Hochschulreport 2006

Kunstakademie München

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Die Renovierte: Vom Versuch, den Ruch des Ästhetizistischen loszuwerden

Wieder einmal rüttelt man vergeblich an vielen verschlossenen Ateliertüren. Aufgewirbelter Baustaub, Zementsäcke in den Gängen, frisch getünchte Wände, das gehört mittlerweile schon zum Markenzeichen der Münchner Akademie der Bildenden Künste. 2008 feiert die Institution ihr zweihundertjähriges Jubiläum. Bis dahin soll der kolossale Altbau frisch herausgeputzt sein. Die langwierigen Renovierungsarbeiten und verschärften TÜV-Auflagen zerren an den Nerven der Studenten. Kein Wunder, daß einige Klassen dem ewigen Baustellendasein nur mehr entfliehen wollen. Stephan Huber absentiert sich zur Jahresausstellung ins Dombergmuseum nach Freising, wo seine Leute das künstlerische Eremitendasein ausloten. Olaf Metzel, unter dessen Patronage nach wie vor die souveränsten Künstler hervorgehen, ist in den unterirdischen Ausstellungsraum ZKMax am Altstadtring abgezogen. Aus Platzmangel wurde der Auftritt zu einer viergliedrigen Multimedia-Installation komprimiert. Förmlich umgarnt fühlt man sich dort von Aigerim Weimers Diashow „Ciao Amore“. Sie hat ein fluktuierendes Album der großen und kleinen Abschiede zusammengestellt. Die quasi aus dem echten Leben herausgeschnittenen Freundschaftsaufnahmen sind so elegisch gestimmt wie die versponnenen Tuschefiguren der Kasachin.

Wenig solitäre Haltungen schälen sich bei dem Rundgang heraus. Dafür fallen wie in den vergangenen Jahren die kollektiven
Rauminszenierungen ins Auge: Über ein ausgeklügeltes Wellpappesystem aus krakenähnlichen, innen mit Alufolie verkleideten Schächten leitet die Schmuckklasse Otto Künzli gedimmtes Tageslicht spotartig auf die wie in einer Schatzkammer präsentierten Stücke. Mondscheinfahle Bestrahlung schmeichelt auch konzeptuellem Schmuck. Die Klasse Dillemuth wiederum ist geschlossen dem Münchner Bohemienleben auf der Spur. Zugleich wird über die esoterischen Anwandlungen in der neoromantischen Malerei gelästert. Eine dekonstruktivistische Rampe führt in einen düster bemalten Salon, in dem allerlei schlampige Anspielungen zum George- Kreis zu finden sind. Bloß kein Formalismus! Mit aller Gewalt versucht man an der Akademie, den Münchner Ruch des Ästhetizistischen loszuwerden.

Überlebensgroß postiert sich ein Antiheld in Schaumstoff im Lichthof des neuen, von Coop-Himmelb(l)au stammenden Erweiterungbaus der Akademie. Mit einem gemeinhin für Gyrosfleisch gebräuchlichen elektrischen Messer schnitt Ulla Reiter die Figur aus gelben Sportmatten. Und nun starrt uns der vom Vorbild des „Warhammer“ zum Weichtier verwandelte „space marine liberator“ mit leeren Augenhöhlen an: ein Weltraumritter der traurigen und fast liebenswerten Art. Nach wie vor scheint das Bildhauerische eine Domäne der Münchner Akademie zu sein. Die eine oder andere Malerklasse kann einen in ihrem eklektizistischen Herumgestocher hingegen das Fürchten lehren. Markus Oehlen, rühmliche Ausnahme unter den Malerprofessoren, hat seine Studenten zu Wandgemälden angespornt. So projiziert die Japanerin Motoko Dobashi in lichtem Blau ihre Science-fiction- Vision einer Akademie zeichnerisch an die Wand. Es handelt sich um eine Art Höhlenbau mit galaktischem Umfeld: Stufen führen aus der gruftigen Versenkung in ein Wolkenkuckucksheim. Ein imaginärer Zufluchtsort für die an der Münchner Akademie gegenwärtig unter allzu bürokratischen Reglements leidende Kunst.

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