"Mark Lombardi – Kunst und Konspiration"

"Der Abgrund schaut zurück"

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Fünf Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade Center inspizierten Mitarbeiter des FBI eine Zeichnung von Mark Lombardi – ein kriminal- wie kunstgeschichtlich einmaliger Vorgang. Was wusste Lombardi, was die Geheimdienste nicht wussten?
Was die Fakten angeht, konnte er ihnen sicher nichts Neues erzählen. Es geht eher um eine Darstellungsform, dank der man eine Perspektive einnehmen kann, von der aus die Zusammenhänge ersichtlich werden. Lombardis Werk beruht auf Recherchen und öffentlich zugänglichen Fakten, aber er hat sie in eine Form gebracht, die etwas Neues erkennen lässt. Kein Computerprogramm ist in der Lage, so etwas darzustellen. Es braucht immer noch den Menschen, um die Zusammenhänge so aufzubereiten, dass man einen Erkenntniswert hat.

Lombardis Markenzeichen sind sogenannte „narrative structures“ – was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Es handelt sich um netzwerkartige Zeichnungen, die Verbindungen zwischen Menschen, Unternehmen oder auch Regierungen aufzeichnen und die Machtstrukturen widerspiegeln, die unsere globalisierte Welt ausmachen. Lombardi zeigt das, was im Schatten stattfindet, was sich unserem Blick normalerweise entzieht. Er ist davon ausgegangen, dass Informationen erst dann Sinn ergeben, wenn sie einen Kontext haben. Und diesen Kontext liefert er in seinen Zeichnungen.

Zum Beispiel?
Das vom FBI inspizierte Werk dreht sich um Osama Bin Ladens Terrornetzwerk al-Quaida. Andere Arbeiten behandeln George W. Bush und seine Machenschaften beim Öl-Unternehmen Harken Energy, die Verbindung des Vatikans zur Mafia, aber auch Bill Clinton. Lombardi hatte nicht nur ein Feindbild, er hat in alle Richtungen ermittelt.

Die New York Times hat Lombardi einmal als „Investigativreporter“ unter den Künstlern bezeichnet. Aber gehen seine Werke nicht über den reinen Erkenntnisgewinn hinaus, in dem er seine Informationen ästhetisiert, sie in die Form von Kreisen oder Sternenhimmeln überträgt?
Anfangs hat er seine Diagramme nach Zeitachsen ausgerichtet. Dann entstehen parallele Zeitachsen, die zum Beispiel die Entwicklung einer Firma neben die Entwicklung einer zweiten stellt. Nachher verlässt er dieses Muster, geht in die Kreisform. Insgesamt existieren sieben bis acht große Zeichnungen, jeweils in mehreren Versionen. Lombardi hat eine Arbeit nie als abgeschlossen empfunden. Wenn neue Sachverhalte aufkamen, hat er die eingearbeitet. Er hätte es nicht ertragen, wenn die Arbeit nicht vollständig gewesen wäre.

Wie genau sind seine Zeichnungen entstanden?
Wenn er sich für einen Sachverhalt interessierte, hat er Material zusammengesucht und pro Person oder Unternehmen eine Karteikarte angelegt. Für manche Leute wie George W. Bush gibt es 16 oder 17 Karteikarten. Darauf ist zu jedem Eintrag auch die Quelle angegeben, so dass man die Information nachvollziehen kann. Der nächste Schritt lässt sich dann schwer nachvollziehen, weil er in seinem Kopf stattfand: das Anordnen auf Papier. Lombardi muss die Karten vor sich ausgelegt und rumgeschoben haben um zu sehen, wie er das am besten zusammenkriegt. Erst entstehen Skizzen, dann Vorstudien, und schließlich feingliedrige, perfekte Zeichnungen.

Sie haben mit Künstlern, Kunsthistorikern und Lombardis Galeristen gesprochen, aber auch mit Freunden und seiner Familie. Was für ein Mensch war er?
Natürlich hat er sich sehr zurückgezogen in seine Arbeit, hat akribisch, vielleicht auch fanatisch recherchiert. Aber ich möchte das nicht beurteilen, und ich habe das auch bewusst aus meinem Film rausgelassen. Man kann einen Menschen in Gänze nicht darstellen, einen Toten schon gar nicht. Mein Film ist fragmentarisch angelegt.

Um Lombardis Tod im Jahr 2000 ranken Verschwörungstheorien, bis hin zu der Behauptung, die US-Regierung oder Geheimdienste seien darin verwickelt. Was haben Ihre Recherchen ergeben?
Auch da wäre ich im Bereich der Spekulation geblieben. Seine Ex-Freundin versuchte ihn vor seinem Tod ergebnislos zu erreichen. Zwei Wochen vorher hatte die Sprinkleranlage in seiner Wohnung einen Großteil seiner Arbeiten vernichtet, für seine Ausstellung im PS1 hat Lombardi dann eine Woche durchgearbeitet, um ein Bild noch einmal herzustellen. Es war klar, dass er körperlich und psychisch ausgelaugt war. Die Freundin hat dann mit der Polizei die Wohnung aufgebrochen, und dort fand man ihn erhängt – allerdings hat die Freundin die Leiche nie gesehen. Wir haben versucht, an die Polizeitakten zu kommen – ergebnislos. Auch die damals beteiligten Polizisten durften sich zu dem Vorfall nicht äußern.

Drohen die Verschwörungstheorien nicht den Charakter seiner Arbeiten zu unterlaufen, die eben nicht spekulativ waren, sondern sich auf Fakten stützten?
Das stimmt, und daher habe ich bewusst nur die Mutter über den Tod spekulieren lassen, weil da genug Interpretationsraum ist: Keine Mutter kann sich vorstellen, dass sich ihr Kind umbringt – gleichzeitig darf gerade sie das auch sagen, weil sie so nah dran war. Folgt man hingegen der Selbstmordtheorie,  läuft man Gefahr, die Kunst zu pathologisieren. Ich habe das in der Schwebe gehalten, weil ich will, dass die Arbeit ernst genommen wird, so wie sie ist.

Sie haben drei Jahre an dem Film gearbeitet. Was macht das mit einem?
Man taucht in eine Welt ein, die nicht immer schön ist. Lombardi selbst hatte diesen Leitspruch: Wenn man in den Abgrund schaut, schaut der Abgrund halt zurück. Das trifft es ganz gut.

Der Kunsthistoriker Robert Hobbs sagt in Ihrem Film: Lombardi wollte die Menschen anstiften, die Welt zu verändern.
Ja, aber das ist sehr romantisch. Vielleicht ist es ja generell die Aufgabe der Kunst, dass das ästhetische Erlebnis dem widerspricht, wie man die Welt sonst wahrnimmt.

„Mark Lombardi – Kunst und Konspiration", Kinostart: 31. Mai 2012. In Monopol 6/2012 finden Sie im Documenta-Spezial ein Porträt zu Lombardi




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