So schnell kann das gehen. Man denkt, man schaut sich ein paar Galerien an. Doch stattdessen liegt man gemeinsam mit einigen anderen Menschen im Kreis auf mit Kräutern gefüllten Matten, um den Kopf eine Art Kappe, die ebenfalls mit Essenzen ausgestattet wurde. Ein kolumbianischer Heiler hat einem eine stärkende Flüssigkeit in die Hände gesprüht. Und dann heißt es träumen, zu sphärischen Meditationsklängen, die der freundliche Mann gelegentlich mit Zischgeräuschen ergänzt, als würde ein geheimnisvoller Wind durch die Messehallen wehen statt nur der üblichen kalten Schwaden von den allgegenwärtigen Klimaanlagen. Wenn man blinzelt, sieht man erstaunte Emiratis vorbeischlendern und Fotos machen – gar nicht so einfach, sich der Meditation hinzugeben, so als Ausstellungsstück.
Das französisch-kolumbianische Kollektiv Nomasmetaforas hat diese kollektive Traumperformance auf die Abu Dhabi Art gebracht, eingeladen vom australischen Kurator Brook Andrew, der am entstehenden Guggenheim Abu Dhabi für indigene Kunst zuständig ist. Er hat die "Gateway"-Sonderausstellung zum Thema Migration auf der Messe kuratiert, die Künstlerinnen und Künstler aus der arabischen Welt mit internationalen Positionen kombiniert. Es geht um vergessene Sprachen und Praktiken, spirituelle indigene Malerei, aber auch um Flucht und Verlust der Heimat.
"We are all emigrants", wir sind alle Emigranten, steht auf einem schwangeren Frauentorso aus Gips, den der syrische Künstler Issam Kourbaj zusammen mit anderen Objekten auf einer Wand aus alten Kartons arrangiert hat. Kourbaj, der seit den 1990er-Jahren in Großbritannien lebt, ist auch Teil der Ausstellung, die die Messe in der Wüstenstadt Al Ain in Parks und an öffentlichen Orten organisiert hat. Er hat eine Reihe von Camera-Obscura-Kästen aufgestellt. Sie sind auf einen großen Springbrunnen gerichtet, der für das lebensspendende Wasser in der Oase steht, oder auf das historische, aus traditionellen Lehmziegeln gebaute Fort der Stadt. Schaut man in die Kästen, steht die Erinnerung auf dem Kopf, der fremde Blick ermöglicht ein archäologisches Sehen.
Geschichte wird erzählt, und so ist sie immer auch Fiktion
Kourbaj ist auch Kurator der Sektion "Beyond Emerging Artists", die junge Künstlerinnen und Künstler aus der Region in den Fokus nimmt. Die junge emiratische Künstlerin Alla Abdunabi zeigt Skulpturen aus einer Mischung von Pappmaché und Sand, die wie in der Bewegung erstarrt wirken. Und Maktoum Marwan al Maktoum – nebenbei Sohn des Premierministers der Vereinigten Arabischen Emirate, aber vor allem ein interessanter Konzeptkünstler – narrt die Besucherinnen und Besucher mit einer pseudoarchäologischen Sammlung von Kamel- und anderen Knochen, die eine obskure frühreligiöse Praktik beweisen sollen, aber vom Künstler selbst hergestellt wurden.
Geschichte wird erzählt, und so ist sie immer auch eine Fiktion – wer sollte das besser wissen als die Menschen in den Vereinigten Emiraten, wo die Hochhäuser und auch die Bevölkerung so schnell wachsen, dass schon vorgestern wie eine ferne Vergangenheit erscheint.
Anbruch neuer Zeiten für die Kunstwelt von Abu Dhabi
Investition in Kunst und Kultur ist Teil des ehrgeizigen Entwicklungsplans dieser Region. Das Museumsquartier in Abu Dhabi nimmt langsam Gestalt an, und es ist riesig. Während die Besucherinnen und Besucher bereits in den Louvre-Ableger strömen, wird am neuen Nationalmuseum gegenüber letzte Hand angelegt. Das Guggenheim Abu Dhabi wartet ein paar Hundert Meter weiter auf seine Fertigstellung, noch stehen dort die Kräne über dem spektakulären Gehry-Bau.
Und die Abu Dhabi Art wächst mit. Noch vor ein paar Jahren war sie eine kleine, eher lokale Salonmesse. Diesmal nehmen 142 Galerien teil, satte 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Es ist die letzte Ausgabe, bevor 2026 die Frieze mit einsteigt und die Messe auf ein neues Level heben wird.
Der Boom mag plötzlich erscheinen, aber er ist von langer Hand geplant, erklärt Messedirektorin Dyala Nusseibeh bei einem schnellen Kaffee im Messerestaurant. "Über zwei Dekaden ist viel Arbeit in die Museen geflossen, und in die kulturellen Ökosysteme. Gleichzeitig gab es eine massive Einwanderung von Menschen und auch Kaufkraft in die Emirate – aus vielen Gründen: wegen veränderter Steuern in Großbritannien, den Umwälzungen in den USA und anderer geopolitischer Verschiebungen. Das Land hat ein hohes Bruttosozialprodukt, der Staat investiert viel, die Finanzbranche wächst und zieht viele Hochverdiener an – das hat Effekte auf den Kunstmarkt. Und für Galerien ist es sicherer, in verschiedenen Märkten weltweit präsent zu sein, um plötzliche Veränderungen abzufedern."
Schnittstelle zu Asien und Afrika
Noch ist Pace – mit Malereien von Hank Willis Thomas und einer schicken Glasskulptur mit Ziffernblatt im Herzen von Alicja Kwade – die einzige der Mega-Galerien, die in Abu Dhabi präsent sind, dazu kommen große Namen wie Perrotin und Kamel Mennour aus Paris oder die Galleria Continua aus San Gimignano und Paris. Almine Rech aus Brüssel setzt mit einem großen Tigerbild von Tia-Thuy Nguyen gleich im Eingang den wilden Auftakt der Messe. Richard Saltoun aus New York hat mythische Frauenporträts der irakisch stämmigen Malerin Samira Abbassy dabei. Aus Deutschland ist nur die Galerie Kornfeld angereist und bespielt einen der kleinen Stände im "Emerging"-Sektor, passend zur Region unter anderem mit Malerei der im Iran geborenen, in Hamburg lebenden Simin Jalilian.
Die Messe reizt die Position Abu Dhabis als Schnittstelle zu Asien und Afrika aus, mit einem Schwerpunkt auf nigerianischen Galerien, mit Anbietern aus Hongkong, China oder Südkorea, mit einer Sondersektion zum türkischen Modernismus und vor allem natürlich mit vielen Galerien aus der Golfregion. "Der Auftritt der nigerianischen Galerien hier ist vom dortigen Kulturministerium unterstützt. Auch dort will die Regierung die Kulturindustrie fördern, es gibt da ähnliche Ziele", sagt Nusseibeh.
Ihr Publikum ist global wie die Anbieter, nicht zuletzt, weil die Bevölkerung in den Emiraten selbst ja bereits extrem international ist. Was die Sammlerschaft angeht, gibt es – neben den Herrscherfamilien, für die das Kunstsammeln Prestigesache ist – verschiedene Schichten, erklärt die Messechefin: "Es gibt die etablierten Sammler, die von Anfang an dabei waren. Aber auch eine junge Sammlerschaft mit viel Wachstumspotenzial. Die Institutionen wie das Guggenheim Abu Dhabi kaufen ebenfalls. Und dann gibt es diesen neuen Zustrom von Finanzleuten."
Licht als Kunstform
Was sich mit dem Einstieg der Frieze ändern wird, kann Nusseibeh noch nicht sagen. Sie selbst bleibt Direktorin und steht für Kontinuität. Die Herausforderung wird sein, das Niveau des doch an manchen Stellen sehr zusammengewürfelten Angebots anzugleichen, ohne die lokale Verwurzelung der Messe zu verlieren – einer Veranstaltung, die im Übrigen bei kostenlosem Eintritt von jedem und jeder besucht werden kann.
Genauso wie die Lichtkunstausstellung Manar Abu Dhabi, das abends auf einer weiten Sandfläche am Meer und anderen Locations in der Stadt und in Al Ain die Massen anzieht. Auf dem Gelände am Strand mischt sich das angereiste Kunstpublikum mit den Familien aus der Stadt, wagt sich durch von Lasern erleuchteten Kunstnebel und staunt gemeinsam über das bebende Feld aus Lichtskulpturen, die sich im Wind wiegen – die Weizenähren von Studio Drift.
Von dem Amsterdamer Duo stammen auch interaktive KI-Installationen, bei denen man mit seinem Pulsschlag Blumen wachsen lässt, und abends um 21 Uhr lässt das Studio Drohnen tanzen. Kaum weniger spektakulär ist ein großer runder See mit rot leuchtendem Salzwasser, natürlich gefärbt von Algen, der Künstlerin Shaikha Al Mazrou. Ein Anblick, der deutlich romantischer ist als die riesige Kaws-Figur, die den Mond vom Himmel geholt hat und ihn festhält wie einen Ball.
Hier muss man nichts kaufen - oder doch?
Bis Januar noch ist das vom Kulturministerium finanzierte Manar Abu Dhabi das perfekte Abendvergnügen im warmen Wüstenwinter – immersiv, technologiebegeistert, ein Ort der Gemeinschaft in einer Stadt, in der jeder immer in seinem eigenen klimatisierten Auto anreist und man sich sonst nur in Shopping-Malls begegnet.
Die Ausstellung ist populär, ohne einfältig zu sein – und zumindest muss man hier nichts kaufen. Oder doch? Die Pressemitteilung zu Manar weist höflich darauf hin, dass auf der Hauptlocation Jubail Island mehrere Siedlungen entstehen sollen, im Einklang mit der Natur, in extrem geringer Baudichte. Und wahrscheinlich zu entsprechenden Preisen.