Modelabel Kitschy Couture

"Alles, was ein bisschen zu viel ist"

Mit ihrem Label Kitschy Couture verbindet die Pforzheimer Designerin Abarna Kugathasan tamilische Traditionen mit Kitsch und Fragen von Migration. Ein Gespräch über transkulturelle Identität, Mode als Freiheitsraum – und Buttercremetorte

Frau Kugathasan, muss Mode politisch sein?

Für mich bedeutet Mode zuerst einmal Freiheit. Sie kann ein starkes Werkzeug sein, um Grenzen aufzubrechen und neue Regeln zu schreiben. Ich finde es unglaublich spannend, Mode als Medium zu nutzen, um politisch zu arbeiten. Ich finde nicht, dass Mode politisch sein muss. Aber sie kann es sein. Für mich ist Mode auch eine Sprache. Sie erlaubt mir zu zeigen, wie ich Kultur für mich definiere und wie ich sie feiern will. 

Wie beginnt bei Ihnen eine Kollektion?

Meistens mit einer Geschichte. Und diese Geschichte beginnt oft mit einem Gefühl. Die letzte Kollektion war zum Beispiel eine Reaktion darauf, wie in Politik und Medien über Migration gesprochen wird. Da war viel Wut, aber auch Lähmung. Ich wollte deshalb die Geschichte erzählen, wie ich als Teenager in Deutschland aufgewachsen bin – dieses Hin- und Hergerissensein zwischen verschiedenen kulturellen Regeln. Aus diesem Gefühl entsteht dann der Rahmen für eine Kollektion.

Wie wichtig ist Ihnen dabei eine klare Haltung?

Sehr wichtig. Bei unserer letzten Show eröffnete ein Look mit einem Shirt, auf dem das Wort "Immigrant" wie ein Stempel aufgedruckt war. Dieses Statement wollten wir bewusst setzen. Als junges Label hat man manchmal Angst, etwas Falsches zu sagen. Aber wir wollen damit kompromisslos sein. Ich bin unglaublich stolz auf meinen Migrationshintergrund. Meine Eltern haben eine enorme Geschichte hinter sich: Sie sind in ein neues Land gekommen, ohne die Sprache zu sprechen, und haben sich hier ein Leben aufgebaut. Viele unserer Models teilen ähnliche Geschichten. Backstage erzählen sie sich ihre Erfahrungen, und es entsteht ein Safe Space. Unsere Shows sind deshalb oft sehr emotional. Wenn Menschen danach zu uns kommen und sagen, sie fühlen sich durch unsere Arbeit gesehen, ist das das größte Kompliment.

Glitzernder Street-Style mit dem Print "Immigrant", 2026
Foto: Boris Marberg für BFW, courtesy Kitschy Couture

Glitzernder Street-Style mit dem Print "Immigrant", 2026

Welche Rolle spielt Handwerk in Ihrer Arbeit?

Eine zentrale. Meine Mutter ist meine größte Inspiration: Sie ist Schneiderin für traditionelle tamilische Kleidung, insbesondere Saris. Dieses Handwerk hat sie aus ihrer Heimat mitgebracht. Die asymmetrischen Formen dieser Kleidung haben die Marke stark geprägt. Heute versuchen wir, dieses traditionelle Handwerk neu zu interpretieren. Einerseits bleiben wir nah an den Techniken, die ich von meiner Mutter kenne. Andererseits übersetzen wir sie in eine zeitgenössische Form. In unserer letzten Kollektion haben wir zum Beispiel Vintage-Saris aus den 1990er- und 2000er-Jahren verwendet und neu verarbeitet. Daraus entstanden tragbare Stücke, die wir mit Denim kombiniert haben. So entsteht ein Culture Clash zwischen westlichen und tamilischen Elementen. Zudem ist uns wichtig, dass die Stücke in Pforzheim gefertigt werden.

Warum gerade Kitsch?

In der westlichen Kultur gilt Kitsch oft als etwas Negatives. Als Tamilin empfinde ich das ganz anders. Gerade bei Feiern wie Geburtstagen oder Hochzeiten entstehen Räume, in denen Kultur noch einmal sehr bewusst zelebriert wird. Meine Mama hat mir zum Beispiel, als ich ein Jahr alt war, ein superkitschiges Kleid genäht. Und dazu gab es eine Buttercreme-Barbie-Torte. Genau solche Kindheitserinnerungen greifen wir bei Kitschy auf. Alles, was ein bisschen zu viel ist, finde ich wunderschön. Mich hat es gereizt, dieses Wort mit Couture zu verbinden – also mit Handwerk und Schneiderei. Viele unserer Stücke sind Einzelstücke, die Anfertigung ist aufwändig. Gleichzeitig spielen wir bewusst mit dieser Übertreibung und sagen: Wir sind stolz darauf, dass wir so viel sind. Darauf, laut zu sein.

Schon zu Kindheitstagen war die Designerin perfekt gestilt - passend zur Torte
Courtesy Kitschy Couture

Schon zu Kindheitstagen war die Designerin perfekt gestilt - passend zur Torte

Maximalismus scheint wieder zurückzukehren. Spüren Sie diesen Wandel?

Total! Ich habe das Gefühl, dass Menschen das sehr wertschätzen. Wenn sie in unseren Space kommen und alles ist bunt, entsteht sofort eine andere Stimmung. Es ist wie eine andere Welt, in die man eintaucht. Viele Menschen reagieren darauf mit großer Freude.

Soll Kitschy Couture genau dieses Gefühl verkörpern?

Ja, absolut. Als ich jünger war, hatte ich oft das Gefühl, nicht tamilisch genug zu sein, um wirklich tamilisch zu sein – aber auch nicht deutsch genug, um deutsch zu sein. Irgendwann fragt man sich dann: Wo ist eigentlich meine Heimat? Was ist meine kulturelle Identität? Kitschy Couture ist eine Fusion meiner beiden kulturellen Welten – ein Raum, in dem man Kultur frei und ohne Regeln entdecken kann. Ein Universum, in dem man seine Identität feiern kann, ohne sich an stereotype Vorstellungen oder gesellschaftliche Grenzen halten zu müssen. Für mich ist das eine Brücke zwischen beiden Welten.

Was würden Sie jungen Designerinnen und Designern mit Migrationsgeschichte raten?

Habt den Mut, eure eigene Geschichte zu erzählen, auch wenn das beängstigend sein kann. Gerade wenn man in seinem Umfeld noch nie gesehen hat, dass jemand so offen über Migration oder Identität spricht. Solange man dem eigenen Bauchgefühl folgt und authentisch bleibt, ist das der richtige Weg. Genau das habe ich auch gemacht. Ich habe mich damals entschieden, mein sehr persönliches Abschlussprojekt im Rahmen meines Modestudiums über meine Familie und meine Identität nicht in ein klassisches Bewerbungsportfolio zu stecken, sondern mich selbstständig zu machen – obwohl ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Heute weiß ich: Es hat sich gelohnt.