Projektleiter Amit Sood über das Google Art Project

"Wir wollen emotionale Erfahrungen ermöglichen"

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Seit zwei Jahren nimmt das Google Art Project Nutzer auf virtuelle Kunstreisen mit, zum Beispiel mitten in Van Goghs „Sonnenblumen“. Museen in über 40 Ländern lassen sich per Street-View durchstöbern und Werke im Zoom aus der größten Nähe betrachten. Der Projektleiter Amit Sood zieht Bilanz und blickt in die Zukunft dieser stetig wachsenden Unternehmung

Herr Sood, welches Gemälde haben Sie sich als letztes auf der Projektseite angeschaut?
Ich habe mir gestern „Helga Matura“ von Gerhard Richter angeschaut, weil Jon Rafman, ein kanadischer Künstler, dieses Bild in einer seiner Arbeiten aufnimmt. Ich fand es wunderschön zu sehen, wie sich ein Künstler von einem anderen inspirieren lässt.

Das ist ein neues Feature des Google Art Projects, zwei Kunstwerke können nebeneinander betrachtet werden.
Man kann Street-Art neben Werke von Paul Cezanne stellen und Ähnlichkeiten entdecken. Viele Fachleute haben sich das gewünscht, jetzt gehört es zu den beliebtesten Features.

Inwiefern ermöglicht der Umgang mit digitalen Medien einen neuen Blick auf alte Kunstwerke?
Wir wollen eine Verbindung zwischen der Kunst und den Nutzern herstellen und die Menschen begeistern. In dem Rahmen, wie man vor einem Computer eben begeistert sein kann. Die physische Erfahrung, vor einem Kunstobjekt zu stehen, können wir nicht ersetzten. Wir setzen Technologie ein, wie den Zoom oder 3D-Modelle, um emotionale Erfahrungen zu ermöglichen. Gleichzeitig richtet sich das Angebot an Fachleute genauso wie an Studenten oder Kunstneulinge.

Kann es sein, dass manche Museen online bald mehr Besucher haben als in der Realität?
Für manche Museen, die schwer erreichbar sind und nicht zu den zehn berühmtesten der Welt gehören, kann dies der Fall sein. Egal ob es ein großes oder kleines Haus ist – online sind alle gleichgestellt. Letzten Monat hat „The Art Newspaper“ eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass 2012 Museen auf der ganzen Welt Besucherrekorde verzeichnet haben. Das ist schön zu hören, da es im letzten Jahr auch auf Museumswebseiten viel Bewegung gab. Ich denke nicht, dass die Besucher ein Museum entweder online oder in Realität besuchen, sondern dass sich einfach immer mehr Menschen für Kunst interessieren.

Was hat sich technisch in den letzten zwei Jahren verändert?
Neben der Qualität des Zooms hat sich die Innenansicht der Institutionen verbessert. Außerdem haben wir an den sozialen Elementen gearbeitet. Seit kurzem finden sogenannte „Art Talks“ statt, zum Beispiel mit Vertretern des Metropolitan Museum of Art in New York oder der Nationalgalerie in Berlin. Die Kuratoren beschäftigen sich jetzt mit dem Online-Publikum, und viele Leute verfolgen diese Gespräche online.

Aus Betrachtern werden Nutzer?
Es entwickelt sich ein Publikum, mit dem der Kurator bislang noch nicht zu tun hatte. Die Möglichkeit, Kunst und soziale Medien zu verbinden und damit Menschen anzuziehen, ist fantastisch.

Der Kunsthistoriker James Elkins beschreibt in einem Artikel, dass der extreme Zoom, wie er bei einigen Werken verwendet werden kann, auch ein Problem darstellt. Dinge werden sichtbar, die der Künstler vielleicht gar nicht so genau zeigen wollte.
Ich habe den Artikel gelesen – das ist eine interessante Überlegung. Man könnte aber auch sagen, dass der Künstler nicht gewollt hätte, dass das Gemälde in einem Lager verstaubt. Niemand weiß, was der Künstler wirklich wollte. Ich denke, es geht darum, die Kunst sensibel zu behandeln, zu respektieren und nicht zu missbrauchen. Die extrem hohe Auflösung eignet sich für manche Kunstwerke, für andere nicht.

Für welche eignet sie sich besonders?
Das entscheiden nicht wir. Viele denken, dass wir die Kunstwerke auswählen, das tun aber nach wie vor die Museen. Sie entscheiden auch, welche Räume gezeigt werden. Google übernimmt hier keine kuratorische Rolle.

Und was hat Google davon? Das Projekt wirft keinen Gewinn ab.
Das Art Project unterstützt die umfassende Mission von Google, die Informationen auf der Welt zu organisieren und zugänglich zu machen. Der kulturelle Sektor verfügt über eine Fülle an wichtigem Material. Wenn Sie das mit Technologie verbinden, können für den Nutzer spannende Dinge geschehen. Das ist gut für unsere Marke und hilft den Nutzern bei der Suche nach Kunst-Themen.

Die Schweiz ist nur mit dem Olympischen Museum vertreten, auch Deutschland zeigt erst 19 Sammlungen. Warum sind manche Institutionen so vorsichtig?
In der ersten Version des Google Art Project haben wir 17 Museen aus neun Ländern gezeigt. Der Großteil davon waren europäische und amerikanische Institutionen. Wir sind oft gefragt worden, warum wir nicht mehr asiatische oder islamische Kunst zeigen ...

... im Moment ist Japan mit neun Museen vertreten ...

Genau. Wir haben vor einem Jahr entschieden, uns nicht nur auf einige Länder zu konzentrieren, sondern wir wollten eine Plattform schaffen und uns geografisch ausweiten. Wir haben ein Formular auf unserer Webseite eingerichtet, wo sich viele neue Institutionen selber registrieren können. Viele nehmen das in Anspruch. In Deutschland haben wir viel Unterstützung bekommen und wir hätten gerne noch mehr Museen dabei. In der Schweiz ist das Problem ein anderes, da geht es um Copyrights. Aber halten Sie die Augen offen, in den nächsten Monaten werden sicher ein paar Schweizer Museen hinzukommen!

Sie zeigen auch Street-Art aus São Paulo – inwiefern versteht sich das Projekt als Kulturarchiv?
Wir verstehen uns eher als eine Technologie-Plattform, die jede nicht-kommerzielle Institution benutzen kann. Wir entscheiden auch nicht darüber, was Kunst ist und was nicht, wir halten uns da an den Konsens. Und Street-Art hat sich als Kunstform etabliert. Uns geht es um Diversität. Im Moment sind 30 verschiedene Medien vertreten, zum Beispiel Öl auf Leinwand, Terrakotta, Acryl, Fotografien, Lithografien und viele mehr. Vielleicht siehst du dir auf der Webseite Street-Art an und landest bei Rembrandt. Aber es geht auch anders herum. Ich habe einen Freund, der klassische Kunst liebt und hier Street-Art entdeckt hat. Diese Verbindungen machen für mich das Projekt aus, du weißt nie, wo es dich hinbringt.

Was passiert als nächstes?
In den nächsten Jahren wollen wir, dass noch mehr Menschen Kunst betrachten können, ohne reisen zu müssen. Außerdem wollen wir mit dem Inhalt noch mehr Geschichten erzählen. Aber vor allem möchten wir den kulturellen Sektor unterstützen, sonst würde das Projekt seinen Zweck nicht erfüllen. Wir wollen den Museen helfen, sich online zu präsentieren. Ein Museum sollte sein Geld in Bildung und kuratorische Programme investieren, nicht in Informationstechnologie.

www.googleartproject.com

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