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Lauren Greenfield zeigt bei Fotografiska, was es bedeutet, online aufzuwachsen

Wie geht es einer Jugend, die online erwachsen wird? Im Fotografiska Berlin blickt Lauren Greenfield in die digitalen Welten zwischen Selbstdarstellung, Empathie und Abgrenzung

Die Jugend von heute hängt nur am Handy. Diesen Satz hört man immer wieder, und er ist inzwischen ein Politikum. Die ersten Länder haben Altersgrenzen für Social Media eingeführt, die von findigen Teenagern aber auch erfolgreich umgangen werden. Doch was bedeutet das ständige Online-Sein für junge Menschen? 

Die US-amerikanische Künstlerin Lauren Greenfield wollte wissen, was auf und neben den Bildschirmen passiert, und bekam dafür Zugang zu etwas, das normalerweise privat bleibt: den Handys von Jugendlichen. Im Fotografiska Berlin wird aus ihrer Recherche nun die immersive Ausstellung "Social Studies".

Greenfield hat visuelle Anthropologie studiert, die Arbeit mit ihren Protagonisten war also eine Art Feldstudie. Das Feld: der digitale Resonanzraum, den soziale Medien bieten. Bei den Teilnehmenden handelte es sich um 30 Teenager aus Los Angeles, die ihre Smartphones abgaben. Das Ergebnis: über 2000 Stunden ungefilterte Daten aus persönlichen Chat-Verläufen, Fotos und Posts. Greenfield verbindet dieses Material mit Porträts und Videoaufnahmen, die sie offline von den Jugendlichen gemacht hat. 

"Auf Twitter sind viele alte Männer unterwegs, die nach Pics von Füßen suchen"

Aus dieser visuellen Masse, die in etwa 150 Drehtagen entstanden ist, produzierte die Künstlerin zunächst eine fünfteilige Dokumentation mit dem Titel "Social Studies". In der Ausstellung im Fotografiska wird dieses Material zu immersiven Räumen, Fotowänden und Installationen collagiert. Sie führen zu den Jugendlichen, die der Ausstellung ihre Perspektive geben – und vor allem zu den digitalen Identitäten, die sie online von sich entwerfen. Oder die andere ihnen aufzwingen.

Die Themen reichen von Selfies, Schönheitstrends und Sexualität bis zu Mobbing, Neid und Diskriminierung. All diese Dinge erleben, teilen, gestalten, verhandeln und ertragen die jungen Menschen online, gebündelt auf dem persönlichen Screen. 

"Auf Twitter sind viele alte Männer unterwegs, die nach Pics von Füßen suchen", erzählt eine Protagonistin. Eine andere sagt: "Ich bin eine dicke Person of Color. Das macht mich zu einem leichten Ziel für Cybermobber". Die Ausstellung nähert sich heutigen Lebenswelten auf eine rohe, ungeschönte, aber auch empathische Art. Die Themen, die das Erwachsenwerden prägen, bekommen im digitalen Raum eine veränderte Wirkkraft, werden nicht nur teilbar, sondern auch öffentlich. 

Eine geladene Waffe

In der Unmittelbarkeit liegt vielleicht die größte Stärke von Lauren Greenfields "Social Studies": Die sozialen Medien erscheinen weder als reine Bedrohung noch als harmlose Spielerei. Sie sind ein Ort, an dem Jugendliche sich ausprobieren, Freundschaften pflegen, Begehren entdecken und Zugehörigkeit suchen – und gleichzeitig mit Druck, Ausgrenzung und öffentlicher Bewertung umgehen müssen. Ein Protagonist bringt dieses Spannungsverhältnis auf eine einfache Formel: Soziale Medien seien "unser Rettungsanker, aber auch eine geladene Waffe".

Greenfield erlangte für ihre Arbeit im übertragenen Sinne Zugang zu digitalen Mikroarchiven: Welten, die selbst die meisten Eltern nie zu Gesicht bekommen. Doch sie will diese privaten Kosmen nicht bloß ausstellen. Gemeinsam mit dem Education Innovation Lab und dem Adenauer Campus haben Workshops stattgefunden, deren Ergebnisse in pädagogisches Lehrmaterial für einen gesunden Umgang mit sozialen Medien einfließen sollen. Zur Ausstellungseröffnung wird auf der Plattform Digital Sparks eine kostenlose digitale Lernreise zu Social Media veröffentlicht, die auf den Workshops basiert. Zusätzlich wird es mit dem Berliner Senat eine Fachtagung für Lehrkräfte geben, bei der die Lernreise vorgestellt wird. Das Rahmenprogramm wird von der Aufklärungsplattform FAQ YOU als Health Impact Partner unterstützt. 

Dass Greenfield sich mit Jugendlichen beschäftigt, passt zu ihrer bisherigen Arbeit. Seit drei Jahrzehnten dokumentiert sie US-amerikanisches Aufwachsen und die zugehörigen Kulturen. In Arbeiten wie "Fast Forward" (1997) oder "Girl Culture" (2002) untersuchte sie bereits Konsumzwang, Gruppendruck und Schönheitsideale, lange bevor das Smartphone zum ständigen Begleiter wurde. Die Themen sind also nicht neu. Sie haben nur einen zusätzlichen Ort gefunden.

Eröffnungsparty ganz analog

Was früher im Freundeskreis, vor dem Spiegel oder auf Partys verhandelt wurde, findet heute zu einem großen Teil auf dem Screen statt. "Social Studies" macht diesen Raum sichtbar – und lässt dabei offen, ob das Smartphone für Jugendliche nun Freiheit, Druck oder Gefahr bedeutet. Wahrscheinlich alles zugleich.

Zwischen Selbstdarstellung und Verletzlichkeit, Gemeinschaft und öffentlicher Bewertung bewegt sich "Social Studies" ab dem 26. September im Fotografiska Berlin. Am 25. September begrüßt Lauren Greenfield die Gäste persönlich zu einer Party, die das Berliner Kollektiv Close Friends mit einem DJ-Line-up übernimmt. Ein Abend, an dem die digitale Gegenwart im analogen Raum zu erleben ist. Zu den kostenlosen Tickets geht es hier.