Ludwig Forum für Internationale Kunst

Na dann, guten Rutsch!

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Es ist Pawel Althamers künstlerisches Lieblingsspiel, gleich zu Anfang mit dem Publikum zu scherzen. Eine Ausstellung ohne Katalog, Unterschriften und erläuternde Dokumentation? Die mitten ins Leben führt, vorbei am echten Setting eines Kindergartens, wo die Hauptakteure täglich auf ihren Einsatz warten? Schade nur, dass das Kopfschütteln bereits Teil des Konzepts ist. Weitere Aktionisten dürften sich schnell dazu gesellen. Bald wird jedes Aachener Kind behaupten können, Teil eines Kunstwerks zu sein.

Es ist ganz einfach, gelingt aber nicht ohne Körpereinsatz. Man geht in die St. Elisabeth Kirche schräg gegenüber dem Ludwig Forum, grüßt unter den gotischen Spitzbögen die Skulptur eines Ritters mit Goldhelm, klettert die sechs Meter hohe Predigerkanzel hoch und purzelt die goldene Rutsche runter in den Mittelgang Richtung Altar. Wer es seriell mag, wiederholt den Vorgang, bis der Arzt kommt, oder besser der Pfarrer, Bruder Lukas, der die nicht gerade respektvolle Installation des polnischen Bildhauers, Performers und eigenwilligen Pädagogen ermöglicht hat.

Anlass für die Kanzelrutschpartie jenseits üblicher Museumsmauern ist der alle zwei Jahre verliehene und mit 10.000 Euro dotierte Aachener Kunstpreis, mit dem der 1967 geborene Warschauer gerade ausgezeichnet worden ist. Mit dem Preis reiht sich Althamer unter Künstler wie Luciano Fabro (1983), Richard Long (1988), On Kawara (1992), Katharina Fritsch (1996), Michael Asher (2000), Tacita Dean (2002), Andreas Slominski (2004), Roman Signer (2006) oder im Jahr 2008 Aernout Mik ein. Es ist das zweite Mal, dass er nach Behinderten, Obdachlosen und Gefängnisinsassen auch junge Akteure in seine Interventionen integriert.

In der Kunsthalle Fridericianum in Kassel hatte er 2009 über tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche einer so exaltierten wie kreativen Kinderhorde überlassen und die Besatzungszeit als inoffizieller Impresario begleitet. In Aachen gelingt ihm ein doppelter Coup. Die katholische Kirche in Polen hatte ihm bisher das Arbeiten in geweihten Hallen verboten. Am Rhein sieht man sein Treiben wohl weniger blasphemisch und erinnert sich ganz nebenbei gerne an die eigene über Jahrhunderte dominante Position als Auftraggeber und Mäzen.

Bei so viel Kunstexpansion, Institutionskritik und weihnachtlicher Anarchie wundert es kaum, dass Althamer den sakralen Kindergeburtstag in die Länge zog. Während im Ludwig Forum ein Film mit dem Titel „Der goldene Reiter“ gezeigt wird, in dem er höchst persönlich durch Wien, wo er eine Professur inne hat, in Ritterrüstung flaniert und mit Passanten tanzt, ließ sich der Meister nebenan noch eine Woche lang von den jüngsten Besuchern seiner Schau in Beschlag nehmen, um mit ihnen gemeinsam die sternförmige Kuppel zu bemalen.

Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, bis 20. Februar 2011

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