Michaela Meliáns "Memory Loops" in München

Playlist der Vergangenheit

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Ein hartnäckiger Grauschleier liegt über der Stadt: München tut sich schwer im Umgang mit der NS-Vergangenheit. Und so war denn auch die Spannung groß, als es darum ging, in der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ ein neues Denkmal für die Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu schaffen. „Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“ lautete der von der bayerischen Landeshauptstadt ausgeschriebene Wettbewerb, den die Künstlerin Michaela Melián 2008 gewann.

Das Problem: Es sollte keinen konkreten Ort für das Denkmal geben. Wollte die Stadt die Erinnerung an den Nationalsozialismus im öffentlichen Raum unsichtbar machen? Viele der zum Wettbewerb eingeladenen Künstler kritisierten massiv diesen politisch inszenierten Versuch der Enträumlichung des offiziellen Gedächtnisses. Auch Melián. Doch dann machte sie genau dieses Phänomen zu ihrem Thema. „Wenn die Stadt keinen konkreten Ort will, dann kriegt sie auch keinen“, lautete ihre lapidare, kämpferische Antwort. Unter dieser Prämisse entstanden die „Memory loops“, Erinnerungsschleifen über der Stadt.

Insgesamt 24 Stunden lang ist das Audioprojekt der Münchner Künstlerin, das nun gestartet ist. Neben einer mehrteiligen Hörspielreihe bilden 300 herunterladbare Tonspuren auf einer Internetplattform das Herz des neuen Denkmals. Im Gang durch die Stadt kann der Gedenkende konkrete Geschichten zu den besuchten Orten hören. Meliáns Konzeptkunst kartografiert klug ein vielstimmiges Nebeneinander von Opfern, Tätern und Zuschauern, das die Verfolgung ganz verschiedener Opfergruppen während der NS-Zeit in München thematisiert.

Ort und Erinnerung: Der topografische Ansatz im Meliánschen Sinn strebt nicht nach Deutungshoheit. Als Historikerin wäre sie sicher aus der Zunft ausgeschlossen worden: Durch den Verzicht auf die Benennung der Position des jeweils Sprechenden entzieht sie den Memory Loops die für die Wissenschaft so elementare Möglichkeit der Überprüfung. Michaela Melián greift selbstbewusst in den Opferdiskurs ein. Sie hinterfragt Geschichtsbilder.

Geschichte ist nicht vorgegeben, sondern wird konstruiert. Das haben zwar selbst Fachhistoriker inzwischen begriffen – als Grundlage ihrer Arbeit dient diese Erkenntnis jedoch nur selten. Melián geht es nicht um ein „Wie es gewesen ist“. Sie denkt von der Gegenwart her. Und mit aller Macht sträubt sie sich gegen die dominierenden Gewissheiten der Machtfabrik der Experten, die sich gerade auch in Museen tummeln.

Die Ausweitung des Sagbaren der Memory Loops zielt nicht auf das korrekt inszenierte Faktum, die Erinnerungsschleifen spielen mit ihm. Jeder Hörer oder Nutzer muss sich im World Wide Web seine eigene History-Playlist zusammenstellen. Das neue Denkmal wirkt nicht geschichtsbildend, sondern produziert kombinationssicher eine neue Möglichkeitsform von Vergangenheit.

Damit haben die Memory Loops letztlich doch einen konkreten Ort gefunden: Michaela Melián schickt die Hörer auf eine Reise. Dahin, wo es am meisten wehtut: ins eigene Ich zurück nach vorn.

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