Kunstbiennale

8 Dinge, die man in Venedig verpassen sollte

Venedig Biennale
Foto: dpa

Markt der Eitelkeiten: sehen und gesehen werden auf der Venedig Biennale

Auf der Venedig-Biennale kann man Kunst bis zur absoluten Überforderung anschauen. Also heißt es selektieren. Ein paar Orte und Phänomene, die man sich sparen sollte


Italienischer Pavillon

Ganz am Ende der Arsenale, wenn die Aufnahmefähigkeit des Publikums auf das Maß eines nassen Schwamms reduziert ist, erstreckt sich der italienische Pavillon. Er wird in diesem Jahr von Liliana Moro, Chiara Fumai und Enrico David bespielt, und gerade die Malerei und die Skulpturen des letzteren sind äußerst sehenswert. Das Problem: Kurator Milovan Farranota hatte die Idee, die Ausstellung in Form eines Labyrinthes anzulegen. Mit richtig vielen Sackgassen. Und das ist eine richtig schlechte Idee. Denn das ist das Doofe an Labyrinthen: Man läuft Meter um Meter durch enge Flure und hat am Ende nur viele weiße Wände gesehen.

Italienischer Pavillon auf der Biennale
Foto: Italo Rondinella / Courtesy of Biennale di Venezia

Nebel

Die Eingänge des zentralen und auch des französischen Pavillons sind in tiefen Nebel gehüllt. Der Berliner Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann steht davor und weist schmunzelnd darauf hin, dass er jawohl als erster diese Idee gehabt habe, als nämlich Fabian Knecht im Jahr 2014 die Neue Nationalgalerie in Berlin in Nebel tauchte. 2017 dann habe zur Documenta der Künstler Daniel Knorr weißen Rauch über dem Kasseler Fridericianum aufsteigen lassen. Gut ja, räumt Kittelmann ein, in Clubs oder im Theater kam Rauch schon noch etwas früher zum Einsatz, aber trotzdem … Ränkespiele hin oder her, das eigentlich Problem ist das Wetter: In Venedig ist es zur Eröffnungswoche in diesem Jahr unerwartet kalt – so steht das Publikum in den nervig langen Warteschlangen vor den Pavillons und kriegt auch noch eine kalte Dusche ab. Fisselig Fies.

Lara Favarettos Sprühnebel am Hauptpavillon in den Giardini
Foto: Andrea Avezzù

Lara Favarettos Sprühnebel am Hauptpavillon in den Giardini

Luxemburgischer Pavillon

Wie viele andere Menschen auch schwanken Feuilleton-Redakteure zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln. Ein der Monopol-Redaktion namentlich bekannter Kollege etwa träumt zu Biennale-Zeiten regelmäßig, er sei der nächste Biennale-Kurator oder zumindest für einen Länderpavillon verantwortlich. Der Traum endet mit dem wohligen Gefühl allgemeiner, ja globaler Begeisterung, doch je wacher der Kollege wird, desto mehr zerfällt sein Konzept und offenbart sich als Kopfgeburt. Den luxemburgischen Pavillon bespielt in diesem Jahr der Künstler Marco Godinho. Auf einer breiten Holzrampe im Arsenale liegen Dutzende seiner Notizbücher aus, die er kurzzeitig ins Meer getaucht hat. Odyssee, Mittelmeer, Migration lauten die kuratorischen Stichpunkte; die Installation selbst trägt den bahnbrechend originellen Titel "Written by Water". Ohne unserem Journalisten-Kollegen zu nahe treten zu wollen: Ziemlich genau so stellen wir uns auch seine Konzepte vor.

Luxemburgischer Pavillon
Italo Rondinella / Courtesy of Biennale di Venezia

Luxemburgischer Pavillon

Selbstdarsteller und Aggressivknipser

Es ist schon ziemlich anstrengend, wie viele Kunstwerke in diesem Jahr "Fotografier mich! Teil mich! Poste mich!" betteln. Da kann man nicht noch auf all die ganzen kalkulierten Paradiesvögel eingehen, die Fashion-Week-artig jeden Tag aufs Neue gaaaanz zufällig an den Ausstellungsorten herumstehen und auf Blitzlicht warten. Da hilft nur die scharfe Waffe der Nichtbeachtung. Genauso unangenehm wie die Fotodürstenden sind allerdings die Ganz-nah-dran-Knipser, die von einer Armlänge Abstand noch nichts gehört zu haben scheinen. Um Smartphone-Trauben also besser einen Bogen machen. So erspart man sich auch unschöne Szenen, wenn sich zwei Spontan-Performer synchron Tai-Chi-fuchtelnd auf den Boden legen und ihnen ein Dutzend Menschen aus zwei Zentimeter Abstand in die Nasenlöcher filmen.

Venedig
Foto: dpa

Die ersten Preview-Gäste sind schon in Venedig angekommen. Großer Trend dieses Jahr: Masken

Österreichischer Pavillon

Feministische Künstlerinnen aus den 70ern wiederentdecken – da sind wir doch immer dabei! Insofern erst mal: Thumbs up für Renate Bertlmann. Der Name ist super, die Fotos des Frühwerks sehen vielversprechend aus: Rollstuhlperformance, lustige Nippel aus Gummi, was will man mehr. Dann kommt man in den Pavillon. An die Wände sind alte Fotos geklebt: Rollstuhlperformance, lustige Nippel aus Gummi, nur schlechter, weil fotokopiert und vergrößert. Und dann noch ein kitschiges Feld aus roten Glasblumen. Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken ...

Renate Bertlmann im österreichischen Pavillon
Foto: Francesco Galli / Courtesy of Biennale di Venezia

Renate Bertlmann im österreichischen Pavillon

Der Venezianer und die Kunst

Wo verdammt noch mal ist dieser litauische Pavillon, von dem alle reden? Ein älterer Herr will uns hinführen. Er sei Venezianer, sagt er, hier geboren, 81 Jahre alt. Zu Hause habe er 500 Bücher über Venedig. Er redet ohne Punkt und Komma, während er uns durch das Labyrinth der Gassen führt. Auf der Kunstbiennale war er noch nie – seine Freunde seien Canaletto, Caravaggio ... Schon bei Picasso steige er aus: "Wer will denn eine Frau mit drei Brüsten?" Endlich erreichen wir die alte Halle gegenüber des Arsenale, in dem die Litauer ihre Performance haben. Das Ding ist großartig: Ein kompletter Strand wurde in diese Halle gebracht, darauf lagern Leute in Badesachen, die eine Oper singen. Eine aufwendigere Inszenierung wird man wohl nicht finden. Wir haben den Venizianer eingeladen, mit hineinzukommen – wenn er schon so lange gelaufen ist, soll er auch mal sehen, was diese komischen Fremden in seiner Stadt so machen. Er steht neben mir auf der Empore und schaut auf die singenden Leute hinunter. Und brummt missbilligend: "Das hätte ich auf meiner Terasse auch gekonnt!"

Die Venezianer und die Kunst – ein Kapitel für sich
Foto: dpa

Die Venezianer und die Kunst – ein Kapitel für sich. (Update 23. Mai: Ups, das war ein Banksy-Werk!)

Schlangen-Aggressionen

Man kann es nicht anders sagen: Das Schlangen-Management vor der Party des französischen Pavillons gleicht in etwa dem bei einer extremistischen Demonstration. Schreiende Türsteher, eine von allen Seiten drückende Menschenkette aus Security, bis vorne nur noch Minimalatmung möglich war und keiner mehr gehen konnte, auch wenn man es wollte. Das war nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich. In der Schlange vor dem französischen Pavillon gibt es wenigstens Platz zum entnervten Aufgeben. Aber auch hier spürt man eine latente Aggression, die so gar nicht zum verschrobenen Kraken-Wunderland der Laure Prouvost passt. Da das Schlangestehen mit missgünstigen Nachbarn schlecht fürs Gemüt ist und den Blick auf die Kunst verunreinigt, empfehlen wir sehr frühes oder mutig spätes Eintreffen am französischen Pavillon. Und wer das Warten auf sich nimmt – Kopfhörer auf und "Octopus's Garden" hören.


Kuratorenschwemme in Kanada

Nicht falsch verstehen: Die Videos des Inuit-Filmkollektivs Isuma im kanadischen Pavillon sind sehenswert und zeigen eine erstaunliche Verbindung zwischen mündlicher indigener Erzähltradition und dem digitalen Zeitalter. Aber warum beruft ein Kollektiv, das laut einer Wandtafel selbst schon aus Dutzenden Mitgliedern und Kollaborateuren besteht, dann auch noch fünf Kuratorinnen für einen Pavillon? Indem dann letztendlich ein einziger Hauptfilm mit ein wenig Rahmenprogramm an den Wänden zu sehen ist? So viel Kollektivität kann einem zwischenzeitlich schonmal das Hirn verstopfen – und wirkt letztlich wie eine völlige Verweigerung von Autorschaft und inhaltlicher Verantwortung.