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Porno und Kunst

Setz dich in ein Verhältnis!

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Der Filmemacher RP Kahl wird für seine direkten Darstellungen von Sex immer wieder beschimpft. Auch bei seinem neuen Werk "A Thought of Ecstasy" ist das nicht anders. Doch warum reagieren Zuschauer empört auf Nacktheit und explizite Bilder? Und was passiert, wenn Pornografie Teil eines Kunstwerks wird?

Eine Geschichte zu bebildern, kann ein brutaler Akt sein. Brutal in dem Sinne, dass bewusst Bilder geschaffen werden, die für den Zuschauer schwer zu verdauen sind. Heftige Reaktionen lassen da nicht lange auf sich warten. So wie bei dem Neuling "A Thought of Ecstasy" des Filme­machers, Schauspielers und Produzenten Rolf Peter Kahl (bekannt als RP Kahl), der vom diesen Donnerstag an deutschlandweit in ausge­wählten Kinos zu sehen ist. Im Stile eines Roadmovies erzählt der Film von Frank (RP Kahl), der sich in der Hitze Kaliforniens auf die Suche nach einer Frau macht, die vor 20 Jahren seine große Liebe war. Die Suche führt in eine Dystopie aus Sex und Liebe, Macht und Intrigen, Traum und Wirklichkeit, Leben und Tod.

Die Bilder nun, mit denen Kahl diese Geschichte erzählt, sie sind hart und direkt, mitunter porno­grafisch und gewaltvoll. Und die Resonanz: Schon die Uraufführung des Films auf dem letzt­jährigen 35. Filmfest München ging nicht geräuschlos vorüber. Als das Publikum nach dem Screening Fragen an das Filmteam stellen durfte, konnte sich ein junger Mann kaum mehr auf seinem Sitz halten und schrie in Richtung Bühne: "Das ist doch ein Porno! Warum läuft der Film auf einem seriösen Festival wie dem Filmfest München?" Eine eigen­tüm­liche Situation sei das gewesen, erzählt RP Kahl.

Aus der Ruhe bringen den 47-Jährigen solche verbalen Angriffe aber schon lange nicht mehr. "Man lernt eben, damit umzugehen", sagt er und zuckt dabei leicht die Schultern. Mit rotem Sweater sitzt er in einem Café in Berlin-Mitte und nippt an seiner Chai-Latte. Kahl hatte Zeit, sich an laute missbilligende Stimmen zu gewöhnen. Schon mit seinem Vorgängerfilm "Bedways" aus dem Jahr 2010 konfrontiert er Zuschauer mit viel echtem Sex – wenngleich stilistisch auf völlig andere Weise als bei seinem neuen Werk. Viele der Reaktionen ähneln sich jedoch. "20 oder 25 Prozent sind während der Vorstellung gegangen", erinnert sich Kahl an das Inter­nationale Filmfestival in Moskau, auf dem er mit "Bedways" zu Gast war. Zahlreiche Be­schimp­fun­gen folgten. Manchmal schwappen die Beleidigungen, vor allem wenn sie Kahl über das Web er­reichen, auch in Drohungen über.

Es sind zu viele Beispiele, die Kahl erzählt, als dass man sie als einzelne, zufällige Aus­rutscher interpretieren könnte. Da liegt die Vermutung nahe, dass es hier eine Art Systematik gibt, dass die entsetzen Menschen einem Fehlschluss aufliegen, dass sie irgendetwas nicht sehen, etwas im theoretischen Gerüst von Filmen wie "A Thought of Ecstasy" nicht verstehen. Was aber ist es? Weshalb verlieren einige Menschen bei Filmen mit solch expliziten Bildern derart die Fassung, dass sie schreiend ihre Kritik äußern, ausfallend werden und Droh­ungen aussprechen?

"Geschlechtsteile fallen in einen Tabubereich"

Zunächst könnte man meinen, dass die Haltung der Pauschalkritiker – von wegen obszön, per­vers, schmuddelig und damit ganz klar unseriös und unzumutbar – schon etwas wider­sprüch­lich daherkommt, wenn man bedenkt, dass Sexualität in vielen Formen sichtbar und all­gegen­wärtig ist. Da ist die eigene Geschlechtlichkeit, die identitäts­stif­tend ist. Da ist aber auch die Außen­welt, die sich als Sexwelt präsentiert. Ein Blick in erfolg­reiche Fern­seh­shows wie "Germany’s Next Top­model" und "Deutschland sucht den Superstar" oder auf diverse Werbekampagnen in Print, Web und TV genügt: "Dort sieht man meistens sehr stark sexu­alisierte Körper", sagt der Film­wissen­schaftler Jörg von Brincken von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Porno­grafie ist einer seiner Forschungsschwerpunkte. Das Prinzip hinter all dem: "sex sells" – es ver­­kauft sich eben.

Freilich bleibt trotz der Omnipräsenz von Sexualität ein wichtiger Unterschied bestehen: In pornografischen Dar­stellungen – ganz gleich welcher Art und mit welchem Ziel – gibt es eben nicht mehr nur sexu­alisierte Körper, sondern echten Sex. "Geschlechtsteile fallen in einen gesell­schaft­lichen, einen visuellen Tabubereich: Wir tragen im Alltag Kleider", erklärt von Brincken. Schon in der Bibel heißt es: "Und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren", woraufhin sich Adam und Eva Feigen­blätter zusammen­flechten, um damit ihre Blöße zu bedecken.

Der Porno nun, so formuliert es von Brincken weiter, "befreit diese Tabuzone, er legt sie im wahrsten Sinne des Wortes frei." Sogar noch mehr: Nicht nur nackt sind seine Akteure, sondern obendrauf noch sexuell erregt und aktiv – alles deutlich sichtbar und bewusst in Szene ge­setzt. Auf dieser Ebene ist der Wirbel um pornografische Inhalte nicht aus der Luft gegriffen. Ja, das darf als Zugeständnis an Menschen ver­standen werden, die auf erotische Bilder derart brüskiert reagieren wie es etwa bei RP Kahls Werken zum Teil der Fall ist.

Der Umgang mit Sexualiät ändert sich

Und dennoch stellten Menschen schon vor Jahrtausenden Sex in Schriften und Bildern dar. Die ältesten Funde datieren Forscher bis auf das sechste Jahrhundert v. Chr. zurück: In der Antike waren Prostituierte mit ihrem reichen Angebot an Unterhaltungserotik ein be­liebtes Mo­tiv auf Vasen und Trinkgeschirr. Zu sehen ist dort größtenteils nichts anderes als Hard­core­porn­ografie: un­verhältnismäßig große und erigierte Glieder, künstliche Phalloi im Stile mo­derner Dil­dos, Anal­verkehr und Fellatio, sexuelle Dreier­konstellationen oder gleich ganze Orgien. Der Unter­schied zu heute: Die Pornos von damals waren öffentlich zugänglich und alles andere als ver­pönt.

Das änderte sich im Laufe der Jahrhunderte. Schuld daran ist vermutlich auch der Einfluss der christlichen Sexualmoral. Als etwa Wissenschaftler im 18. Jahrhundert die untergegangene Stadt Pompeji aus­gruben und dabei pornografische Fresken fanden, brachte man diese in geheimen Museen unter – als zu obszön und deshalb für die Gesellschaft unzumutbar wurden die Dar­stellungen bewertet.

Trotzdem produzierten Filmemacher Ende des 19. Jahrhunderts die ersten erotischen Filme – illegal. Nur aus­gewählte interessierte Herren konnten sich die etwa zehnminütigen Pornofilmchen in abgedunkelten "Hinter­zimmern" ansehen. Erst in den 1970er-Jahren weichten sich die Gesetze im Zuge der sexuellen Freiheits­bewegungen auf. "In Deutschland war Pornografie bis 1975 ver­boten", sagt Jörg von Brincken. Sexfilme gab es jetzt in öffent­lichen Pornokinos zu sehen.

Der Siegeszug der VHS-Kassette in den 1980er-Jahren forderte allerdings eine Art "Rück­ent­wicklung", denn die Gesellschaft stülpte dem Pornofilm wieder vermehrt sein Tabu-Image über­: Die Filme schaut man seitdem bevorzugt in den eigenen vier Wänden an.

Diese kleine Geschichte der Pornografie macht eines deutlich: Pornografische Darstellungen galten nicht immer als obszön, schweinisch, pervers – eben als etwas, was sich für einen öffent­lichen Raum kategorisch nicht gehört. Von einer vollwertigen gesellschaftlichen Akzeptanz, über ein striktes Verbot, bis hin zur Legalisierung und einem anhaltenden Schmuddelimage – das alles ist Resultat von Konventionen, und solche verändern sich nun einmal.

Sexdarstellung als Stil­mittel

Hinzu kommt, dass Pornografie heute ein Massenphänomen ist, das "öko­nomisch erfolgreichste und welt­umspannendste Mediengenre überhaupt", weiß von Brincken. "Was im Internet größten­teils abgerufen wird, ist Pornografie." Und das alles trotz Prestigeprobleme. Zugespitzt ge­spro­chen: Wir alle konsumieren pornografische Filme. Ist die Fassungslosigkeit also scheinheilig?

Nein, das nun auch wieder nicht. Denn auch hier greift der schon ge­nannte Unter­schied: Sexuali­tät ist okay, penetrierte Geschlechts­teile jedoch sind tabu. Das gilt nun einmal heute so. Deshalb schaut man den Porno ja auch alleine vor dem heimischen Laptop, also dort, wo es niemand mit­­bekommt.

Der Knackpunkt liegt in einer anderen Unterscheidung: Es gibt Pornos auf YouPorn, Pornhub und Co. auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stehen pornografische Filme wie RP Kahls "A Thought of Ecstasy" oder etwa Gaspar Noés "Love" aus dem Jahr 2015, bei dem es den echten Sex sogar in 3D zu sehen gibt. Der Unterschied der beiden Seiten liegt in der Intention der Filme­macher: Die Porno-Plattformen im Web setzen aus­schließlich auf einen erregenden Effekt, denn der Zuschauer sieht die porno­gra­fi­schen Bilder mit dem einzigen Ziel, die eigenen sexuellen Be­dürf­nisse zu befriedigen – Ausnah­men bestätigen die Regel. Auf der anderen Seite, also bei Filmen wie "A Thought of Ecstasy", sind die erotischen Auf­nahmen künstlerische Stil­mittel mit dem Ziel, den Zuschauer zum Ref­lek­tie­­ren zu bringen. Oder wie es RP Kahl formu­liert: "Um sich die pornografischen Szenen in meinen Filmen ansehen zu können, sie auszuhalten oder zu ge­nießen, muss man sich mit ihnen in ein Verhältnis setzen."

So liefert "A Thought of Ecstasy" keine Er­zählung, die einzig den Intellekt anspricht. Das wäre bei philosophischen Ab­hand­lungen der Fall, etwa jene von Georges Bataille und Jean Baudrillard, auf die Kahl in seinem Neu­ling immer wieder Bezug nimmt. Der Film funktio­niert aber genauso wenig, wenn der Zu­schauer versucht, ihn als reines Mittel zur Erregung zu inter­pre­tie­ren. "A Thought of Ecstasy" lebt von der Verbindung beider Elemente. Für Kahl ist weniger die Information "jetzt gibt's Sex" relevant, sondern der innere, emotionale Monolog, den diese Tat­sache beim Publikum aus­löst. Das entspricht einem Angebot zur Kommunikation und Reflexion.

Konkret sieht so etwas dann folgendermaßen aus: Einmal zeigt "A Thought of Ecstasy" eine junge Frau im Bildfokus. Mit angezogenen Beinen sitzt sie in einem Sessel, bekleidet mit Top und Slip, im Hinter­grund ist ein Wohnraum zu sehen. Die Frau schiebt ihre Hand in den Slip, spielt an ihrer Vulva, führt nach und nach mehrere Finger in ihre Vagina ein; sie stöhnt. Für Kahl be­sitzt hier jeder eine Entscheidungs­gewalt: Wohin gucke ich? Zwischen die Beine der Frau, in ihr Gesicht, auf ihre bedeckten Brüste, auf die Gegenstände im Raum? Wie geht es mir mit dieser Szene? Fühle ich mich erregt oder beschämt, ist das eklig oder einfach nichtssagend? Das kommt einer Konfrontation zwischen Bild und Betrachter gleich.

Klar darf der Zuschauer die Umsetzung dieses Angebots, mit sich selbst zu kommunizieren, für ein schlechtes halten (die Szene ist stümperhaft ausgeleuchtet, ständig gibt es Anschlussfehler, oder der Darsteller hat eine bescheuerte und unpassende Frisur). Die Menschen aber, die Filme wie die von RP Kahl oder Gaspar Noé pauschal verweigern, lehnen das Angebot von vornherein ab, weil es ein Angebot ist. Das ist keine kausale Begründung – und hier liegt der Denkfehler be­graben.

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