Ausstellung „geteilt | ungeteilt“ in Dresden

Abschied vom Klischee

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„Die Kunst gehört dem Volk“ prangt in Großbuchstaben über dem Eingang des Dresdner Albertinums, und Massen wollen hinein: Das Foto zeigt den Besucherandrang bei der „Dritten Deutschen Kunstausstellung“ im Frühjahr 1953 – eine Schau, die den Höhepunkt staatlicher Kunstnormierung in der DDR markiert. Knapp 60 Jahre später blickt „geteilt / ungeteilt“ im selben Museum auf deutsch-deutsche Kunst von 1945 bis zur Gegenwart und nutzt dieses Bild als Einstieg. Den selbstreflexiven Start ergänzen  „Tulva II“ von K.O. Götz aus dem Jahr 1957 und Wilhelm Lachnits „Der Tod von Dresden“, das 1945 entstand. Zwei Werke, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: das eine figürlich, pathetisch in stechendem Rot, das blaue Farbspiel dagegen kühl, wenn auch expressiv.

Wer jetzt vermutet, die Ausstellung ziele darauf ab, Klischees von sozialistischem Realismus und kapitalistischer Abstraktion zu reproduzieren, liegt falsch. Es geht dem Team um Ulrich Bischoff vielmehr darum, Annäherungen aufzuzeigen und Kunst aus Ost und West miteinander in Dialog zu bringen: „Es gibt momentan großes Interesse an dieser Begegnung. Das zeigt auch die Schau ‚Der geteilte Himmel‘ in Berlin“, erklärt der Leiter der Galerie Neue Meister. Aus deren Bestand und dem der Dresdner Skulpturensammlung stammt der Großteil der Exponate. Viele von ihnen sind zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt zu sehen – endlich, muss man dazu sagen, wenn man dabei Entdeckungen macht wie „Fahnen in der Nacht“ von Hans Heinrich Palitzsch. Das faszinierende, 1947 entstandene Gemälde entzieht sich den Kategorien Figuration oder Abstraktion: Über einer nicht näher definierten Ebene mit elf Fahnenmasten erhebt sich ein schwarzer Himmel mit hellen Wolken und einer rätselhaft dunklen Sonne. Oder sucht das Auge hier vergeblich einen Sinn in Formen, die nichts mehr als Formen sein sollen?

Klar lässt sich diese Frage für westdeutsche Künstler wie Rupprecht Geiger, Ernst Wilhelm Nay oder den Franzosen Yves Klein beantworten. Aber auch im Osten gab es Anhänger der Abstraktion, etwa den Konstruktivisten Hermann Glöckner: Seine eleganten, an der Linie orientierten Grafiken, Gemälde und Skulpturen stehen dem Westen in nichts nach. Ab den 70er-Jahren finden die Arbeiten des Dresdners auch Eingang in staatliche Sammlungen der DDR wie das Albertinum – heute ist hier sein „Rechteck, einfach gefaltet, stehend“ neben Josef Albers‘ Quadraten zu sehen.

A.R. Pencks „Denkmal für das geteilte Deutschland“ von 1986 und der Siebdruck „Deutschland wird deutscher“ von Katharina Sieverding leiten in die Wendezeit über: Aus geteilt wird ungeteilt. Die Kunstproduktion der letzten zwanzig Jahre in der wiedervereinigten BRD wird durch Werke von Cornelia Schleime, Jonathan Meese und Albert Oehlen, Peter Krauskopf und Johannes Kahrs repräsentiert. Einen Dresden-Fokus setzen Arbeiten von Ralf Kerbach und seinen ehemaligen Meisterschülern Eberhard Havekost, Thomas Scheibitz, Sophia Schama sowie Markus Draper: Dessen blauer Berg in „Transport“ von 2006 zieht das Auge fast magisch an.

Es lohnt sich übrigens, die Ausstellung mehrmals zu besuchen: Der letzte Part der Schau wird im Laufe des Jahres immer wieder umgestaltet, um Neuerwerbungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigen zu können, die sonst im Depot verborgen blieben. Die Kunst gehört schließlich dem Volk.

Albertinum, Dresden, bis 27. Januar 2013

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