Abbas Zahedi auf der Manifesta 16

Kollektiv Europa betrauern

Abbas Zahedi baut für die Manifesta 16 in der Kulturkirche Liebfrauen in Duisburg eine Orgel aus zerstörten Instrumenten und kreiert einen Ort für die Gemeinschaft

Der britisch-iranische Künstler Abbas Zahedi, 1984 in London geboren, baut zusammen mit einem deutschen Ingenieur eine Orgel in die Kulturkirche Liebfrauen in Duisburg. "Es ist schon deshalb ein außergewöhnliches Modell, weil es Orgelpfeifen unterschiedlichen Ursprungs aufnehmen kann", sagt Zahedi. Die Pfeifen sind sozusagen verwaist, sie stammen aus zerstörten Instrumenten, nicht wenige aus der Ukraine. Auf Englisch muss man die Ohren spitzen: "orphan pipes" oder "organ pipes"? Meint er wirklich Waisenpfeifen oder doch Orgelpfeifen? Zahedi schmunzelt: "Richtig gehört, ich brauche beide Begriffe." Man muss jetzt wissen, dass Zahedi schon als Kind Vollwaise wurde und seine Kunst oft vom Trauern handelt.

"Mir geht es aber nicht darum, meine persönlichen Traumata oder künstlerischen Eingebungen für besonders zu halten", betont Zahedi, der seine Kunst "dissoziativer Realismus" nennt. Klingt komplizierter, als es ist. Die Dissoziation ist der psychologische Vorgang vieler posttraumatischer Patienten, sich von der Umwelt auszuklinken, um Ängste auszublenden. "Ich werde diese Dissoziationen nicht mehr los, und meine künstlerischen Eingebungen habe ich fast immer in solchen Momenten", so Zahedi.

Der Realismus kommt erst dann zu seinem Recht, wenn er die Eingebungen in einen künstlerischen Kontext setzt, der andere Leute involviert. Sei es als wiederkehrende Sessions wie in der Tate Modern – "support groups" nennt er sie, Selbsthilfegruppe –, sei es als Gemeinschaftsraum wie in Duisburg, wo das Publikum zentral in der Mitte sitzt und die Orgel nicht frontal wie üblich aufgebaut wird, sondern um die Leute herum.

"Eine besondere Beziehung zu Drinks"

Doch um welchen Schmerz geht es? "Wir haben verlernt, als Gemeinschaft zu trauern, viele empfinden sogar Scham, über einen Verlust nicht gleich hinwegzukommen. Der Verlust vieler Kirchen ist so ein Fall, der für die europäische Identität noch ungeklärt ist." Zahedi freut sich, dass seine Arbeit nicht in einer Galerie, einem Museum oder in einem Krankenhaus stattfindet (wo der ehemalige Mediziner immer wieder seine "relational art" inszeniert hat, in der die Beziehungen der Menschen und Diskurse wichtiger sind als der Künstler im Zentrum). Zahedis im Grunde immer spirituelle Kunst kommt im Schauplatz Kirche in einem einst dafür vorgesehenen Raum an.

Aber was heißt schon einst? "Oft wurden Kirchen auf dem Grund von vormodernen Kultstätten gebaut, und die kultische Rundarchitektur unserer Orgel weist darauf hin, denken Sie etwa an Stonehenge." Zu einem Ritual, egal ob religiös oder nicht, gehören oft Getränke dazu.

Und tatsächlich hat Zahedi schon mehrfach spezielle Getränke gemischt für seine Arbeiten. "Ich habe mal länger in einer Brauerei gearbeitet, ich habe eine besondere Beziehung zu Drinks, das stimmt. Auch mein Interesse dafür, wie man Dinge baut, kommt von den Bier-Apparaturen." Im Ruhrgebiet, ein Pils in der Kirche, was kann schiefgehen? "Ich war bislang so beschäftigt mit der Orgel, dass ich noch gar nicht daran gedacht habe. Aber es wäre wohl eine hervorragende Idee!", antwortet Zahedi. Wer in welchem Zustand die Orgel auch tatsächlich spielt, lässt der Künstler derweil noch gänzlich offen.