TV-Tipp: "Durch die Nacht mit ... Chris Dercon und Matthias Lilienthal"

Geht weg mit eurem Geld!

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"Berlin ist das ultimative Bild für die creative industries", hatte der Museumsmann Chris Dercon einmal gesagt - und vor einem Kreativghetto gewarnt, in dem alle jederzeit verfügbar sind. Aber immerhin sind die Kreativen überhaupt noch da! In einer neuen Folge der Arte-Serie "Durch die Nacht mit ..." ist der Belgier in London unterwegs und schaut gemeinsam mit dem Theatermacher Matthias Lilienthal, der das Berliner Hebbel am Ufer leitete und der 2015 an die Münchener Kammerspiele geht, von der Terrasse der Tate Modern auf die City, wo die Banken sitzen: "Die normalen Leute, die 99 Prozent, werden aus der Stadt getrieben. Die ganze Stadt wird wie Dubai. Es gibt keinen Platz mehr." Und dann ruft er hinunter Richtung Themse: "Geht weg mit eurem Geld!"

Den ehemaligen Chef vom Haus der Kunst in München hat es nach London verschlagen, wo er heute die Tate Modern leitet. London ist anders als Berlin, London ist anders auch als München: Was macht das Geld mit der Kunst? Will man mit dem einen Prozent leben? Einen Abend lang schauen sich Dercon und Lilienthal in der britischen Metropole um. Von der Achse Berlin-München-London wird häufiger die Rede sein. "Sieben Millionen Besucher im Jahr - das ist unser Problem", sagt Dercon, als er seinem Gast die Pläne für den avancierten Tate-Anbau von Herzog de Meuron präsentiert. "Solche Probleme will man mal haben", antwortet Lilienthal. Das ist die andere Seite einer Stadt mit viel Geld: Das Museum wird zur Zuflucht, die sich die Stadt auch etwas kosten lässt. Larmoyant sei Dercon, sagt Lilienthal im Laufe des Sendung.

Sie sind unterschiedliche Charaktere: Dercon, feinsinniger Bildungsadel, hat in Vorbereitung auf den Abend alle möglichen Unterlagen von seinem Partner angefordert, Lilienthal, eher der fröhliche Berserker (oder "Edelpenner", wie Dercon irgendwann kontert), stürzt sich einfach hinein in das Londoner Abenteuer und hat als Ausweis seiner wilden Intellektualität ein kinderhaft, stümperhaft eingepacktes Geschenk für Dercon dabei. Das letzte Mal hat man sich bei der Berlin Biennale 2012 getroffen - man hat sich viel zu erzählen. Und der Zuschauer hat das Gefühl - wie oft bei dieser Serie -, dass die Protagonisten die Kamera einfach vergessen.

Beim Rundgang in der Tate treffen der Museums- und der Theatermann den isländischen Performance-Künstler Ragnar Kjartansson und - wie kann es anders sein - sprechen über die Beziehung zwischen darstellender und bildender Kunst. Weiter geht's zum deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans und nach "Little Beirut", wo Libanon-Kenner Lilienthal sich wohlfühlt. Schließlich besuchen die beiden den Theaterautor Tim Etchells. Und als Geist und wiederkehrendes Gesprächsthema ist Christoph Schlingensief immer bei den beiden. Wenn das mal keine gute Runde ist!

"Durch die Nacht mit ... Chris Dercon und Matthias Lilienthal", Erstausstrahlung auf Arte in der Nacht auf Sonntag, den 5. Januar, um 0.35 Uhr. Die Sendung ist auch online in der Mediathek abrufbar.











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