich“ und Teppichcollagen der jungen Berliner Künstlerin Nevin Aladag aufeinandertreffen.

„Überall wird über Global Art diskutiert, die sich angeblich nicht mehr am westlich orientierten Kunstbegriff orientiere. Doch wie lässt sie sich im nach wie vor westlich orientierten Kunstbetrieb präsentieren?“, fragt Museumsdirektor Markus Brüderlin im Vorwort. Das von ihm realisierte Präsentationsmodell, das auf der Zusammenführung verschiedenster kunst- und kulturhistorischer Kontexte beruhe, sei als Vorschlag zu verstehen, von dem auch Museen nichteuropäischer Kunst wie etwa das künftige Humboldtforum in Berlin lernen könnten. Das ist nicht übertrieben.

"Kunst & Textil – Stoff als Material und Idee in der Moderne von Klimt bis heute", Kunstmuseum Wolfsburg, bis 2. März

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