Bedroht: Der Kölner Projektraum Boutique

Fehlt am Platz!

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Wer während der Art Cologne die Passage am Ebertplatz durchquerte, dem fiel vielleicht gar nicht auf, dass er Kölns spannendsten Kunstort passierte. In der Boutique, dem Raum für temporäre Kunst von Maximilian Erbacher und Yvonne Klasen, hingen nämlich Kleider an den Stangen – die Künstlerin Stefanie Klingemann führte den Ausstellungsraum für einige Wochen wieder seiner ursprünglichen Funktion als Textilgeschäft zu. Auch ansonsten ist das Programm der Boutique, die im April 2011 eröffnete, alles andere als gewöhnlich. Alex Gross und Tobias Becker etwa, Absolventen der Berliner UdK, verwandelten das Schaufenster der Boutique im März 2012 mit ihrer Performance „Leguano Bay“ in ein Terrarium, mitsamt Sonnenbänken, Felsattrappen und zwei als Leguanen verkleideten Künstlern.

„Die Boutique ist vor allem ein Ort für Kommunikation“, sagt Erbacher. „Unser Interesse gilt besonders installativen Arbeiten, die sich mit dem Raum und seiner Umgebung auseinandersetzen und auf dem Markt sonst kaum eine Chance haben“, ergänzt Klasen. „Für junge Künstler, die experimentieren wollen, ist die Tür hier immer offen.“

An den Raum kam Erbacher 2011 über eine eigene Kunstaktion, Aushänge in der Stadt. „Heute bin ich dein Freund“ stand auf ihnen, unten dran seine Telefonnummer zum Abreißen. Es meldeten sich im Schnitt 23 Menschen pro Tag und Erbacher brauchte ein „Büro“, um die Treffen mit den Interessenten zu arrangieren. Er fragte mehrere Galerien an, unter anderem auch den von Yvonne Klasen betriebenen Offraum Hoi, so entstand der Kontakt. Die leerstehende Boutique wurde Erbacher schließlich vom Kulturamt vermittelt und überzeugte mit der zentralen Lage. Zuvor war an selber Stelle schon einmal die European Kunsthalle beheimatet, bevor das Projekt in Köln im Jahr 2010 eingestellt wurde – zum zweiten Mal sah man sich in Köln mit der Schließung einer Kunsthalle konfrontiert, nachdem die städtische bereits im Jahr 2002 abgerissen worden war.

Der Ebertplatz als Beispiel für städtebauliches Totalversagen

Eigentlich wollte Erbacher nur eine Woche bleiben, mittlerweile sind daraus zwei Jahre geworden – nicht zuletzt, weil ihm Andreas Gloël von dem seit Oktober 2009 ebenfalls in der Passage betriebenen Off-Space Bruch & Dallas zum Bleiben animierte. Als dritter im Bunde für die Kunst am Unort reihte sich 2012 die „Halle der vollständigen Wahrheit“ ein. Eine Trinität wider die Tristesse, die sogar der "Welt am Sonntag" einen Bericht wert war. Denn der Ebertplatz ist das vielleicht beste Beispiel für städtebauliches Totalversagen in Köln – das muss man erst einmal schaffen – ein vierspurig umfahrener Verkehrsknotenpunkt mit dem brachliegenden Brunnen des Metallbildhauers Wolfgang Göddertz als tristem i-Tüpfelchen. Verweilen tun hier normalerweise nur Obdachlose. Offizielle Versuche, den Platz zu beleben, scheiterten. Der Masterplan Albert Speers sieht sogar vor, die Passage komplett zuzuschütten – Fertigstellung bis 2018. In einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger im Januar 2012 merkte Bau- und Planungsdezernent Bernd Streitberger bereits an, dass es nicht das Ziel sei, „mit hohem konstruktiven Aufwand diese mehr oder weniger unattraktiven Räume zu erhalten“.

Ob die Boutique bis dahin bestehen bleibt, ist ohnehin mehr als fraglich. „Wir bekommen eine kleine Förderung vom Kölner Kulturamt und hatten bislang noch einen privaten Sponsor, der Anfang des Jahres leider abgesprungen ist. Wir stecken in massiven finanziellen Schwierigkeiten“, beschreibt Erbacher die aktuelle Lage. Über die Crowdfunding-Plattform Startnext wird öffentlich nach Spendern gesucht, angepeiltes Ziel: 7000 Euro, um die Miet- und Stromkosten der Boutique zu finanzieren.

Kurz vor Ende der Aktion sind bislang gerade einmal 925 Euro zusammengekommen. Wird das Ziel nicht erreicht, erhalten die Spender ihr Geld zurück. „Die Unterstützer stammen meist aus dem direkten Umfeld der Boutique, zwei größere Spenden kamen auch aus der Wirtschaft. „Aber diejenigen, die ich per Brief kontaktiert habe, haben nicht reagiert“, gibt Erbacher zu Bedenken. „Ich habe in einer Nacht sogar geträumt, wir hätten 230.000 Euro gespendet bekommen“, lacht Klasen.

Jetzt erscheint eine Edition

„Es fehlt an Unterstützern in der Stadtverwaltung, die für solche kleinen Projekte einstehen“, bemängelt Erbacher, „uns ist nur ein Viertel der beantragten Summe zugesprochen worden. Ich habe dem Oberbürgermeister Jürgen Roters eine Email geschrieben und ihm den Artikel aus der 'Welt' geschickt.“ Eine Reaktion bekam er nicht. Dafür werden nun Boutique-Künstler selbst aktiv. Zur nächsten Ausstellung „Kleines Schwarzes“ der beiden Düsseldorfer Kunstakademiestudenten Melike Kara und Peppi Bottrop, die am 10. Mai eröffnet, erscheint eine Edition, deren Erlös vollständig der Boutique zukommen wird und die auf der Homepage des Ausstellungsraums angeschaut werden kann. „Das ist meine Möglichkeit, die Boutique zu unterstützen“, so Kara, die bei Rosemarie Trockel studiert. Für die Kölner Künstlerin ist die Erhaltung des Kunstraums eine Herzensangelegenheit: „Ich bin zum ersten Mal mehr oder weniger zufällig in die Boutique gestolpert und habe gemerkt, dass hier etwas wirklich Wichtiges für unsere Stadt passiert.“

Aus eigenen Kräften schafft es die Boutique noch bis zum August. Klasen und Erbacher überlegen, die Räume phasenweise unterzuvermieten um sich neu aufzustellen. „Seitens der Stadt gewährte Mietfreiheit wäre natürlich auch eine Option“, sagt Erbacher. Und schiebt nach: „Es ist schade, dass die Stadt ihren Bürgern, die aus eigenem Antrieb etwas auf die Beine stellen, mit einer derartigen Ignoranz begegnet.“

Melike Kara und Peppi Bottrop "Das kleine Schwarze", Boutique – Raum für temporäre Kunst, Köln, 10. bis 31. Mai, Eröffnung am 10. Mai ab 19 Uhr

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