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3 Highlights aus den Grisebach-Sommerauktionen 2022

Vom 1. bis 3. Juni finden die Sommerauktionen bei Grisebach in Berlin statt. Wir stellen hochkarätige Werke von Karin Kneffel, Gordon Matta-Clark und Markus Lüpertz vor



Karin Kneffel

„(F XXXVIII)“. 1997
Diptychon: Öl auf Leinwand. Jeweils 180 × 180 cm
Schätzpreis: EUR 150.000–200.000
Auktion Zeitgenössische Kunst am 3. Juni, 18 Uhr

 

Die Früchte des Überzeitlichen

Britta von Campenhausen

Reife Pfirsiche im hellen Licht der hochstehenden Sonne – die Malerin Karin Kneffel erschafft hier ein Bild der sinnlichen Verlockungen von Licht, Wärme, Duft und Geschmack, ein Zeichen von Leichtigkeit und Frische des Sommers. Unser Gemälde reiht sich ein in die jahrtausendealte abendländische Geschichte des Genres der Stilllebenmalerei, gepaart mit dem Bildformat der Pop Art.

Die Künstlerin isoliert die stark vergrößert in den Vordergrund tretenden Pfirsiche, die den Blick aus der Vogelperspektive auf die weite Landschaft der baumbestandenen Hügel verstellen und in den Hintergrund drängen. Der Hintergrund stellt eine fiktive italienische Landschaft dar, inspiriert von dem Jahr, das die Künstlerin 1996/97 in der Villa Massimo in Rom verbrachte. „(F XXXVIII)“ gehört zu einer der umfassenden frühen Werkgruppen der Künstlerin aus den 1990er-Jahren. Während sie damals in einer Serie kleinformatige, quadratische Tierporträts schuf und somit mit der Verkleinerung des Abbilds arbeitete, malte sie in der anderen Serie stark überdimensionierte Früchte auf großformatigen Leinwänden.

Die Malerin präsentiert Früchte, die in Farbe und Form fast perfekter sind, als es die Wirklichkeit hergibt, mit dünnen Pinselstrichen in Ölfarbe lasierend aufgetragen. Sie verleiht den Früchten eine überzeitliche Dimension und verortet sie in diesem Gemälde zugleich in einem unerklärlichen räumlichen Kontext – als wären wir Pilot:innen und die Pfirsiche würden uns wie ein fliegendes Objekt vor der Scheibe erscheinen. Die Künstlerin, der es um Wahrnehmungs- und Denkprozesse geht, erzeugt hier eine unwahrscheinliche Bildwelt, die Pfirsiche zusammengehalten von Geäst und dem Blattwerk, das die Früchte sogar in einem Umraum verortet, indem einzelne Blätter und Äste von oben herab Schatten auf diese werfen.

Kneffel studierte in den 1980er-Jahren an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Während Norbert Tadeusz ihr „Begeisterungsfähigkeit, ein Augenmerk für Farbklänge, Schattierungen, das Kolorit eines Bildes und einen tiefen Glauben an die Möglichkeiten von Malerei“ vermittelte, lernte sie als Meisterschülerin bei Gerhard Richter „über Malerei nachzudenken, die Dinge zu hinterfragen, die Beschäftigung mit theoretischen Ansätzen“, so die Künstlerin 2020 in einem Interview mit „Harper’s Bazaar“. Das künstlerische Schaffen Kneffels, das inzwischen mehrere Jahrzehnte überspannt, wurde zuletzt umfassend in der äußerst erfolgreichen Retrospektive vorgestellt, die 2019/20 in der Kunsthalle Bremen und anschließend im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen war.

Diesen Sommer wird das Werk der Künstlerin, die seit 2008 Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München ist, unter anderem in Korrespondenz mit Kunstwerken der Moderne im Franz Marc Museum in Kochel am See sowie in einer großen Einzelausstellung im Max Ernst Museum in Brühl präsentiert.
 

 



Reorganizing Structure: Ein Highlight von Gordon Matta-Clark
 

Gordon Matta-Clark
„Circle Grid Overlay“. 1977
Cut Drawing: Bleistift auf Papierstapel, geschnitten, in Acrylglasbox. 71,3 × 97,5 × 1,3 cm
Schätzpreis: EUR 200.000–250.000
Auktion Ausgewählte Werke am 2. Juni, 18 Uhr

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Markus Lüpertz
„Pierrot Lunaire – DER DANDY“. 1984
Öl auf Leinwand. 200 × 162 cm
Schätzpreis: EUR 60.000–80.000
Auktion Zeitgenössische Kunst am 3. Juni, 18 Uhr

 

Dandy im Mondlicht

Ute Diehl

Es gäbe keine Poesie mehr, hat der Maler Markus Lüpertz oft geklagt und dann selbst Gedichte geschrieben wie „Ich bin wie der regen / ich bringe euch die blumen zum blühen“ (1973).Seine Verse begleiten kontinuierlich seit den 1960er-Jahren das bildnerisches Werk. 2012 widmete er dem Dichter Friedrich Hölderlin ein drei Meter hohes Denkmal aus bemalter Bronze.

„Verschlüsselt“ wünscht sich Lüpertz die Poesie als eine Art Geheimsprache, und da war für ihn die Entdeckung des belgischen Symbolisten Albert Giraud ein Glücksfall. Dessen hochartifizielle Verse mit ihren exaltierten Metaphern inspirierten den Künstler zu einer Reihe von Gemälden, so bezieht sich „Der Dandy“ auf das gleichnamige Gedicht aus dem Zyklus „Pierrot lunaire“, den Giraud 1884 auf Französisch veröffentlichte.

Arnold Schönberg vertonte 1912 die albtraumhaften Verse in seinem atonalen Melodram „Pierre lunaire“, und durch dieses musikalische Schlüsselwerk der Moderne blieb der Pierrot lunaire bis heute lebendig. Wie ein normaler Pierrot aussieht, weiß jeder vom Karneval. Die immer weiß geschminkte, weiß gekleidete und stumme Bühnenfigur stammt aus der Commedia dell’arte, trat im französischen Straßentheater zuerst als Diener und Intrigant auf, bevor sie sich in den allbekannten traurigen Clown verwandelte, in dem Picasso eine Verkörperung des Künstlers sah. Maler wie Watteau, Rouault oder Ensor stellten den Pierrot als Narr und Leidenden dar.

Der Pierrot lunaire dagegen ist eine Erfindung der französischen Symbolisten. Sie dichteten ihm eine besondere Beziehung zum Mond an. Er wurde „lunaire“, mondsüchtig, depressiv und begeht in einem der Gedichte von Giraud sogar Selbstmord, von dem er sich allerdings wieder erholt. Der Gedichtzyklus gibt fragmentarisch Einblick in das Leben des Pierrot lunaire, der offensichtlich aus der Wirklichkeit ausgestiegen ist. Er zerfällt in mehrere Unterfiguren. Eine davon ist der Dandy.


Mit einem phantastischen Lichtstrahl
Erleuchtet der Mond die krystallnen Flacons
Auf dem schwarzen, hochheiligen Waschtisch
Des schweigenden Dandys von Bergamo.
In tönender, bronzener Schale
Lacht hell die Fontaine, metallischen Klangs.
Mit einem phantastischen Lichtstrahl
Erleuchtet der Mond die krystallnen Flacons.
Pierrot mit dem wächsernen Antlitz
Steht sinnend und denkt: wie er heute sich schminkt?
Fort schiebt er das Rot und des Orients Grün
Und bemalt sein Gesicht in erhabenem Stil
Mit einem phantastischen Mondstrahl.


Schönberg konnte sich bei der Vertonung der Verse durch die Klangsprache der Gedichte beeinflussen lassen. Dem Maler steht dieses Mittel nicht zur Verfügung. Lüpertz überlässt sich der Melancholie, die „in seiner slawischen Seele begründet sei“, und malt ein dunkles Bild, auf dem „das Rot und des Orients Grün“ am oberen Rand verschwinden und nur noch schemenhafte Formen zu erkennen sind. Ein Helm schimmert im Mondlicht und erinnert an die symbolträchtigen Motive der Stahlhelme, die der Künstler in den 1970er-Jahren gemalt hat.

Hier ist der Helm kein provokantes Motiv mehr, sondern formale Weiterverarbeitung. Er schützt den Dandy, eine Figur, mit der sich Lüpertz identifiziert, die aber schon seit Langem auf verlorenem Posten steht. So ist die Aura seines Auftretens die Kälte.